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Warten auf eine ungewisse Zukunft
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Minderjährige Asylsuchende beim Deutschbüffeln. (Bild: Andrea Zimmermann)

Minderjährige Asylsuchende Warten auf eine ungewisse Zukunft

6 min Lesezeit 07.04.2014, 11:00 Uhr

Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung einer erwachsenen Person in der Schweiz um Asyl ersuchen, haben es besonders schwer. zentral+ hat zwei der insgesamt drei jugendlichen Flüchtlinge im Kanton Zug in der Durchgangsstation für Asylsuchende in Steinhausen besucht.

«Sind sie die Frau von der Zeitung?», fragt Farhad* erwartungsvoll. «Ich bin der UMA, der andere kommt gleich.» UMA ist die Bezeichnung für Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende, also Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung einer erwachsenen Person in die Schweiz reisten und hier fernab von ihrer Familie und ihrem Heimatland ein Zuhause auf unbestimmte Zeit gefunden haben. Wie erwachsene Asylsuchende werden sie vom Bund den Kantonen zugewiesen. So haben auch Farhad aus dem Iran und Aaron* aus Eritrea ihren Weg in die Durchgangsstation für Asylsuchende in Steinhausen gefunden. Hier leben rund 90 Asylsuchende aus 25 Nationen unter einem Dach. Die beiden 17-jährigen Jugendlichen sind zwei von den insgesamt drei UMA, die im Kanton Zug untergebracht wurden.

«Am Anfang war es schwierig»

«Ich denke viel an meine Eltern», erzählt Farhad. «Leider kann ich ihnen jetzt noch nicht helfen.» Du bist stark, du kannst es schaffen, hätte sein Vater zu ihm gesagt, bevor der gebürtige Afghane sich vom Iran aus in Richtung Schweiz auf die wohl schwierigste Reise seines Lebens begab. Zum ersten Mal war er ohne den Schutz seiner Familie und völlig auf sich alleine gestellt.

«Ich denke viel an meine Eltern. Leider kann ich ihnen jetzt noch nicht helfen.»

Minderjähriger Asylsuchender, Steinhausen

«Am Anfang war es sehr schwierig», sagt der aufgeweckte Jugendliche, dessen Eltern Afghanistan aufgrund des Krieges schon vor seiner Geburt verlassen mussten. Doch auch im Iran gab es für seine Familie als afghanische Flüchtlinge keine Zukunft. Sie sind dort massiven Diskriminierungen ausgesetzt und werden nicht offiziell anerkannt. Deshalb erhalten Kinder kaum schulische Bildung und Erwachsene keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Das führt dazu, dass der Familie das Geld fehlt, sich einen Ausweis zu erkaufen. Die Familie ist somit zu einem Leben in der Illegalität verdammt. Doch für ihren Sohn wünschten sie sich etwas Besseres, auch wenn dies für ihn bedeutet, dass er alles Vertraute wahrscheinlich für immer hinter sich lassen muss.

Alles begann mit einem Brief

Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende in der Schweiz

Jährlich reisen laut «Terre des Hommes» rund 600 Flüchtlingskinder und Jugendliche ohne Begleitung einer erwachsenen Person in die Schweiz ein. Sie bilden gemäss dem Bundesamt für Migration die verletzlichste Kategorie aller Asylsuchenden, da sie ihre Familie und das ihnen vertraute Heimatland zurücklassen mussten und sich nun mehr oder weniger auf sich selbst gestellt in einer neuen Umgebung und fremden Kultur zurechtfinden müssen.

Im Asylverfahren hat sich für minderjährige Asylsuchende, die ohne Begleitung einer erwachsenen oder erziehungsberechtigten Person in die Schweiz einreisen, der Begriff UMA (Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende) eingebürgert. Obwohl man sich grundsätzlich einig darüber ist, dass den UMA besondere Schutz- und Hilfeleistungen zukommen sollten, sieht die Realität in den Kantonen vielfach anders aus. Oft fehlt es an Institutionen und Rahmenbedingungen, die der besonderen Situation von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen im Asylverfahren besser gerecht werden könnten.

Seit einem Jahr ist er nun in der Schweiz, wovon er bis jetzt elf Monate in der Durchgangsstation Steinhausen verbracht hat. Seit einem halben Jahr teilt er sein Zimmer mit dem gleichaltrigen Aaron aus Eritrea. Auch seine Geschichte steht stellvertretend für das Leid vieler seiner Landsleute. «Alles begann als ich den Brief vom Militär erhalten hatte», erzählt Aaron und schreibt das Datum 27.12.2012 auf den vor ihm liegenden Notizblock. «Das ist der Tag, an dem ich meine Mutter zum letzten Mal gesehen habe», sagt er mit traurigen Augen. Seither hatte er so gut wie keinen Kontakt zu ihr. Da die Familie in Eritrea von der Regierung überwacht wird, ist die Gefahr zu gross. Doch er wollte im Konflikt mit Äthiopien nicht zu Kanonenfutter werden und gegen Menschen seiner eigenen ethnischen Gruppe in den Krieg ziehen.

Damals war Aaron erst 15 Jahre alt. Zu jung, um zu sterben, aber auch zu jung, um ein selbstständiges Leben führen zu können. Das hat sich auch in der Schweiz nicht geändert. Genau wie Farhad wartet er darauf, sich eine Zukunft aufbauen zu können. Auch wenn dies lange dauert und vieles dabei ungewiss bleibt.

