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Onlyfans: Viel mehr als nur Porno
Warum sich eine Luzernerin für Geld nackt im Internet zeigt

  • Lesezeit: 8 min
Onlyfans ermöglich es, dass Lyanna mit den Männern interagieren, einen Draht zu ihnen aufbauen kann. (Symbolbild: Adobe Stock)
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Onlyfans ermöglich es, dass Lyanna mit den Männern interagieren, einen Draht zu ihnen aufbauen kann. (Symbolbild: Adobe Stock)

Die Luzernerin Lyanna ist seit bald einem Jahr auf der Plattform Onlyfans aktiv. Dabei postet sie aufreizende Bilder und Videos von sich und erhält im Gegenzug Geld von ihren Kunden. Im Gespräch erklärt die 25-Jährige, warum dahinter viel mehr steckt als nur «blankzuziehen».

Als wir durch die Untiefen von Instagram scrollen, stossen wir nach einer Recherche auf nicht wenige Profile, die in ihrer Bio etwa so was stehen haben: «😈 Exclusive content on OF 😈».

«OF» steht für «Onlyfans» – eine Plattform, die mittlerweile zur grössten für unabhängig produzierte sexuelle Inhalte gewachsen ist. Theoretisch funktioniert sie ähnlich wie Instagram: Nutzerinnen können Bilder und Videos posten. Mit dem Unterschied, dass man als Abonnent bezahlen muss, wenn man diese sehen will.

Eine, die diese Plattform nutzt ist Lyanna. Die 25-Jährige heisst eigentlich anders. Lyanna hat die Lehre in der Modebranche abgeschlossen, arbeitet mittlerweile in einer Bar. Kürzlich hat sie ein Studium begonnen.

Mit 18 Jahren das erste Mal an eine Fetischparty

Wir treffen sie nach Feierabend auf ein Glas Weisswein. Schnell wird beim Gespräch klar: Lyanna nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht auch mit uns als Fremden ungehemmt über Sexualität und ihr Schaffen auf Onlyfans. Mit ihrem Körper, mit Nacktheit und Sex sei sie schon immer sehr offen umgegangen.

Während sie ihren Capresesalat isst, erzählt sie, wie alles begann: Mit 18 Jahren hatte sie ihr erstes Erotikshooting – und es folgten weitere. Leicht bekleidet oder nackt vor der Kamera zu posieren, das hat ihr schon immer gefallen. Mit den eigenen Reizen, mit dem Blick der Augen zu spielen. «Irgendwann kam dann der Gedanke, mit dem, was mir Spass macht, Geld zu verdienen.»

Gesagt, getan: Auf der Plattform Patreon postete sie unzensierte Bilder von sich, vor einem Jahr wechselte sie auf Onlyfans. Lyanna richtet sich auf ihrem Stuhl auf und zeigt uns auf dem Handy ihr Profil. In diesem beschreibt sie sich selbst mit den Worten: «Ropebunny, BDSM kinky and cute.» Wir übersetzen das mal für dich. Ropebunny: Ein Modell, das sich gerne fesseln lässt. Mit BDSM sind Bondage, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus gemeint. Mit «kinky» sind unkonventionelle sexuelle Praktiken jenseits des «Vanilla-Sex» gemeint. Und mit «cute» will sie das Niedliche, vielleicht auch das Unschuldige unterstreichen.

Onlyfans: Ein Safe Space – auch für sie

Lyanna scrollt weiter durch ihr Profil. Die Bilder, die wir zu sehen kriegen, sind halb so wild. Lyanna trägt rote Dessous, High Heels und eine schwarze Katzenmaske. Auf einem anderen Bild posiert sie auf dem Bett. Sie trägt nichts ausser flauschige Katzenohren auf dem Kopf und einen blauweiss-gestreiften Katzenschwanz aus Plüsch am Po. In einem Video wiederum räkelt sie sich nackt im Türrahmen. Ihr Intimbereich ist dabei nicht klar erkennbar – wie auch beim Bild vorher. In anderen tanzt oder strippt sie an der Poledance-Stange.

«Ich kann mich frei bewegen, in neue Rollen schlüpfen, vielleicht auch mal jemand anderes sein als im realen Leben.»

