Warum du Weihnachten dieses Jahr – trotz Corona – viel entspannter nehmen solltest
  • Gesellschaft
Sieht die Coronasituation als Chance, das Weihnachtsfest zu reduzieren: Psychotherapeutin Valentina Meili. (Bild: ida)

Luzerner Psychotherapeutin im Interview Warum du Weihnachten dieses Jahr – trotz Corona – viel entspannter nehmen solltest

5 min Lesezeit 24.12.2020, 05:00 Uhr

Für viele Familien ist Weihnachten dieses Jahr mit besonders viel Stress verbunden. Wie man jetzt Streit vermeiden kann – und warum Weihnachten dieses Jahr auch eine Chance zur Reduktion und Entspannung sein kann, verrät die Luzerner Psychotherapeutin Valentina Meili.

Jahr für Jahr feiern viele immer gleich Weihnachten: Mit der ganzen Familie, Tante Frieda und Onkel Bernd, die Katze unter dem geschmückten Christbaum. Apero um 16 Uhr, Bescherung um 18 Uhr, dann folgt das Essen – wie immer Fondue Chinoise. Nur dieses Jahr ist wegen Corona eben alles ein wenig anders. Für viele Familien scheint das Weihnachtsfest dieses Jahr ein besonderer Stressfaktor zu sein: Mit wem feiert man, wen lädt man aus? Und wie sieht ein coronakonformes Essen aus?

Wir haben die Luzerner Psychotherapeutin Valentina Meili gefragt, wie sich jetzt Streit am Fest der Liebe vermeiden lässt.

zentralplus: Frau Meili, Weihnachten gibt’s dieses Jahr quasi nur in der Lightversion, im kleinen Rahmen. Heisst das, dass Weihnachten ist dieses Jahr nur halb so schön wie sonst?

Valentina Meili: Weihnachten ist dieses Jahr sicherlich mit noch mehr Stress verbunden. Weil wir nicht dieselben Freiheiten wie gewohnt haben, stellt uns die Weihnachtsfeier vor eine Probe. Die Frage ist immer, was man daraus macht und ob man es sich im kleinen Rahmen schön machen kann.

zentralplus: Könnte es jetzt vor dem Weihnachtsbaum noch mehr als sonst eskalieren?

Meili: Bei vielen Menschen ist in der ganzen Adventszeit der Stresspegel bereits hoch. Das merke ich auch bei uns in der Praxis: Viele Klienten haben mir letzte Woche eine Sprechstunde abgesagt, weil sie gestresst sind. Wenn die Menschen weniger entspannt sind, braucht es weniger, bis sich ein Streit entlädt, jemand explodiert.

Die ganze Familie kommt zusammen, somit prallen auch die unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen, wie man feiern soll, aufeinander. In einer Leistungsgesellschaft herrscht dann natürlich noch oft das ideale Bild, wie Weihnachten sein soll. Alles muss perfekt sein.

«Viele Familien verfallen in alte Rollen – Erwachsene fühlen sich beispielsweise von ihren Eltern wieder wie Kinder behandelt.»

zentralplus: Warum kann es an Weihnachten zu Streitereien kommen?

Zur Person

Valentina Meili studierte Psychologie an der Universität Basel und Bern. Vor einem Jahr erlangte sie den eidgenössischen Weiterbildungstitel in Psychotherapie. Meili ist Teil einer psychotherapeutischen Gemeinschaftspraxis in Kriens. Die 32-Jährige wohnt mit ihrem Partner in Kriens.

Meili: Weihnachten ist in unserer Kultur wohl das wichtigste Familienfest. Es ist das Fest der Liebe – jeder verspürt den Druck, seine Familie sehen zu müssen. Das wird wie von allen erwartet. Ich vermute, dass es vermehrt zu Reibereien kommen kann, weil gewisse Familien sonst durchs Jahr hinweg die Beziehungen nicht gross pflegen.

