Warum zum Teufel ist die Kunst für Herrn Röösli die Hölle?
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Eines der Werke der neuen Ausstellung: Mahtola Wittmer, Conditions, 2020, Objekt: Baumwolle (Bild: Marlis Huber)

Zentralschweizer Kunstschaffen im Kunsthaus Luzern Warum zum Teufel ist die Kunst für Herrn Röösli die Hölle?

4 min Lesezeit 06.12.2020, 19:59 Uhr

Unter dem neuen Namen zentral! ist die Ausstellung «Zentralschweizer Kunstschaffen» eröffnet worden. 29 Künstler aus der Zentralschweiz im Alter von 27 bis 77 Jahren zeigen, wie vielfältig und international vernetzt die regionale Kunst ist. Neben dem Jurypreis und dem Preis der Kunstgesellschaft geht der Manor-Preis an einen Künstler, dem das Idiotische gefällt.

Ob es die Kunst selber ist, die Herrn Röösli schlecht bekommt, ist nicht ganz klar. Es könnte schliesslich auch der Kunstbetrieb sein, der bei ihm den schrecklichen Hautausschlag hervorgerufen hat und welcher nun der Grund ist, warum Herr Röösli durch die Hölle geht.

Wie auch immer, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die kleinformatige Ölmalerei des Basler Künstlers Camillo Paravicini mit dem Titel «Herr Röösli in der Kunsthölle» keine abschliessende Aufklärung zulässt. Denn Herr Röösli, der ziemlich offensiv die Assoziation des Schweizer Füdlibürgers hervorruft, macht eigentlich, trotz seines garstigen Äusseren, einen ganz munteren Eindruck.

Ausstellung mit neuem Namen

Wie auch immer es Herrn Röösli mit der Kunst gehen mag; wir steigen, ganz ohne Hautausschlag, dafür munter und mit Masken, als Erstes auf das skulpturale Floss von Andreas Brunner. Schon hier, im ersten Raum, bekommt die Betrachterin einen Eindruck davon, wie vielfältig und anregend das heimische Kunstschaffen ist.

Unser Blick schweift gleich durch mehrere Fenster und Räume des Kunstmuseums Luzern, wo die traditionsreiche von Alexandra Blättler kuratierte «Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen» unter dem neuen Namen zentral! eröffnet ist.  

Camillo Paravicini (*1987), «Herr Röösli in der Kunsthölle», Öl auf Holz (2020)

Sichtbar gemachte Fotogeschichte

Von den insgesamt 210 eingegangen Dossiers wählte eine fünfköpfige Fachjury 29 Künstler aus, die entweder in der Zentralschweiz leben oder in einem Bezug zur Zentralschweiz stehen.

Mit dabei ist etwa die Schwyzerin Elisabetha Günthardt. Die 77-Jährige, sie gehört zusammen mit Otto Lehmann zu den Ältesten der Ausstellenden, greift mit ihrer selbstgemachten Camera Obscura ganz auf die Anfänge der Fotografie zurück.

Während des Shutdowns im Frühling entstand die faszinierende Bildserie mit dem Titel «Die Eingeschlossene»: Das durch ein kleines Loch einfallende Licht trifft auf eine mit lichtempfindlichen Substanzen präparierte Glasplatte und zeigt unscharfe Licht- und Schatten-Silhouetten, welche die Künstlerin in der Umgebung ihres Gartens zeigen. 

Maude Léonard-Contant, in Kanada aufgewachsen, zehn Jahre in Luzern und heute in Basel wohnhaft, wurde letztes Jahr von der Kunstgesellschaft für die aktuelle Kabinettausstellung auserkoren. Die 41-Jährige hatte damit freie Hand, einen Raum zu bespielen.

Kunst als Fussabtreter?

Entstanden ist eine nicht begehbare Rauminstallation mit dem Titel «No Edit Can Fail Tint», für die sie den Boden mit neun Tonnen in Öl getränktem Gusssand überdeckte. Léonard-Contant macht damit einen Arbeitsschritt aus dem Gussverfahren zu einem stimmigen und auch zum Denken anregenden Kunstwerk. Mit Holzbuchstaben hat sie Wortfragmente in den Sand gepresst, leere Keramikgefässe ergänzen das Ensemble.  

Während dieses Werk nur durch Fenster betrachtet werden kann, müssen die Besucher, um in einen nächsten Raum zu gelangen, über die Bodenarbeit «Betreten» von Paul Lussi gehen. Rollt Lussi damit den Besuchern quasi den roten Teppich aus oder ist ihm seine Kunst nicht zu schade, um von den Besuchern als Fussabtreter benutzt zu werden?

Kabinettausstellung wird neu zu «Solo»

Die Luzernerin Mahtola Wittmer hat drei Pullover entworfen, die mit Sicherheit bei jedem Modelabel mit der Bemerkung «unbrauchbar» durchfallen würden. Nicht so im Kunstmuseum, denn mit «Conditions», so der Titel dieser modeuntauglichen Kreation, hat die 27-Jährige prompt den Preis der Kunstgesellschaft gewonnen.

Ihre Pullis mit den urkomischen Ärmeln zeigen wortwörtlich gebundene Hände, Handlungsunfähigkeit wegen der Ärmel, die bis zum Boden reichen und so etwas wie eine Klumphand. In unangekündigten einstündigen Performances wird die Künstlerin ihr Werk zusätzlich in Szene setzen. Mit dem Preis wird Wittmer für die Kabinettausstellung im nächsten Jahr, die neu unter dem Namen «Solo» stattfinden wird, einen Raum einrichten.

Jurypreis und Manor-Preis gehen an Davix und Micha Zweifel

Der Jurypreis, der aus einem Preisgeld von 12’000 Franken und einem Atelierankauf im Wert von 3’000 Franken besteht, wurde dieses Jahr an den Luzerner Künstler Davix verliehen. Die Auszeichnung würdigt damit seine langjährige und konsequente Auseinandersetzung mit dem Medium der Malerei.

Als ehemaliger Schlagzeuger der legendären Punk-Rock-Band Stevan’s Nude Club stehen seine Werke für eine nicht etablierte, widerständige Kunst. Das gestisch abstrakte Bild schafft in Kombination mit dem nur auf den ersten Blick strengen geometrischen Op-Art-Bild eine unausgewogene Spannung.

Davix (*1966), Untitled, Acryl auf Leinwand

33-Jähriger gewinnt den Manor-Preis

Nicht unerwähnt darf der diesjährige Träger des Manor-Preises Micha Zweifel bleiben, denn diese Auszeichnung gilt in Kunstkreisen nach wie vor als einer der wichtigsten; er berücksichtigt Kunstschaffende bis 40 Jahre.

Für sein Werk «Zur Sackgasse 4. Stock» hielt sich der 33-jährige Luzerner, der mittlerweile in Rotterdam lebt, in der Kunstgiesserei St. Gallen auf. Neben dem alltäglichen Lebensraum fliessen Referenzen aus Kunstgeschichte, Literatur und Volkskunst in Zweifels Arbeit mit ein.

Zweifel überzeugt unter anderem mit einer Holzskulptur, einer Bronzeplastik und einer Serie Gipsreliefs. In der Korrespondenz mit seinem Vater Christoph Zweifel bekennt sich der Künstler zum «banalen Motiv» und meint: «Mir gefällt das Idiotische.»

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