Vor 15 Jahren hiess es in Luzern «Land unter»
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Land unter: Der Schwanenplatz nach dem Jahrhundertereignis von 2005. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Was hat sich seither getan? Vor 15 Jahren hiess es in Luzern «Land unter»

5 min Lesezeit 5 Kommentare 22.08.2020, 05:00 Uhr

Die Bilder der überschwemmten Stadt Luzern haben sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt. Die Unwetterkatastrophe jährt sich am Samstag zum 15. Mal. Welche Massnahmen wurden seither ergriffen, um ähnliches Chaos zu verhindern?

Vor 15 Jahren regnete es gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) in der Zentralschweiz am 21. und 22. August 2005 rund 13 Zentimeter Wasser pro Tag – das sind 130 Liter pro Quadratmeter.

Das Hochwasser überflutete grosse Teile der Schweiz, sorgte für Chaos, Zerstörung und erinnerungswürdige Fotos. Sechs Menschen verloren ihr Leben, Tausende wurden obdachlos. Die gesamtschweizerische Schadenssumme belief sich auf rund drei Milliarden Franken.

Luzern traf es am zweithärtesten. Im ganzen Kanton entstanden damals rund 590 Millionen Franken Schaden. Nur Bern hat es mit 805 Millionen noch schlimmer erwischt. Doch was hat sich seither getan? Welche Massnahmen wurden im Kanton Luzern ergriffen, um ein ähnliches Szenario künftig zu verhindern?

Die Mischung macht’s

Wie der Kanton in einem Faktenblatt schreibt, liege der Fokus heute auf einer Kombination von Massnahmen aus den Bereichen Raumplanung, Unterhalt, Schutzbauten, Intervention und Versicherung. Sich primär um bauliche Massnahmen zu kümmern, sei nicht mehr ausreichend.

Nach der Katastrophe wurden Gemeinden verpflichtet, Gefahrenkarten zu erstellen, die dann genutzt werden, um Baugesuche im Hinblick auf Gefahrenzonen zu prüfen. Je nachdem werden in der Folge Auflagen für Bauten definiert. Darunter sind Massnahmen wie die Erhöhung von Lichtschächten, Anpassung von Tiefgarageneingängen oder mobile Massnahmen wie Dammbalken bei Eingängen.

Gefahrenkarten sollen präventiv helfen

Wie sich im 2005 und in den Folgejahren gezeigt hat, entsteht ein bedeutender Teil der Wasserschäden nicht durch über die Ufer tretende Bäche, sondern durch Regenwasser, das nur oberflächlich abfliesst.

Deswegen wurde im 2016 als Gemeinschaftsprojekt des Kanton Luzern, des Bundes und der Gebäudeversicherung Luzern (GVL) eine Oberflächenabflusskarte erstellt, die aufzeigt, an welchen Stellen Regenwasser schlecht abfliesst, und wo deswegen allenfalls Schäden entstehen können. Sie dient als Instrument, um präventiv Schutzmassnahmen wie Sandsäcke und dergleichen einsetzen zu können.

Die Oberflächenabflusskarte zeigt, wo das Wasser schlecht abfliesst. Dunkle Stellen sind potenzielle Gefahrenherde. (Bild: Stadt Luzern)

Massnahmen zum Hochwasserschutz

Gemäss dem Kanton haben sich räumliche Eingrenzungen und starre Verbauungen nicht bewährt, um Fliessgewässer zu bändigen. Deswegen wurde bei den Fliessgewässern direkt angesetzt und mancherorts Verbreiterungen vorgenommen, um den Flüssen genügend Raum für den Abfluss gewährleisten zu können. Ebenfalls wurden entsprechende Überlast-Abflusskorridore wie Strassen oder Geländemulden definiert, die bei grossen Ereignissen überflutet werden können.

In Malters und in Aesch wurden Holzrückhaltebecken beziehungsweise Geschiebesammler gebaut, die Schwemmholz und anderes Treibgut festsetzen sollen, damit dieses nicht andernorts Schäden anrichtet wie beispielsweise in Emmenbrücke.

Der Geschiebesammler in Aesch soll Holz und anderes davon abhalten, talabwärts zu treiben. (Bild: Stadt Luzern)

Reusszopf wurde verbreitert

Denn Schwemmholz war damals in Emmenbrücke allgegenwärtig – nebst dem Wasser. Wer an den besagten Tagen vor 15 Jahren im Kino Maxx einen Film schauen wollte, hätte ein Boot gebraucht. Die kleine Emme trat über die Ufer und sorge auf dem gesamten Seetalplatz für massive Überschwemmungen. Dies, weil der Fluss damals gemäss dem Kanton zu kanalartig verlaufen sei und zu wenig Abflussmöglichkeiten gehabt habe. Zusätzlich hätten die beiden Zollhausbrücken und der SBB-Damm das Hochwasser zurückgestaut und in die umliegenden Quartiere geleitet.

