Warum Hochhäuser «zum Symbol des Bösen» wurden
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Die Skyline von Zug: «Zug war noch nie eine linke Stadt», sagt SP-Politiker Urs Bertschi. (Bild: woz)

Interview zum geplanten Hochhausreglement in Zug Warum Hochhäuser «zum Symbol des Bösen» wurden

6 min Lesezeit 1 Kommentar 08.11.2017, 15:17 Uhr

Zug will sich ein Hochhausreglement geben – um die Stadtentwicklung in Zug und den Wildwuchs an Hochhäusern durch konkrete Regeln für Bauherren in geordnete Bahnen zu lenken. Was hat es eigentlich mit Hochhäusern auf sich? Warum haben immer noch viele Menschen Angst vor ihnen? Ein Gespräch mit «Hochparterre»-Journalist und Architekt Werner Huber.

zentralplus: Herr Huber, wohnen Sie eigentlich auch in einem Hochhaus?

Werner Huber: Ich wohne in der Innenstadt von Zürich, wo es keine Hochhäuser gibt. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, in einem zu wohnen.

zentralplus: Wie erklären Sie sich da immer noch die Angst vieler Menschen vor Hochhäusern, obwohl es mittlerweile so viele gibt?

Huber: In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren gab es einen regelrechten Hochhausboom. Als dann ab Anfang der Siebzigerjahre die Kritik am ungebremsten Wachstum einsetzte und auch Aspekte der Denkmalpflege und der Pflege des Stadtbildes an Gewicht gewannen, wurde das Hochhaus zum Symbol des Bösen. Diese Haltung wurde nun während mehr als einer Generation eingeimpft – das wirkt nach.

zentralplus: Was meinen Sie damit konkret?

«Das Hochhaus ist der Gegenpol des Hüslitraums.»

Huber: In einigen Überbauungen der Nachkriegszeit hat es etwa Tendenzen der Ghettoisierung gegeben. Das hatte zwar nichts mit den Hochhäusern zu tun, doch wurden diese eben schnell zum Symbol des Bösen. Ausserdem ist das Hochhaus der Gegenpol des Hüslitraums, den viele noch immer träumen. Zudem können sich viele Menschen nicht vorstellen, in einem Hochhaus zu leben, weil sie darin den Bodenkontakt verlieren. Das ist ihr gutes Recht, aber es wird ja niemand gezwungen, in einem Hochhaus zu leben.

zentralplus: Herr Huber, was bringt ein Hochhausreglement prinzipiell für die Planung einer Stadt wie Zug?

Huber: Die Platzierung eines Hochhauses und die Auswirkungen auf die Stadt sollten immer sorgfältig untersucht werden. Ein Hochhausreglement sorgt dafür, dass mit den Abklärungen nicht jedes Mal bei null angefangen werden muss, sondern es gewisse Richtlinien für die Stadtplanung gibt. Eine Bauherrschaft kann so schon am Anfang eines Planungsprozesses beurteilen, ob ein Hochhaus möglich ist oder nicht. Der Bau von Hochhäusern ist eben immer auch abhängig von der Konjunktur, und diese Zyklen wechseln relativ schnell.

Werner Huber vom Architektur-Magazin «Hochparterre».

Werner Huber vom Architektur-Magazin «Hochparterre».

(Bild: Cortis & Sonderegger)

zentralplus: Ein Hochhausreglement ist also eher etwas für die Ewigkeit …

Huber: Ja, ein Hochhausreglement ist auf lange Sicht ausgerichtet und kann so zu einer kohärenten Entwicklung beitragen. Zudem sorgt es dafür, dass Hochhausprojekte mit gleichen Ellen gemessen werden. Ein Hochhausreglement ersetzt jedoch nicht die sorgfältige Planung im Einzelfall – vom Volumen über die Fassade bis zum Detail.

«Hochhäuser können sicher als Zeichen einer Dynamik in einer Stadt gesehen werden.»

zentralplus: Was sagt es eigentlich über eine Stadt aus, wenn immer mehr Hochhäuser gebaut werden?