Wenn es seit Jahren immer wieder dieselben Themen sind, die sich an Weihnachten entladen, sollte man sich damit unter dem Jahr einmal auseinandersetzen. Und die Perspektive des Gegenübers einmal einnehmen. Mir fällt auch auf, dass viele Familien in alte Rollen verfallen – und sich beispielsweise Erwachsene von ihren Eltern wieder wie Kinder behandelt fühlen.

zentralplus: Wie meinen Sie das mit den alten Rollen?

Meili: Jedes Familienmitglied hat seinen Platz in der Familie und damit oft eine bestimmte Rolle. Diese entwickelt sich in der Kindheit und bleiben teilweise hartnäckig erhalten bis ins Erwachsenenalter. Da werden erwachsene Kinder beispielsweise immer noch als unselbstständig wahrgenommen, obwohl sie ein eigenverantwortliches Leben führen. Ein anderes Beispiel ist eine Mutter, die Ihre Kinder weiterhin bekocht und ihnen hinterherräumt, obwohl die erwachsenen Kinder das gar nicht wollen.

«Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er will wissen, wie etwas abläuft.»

zentralplus: Warum fällt es aber vielen schwer, Traditionen zu brechen, Weihnachten dieses Jahr anders zu feiern?

Meili: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er will wissen, wie etwas abläuft. Ich betrachte das Ganze aber positiv. Corona könnte eine Chance sein, Weihnachtsrituale neu zu erfinden. Das Fest zu vereinfachen und zu reduzieren. Vielleicht ist Weihnachten dieses Jahr auch viel entspannter, weil alles im kleineren Rahmen ist. Vielleicht kommt es auch zu weniger Streit, wer weiss?

zentralplus: Was raten sie, um den Knatsch unter dem Tannenbaum zu vermeiden?

Meili: Es hilft, eigene Erwartungen herunterzuschrauben. Muss es denn immer ein 6-Gänger sein? Vielleicht können ja alle etwas zum Essen mitnehmen oder man bestellt sich etwas? Muss jeder jedem etwas schenken oder reicht auch Wichteln? Das machen ja bereits einige Familien so – wir verschenken beispielsweise gar nichts mehr untereinander. Das zeigt ja auch, dass der Mensch durchaus flexibel sein kann, solche Rituale anzupassen, Traditionen zu brechen.

Wegen Corona rate ich, dass jeder für sich abwägt, was er vertreten kann, wie er sich bei der Feier wohlfühlt. Wenn man merkt, dass man Angst hat vor einer möglichen Ansteckung, sollte man das auch offen in der Familie thematisieren.

zentralplus: Man kann es aber auch ganz einfach machen: Dieses Jahr ganz auf die Weihnachtsfeier verzichten – und sie nachholen, sobald sich die Lage entspannt hat. Ein guter Entscheid? Oder droht deswegen am Fest der Liebe die Einsamkeit?

Meili: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Wenn man einen Entscheid eines anderen Familienmitglieds nicht nachvollziehen kann, würde ich sicherlich nachfragen. Die Frage, wie man Liebe ausdrücken kann – ohne sich nahe zu sein – ist natürlich eine Herausforderung. Die Coronasituation hat uns gezeigt, dass es Alternativen gibt wie einen Videocall oder einen Brief.

zentralplus: Was raten sie Eltern? Für Kinder ist die Situation ja besonders irritierend und womöglich auch traurig, wenn sie das Grosi dieses Jahr nicht sehen.

Meili: Weihnachten ist für Kinder natürlich mit klaren Ritualen verbunden. Eltern sollten den Frust ihrer Kinder ernst nehmen, ihnen erklären, warum das Grosi dieses Jahr nicht live dabei ist. So können die Kinder das am ehesten nachvollziehen.

zentralplus: Wie verbringen Sie selber Weihnachten?

Meili: Mein Partner und ich haben mit meiner Familie bereits gefeiert, weil mein Bruder an Weihnachten arbeiten muss. Wir waren also sogar im Datum flexibel. (Sie lacht.) Am 24. Dezember werden wir noch mit den Eltern meines Partners feiern, wiederum im kleinen Rahmen.

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