Warum die Pandemie mehr «Problemhunde» hervorbringen könnte
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Viele Hundehalter sind überfordert mit ihren Tieren und wenden sich an Hundetrainer. (Bild: Adobe Stock)

Luzerner Hundetrainerinnen sind besorgt Warum die Pandemie mehr «Problemhunde» hervorbringen könnte

4 min Lesezeit 4 Kommentare 15.04.2021, 05:00 Uhr

Wenn alles in die Binsen geht, wünscht man sich mehr Flausch. Das zeigen aktuelle Zahlen, wonach sich deutlich mehr Schweizerinnen im letzten Jahr einen Hund zugelegt haben als in den Jahren zuvor. Weil nicht jeder Hundekauf eine besonders schlaue Entscheidung war, haben Hundetrainer in Luzern alle Hände voll zu tun.

Die Lust auf ein flauschiges Haustier ist bei den Schweizern im Moment gross. Die Tierstatistik Identitas zeigt dies eindrücklich. Stieg die Zahl an Hunden in der Schweiz im Jahr 2018 und 2019 jeweils um circa 5’500, war die Zunahme im Jahr 2020 mit 12’000 Tieren mehr als doppelt so hoch.

Das ist nicht erstaunlich, weilen doch viele Menschen im Homeoffice, sind einsamer und zeitlich flexibler. Doch auch abgesehen von der Gefahr, dass die Tiere möglicherweise im Tierheim landen, sollte sich die Pandemie legen, ist die aktuelle Entwicklung nicht ganz unproblematisch.

Zeitgleich mit der Zunahme an Hundehaltern verebbten nämlich auch Möglichkeiten, insbesondere Junghunde adäquat zu erziehen. Während des ersten Lockdowns konnten etwa Welpenspielgruppen oder Hundekurse nicht stattfinden, zudem waren Sportanlagen gesperrt. Damit verstrich für Hund und Halter viel wertvolle Zeit, in welcher das Tier eigentlich sowohl den Umgang mit anderen Hunden als auch das Leben nach gewissen Regeln hätte lernen sollen. Die Luzerner Hundetrainerin Jill Vonäsch erklärt: «Aufgrund der geschlossenen Hundeschulen mussten die Halterinnen und Halter ihren Hund ohne Hilfe erziehen, was ohne entsprechendes Wissen nicht ganz einfach ist. Diese Situation begünstigte künftiges Fehlverhalten der Hunde.»

Führen geschlossene Hundeschulen zu mehr Problemhunden?

Das sieht auch die Luzerner Hundetrainerin Karin Fischer-Widmer so. Sie präzisiert: «Wenn ein Hund aufgrund ungenügender Erziehung ein problematisches Verhalten entwickelt, merkt man das häufig erst, wenn der Hund erwachsen ist, bei grösseren Hunden also erst mit etwa zwei Jahren.» Und sie fährt weiter: «Ich bin überzeugt, dass wir erst in einem Jahr das Ausmass der verpassten Hundeerziehung sehen werden.»

«Hundeerziehung ist vor allem auch Menschenerziehung.»

Karin Fischer-Widmer, Luzerner Hundetrainerin

Sie sieht an der aktuellen Lage mehrere kritische Faktoren. «Früher gab es obligatorische Sachkundenachweis-Kurse für Hundehalter. Diese wurden im Kanton Luzern vor einigen Jahren abgeschafft», sagt Fischer-Widmer. Der Vorteil dieser Nachweise: «Wir hatten eine bessere Handhabung. Es gab damals einige Hunde, die ich melden musste und den Haltern teils weggenommen wurden. Das ist jetzt schwieriger geworden.» Die Hundetrainerin weiter: «Ich mache die Erfahrung, dass es viele Hundehalter gibt, die nicht viel von Hunden verstehen.» Sie ist überzeugt: «Hundeerziehung ist vor allem auch Menschenerziehung.»

Deutlich mehr importierte Hunde

Weil aufgrund der hohen Nachfrage 2020 der Schweizer Hundemarkt völlig ausgetrocknet war, holten sich viele Menschen einen Hund aus dem Ausland. Auch dies zeigt die Statistik von Identitas eindrücklich. Die Kurve der Hundeimporte stieg im letzten Jahr, insbesondere im Sommer, klar an. «Vielfach handelt es sich um sehr kranke Hunde, die von Massenzüchtern und Hundevermehrern kommen», so Fischer-Widmer. Müssen diese in der Schweiz medizinisch behandelt werden, verstreiche wiederum wertvolle Zeit, welche eigentlich in die Hundeerziehung fliessen müsste.