Ungewissheit und Langeweile

«Erfahrungsgemäss wird das Asylverfahren erst nach dem Eintritt der Volljährigkeit fortgeführt», erklärt Anna Paganini, Leiterin der Durchgangsstation für Asylsuchende in Steinhausen. Bis dahin heisst es warten. Warten auf die zweite Anhörung in Bern, die darüber entscheidet, ob sie überhaupt eine Chance haben, in der Schweiz zu bleiben. Bis dahin lernen Farhad und Aaron fleissig Deutsch und hoffen, einen Platz im Integrationsbrückenangebot I-B-A des Kantons Zug zu bekommen, um so in Zukunft vielleicht eine Lehre absolvieren zu können.

Dennoch ist ihnen oft langweilig. Insbesondere Farhad, der im Iran zehn Jahre lang in einem Karateverein war, fehlt der Sport und andere Freizeitaktivitäten als Ausgleich und Ablenkung. Doch das Training in einem Karateverein ist in der Schweiz zu teuer und wird vom Kanton nicht übernommen, denn auch den UMA steht nicht mehr Geld zur Verfügung als erwachsene Asylsuchende von der Sozialhilfe erhalten. Auch fehlt ihnen der Umgang mit Gleichaltrigen, mit denen sie gemeinsam etwas unternehmen und sich gegenseitig unterstützen könnten.

«Situation ist nicht optimal»

Während insbesondere die unter 16-jährigen UMA nach Möglichkeit eine spezielle Unterbringung in Heimen oder Pflegefamilien erhalten, fehlen im Kanton Zug Institutionen und Rahmenbedingungen, die den Bedürfnissen der älteren UMA wie Farhad und Aaron besser gerecht werden könnten. Ihnen wird zwar wie vom Bundesamt für Migration gefordert, ein Rechtsbeistand zur Verfügung gestellt, der sie im Asylverfahren unterstützt und eine Vertrauensperson für die Betreuung zugewiesen, jedoch leben sie in Steinhausen ausschliesslich mit erwachsenen Asylsuchenden zusammen, ohne dass dabei auf die spezielle Situation der Jugendlichen eingegangen werden kann.

«Diese Unterbringung ist sicher nicht optimal», meint Anna Paganini. Sie ist auch für die Betreuung der beiden UMA zuständig. «Gerade Jugendliche wären auf eine intensivere Betreuung angewiesen. Das können wir ihnen hier jedoch nicht vollumfänglich bieten.» Dies sei alleine aus finanziellen und personellen Gründen nicht möglich, erklärt sie weiter. Dieser unzureichende Zustand ist nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen, dass der konkrete Umgang mit den UMA kantonal unterschiedlich geregelt wird und sich die Kantone in unterschiedlichem Masse bereit erklären, die durch die UMA entstehenden Mehrkosten zu übernehmen.

Passende Rahmenbedingungen und Strukturen fehlen weitgehend

Anna Paganini kennt die Probleme im Umgang mit den UMA, erklärt jedoch, dass es für den Kanton Zug aufgrund der geringen Anzahl von UMA schwierig sei, eine geeignete Unterbringung, wie etwa ein betreutes Wohnen in Privatwohnungen, anzubieten. Der Kanton Zug plane jedoch derzeit eine Wohngemeinschaft für UMA, wo sie auch begleitet werden sollen.

«Diese Unterbringung ist sicher nicht optimal. Gerade Jugendliche wären auf eine intensivere Betreuung angewiesen.»

Anna Paganini, Leiterin der Durchgangsstation für Asylsuchende in Steinhausen

«Es wäre wünschenswert, wenn sich die kleineren Kantone diesbezüglich zusammenschliessen würden», so Paganini. So könnte man besser auf die Jugendlichen eingehen und ihnen feste Strukturen, Regeln und Unterstützung im Alltag bieten. Dazu gehöre auch allgemeinbildender Unterricht, geführte Freizeitaktivitäten und Sport, wie auch die Vermittlung von hauswirtschaftlichem und handwerklichem Know-how, sodass sich die Jugendlichen später selbstständig zurechtfinden können.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Besonders problematisch ist diese Situation für UMA, die das 16. Lebensjahr bereits überschritten haben und die grosse Mehrheit der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden ausmachen. Während den Jüngeren durch die obligatorische Schule eine geregelte Tagestruktur geboten wird, fehlt ihnen der Zugang zu allgemeinbildenden Schulen und anderen Bildungsinstituten weitgehend.

Im Kanton Zug besteht für diese Jugendlichen jedoch die Möglichkeit, das Integrationsbrückenangebot I-B-A zu besuchen. «Dort kommen sie auch in Kontakt mit Jugendlichen, die nicht als Asylsuchende in die Schweiz kamen», erklärt Caroline Huber, Leiterin der sozialen Dienste Asyl des Kantons Zug. «Nach den zwei Jahren stehen die Chancen gut, dass diese Jugendlichen eine Attestlehre oder sogar eine reguläre Lehre absolvieren können.» Ohne diese Unterstützung wäre die Absolvierung einer Lehre kaum möglich. Hinzu kommt, dass den UMA der Einstieg in die Arbeitswelt zusätzlich erschwert wird, da ihnen wie auch anderen Asylsuchenden aufgrund ihres unsicheren Aufenthaltsstatus kaum Arbeitsbewilligungen erteilt werden.

Gerade in dieser wichtigen Entwicklungsphase im Jugendalter ist es wichtig, dass auch die älteren UMA gut begleitet und nicht zur Untätigkeit verdammt werden. Das Integrationsbrückenangebot des Kantons Zug und die geplante Wohngemeinschaft für jugendliche UMA stellen dabei ein Schritt in die richtige Richtung dar. Nicht nur im Hinblick auf die Integration der UMA, auch zur Vorbereitung auf eine eventuelle Rückkehr in ihr Heimatland.

* Namen von der Redaktion geändert

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