Warum Kies für rote Köpfe sorgt
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Etwas andere Postkartenansicht vom Kanton Zug: Liegenschaft Hof bei Oberwil, im Hintergrund Wildspitz und Rigi Scheidegg. (Bild: mam)

Geplanter Abbau in der grünen Ecke von Cham Warum Kies für rote Köpfe sorgt

6 min Lesezeit 26.03.2018, 17:30 Uhr

Zug will in Sachen Kies Selbstversorger sein. Deshalb droht nun einer Chamer Landschaftsschutzzone die Verwandlung in eine Mondlandschaft. Warum die staatliche Planwirtschaft nicht richtig funktioniert und warum Kies gar nicht das grösste Problem ist.

Das Bild, das die Chamer Politik derzeit abgibt, ist eindrücklich. Geschlossen wenden sich die Ortsparteien gegen eine mögliche Ausbeutung der Kiesbänke im Gebiet Hublezen-Hattwil (zentralplus berichtete). Das landwirtschaftlich genutzte Gebiet nördlich von Frauenthal und Niederwil ist normalerweise in der Hand von Spaziergängern, Hündelern und Velofahrern und ist laut kantonalem Richtplan eine Landschaftsschutzzone.

Rückzugsgebiet für gestresste Städter und seltene Vögel – Gegend zwischen Hublezen und Hattwil.

Rückzugsgebiet für gestresste Städter und seltene Vögel – Gegend zwischen Hublezen und Hattwil.

(Bild: mam)

Aber es ist im Richtplan eben auch als Reservezone für den Kiesabbau ausgewiesen, damit die Zuger Kieswerke bis 2040 genügend graues Gold zutage fördern können. Der bisherige Planungshorizont reicht bis 2025, deshalb macht sich die Baudirektion nun langsam Gedanken über den nächsten Zeitabschnitt.

Förderband durch die liebliche Idylle

Hublezen-Hattwil ist die einzige neue Grube, die vorgesehen ist. Sie war vor 10 Jahren in die Raumplanung gerutscht, weil das Gebiet in relativer Nähe zum Abbaugebiet Äbnetwald liegt. So müsste man wenig neue Infrastruktur errichten, sondern könnte den Kies auf einem Förderband zum Kieswerk im Äbnetwald transportieren, dachte man sich bei der verantwortlichen Planungsgruppe. Notgedrungen in der Nähe des ortsbildgeschützten Niederwil – einer Art Zuger Ballenberg.

Ausschnitt aus dem Zuger Richtplan. Grau, die für den Kiesabbau vorgesehenen Gebiete. Hattwil liegt in der oberen Bildmitte.

Ausschnitt aus dem Zuger Richtplan. Grau die für den Kiesabbau vorgesehenen Gebiete. Hattwil liegt in der oberen Bildmitte.

(Bild: zvg)

In der Planungsgruppe sassen damals 32 Leute – Vertreter der kantonalen Verwaltung, des Bundes, der Gemeinden, Parteien, Naturschutzverbände und der Kieswirtschaft. Sie wollten mit einem Kieskonzept eine Vorgabe des kantonalen Richtplans umsetzen, wonach der Kanton Zug sich in Sachen Kies selbst versorgen soll.

Kies – ein enorm wichtiger Rohstoff

Kies hat eine enorm grosse Bedeutung. Er kommt als Schotter oder in Form von Beton zum Einsatz, denn Beton besteht aus Kies, Sand, Zement und Wasser. Beton wiederum ist nach dem Trinkwasser das weltweit am zweitmeisten konsumierte Produkt. Umgerechnet konsumiert jeder Erdenbürger durchschnittlich 4 Tonnen pro Kopf und Jahr. Das erklärt vielleicht auch, warum der Kiesabbau in der Schweiz als Angelegenheit von nationalem Interesse gilt.

Nur wieso? Schwebte den Planern ein Austritt des Kantons Zug aus der Eidgenossenschaft vor?