«Meine Erfahrungen zeigen, dass Corona viele Menschen dazu verleitet hat, sich innerhalb kürzester Zeit einen Hund anzuschaffen.»

Jill Vonäsch, Luzerner Hundetrainerin

Auch Vonäsch sagt: «Meine Erfahrungen zeigen tatsächlich, dass Corona viele Menschen dazu verleitet hat, sich innerhalb kürzester Zeit einen Hund anzuschaffen.» In der Folge seien Hundehalter oft überfordert, «da die Erziehung eines Hundes sehr zeitintensiv ist und oft unterschätzt wird». So sei es von Tag eins an wichtig, dass Halterinnen dem Hund zeigen, dass es Regeln gebe, aber auch, dass er nichts zu befürchten habe, wenn er eine Situation nicht selber einschätzen könne. «Der Hund muss das Gefühl bekommen, dass er sich auf den Halter oder die Halterin verlassen kann.»

Vonäsch nennt noch eine weitere Problematik, welche während der Pandemie aufgetaucht ist. «Meine Erfahrungen zeigen, dass es vermehrt Hunde gibt, welche weniger sozialisiert sind, da man wegen der geltenden Abstandsregeln andere Leute und Hunde eher meidet.» Dies habe oft schwerwiegende Folgen, denn auch Hunde müssten die «Hundesprache» und das Sozialverhalten erlernen. Dies funktioniere nur, wenn sie auch mit anderen sozialen Hunden interagieren können.

Wenn der Hund das Alleinsein verlernt

Doch nicht nur für Neo-Hundehalter stellt die Pandemie eine Herausforderung dar. Viele Menschen arbeiten zu Hause, die Hunde haben sich in vielen Fällen daran gewöhnt, dass immer jemand in der Nähe ist. Entsprechend kann es vorkommen, dass auch Hunde, die das Alleinsein gewohnt sind, eine Trennungsangst entwickeln. «Das ist etwas, was man mit dem Hund bewusst trainieren muss. Man kann nicht plötzlich wieder 100 Prozent auswärts arbeiten. Der Hund ist ein Rudeltier. Allein zu sein, ist für ihn etwas Unnatürliches, was Schritt für Schritt geübt werden muss», erklärt Fischer-Widmer.

Last but not least. Selbst in den besten tierlieben Familien kann es mal zu Problemen kommen. Jill Vonäsch sagt dazu: «Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen, wenn man nicht mehr weiter weiss. Dafür sind Expertinnen und Experten ja da. Ich versuche die Leute immer zu ermutigen, sich Hilfe zu holen und mehr Zeit in die Erziehung zu investieren.» Sie führt aus: «Und ich versuche ihnen zu erklären, dass diese investierte Zeit sich dann auch wirklich auszahlt, wenn man ein eingespieltes Team wird. Nicht nur die Halterinnen und Halter, sondern auch die Hunde sind dann viel glücklicher.»

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4 Kommentare
  1. Rudolf 1, 15.04.2021, 06:53 Uhr

    «Problemhunde» gibt es nicht. Diese Probleme müssen die Problemhalter verantworten.

    1. Roli Greter, 15.04.2021, 08:49 Uhr

      Danke Rudolf, genau so ist es.

    2. Hans Hafen, 15.04.2021, 09:17 Uhr

      Als betroffener, unbeteiligter Spaziergänger dieser ungünstigen Entwicklung im öffentlichen Raum ist mir das wie & warum herzlich egal! Gut gibt es daher die Leinenpflicht, an die sich sowieso keiner hält! Wann kommt endlich das Pendant zur Hundefreilaufzone? Die Hundefreizone!

    3. Thomas1, 15.04.2021, 18:51 Uhr

      Steht doch so da?!? Eine fehlende Erziehung ermöglicht die Probleme mit dem Hund! Aber, abgesehen davon…natürlich gibt es «Problemhunde». Es existiert ja auch bei den Menschen kein soziologisch gleichgeschaltetes Muster in Verhalten und Konfliktbewältigung. Die Vielfalt ist gross und die individuellen Strategien auch. Die Frage ist wohl eher, ob sich jemand allfälligen Auffälligkeiten annimmt und agressive Tendenzen bewusst machen und im Idealfall korrigieren kann. Warum sollte das bei den Hunden anders sein.

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