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Warum Roth so lange mit dem Rücktritt wartete
  • Politik
Roth erklärte nach der Wahl im Juni vor den Medien seine Schlappe.  (Bild: Jakob Ineichen).

Stefan Roth erklärt Zeitpunkt im Interview Warum Roth so lange mit dem Rücktritt wartete

5 min Lesezeit 3 Kommentare 18.08.2016, 05:01 Uhr

Parteien wie Medien wurden am Mittwoch von einer Meldung überrumpelt: Stefan Roth tritt aus dem Luzerner Stadtrat zurück. Speziell der Zeitpunkt kurz vor der neuen Legislatur sorgt für Staunen und Kritik. Im Interview sagt der Finanzdirektor, wieso er so lange für die Entscheidung brauchte.

Am Mittwochmorgen wurde die Stadt Luzern unsanft aus dem politischen Sommerloch gerissen: Stefan Roth tritt per Mitte September als Stadtrat und Finanzdirektor zurück (zentralplus berichtete). Dies, nachdem er nach seiner Wahlschlappe – er verlor am 5. Juni das Stadtpräsidium – noch verkündete, dass er als Stadtrat und Finanzdirektor «mit Freude» weiteramten werde.

In einer Mitteilung liefert er am Nachmittag die Gründe für seinen Gesinnungswandel: «Der Entzug des Vertrauens durch die Stimmbevölkerung hat mich zutiefst betroffen gemacht. Der bevorstehende Rollenwechsel beschäftigt mich daher und hinterlässt emotionale und physische Spuren», schrieb Stefan Roth (zur Medienmitteilung als PDF).

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zentralplus wollte genauer wissen, wieso Stefan Roth so lange mit einer Entscheidung gerungen hat.

zentralplus: Nach dem zweiten Wahlgang im Juni sagten Sie: «Ich wurde als Stadtrat wiedergewählt und gehe nun mein Amt an.» Nun bleiben Sie nur zwei Wochen, wieso?

Stefan Roth: Ich habe mich sehr intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt. Es gab drei Aufgaben, die mich als Stadtpräsident erfüllten: Repräsentationsaufgaben, das Gremium zu führen und der intensive Dialog mit dem Volk. Nach dem Rollenwechsel erfüllen mich die verbleibenden Aufgaben nicht mehr gleich, das hinterlässt Spuren.

«Über eine Wahlniederlage reden und sie erfahren sind zwei Paar Schuhe.»

zentralplus: Vor allem der Zeitpunkt irritiert: Jeder hätte es verstanden, wenn Sie gleich nach der Wahl oder erst in einigen Monaten oder Jahren zurückgetreten wären. Wieso jetzt, am Anfang der neuen Legislatur?

Roth: Über eine Wahlniederlage reden und sie erfahren sind zwei Paar Schuhe. Ich wollte mir bewusst die Zeit nehmen über den Sommer. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass mir die inhaltlichen Arbeiten als Stadtpräsident in Zukunft fehlen werden. Das hinterlässt emotionale und körperliche Spuren.

zentralplus: Verstehen Sie es, wenn Wähler sich verschaukelt fühlen?

Vom Littauer Gemeindepolitiker zum Luzerner Stapi

Stefan Roth (55) wohnt mit seiner Frau Ursi und den zwei Kindern Laura und Dario in Littau. Nach einer kaufmännischen Bankenlehre auf der LUKB blieb er beruflich stets im Finanzsektor und machte die Ausbildung zum Betriebsökonom FH mit Executive MBA.

Seinen Einstieg ins Politbusiness startete Roth 1996, von da an bis 2004 sass er für die CVP im Littauer Gemeindeparlament. Von 2004 bis 2009 amtete der ehemalige Luftwaffenoberst als Littauer Gemeindeammann. 2010, nach der Fusion mit Littau, wurde Roth in den Stadtrat gewählt, wo er die Finanzdirektion übernahm. 2012 wurde er auch zum Stadtpräsidenten gewählt. Im Juni 2016 dann der Wendepunkt: als Stadtrat im zweiten Wahlgang bestätigt, als Stadtpräsident abgewählt. Ab Mitte September nimmt sich Stefan Roth eine Auszeit.

