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Warum der Zuger Stierenmarkt immer wichtiger wird
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Wo sich Tier und Mensch begegnen: Stierenmarkt. (Bild: mam)

Einmal im Jahr ist das Festzelt der hippste Ort Warum der Zuger Stierenmarkt immer wichtiger wird

4 min Lesezeit 07.09.2017, 04:41 Uhr

Im Zeitalter von Informatik und Genomik braucht nicht mal mehr ein Viehzüchter einen echten Viehmarkt. Sollte man meinen. Dennoch verzeichnet der Zuger Stierenmarkt immer mehr Eintritte. Warum ist das so?

Haben Sie sich heuer schon einen Muni gekauft? In Zug bestünde am Stierenmarkt Gelegenheit dazu. Nein? Kein Platz für ein so grosses Haustier? Macht nichts, Sie brauchen sich nicht zu grämen: Nur wenige dieser lebendigen Fleischberge wechseln jedes Jahr ihren Besitzer – letztes Jahr waren es gerade mal 40.

Wenn Sie aber in Zug wohnen und nicht an den Stierenmarkt gehen, sollten Sie sich ernste Sorgen machen: Sie sind ein Aussenseiter, werden im Leben womöglich nur schwer vorankommen.

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Viele Bürolisten kommen zum Essen

«Wer in Zug zum Teig gehören will, muss einfach an den Stierenmarkt», brummt Daniel Betschart im Büro des Schweizerischen Braunviehzuchtverbands. Von seinem Fenster sieht er auf den Ausstellungsplatz zwischen den Stierenstallungen, wo sich die Reihen angebundener Stiere drängen. Dazwischen fachsimpeln Landwirte.

Vor der Kulisse des Uptown-Hochhauses: Begutachtung der Stiere.

Vor der Kulisse des Uptown-Hochhauses: Begutachtung der Stiere.

(Bild: mam)

Kindergruppen mit Umhängen in Warnfarben streben händehaltend dem Ausgang zu. Daneben hat sich eine Schlange gebildet. Einlass begehren zahlreiche Herren im Anzug, die aus den nahen Büros strömen. Drei Regierungsräte schreiten mit ihren Chefbeamten dem Festzelt zu: Es geht zum Mittagessen auf den Stierenmarkt – das gehört in Zug zum guten Ton. Dafür bezahlt man sogar Eintritt.

Vor der künstlichen Besamung waren es 1’000 Stiere

Der Stierenmarkt ist in Zug ein Stück lebendige Folklore, aber er hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. «Das ganze Begleitprogramm ist mindestens so wichtig wie die eigentliche Viehschau», sagt Stefan Hodel, der beim Braunviehzuchtverband für die Tierbeurteilung zuständig ist. Zu den Glanzzeiten des Stierenmarktes standen einst 1’000 Stiere auf dem Platz, heuer sind es noch 215.

«Wer in Zug dazugehören will, muss einfach an den Stierenmarkt.»

Daniel Betschart, Braunviehzuchtverband

Dennoch ist Zug das Mekka für Braunviehzüchter: Der Stierenmarkt in Zug ist zusammen mit jenem der Fleckvieh-Züchter in Thun immer noch die grösste Leistungsschau der Schweiz. Etwas kleiner ist der Markt in Bulle, wo sich die Holstein-Züchter treffen. Der Grund, warum weniger Stiere auf Platz gehandelt werden, heisst künstliche Besamung und wurde schon vor einem halben Jahrhundert eingeführt. Seit 1960 ist es nicht mehr so wichtig, einen eigenen Muni zu haben, wenn man Vieh züchten will.

Mutterkuhhaltung im Aufwind

Ausserdem sei das züchterische Interesse nicht mehr so gross bei den Landwirten, sagt Hodel. Wer durch die Gegend wandert, sieht das. Wo früher nur Braunvieh oder Fleckvieh graste, sieht man immer öfter gemischte Herden. Die Zahl der Milchkühe stagniert, weil der Milchpreis im Keller ist. Immer mehr Bauern stellen auf Spezialitäten oder Mast um. Für die Fleischproduktion werden zum Beispiel Limousin-Rinder gezüchtet oder eingekreuzt. Die Bauern interessiere weniger die Abstammung ihres Viehs, sondern ob es die Anforderungen erfülle, die sie an die Tiere hätten, so Hodel.

«Die ganze Landwirtschaft kann sich hier der nichtbäuerlichen Bevölkerung in einer positiven Weise darstellen.»

Stefan Hodel, Braunviehzuchtverband

Für das eigene Geschäft, die Zucht von Braunvieh, sei der Stierenmarkt nach wie vor wichtig. «Deswegen veranstalten wir ihn ja.» Und, so sagt Stefan Hodel: «Für die Bauern, die hierherkommen, ist der Stierenmarkt immer noch eine hervorragende Gelegenheit, einen Muni zu kaufen oder zu verkaufen.»

Schaufenster für die Städter

Immer wichtiger werde aber die Funktion als Schaufenster. «Die ganze Landwirtschaft kann sich hier der nichtbäuerlichen Bevölkerung in einer positiven Weise darstellen.» Das funktioniert, wie die Zahl der Eintritte zeigt. 12’000 kommen an den beiden Tagen zum Zuger Stierenmarkt, schätzt man beim Braunviehzuchtverband, Tendenz steigend. «Es kommen aber immer mehr aus dem nichtbäuerlichen Umfeld», sagt Hodel. Bei der bäuerlichen Bevölkerung sei eher das Wetter entscheidend, ob sie den Stierenmarkt besuche. Der Markt ist aber in jedem Fall ein Treffpunkt von Stadt und Land, Jung und Alt.

Stefan Hodel, Chefexperte beim Schweizerischen Braunviehzuchtverband.

Stefan Hodel, Chefexperte beim Schweizerischen Braunviehzuchtverband.

(Bild: mam)

Der Braunviehzuchtverband indes geht mit der Zeit. Die Analyse des Erbguts ist heutzutage wichtiger als die eigentliche Viehschau. «Man kann mit der Genomik etwas sicherer voraussagen, wie der Züchtungserfolg wird», so Hodel. Der Verband stellt den Viehzüchtern die elektronischen Tools bereit, um Informationen zu vermitteln. Er betreibt einen Internet-Marktplatz für Landwirte, die Vieh suchen oder verkaufen wollen. Und er sammelt solche Daten für Auktionen, stellt daraus Kataloge her.

Persönliche Kontakte behalten ihren Wert

Wenn ein Bauer also trotz künstlicher Besamung immer noch einen eigenen Muni will, findet er ihn auf dem Internet-Marktplatz? «Ja», sagt Hodel, «aber die Mund-zu-Mund-Propaganda bleibt wichtig.» Wer schon etwas länger im Geschäft sei, der wisse eigentlich immer, wen er fragen könne, meint der Experte.

Und wo findet man haufenweise Züchter mit Insiderwissen? Richtig, am Zuger Stierenmarkt.

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