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Warum lächeln die immer?
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Gregor Anderhub, Geschäftsleiter von «Viva con Agua Schweiz» (rechts im Bild), bei einem Einsatz in einem Dorf in Mozambique. (Bild: Thomas Koch)

«Viva con Agua» in Luzern Warum lächeln die immer?

4 min Lesezeit 22.10.2014, 13:39 Uhr

Es gibt kaum ein Festival in der Zentralschweiz, an welchem die Helfer von Viva con Agua nicht unterwegs sind. Viele Innerschweizer fragen sich jedoch bei Begegnungen, weshalb diese Ehrenamtlichen so motiviert sind und wo die Klemmbretter mit den verbindlichen Dokumenten zum Unterschreiben bleiben.

In der Luzerner Zwischennutzung «Neubad», zwischen Ateliers von Fotografen, Malern und Designern befindet sich das Büro von «Viva con Agua Schweiz». Gregor Anderhub, der Geschäftsleiter des Vereins sitzt zwischen Shirts, Trinkflaschen und Fotografien aus Mozambique an seinem Schreibtisch.

Der Verein Viva con Agua setzt Wasserprojekte in Ländern um, in welchen der Zugang zu Wasser eingeschränkt ist. «Wir wollen aber nicht einfach in der Fussgängerzone stehen und Spenden sammeln, sondern mit kreativen Aktionen, die uns selbst Spass machen», erklärt Anderhub. Die Projekte für das Sammeln von Spenden kommen aus den Bereichen Sport, Musik und Kunst. Workshops für Schüler, Bildung und Sensibilisierung zum Thema Wasser und Hygiene gehören ebenfalls zu den Arbeiten des Vereins.

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Sektiererisches Verhalten

Anderhub kann sich ein Lachen nicht verkneifen, als zu Beginn das Thema «sektiererisches Auftreten der Mitglieder» auf den Tisch kommt. «Das ist mir nicht unbekannt. Zuerst konnte ich es nicht wirklich einordnen.» Aber mittlerweile könne er sich vorstellen, was gemeint sei. «Unsere Leute sind sehr motiviert und strahlen Freude aus.» Viva con Agua lebe vor allem von den Verbindungen untereinander. Das sei das Besondere, dass es keine starre Organisation gäbe, keine Mitgliedschaft mit Jahresbeitrag, sondern jeder, der Lust habe oder eine Idee, könne Teil des offenen Netzwerks werden.

Organisation in der Schweiz

2009 wurde «Viva con Agua Schweiz» gegründet. Schon vor der Gründung des Vereins fanden die ersten Aktionen statt. Die «Stanser Musiktage» und das «B-Sides Festival» boten bereits im Sommer 2009 an, dass man das Becherdepot für Trinkwasserprojekte spenden kann. Über 30 Festivals und weitere Projekte sind mittlerweile dazu gekommen.

Bis 2011 wurde der Verein in der Schweiz komplett ehrenamtlich geführt. Drei Personen sind mittlerweile bei Viva con Agua Schweiz angestellt – alle in Luzern. Es handelt sich um eine 80 Prozent Stelle für den Geschäftsleiter Gregor Anderhub und zwei weitere 60 Prozent Stellen für Jasmin Marti und Daniela Brunner. Abgesehen davon ist jedes Engagement in der Schweiz ehrenamtlich und wird über lokale Crews organisiert.

Seit November letzten Jahres hat sich Viva con Agua Schweiz im Neubad eingerichtet. Anderhub: «Das Neubad passt super zu uns. Wir haben hier kreative Büronachbarn, mit welchen wir für verschiedene Projekte zusammenarbeiten. Ausserdem ist der Pool ein idealer Veranstaltungsort.»

«Viele Leute in der Schweiz finden es seltsam, wenn man mit so viel Freude am Einsatz auftritt.» Üblich sei für Hilfsorganisationen in der Schweiz eher die Mitleidsnummer oder der moralische Zeigefinger. Und es wird oft mit Studenten gearbeitet, die über Firmen angeheuert werden und die Leute auf der Strasse anquatschen. «Bei uns läuft es nicht so stier – da spricht man auch mal über Trinkwasserprojekte an einem Festival mit einem Bier in der Hand. Für uns ist es eher wichtig, nicht nur Geld zu sammeln. Es zählen auch Zeit, Energie und Ideen.»