Roth: Mein Entscheid ist für Parteien und Wähler nicht einfach, aber ich brauchte diesen Prozess. Vieles erfährt man erst mit der Zeit, und es ist natürlich mit Emotionen und Gefühlen verbunden. Die inhaltliche Arbeit als Stadtpräsident gab mir Kraft. Ich bin überzeugt, dass es gescheiter ist, diesen Schritt jetzt zu machen, als mit halber Motivation weiterzumachen. Aber dieser Entscheid hat nichts mit dem neuen Gremium zu tun, sondern mit fehlenden Inhalten.

zentralplus: Sie schreiben in Ihrem Communiqué von «emotionalen und physischen Spuren», was heisst das genau?

Roth: Sie können sich vorstellen, dass einen eine solche Nichtwahl emotional stark trifft. Das merkt man nicht sogleich am Tag nach der Wahl, aber mir werden die Inhalte der Arbeit als «Stapi» in Zukunft fehlen. Das ist ein Prozess, den ich in den vergangenen Wochen durchmachte. Dass nicht alle meine Konsequenzen gutheissen werden, ist nachvollziehbar.

zentralplus: Wie geht es Ihnen jetzt, wo der Entscheid publik ist?

Roth: Das fällt mir überhaupt nicht einfach, ich führte vier Jahre dieses Gremium, ich setzte mich mit vollem Herzen für diese Stadt ein. Klar ist das jetzt auch eine Entlastung, der Druck fällt jetzt ab.

zentralplus: Hat die Entscheidung etwas mit Beat Züsli zu tun, dem künftigen Stadtpräsidenten?

Roth: Nein, mein Entscheid ist nicht vom neuen Gremium abhängig. Es ist wirklich eine inhaltliche Entscheidung.

«Sie werden sicher keine Leserbriefe von mir lesen, da halte ich mich wie meine Vorgänger zurück.»

zentralplus: Sie nehmen sich jetzt eine Auszeit, zieht es Sie zurück in die Privatwirtschaft?

Roth: Zuerst werde ich mich bis am 15. September voll und ganz auf meine Aufgaben als Finanzdirektor konzentrieren, danach nehme ich mir Zeit für eine systematische Standortbestimmung. Ich muss dafür den Kopf freibekommen, das geht nicht parallel zur Arbeit als Stadtrat. Ich habe vielfältige Führungserfahrung und ein engmaschiges Netzwerk – das ist die Basis für meine neue Herausforderung. Ich habe noch 10 Jahre vor mir im Erwerbsleben, diese Zeit möchte ich nutzbringend verwenden.

zentralplus: Als Kantonsrat bleiben Sie der CVP erhalten?

Roth: Ja, ich bleibe weiterhin politisch engagiert.

zentralplus: Und wie nimmt man Sie künftig in der städtischen Politik wahr?

Roth: Als interessierten Bürger, aber Sie werden sicher keine Leserbriefe von mir lesen, da halte ich mich wie meine Vorgänger zurück. Aber ich bleibe weiterhin aktiv in dieser Stadt, die ich fast sieben Jahre prägen durfte.

zentralplus: Wen wünschen Sie sich als Nachfolger?

Roth: Dazu will ich mich nicht äussern, die CVP Stadt Luzern verfügt über sehr gute Kandidatinnen und Kandidaten. Die CVP gehört selbstverständlich in den Stadtrat, es ist ja die Parteienvielfalt, die den Stadtrat ausmacht.

zentralplus: Wie haben Ihre Noch-Stadtratskollegen Ihren Rücktritt aufgenommen?

Roth: Sie konnten meinen Entscheid und meine Beweggründe nachvollziehen. Auch für das Gemeinwohl im neuen Gremium ist es einfacher in einer neuen Konstellation.

