Warum jetzt weniger über das Erbe gesprochen wird
  • Gesellschaft
Ein letzter Gruss.(Symbolbild: Unsplash/Annie Spratt)

Zuger Bestatter musste Corona-Toten beerdigen Warum jetzt weniger über das Erbe gesprochen wird

4 min Lesezeit 10.04.2020, 11:47 Uhr

Das Corona-Virus stellt Trauergespräche und Bestattungen auf den Kopf. Bestatter Thomas Mischler musste bis jetzt einen am Corona-Virus verstorbenen Menschen beerdigen – in kompletter Schutzausrüstung. Eine Extremsituation, wie der Zuger sagt.

«Die Urnenbeisetzung findet im engsten Familienkreis statt»: Ein Satz, der zurzeit in jeder Zuger Todesanzeige steht.

Wir haben Bilder aus Italien vor Augen, wo Lastwagen der Armee Leichen abholen. Und italienische Zeitungen, die Seiten gefüllt mit Todesanzeigen.

Auch in Zug hat sich das Bild geändert, wie Thomas Mischler sagt: «In den letzten Wochen waren die Begräbnisse sehr trostlos.»

Auf den Friedhöfen machen Schilder auf das Corona-Virus und das Social Distancing aufmerksam. Die Begräbnisse finden nur im engsten Familienkreis statt. Ein schöner Urnenkranz, viele Blumen? Schwierig, an solches zu gelangen.

Letztens war Mischler an einer Beerdigung: 18 Menschen nahmen Abschied, mit dem geforderten Abstand von zwei Metern zueinander. «Das sind bizarre Bilder», sagt er.

Einen Corona-Verstorbenen bestattet

Mischler musste bis jetzt erst eine Person bestatten, die am Corona-Virus verstorben ist. Er trägt immer Handschuhe, wie er erzählt. Aus Respekt gegenüber den Verstorbenen. Doch jetzt muss er Spezialhandschuhe tragen, die noch dicker und noch länger sind. Sie reichen ihm bis über die Manschette seines Hemdes.

«Wir wollen nie als Entsorger dastehen – sondern dem Verstorbenen sowie den Angehörigen einen würdevollen Abschied ermöglichen.»

Thomas Mischler, Zuger Bestatter

Auch einen Mund- und Gesichtsschutz muss er in solchen Fällen tragen, einen Ganzkörperschutz und sogar einen Schutz für die Schuhe. «Es ist eine Extremsituation – aber wir möchten sie dennoch würdig gestalten. Wir wollen nie als Entsorger dastehen – sondern dem Verstorbenen sowie den Angehörigen einen würdevollen Abschied ermöglichen.»

80 bis 100 Särge am Lager

Hochgerechnet hat Mischler vielleicht zwei-, dreimal im Jahr mit Verstorbenen zu tun, die als infektiös gelten. Die Vorsichtsmassnahmen bei der Bestattung von Covid-19-Verstorbenen sind nötig, da die Krankheit auch nach dem Tod für eine bestimmte Zeit übertragen werden kann. Beispielsweise wenn man die verstorbene Person berührt und sich danach ins Gesicht fasst. Die Verstorbenen müssen in einen sogenannten Bodybag, in einen Leichensack, gelegt werden.

Mit Schutzausrüstung ist Mischlers Bestattungsunternehmen, das fünf Mitarbeitende zählt, ausgerüstet. Mehr Särge als sonst hat der Bestatter wegen der Corona-Krise aber nicht besorgt. «Am Lager haben wir immer zwischen 80 und 100 Särgen», sagt Mischler. Man behalte die Situation der Pandemie in der Schweiz aber im Auge und habe bereits einige Abklärungen erledigt. «Die Versorgung wäre gewährleistet.»

Auch die Bestattungsplanerin ist gefragt

Auch die Zuger Bestattungsplanerin Angela Villiger spricht davon, wie wichtig es ist, dass das Abschiednehmen genügend Raum einnimmt. Falls man nicht an einer Bestattung teilnehmen kann, empfiehlt sie, gemeinsame Rituale zu schaffen. «Jeder kann so zu einer bestimmten Zeit bei sich zu Hause an die verstorbene Person denken, eine Kerze anzünden oder auch beten.»

Viele würden sich nun mit dem Thema Tod auseinandersetzen – und auch sie als Bestattungsplanerin involvieren. «Es sind viel mehr Jüngere, die ihre Patientenverfügung klären wollen, aber auch Ältere, die ihre Patientenverfügung oder ihr Testament nochmals kontrollieren wollen.»

Auch würden vereinzelt Entscheidungen getroffen, ob man im Fall einer schlimmen Erkrankung künstlich beatmet werden wolle oder nicht: «Zum Teil wurde der Wunsch geäussert, dass infolge einer Corona-Erkrankung keine medizinischen Behandlungen dazu beitragen sollen, das Leben zu verlängern – oder eben umgekehrt.»

Sich persönlich verabschieden? Nicht möglich!

Die Behörde empfiehlt zudem, keinen persönlichen Abschied am Sarg, Kirchen sind für Trauerfeiern geschlossen. Und dann fällt auch noch das Traueressen aus.

Dabei sei das Trauern wichtig. Viele Angehörige würden zwar nach dem Tod einer geliebten Person damit hadern, sie nochmals zu sehen. Wenn man eine Nacht darüber geschlafen habe, würden sich aber viele dazu entscheiden. «Viele sagen mir, wie wertvoll es war, sich persönlich von jemanden zu verabschieden. Und für einen Moment bei der Person zu verweilen, sie nochmals zu berühren oder ihr etwas in den Sarg zu legen.»

Doch auch das fällt nun weg. Dabei sind Geburt und Tod die beiden wichtigsten Momente im Leben, wie Mischler sagt. Denn beide sind einmalig. «Den Geburtstag eines guten Freundes kann man einmal vergessen – und es wieder gutmachen. Bei einem Todesfall muss alles stimmen.» Denn es gibt kein zweites Mal, keine zweite Chance.

Der positive Aspekt bei allen Vorsichtsmassnahmen

Doch trotz der ganzen Vorsichtsmassnahmen: Mischler findet auch einen positiven Aspekt. «Bei den Trauergesprächen wird weniger über das Erbe gesprochen.» Und das kommt sonst oft vor, sagt Mischler, der seit 19 Jahren als Bestatter tätig ist. Schon öfters habe er zwei-, dreimal leer schlucken müssen, weil die Hinterbliebenen den letzten Wunsch ihrer verstorbenen Mutter, die 800 Franken für Blumen wollte, nicht erfüllen wollten.

«Je weniger Geld vorhanden ist, desto eher wird in einen schönen Sarg und Blumen investiert.»

Thomas Mischler, Zuger Bestatter

«Je weniger Geld vorhanden ist, desto eher wird in einen schönen Sarg und Blumen investiert.» Jetzt drehen sich die Fragen bei den Trauergesprächen aber nicht mehr ums Erbe. Sondern darum, wie lange man eine Urnenbeisetzung hinauszögern kann oder ob es Alternativen zur Beisetzung gibt.

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