Huber: Hochhäuser können sicher als Zeichen einer Dynamik in einer Stadt gesehen werden. Wer Hochhäuser baut, setzt Zeichen, und das macht ein Investor nur, wenn es sich lohnt, also wenn am Ende die Rechnung aufgeht. Es gibt aber natürlich auch andere Fälle, wo mit dem Bau eines Hochhauses eine Entwicklung stimuliert werden soll. Doch das ist heikel, denn ein Hochhaus allein löst noch keine Entwicklung aus.

zentralplus: Welchen Vorteil haben Hochhäuser?

Huber: Hochhäuser können städtebauliche Akzente setzen und so das Stadtbild bereichern – wenn sie denn am richtigen Ort stehen. So können sie als Merkpunkte in einer Stadt wichtige Orte auszeichnen und so Identität stiften. In einer dichten Bebauung können Hochhäuser zu einem vielgestaltigen Stadtbild beitragen. Da ein Hochhaus allein auf einem gegebenen Grundstück keine zusätzlichen Nutzflächen ermöglicht, können Hochhäuser grössere Freiflächen am Boden schaffen. Und schliesslich können die Bewohner oder sonstigen Nutzer eines Hochhauses die Aussicht geniessen.

«Wohnungen in einem neu erstellten Hochhaus sind tendenziell sicher teurer als Wohnungen in einem Gebäude mit herkömmlicher Geschosszahl.»

zentralplus: Welche Nachteile haben Hochhäuser?

Huber: Wenn ein Hochhaus am falschen Ort steht oder schlecht gestaltet ist, beeinträchtigt es das Stadtbild – viel mehr als ein Gebäude mit normaler Höhe. Ausserdem sind Hochhäuser relativ teuer, und zwar gleich aus mehreren Gründen.

zentralplus: … die da wären?

Huber: Bei einem schlanken Grundriss eines Hochhauses ist etwa der Anteil der unproduktiven Erschliessungsfläche  wie Treppenhaus und Lift im Verhältnis zur Nutzfläche relativ gross. Ausserdem verlangen die Brandschutzvorschriften zusätzliche Treppenhäuser, die die Erschliessungsfläche zusätzlich vergrössern.

zentralplus: Wie wichtig ist die Erdgeschossnutzung für Hochhäuser?

Huber: Die Erdgeschossnutzung ist grundsätzlich in jedem Gebäude wichtig. Da ein Hochhaus einen Akzent im Stadtbild setzt, ist es aber umso wichtiger, dass es im Erdgeschoss eine attraktive bzw. öffentliche Nutzung gibt. Das trägt mit dazu bei, dass ein Hochhaus nicht nur als Zeichen mit Fernwirkung gesehen wird, sondern auch am Standort Identität stiftet. Bei reinen Wohnhäusern in Wohnquartieren, wie sie in den 1960er- und 1970er-Jahren erstellt wurden, spielt das jedoch eine geringere Rolle.

«Ein schlecht platziertes, schlecht gestaltetes Hochhaus verschandelt eine Stadt viel mehr als ein sonstiger, schlecht gemachter Neubau.»

zentralplus: Welche Konsequenzen hat der Bau von Hochhäusern für den Verkehr und für andere Infrastrukturen in einer Stadt mit 30’000 Einwohnern?

Huber: Da ein Hochhaus an sich – anders als teilweise im Ausland – keine höhere Ausnutzung eines Grundstücks zulässt – dafür braucht es andere Planungsinstrumente –, führt ein Hochhaus weder zu Mehrverkehr noch zu einer grösseren Belastung der übrigen Infrastruktur.

zentralplus: Welche Konsequenzen haben Hochhäuser in der Regel für die Preis- bzw. Mietpreisgestaltung von Wohnungen in einer Stadt? Wird es tendenziell teurer oder günstiger?