Was motiviert die junge Frau, sich so auf Onlyfans zu zeigen? Die klassische Pornoindustrie vermittle oft ein falsches Bild von Sexualität oder ein diskriminierendes Bild von Frauen, sagt sie. «Onlyfans ist für mich ein absoluter Safe Space. Für mich wie für die Kunden. Alles hat Platz ohne Vorurteile. Ich kann mich frei bewegen, in neue Rollen schlüpfen, vielleicht auch mal jemand anderes sein als im realen Leben. Ich habe gelernt, meine eigene Sexualität neu zu entdecken.»

Sei das mit dem Kostümieren, mit Sextoys oder Bondage – also mit Fesseln. Das ist für Lyanna in erster Linie nicht einmal unbedingt etwas Sexuelles. «Wenn ich eine Suspension-Session habe, bin ich voll bei mir. Es hilft mir, meine eigene Mitte zu finden.» Bei einer solchen Session wird jemand gefesselt und mit den Seilen an der Decke fixiert. Insbesondere durch die Welt des BSDM hat sie gelernt, sich in ihrer eigenen Sexualität und in ihrem Körper wohlzufühlen. Sie hat Zweifel abgelegt. Zweifel etwa, dass sie zu klein sei fürs Modeln oder zu kleine Brüste hätte.

Ihre Kunden wünschen sich Girlfriend-Material

Denn das macht sie auch auf Onlyfans. «Das unterscheidet die Plattform von klassischen Mainstreampornos», sagt Lyanna. In diesen entsteht oft der Eindruck, die Frau sei die Gefügige und stets bereit, sich den Bedürfnissen des Mannes zu fügen. Dieses Bild will Lyanna brechen. «Männer können mich nicht mieten, ich gebe mich ihnen nicht einfach so hin, ohne meine eigenen Bedürfnisse ausser Acht zu lassen. Diese teile ich meinen Kunden mit. Es geht nicht nur darum, was er will – sondern auch, was ich will. Wozu ich Lust habe.» Und das kann sich natürlich von Tag zu Tag ändern, je nachdem, wie Lyanna sich gerade fühlt, welche Fantasien sie ausleben will. «Ich bleibe mir selber treu.»

«Männer können mich nicht mieten, ich gebe mich ihnen nicht einfach so hin, ohne meine eigenen Bedürfnisse ausser Acht zu lassen.»

Lyanna bietet also nicht einfach nur Porno-Content an, das Gegenüber konsumiert nicht einfach nur. Die Plattform ermöglicht es, dass die 25-Jährige mit den Männern interagieren und einen Draht zu ihnen aufbauen kann. Und das wünschen sich ihre Abonnenten auch. «Sogenannte ‹girlfriend experience› ist immer mehr gefragt», sagt sie. «Meine Abonnenten wollen nicht nur einfach sexy Bilder, sondern sie wollen mit einer Frau kommunizieren. Sie wollen anerkannt werden – aber auch auf das Gegenüber eingehen.»

Lyanna chattet deswegen mit ihren Abonnenten, für Geld tauscht sie erotische Fantasien und Bilder aus – da zeigt sie auch ihren Intimbereich. Wem sie wie viel zeigen will, entscheidet sie von Abonnent zu Abonnent. «Die Kunden gehen sehr respektvoll mit mir um. Sie fragen, wie es mir geht, ob ich eine gute Woche hatte. Ich konnte mich auch schon auskotzen bei ihnen, wenn ich mich schlecht fühlte.» Auch würden sie sich vorsichtig herantasten, zeigen ihr nicht einfach ungefragt ein Bild ihres Penis.

«Auf Onlyfans werde ich zuerst gefragt, ob mir ein Kunde ein Bild von sich schicken kann. Auf Instagram bekomme ich Dickpics en masse.» Wichtig ist Lyanna aber: Die Connection bleibt virtuell. Im realen Leben würde sie einen Kunden nie treffen. Geschäftliches – und dazu gehört Onlyfans – will sie von ihrem Privatleben trennen.

Den Intimbereich gibt’s nur gegen Extrabezahlung zu sehen

Lyanna liess sich auf Onlyfans Zeit. Zunächst zog sich selber Grenzen, was sie mit ihren Abonnenten teilt. Brüste und Nippel: okay. Intimbereich: tabu. Später zeigte sie dann den Intimbereich, jedoch nur Nahaufnahmen, ohne Gesicht und Tattoos.