Bekannte Gesichter wie Greis oder Fettes Brot

Festivals seien dabei ideal als Plattform: «Man lernt gute Leute kennen. Potentielle Helfer, aber auch Künstler und Musiker.» Viele bekannte Gesichter setzten sich tatsächlich bereits für den Verein Viva con Agua ein. Knackeboul, Greis, Bela B von den Ärzten und auch Fettes Brot gehören unter Anderen dazu. Sie bringen den Projekten vermehrt Aufmerksamkeit. «Alle diese Künstler waren auch schon mit in den Projektländern und sind über die Jahre zu guten Freunden von Viva con Agua geworden», erzählt Anderhub.

Festivalsommer 2014

100’000 Franken an Spenden zu Sammeln war das Ziel von Viva con Agua Schweiz im Festivalsommer 2014. Bisher sind es 97’000 Franken – ein Festival steht noch aus – es sollte also klappen. In der Zentralschweiz sind einige Festivals bereits seit Jahren dabei. «Am ‹B-Sides-Festival› sind in diesem Sommer rund 3’300 Franken zusammengekommen. Am ‹Glücklich› waren es ungefähr 2’500 Franken und an den ‹Stanser Musiktagen› ebenfalls», so Anderhub. Auch am «Funk am See» und am «Lakeside-Festival» seien je ungefähr 1’000 Franken gespendet worden.

Viele Leute kennen den Verein durch genau diese Arbeit an Festivals. «Gerade an Festivals kommen wir mit vielen Personen sehr direkt in Kontakt. Menschen kommen bei toller Musik zusammen. Da wollen wir ansetzen und Leute auf einfache und unbürokratische Weise motivieren, zu spenden und sich über das Thema zu informieren. Das Bechersammeln ist nur ein Teil davon. Wir sind kein Becher-Sammelverein», betont Anderhub, der den Verein 2009 in der Schweiz mitbegründete. Dies, nachdem er mit den Gründern von «Viva con Agua de St.Pauli» in Hamburg zusammen gewohnt hatte.

Finanzierung

Ein Punkt, der bei Hilfsprojekten immer wieder kritisch beleuchtet wird, ist die Verwendung der Spendengelder für die administrativen Ausgaben, wie auch die Löhne. «Unsere Löhne werden zum grössten Teil über Stiftungen finanziert. Die Spenden gehen zu 85 Prozent in die Wasserprojekte, 10 Prozent in die Vereinsarbeit, 5 Prozent sind Adminstrationskosten», erklärt Anderhub.

«Wer zu den Projekten reist, zahlt die Reise selbst.» Aus Luzern waren das bisher ungefähr zehn bis fünfzehn Leute. Und auch diesen Herbst werden drei Luzerner zu einem neuen Projekt nach Nepal reisen. Anderhub selbst war bereits zweimal in Mozambique und hat dort beim Bau von Brunnen mitgeholfen.

Schürfrechte

«Die Organisation und der Unterhalt wird nach dem Bau jeweils einem Brunnen-Komitee des Dorfes übergeben.» Die Schürfrechte würden jedoch bei der Verwaltung der Region bleiben, in welchem sich das Dorf befindet. Die Projekte werden mit der Finanzierung von Viva con Agua durch «Helvetas» vor Ort umgesetzt, welche bereits mehr Erfahrung mit solche Projekten habe. «Wir bringen aber kein Branding von uns oder Helvetas am Brunnen an – es soll der Brunnen der Dorfgemeinschaft sein und nicht der Brunnen eines Vereins oder einer Organisation.»

Alles Hippies

Viva con Agua entstand ursprünglich in Hamburg, im Umfeld des als «links» geltenden Fussballvereins St. Pauli. Bei St. Pauli-Fans sind Homophobie, Sexismus und rechtes Gedankengut, im Gegensatz zu sehr vielen anderen Fussballvereinen, klar verpönt. Steht Viva con Agua auf der gleichen politischen Schiene? «Wir sind nicht politisch. Trotzdem denke ich, würden diese Standpunkte wahrscheinlich alle unserer Supporter unterschreiben», lacht Anderhub.

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