Seither wurde das Gebiet um den Reusszopf an mehreren Stellen massiv verbreitert und abgeflacht, um dem Wasser mehr Abflussmöglichkeiten zu bieten. Ebenfalls wurden zwei neue Brücken gebaut. Was sich seit 2005 getan hat, kannst du der Karte unten entnehmen:

Frühwarnung wird immer wichtiger

Ein wichtiger Faktor ist für den Kanton die Frühwarnung. Sie sei ein wichtiger Bestandteil der Notfallplanung, damit Feuerwehren mit genügend Vorlaufzeit Interventionsmassahmen – wie etwa Sandsäcke – installieren können. Zurzeit gibt es im Kanton Luzern aber noch kein Instrument, das verlässliche Abflussvorhersagen (mindestens zwei Stunden im Voraus) für kleinere und mittlere Gewässer prognostizieren kann.

«Den absoluten Schutz vor Naturgefahren wird es nie geben.»

Faktenblatt, Kanton Luzern

Die Realität ist momentan also die, dass die Feuerwehr trotz vorbereiteter Notfallplanung oft reaktiv agieren muss und erst dann vor Ort eintrifft, wenn bereits Schäden entstanden sind. Um dem entgegenzuwirken, wurde 2020 ein gemeinsames Pilotprojekt zwischen Kanton und dem Feuerwehrinspektorat gestartet. In den nächsten zwei Jahren soll ein Instrument entwickelt werden, das die Feuerwehren rechtzeitig und verlässlich über bevorstehende Hochwasser informiert.

Eine Sitzbank beim KKL am/im Vierwaldstättersee. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Massnahmen auf Bundesebene

Auf Bundesebene wurden mit der Website Naturgefahren.ch und den beiden Apps Meteoschweiz und Alertswiss Informationskanäle erstellt, welche die Bevölkerung, die Medien und die Behörden vor drohenden Wetterkatastrophen warnen sollen.

Ausserdem betreibt der Bund an mittleren und grösseren Gewässern Abfluss- und Pegelmessstationen, die in Echtzeit Auskunft über die aktuellen Abflüsse und Pegel geben. Für die Region Emme-Emmen, Reuss-Geissmattbrücke publiziert der Bund gar eine Abflussprognose für die nächsten vier Tage.

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Die Natur lässt sich nie vollends kontrollieren

Trotz all diesen Massnahmen ist sich auch der Kanton bewusst, dass man die Natur nie vollends kontrollieren kann. «Hochwasser, Rutschungen und Steinschläge werden sich auch in der Zukunft immer wieder ereignen», schreibt er. «Den absoluten Schutz vor Naturgefahren wird es nie geben.» Deswegen sei es wichtig, die Ereignisbewältigung so gut wie möglich vorzubereiten sowie die Einsatzkräfte dafür auszubilden und zu trainieren.

Seit 2013 verfügen beispielsweise alle Feuerwehren im Kanton Luzern über eine einheitlich aufgebaute Notfallplanung zum Thema Naturgefahren. Die Anwendung davon ist heute ein fixer Bestandteil der Ausbildung und wird regelmässig geübt.

Hinweis: In einer ersten Version stand die falsche Masseinheit bei der Angabe der Regenmenge, die am 21. und 22. August laut BAFU gefallen sind. Die entsprechende Stelle wurde angepasst.

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5 Kommentare
  1. Schnyder, 23.08.2020, 16:50 Uhr

    1.3 Meter ist das 10 fache es wahren 13cm also 130Liter/Quadratmeter!

    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 23.08.2020, 17:38 Uhr

      Besten Dank für den Hinweis, die entsprechende Stelle wurde angepasst. Beste Grüsse, Isabelle Dahinden

  2. Stefan Huonder, 23.08.2020, 07:47 Uhr

    Es hatte enorm viel geregnet. Aber 1300 Liter in 2 Tagen sind es doch wieder nicht.In Luzern waren es 130 mm, d.h 130 l/m2! 1300 mm ist eher die jährliche Niederschlagsmenge.

    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 23.08.2020, 17:43 Uhr

      Da haben Sie natürlich recht. Die entsprechende Stelle wurde angepasst. Beste Grüsse, Isabelle Dahinden

  3. Ursi Niklaus, 22.08.2020, 11:00 Uhr

    Super Beitrag!!! Frischt Erinnerungen auf. Danke

2021-01-20 08:59:46.410737