Huber: Aus den oben erwähnten Gründen wie Erschliessungsfläche und Brandschutz sind Wohnungen in einem neu erstellten Hochhaus tendenziell sicher teurer als Wohnungen in einem Gebäude mit herkömmlicher Geschosszahl. Ob die Mietpreise in einem Quartier insgesamt ansteigen oder sinken, hängt jedoch nicht vom Bautypus ab. Eine neue Überbauung, die ein bestimmtes Klientel anzieht, kann die Attraktivität eines Quartiers steigern und somit tendenziell zu höheren Mieten führen. Stichwort Gentrifizierung. Das ist aber unabhängig davon, ob es in der Überbauung ein Hochhaus gibt oder nicht.

zentralplus: Wie wichtig sind die Ästhetik und die Höhe von Hochhäusern für das Stadtbild?

Huber: Standort und Gestaltung sind die entscheidenden Punkte. Ein Hochhaus muss städtebaulich am richtigen Ort stehen und es muss sehr gut gestaltet sein. Ein schlecht platziertes, schlecht gestaltetes Hochhaus verschandelt eine Stadt viel mehr als ein sonstiger, schlecht gemachter Neubau.

Abstimmung über das Hochhausreglement ist am 26. November

Über das Stadtzuger Hochhausreglement wird am 26. November an der Urne abgestimmt. Der Grosse Gemeinderat hat dieses in der Schlussabstimmung mit 22 zu 14 befürwortet und mit 14 Stimmen das Behördenreferendum beschlossen. Deshalb gibt es eine Urnenabstimmung. In dem Reglement werden konkret drei Zonen für weitere Hochhäuser in Zug definiert – wo Hochhäuser mit Höhen von 50, 60 und 80 Metern entstehen können. Der Park Tower ist derzeit der höchste «Skyscraper» in Zug mit 81 Metern.

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1 Kommentare
  1. Heinz Gross, 09.11.2017, 18:49 Uhr

    Der Schattenwurf von Hochhäusern in der Stadt Zug ist Spitze

    Hochhäuser beeinflussen ihre Umgebung nicht nur durch ihre dritte Dimension, nämlich die Höhe; sondern auch durch ihren Schattenwurf. Wer möchte schon im Schatten wohnen und täglich stundenlang warten bis der Betonklotz die Sonne frei gibt? Genau darum ist der Schattenwurf wichtig bei der Planung und Realisierung von Hochhäusern. Der Schattenwurf ist quasi der wirksame Gebäudeabstand zum Nachbarn. Beim Hochhausreglement in Zürich hat dies vor einigen Jahren zu intensiven Diskussionen geführt. Wie darf ein Hochhaus seine Umgebung beeinflussen? Man hat sich dann im Zürcher Hochhausreglement für einen zulässigen 2 Stunden Schattenwurf entschieden. Nach Zuger Reglement (§ 11) ist ein 3 Stunden Schattenwurf zulässig. Die Zuger im Einflussbereich eines Hochhauses sitzen also eine Stunde länger im Schatten als die Zürcher. Damit ist Zug einmal mehr Spitze: „Es setzt die Zürcher beim Schattenwurf buchstäblich in den Schatten.“ Das ist aber noch nicht alles. Unter § 11 Absatz c) des Hochhaus-Reglements steht:“ Innerhalb der Hochhauszonen sind nachbarrechtliche Beeinträchtigungen durch Schattenwurf nicht zu beachten.“ Das bedeutet: Man kann also innerhalb der Hochhauszone klotzen bis die vom Kanton gewünschte Ausnutzung von 3.5 konsumiert ist. Damit ist auch ein Dauerschatten möglich. Nach geltender Bauordnung der Stadt Zug ist in der Kernzone C eine maximale Ausnutzung von 2.1 zulässig. Die Ausnutzung von 3.5 bedeutet eine zusätzliche Verdichtung von 67 % gegenüber der heutigen Bauordnung welche 2009 vom Stadtzuger Stimmvolk genehmigt wurde. In den Abstimmungsunterlagen steht aber davon kein Wort. Wenn das Hochhausreglement angenommen wird, gilt diese enorme, zusätzliche Verdichtung.“ Sind dies die geordneten Bahnen welche die Befürworter ins Feld führen? Wollen wir dies unseren Nachkommen zumuten? Darum Nein zum Hochhausreglement.
    Heinz Gross, Zug

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