So geht’s weiter: Am 27. November könnte gewählt werden

Stefan Roths Rücktritt Mitte September bedeutet auch, dass in der Stadt Luzern erneut Wahlen anstehen. Die Ersatzwahl könnte am 27. November stattfinden – es liegt am Stadtrat, ein Datum festzulegen. Die CVP Stadt Luzern hält wenig überraschend an ihrem Sitz fest, «die Partei verfügt über diverse ausgewiesene Persönlichkeiten, welche die Voraussetzungen für die Nachfolge des Finanzdirektors erfüllen», teilt die CVP am Mittwoch mit. Zwischen Rücktritt Roths und Neuwahl führt Sozialdirektor Martin Merki (FDP) die Finanzgeschäfte.

In den nächsten Tagen führt die CVP Stadt Luzern Gespräche mit potentiellen Nachfolgern, an einer ausserordentlichen Parteiversammlung spätestens Mitte September wird schliesslich ein Kandidat oder eine Kandidatin nominiert. Den genauen Fahrplan legt die CVP nach ihrer Parteileitungssitzung am 23. August vor.

Auch wenn die Ersatzwahl sofort in die Wege geleitet wird, braucht es sicher rund zwei Monate Vorlaufzeit: Bis sieben Wochen vor dem Wahldatum können die Parteien Wahlvorschläge einreichen, diese müssen geprüft werden, danach müssen die Unterlagen gedruckt und verschickt werden. Spätestens drei Wochen vor dem Wahltermin müssen die Unterlagen beim Stimmbürger sein.

Sollte die Ersatzwahl auf einen Wahlsonntag gelegt werden, wäre der 27. November ein logischer umd möglicher Termin für die Wahl von Roths Nachfolger. Sie könnte aber auch an einem anderen Sonntag stattfinden. Für die Ersatzwahl ist wie bei Exekutivwahlen üblich das absolute Mehr nötig. Das heisst, es könnte wiederum einen zweiten Wahlgang geben, dieser würde wohl erst 2017 stattfinden.

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3 Kommentare
  1. David Stalder, 20.08.2016, 16:23 Uhr

    “Es gab drei Aufgaben, die mich als Stadtpräsident erfüllten: Repräsentationsaufgaben, das Gremium zu führen und der intensive Dialog mit dem Volk. Nach dem Rollenwechsel erfüllen mich die verbleibenden Aufgaben nicht mehr gleich”

    Mit anderen Worten: Arbeiten passt ihm nicht.

    Deutlicher kann man ja kaum sagen, dass einen nur der schöne Schein des Chef-Spielens interessiert hat. Diese Ehrlichkeit ist fast erschütternd.

  2. Peter Gmür, 19.08.2016, 14:23 Uhr

    Als Ersatz von Stefan Roth möchte SP-Präsident Claudio Soldati einen fortschrittlichen Stadtrat in der Exekutive sehen. Die Bevölkerung hat am 5. Juni einen «fortschrittlichen» Stadtpräsidenten gewählt. Beat Züsli war gegen den Bau des KKL, gegen das Regionale Eiszentrum (REZ) im Tribschenquartier, gegen die Allmendüberbauung, gegen die Saalsporthalle im Mattenhof und gegen die Universität beziehungsweise gegen die Wirtschaftsfakultät. Er setzte sich nur da ein, wo er für sich persönlichen Mehrwert glaubte: beispielsweise für Beratungsleistungen bei Wohnbaugenossenschaften, die von öffentlichen Geldern profitieren. Für mich ist das alles andere als fortschrittlich. Das Gegenteil ist der Fall. Die CVP wird mit Sicherheit einen valablen Kandidaten nominieren. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Gestaltungswille gehören zur CVP wie der Pilatus zu Luzern.
    Peter Gmür
    Gewählter Grossstadtrat CVP

  3. Urs Eggler, 18.08.2016, 13:23 Uhr

    Es wäre anständig, wenn diejenigen, welche dieses Schlamassel angerichtet haben, wenigstens die Kosten für die nun notwendige Abstimmung übernehmen. Die CVP hat ihren Job bei der Kandidatenauswahl schlecht gemacht.