Zürcher Kies kann genauso günstig sein

Die Antwort liegt natürlich in den rechtlichen und organisatorischen Gegebenheiten. Alle Kantone planen ihren Kiesabbau im Rahmen ihrer Zuständigkeiten und Grenzen. Aber das ist fragwürdig.

Einen wirtschaftlichen Vorteil hat Zuger Kies nämlich nicht notwendigerweise. Transportkosten sind nur ein Faktor für den Preis. Ebenso wichtig ist, wie günstig Kies überhaupt gewonnen werden kann. Mächtige Kiesschichten von hervorragender Qualität machen einen effizienten Abbau möglich.

Bei einer dünnen Kiesbank, die von viel Erdreich überdeckt wird, ist mehr Aufwand nötig. Zuger Kies kann unter Umständen genauso günstig in der Nachbarschaft erworben werden, wie beispielsweise Zürcher Kies von Zuger Bauunternehmern gekauft wird.

Das Kieswerk der Risi AG im Äbnetwald.

Das Kieswerk der Risi AG im Äbnetwald.

(Bild: mam)

44 Prozent des Zuger Kieses wird exportiert

Ausserdem ist der Kiesabbau nicht exakt planbar, weil sich die Anbieter auf dem freien Markt bewegen. Das heisst: Die Raumplanung ist darauf ausgerichtet, den Kiesabbau für Zuger Bedürfnisse sicherzustellen – vergisst aber, dass die Zuger Kieswerke immer mehr in die umliegenden Kantone exportieren. 2015 waren es 44 Prozent des geförderten Zuger Kieses – das sind die neusten verfügbaren Zahlen.

«Für die nächsten zehn Jahre ist die Kiesversorgung sichergestellt.»

Urs Hürlimann, FDP-Baudirektor des Kantons Zug

Die Gründe für diesen Exportüberhang: Die Kiesgrube Äbnetwald etwa liegt direkt neben der Kantonsgrenze, in der Nähe von Knonau. Auch die Abbaugebiete in Neuheim sind nicht weit vom Kanton Zürich entfernt. Lieferungen dorthin sind also naheliegend. In Edlibach wird das Kies von der Firma Kibag abgebaut, welche ihre Betonwerke in den Nachbarkantonen – vor allem in Schwyz – mit dem Rohstoff beliefert.

Während die Ausfuhren von Zuger Kies in den letzten Jahren zugenommen haben, sind die Importe zuletzt deutlich zurückgegangen.

 

 

 

Wie die eigenen Reserven gestreckt werden

Das ist insofern von Bedeutung, als die Planer schon seit Langem wissen, dass der Kiesabbau im Kanton Zug nicht beliebig ausbaubar ist. Im Zuger Berggebiet gäbe es zwar noch genügend Sand- und Kiesvorräte, doch ist die Moränenlandschaft in Neuheim und Menzingen mittlerweile geschützt.

Im Talgebiet wuchert das Siedlungs- und Gewerbegebiet ins Grüne hinaus – mögliche Kiesstandorte sind zum Naherholungsgebiet der Zuger Agglo-Bewohner geworden. Wie etwa der Schönbüelwald ob Baar, auf den die Kieswirtschaft ein Auge geworfen hatte. 

«Kleinräumig an Kantonsgrenzen festzuhalten, ist nicht sinnvoll.»

Hans Baumgartner, CVP-Kantonsrat, Cham

Um also die endlichen Zuger Kiesreserven zu schonen, verfielen die Planer auf die Idee, einen Teil des Kiesbedarfs mit Recyclingmaterial zu decken. Dieser Plan geht nur ungenügend auf. Denn Bauschutt oder Strassenaufbruch wird nicht in dem Mass als Kiesersatz verwendet, wie das sie Planer in ihren Modellrechnungen vorgesehen haben.