Ihren Onlyfans-Account pflegt sie neben ihrem Teilzeitjob in einer Bar. Damit verdient sie im Monat um die 1000 Franken. Mal mehr, mal weniger – je nachdem, wie viel Zeit sie investiert. «Viele sagen, es sei einfach verdientes Geld mit Onlyfans. Aber das stimmt überhaupt nicht, es steckt viel Arbeit und Zeit dahinter.» Andere Frauen setzen mittlerweile voll und ganz auf die Plattform, verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt. Einige sollen dadurch bereits zur Millionärin geworden sein.

Zweifel gab es – und gibt es

In der Vergangenheit kamen bei Lyanna immer auch wieder Zweifel auf. Würde sie es nicht mal bereuen, sich auf der Plattform nackt zu zeigen? Deswegen habe sie sich auch Zeit gelassen, bis sie einen Account anlegte. Sie hat sich langsam herangetastet. «Denn was ist, wenn es später einmal bei einer Jobsuche in die Quere kommt? Oder was ist, wenn ich eine Beziehung mit einem Mann führen möchte, der damit nicht klarkommt?»

«Warum wird das nicht einfach als Arbeit angesehen? Und nicht als das Produkt einer Frau, die ihren Körper für Geld verkauft?»

Diese Zweifel hat sie abgelegt – zumindest teilweise. Erst wollte sie in diesem Bericht mit ihrem realen Namen hinstehen, hatte dann aber doch Bedenken. Sie beschloss, sich selber zu schützen.

«Wir sollten aufhören, so prüde zu sein. Und aufhören, andere Menschen für ihr Handeln und ihre Vorlieben zu verurteilen», sagt Lyanna. «Wir leben mittlerweile in einer hoffentlich genug offenen Gesellschaft. Warum wird das nicht einfach als Arbeit angesehen? Und nicht als das Produkt einer Frau, die ihren Körper für Geld verkauft?»

Alle wissen es – ausser das Grosi

Ein Geheimnis macht sie aus ihrer Arbeit nicht. Ihre Familie weiss es, ihr Freundeskreis, die Mitarbeiter in der Bar, in der sie arbeitet. Einzig ihre Oma weiss von nichts. Die meisten akzeptieren Lyannas Nebenverdienst, bewundern sie dafür sogar. «Ich habe beispielsweise auch alte Schulfreunde, die mich auf Onlyfans abonniert haben …», sagt Lyanna und lacht. «Das ist schon speziell, ja. Aber auch schön, weil sie mich unterstützen.»

Es gibt aber unterschiedliche Reaktionen. Ihre Mutter habe ein wenig Mühe damit. Sie habe schon früher die Bilder ihrer Tochter aus Erotikshootings gesehen und fand diese schön – bis Lyanna anfing, mit den gleichen Bildern Geld zu verdienen. Mittlerweile sprechen sie nicht mehr darüber. Sie seien sich «einig, uneinig zu sein».

Feminismus pur: Die Frau entscheidet

Auch Lyanna hat oft die Aussage gehört, sie würde ihren Körper verkaufen. Ob sie damit das alte Bild reproduziere, nur dazu beitrage, dass Frauen noch mehr zum Sexobjekt werden. Aus dem Gespräch mit der jungen Frau wird aber klar, dass da so viel mehr dahintersteckt als «einfach blankzuziehen». Dass sie durch Onlyfans gelernt hat, ihre eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren, Neues entdeckt hat, dass sie sie daraus gewachsen ist – und ihr das einfach unheimlich viel Freude bereitet.

Und: Nur weil die einen damit nicht umzugehen wissen, wenn sich eine Frau gerne freizügig zeigt – müssen diese sich nicht Dinge verbieten lassen, die ihnen Freude bereiten. Oder sich verstellen.

«Für mich steht hinter meinem Onlyfans-Account eher ein feministischer Gedanke: Ich entscheide. Ich entscheide, was ich zeige. Ich entscheide, mit wem ich es teile. Ich entscheide, ob ich dafür Geld möchte oder nicht. Und ich entscheide, ob ich heute Lust habe oder nicht. Eine Frau darf doch heute entscheiden, was sie will.»

Sie nimmt einen letzten Schluck aus ihrem Weinglas. Wir reden weiter über gute und miese Dates, die Liebe und Sex. Bis Lyanna los muss: Sie will noch auf Nachrichten ihrer Kunden antworten.

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