Ein anderer Teil sollte mit Importen gedeckt werden. Hier schafft man derzeit nur die Hälfte des Plansolls. Weil zusätzlich die fünf Zuger Kiesgruben um einiges mehr Material verkaufen können, als von den Raumplanern vorgesehen, funktioniert die zentrale Planwirtschaft nicht wie gewünscht – die einheimischen Kiesreserven schwinden schneller als gedacht.

In der Nachbarschaft hat’s noch haufenweise Kies

Was also ist zu tun? Baudirektor Urs Hürlimann (FDP) äussert sich zurückhaltend. «Für die nächsten rund zehn Jahre ist die Kiesversorgung im Kanton Zug sichergestellt.» Ein Richtplanfestsetzungsverfahren diene dazu, die langfristige Versorgung mit Kies bis 2040 zu garantieren.

Das Festlegen neuer Abbaustandorte sei dabei «eine anspruchsvolle Aufgabe, bei der eine sorgfältige Interessenabwägung erfolgen muss», sagt Hürlimann auf Anfrage. «Einen Anspruch auf vollständige Selbstversorgung gibt es jedoch nicht.»

 «Im Kanton Zug droht ein Deponienotstand.»

Adrian Risi, Unternehmer, Baar

Chamer Politiker fordern eine ganzheitlichere Betrachtungsweise. Kantonsrat Hans Baumgartner (CVP), der eine kleine Anfrage zum Thema bei der Zuger Regierung deponiert hat, findet, man soll die Kiesversorgung regional organisieren und den Selbstversorgungsanspruch streichen. «Kleinräumig an Kantonsgrenzen festzuhalten, ist nicht sinnvoll.»

Hans Baumgartner aus Cham führt den Widerstand gegen den Kiesabbau bei Hattwil an.

Hans Baumgartner aus Cham führt den Widerstand gegen den Kiesabbau in Hattwil an.

(Bild: mam.)

Tatsächlich gäbe es im Umland genügend Kies. Die Planungsgruppe fand 2008 in den benachbarten Regionen Ballwil-Eschenbach, Knonaueramt und Freiamt ausbeutbare Kiesreserven, welche die zugerischen Vorräte um das Anderthalbfache übertrafen.

Wohin mit dem Aushub von den Baustellen?

Freilich ist die Kiesversorgung nicht das Einzige, was geplant werden muss. Gemäss Adrian Risi «droht im Kanton Zug ein Deponienotstand». Risi ist Produktionsleiter von Jura Materials, welche mit ihrer Tochterfirma, der Risi AG, die Kiesvorräte im Äbnetwald abbaut und auch Vorverträge fürs Gebiet zwischen Hublezen und Hattwil geschlossen hat.

In all den vielen Baustellen in der Zuger Lorzenebene fällt nämlich als Aushubmaterial viel Seekreide an. Die kann man nicht überall deponieren, weil sie die Tendenz hat, abzurutschen. Im Kanton Zug zum Beispiel ist sie für all die alten Kiesgruben im Berggebiet ungeeignet.

Der einzige Ort, wo sie derzeit eingelagert werden kann, ist der bereits abgebaute Teil der Kiesgrube im Äbnetwald. Ist der Kiesvorrat Äbnetwald eines Tages fertig abgebaut und die Grube wieder aufgefüllt, habe man ein massives Problem, sagt Risi.

Material von auswärts füllt die Zuger Deponien

Sollte der Kiesabbau in Hattwil nicht bewilligt werden, «dann muss der ganze unverschmutzte, aber nicht verwertbare Aushub aus der Region Zug mit Lastwagen weit über die Kantonsgrenze hinaus transportiert werden». Dies sei weder ökologisch noch nachhaltig noch günstig.

Allerdings ist der drohende Deponienotstand auch hausgemacht. Denn die Zuger Kieswirtschaft, welche ihre Produkte so erfolgreich in andere Kantone exportiert, importiert auch eifrig Material für die Deponien. Im Jahr 2015 beispielsweise würden über 200’000 Kubikmeter eingeführt – vor allem aus dem Kanton Zürich, während gut 70’000 Kubikmeter Aushub ausserkantonal eingelagert wurden.

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