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Von wegen kulturarm: Zug ist auch ein Hippie-Kanton
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 Das Konzert von Ramon Clau und Band.  (Bild: Laura Livers)

Ein Tag am Silo-Open-Air in Hünenberg Von wegen kulturarm: Zug ist auch ein Hippie-Kanton

7 min Lesezeit 29.05.2016, 16:31 Uhr

Dieses Wochenende findet in Hünenberg das erste Silo-Open-Air statt. Regen und Sonne wechseln sich ebenso rege ab wie das Geschehen auf der Bühne. Und wer mal keine Lust auf Musik hat, besucht einen Workshop. Und wie war das noch mal mit dem Handyverbot? Die Reportage aus dem Schlamm.

Es ist Samstagmittag und regnet, als die S1 aus Zug ankommt. Zwischen mit Einkaufstaschen beladenen Leuten, Hochzeitsgesellschaften, Rentnern und Familien finden sich auch diverse junge Leute mit Flip-Flops, Gummistiefeln, Haarbändern, Blumenkleidchen, Pelerinen und Schlapphüten. Sie alle warten sehnlichst auf Ernst, den Shuttlebusfahrer in spe, der uns für einen Fünfliber ans Silo-Open-Air fährt.

Von Zugern für Zuger – und handyfrei

Die Idee für das kleine Open Air ist auf dem Jakobsweg entstanden. Der Initiator Pascal Bühler, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der Zuger Band «Stuberein», hatte auf seiner langen Reise die Idee für ein gemütliches und handyfreies Festival von Zugern für Zuger.

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Guter Ausblick auf der Busterrasse.   (Bild: Laura Livers)

Guter Ausblick auf der Busterrasse.   (Bild: Laura Livers)

Mit tatkräftiger Unterstützung seines OKs setzt er nun dieses Wochenende diese Vision um. Auf dem Gelände der Stadelmatt – ein Gebiet, das zu Hünenberg gehört, von Nicht-Hünenbergern aber gerne als «Weisch, det hinne, bi Mühlau oder Sins? Aso eigetlich scho Aargau?» bezeichnet wird –, auf der Stadelmatt also entstand zwischen dem namensgebenden Silo und einer Scheune das Festivalgelände (zentralplus berichtete).

Klein, aber fein

Es ist kein grössenwahnsinniges Projekt. Die Vision, dass Musikfans aus der Region in gemütlichem Rahmen aufeinandertreffen und ihre Lokalhelden auf der Bühne bestaunen, trifft es ziemlich exakt.

Vor der kleinen Bühne haben gefühlte 200 Menschen Platz zum Tanzen und Mitfiebern, was sie auch tun. Die geschätzten Mittzwanziger bis Mittdreissiger folgten dem Aufruf des Silo-Festivals, die Zuger Musikfans kamen aus all ihren Löchern gekrochen. Ein Phänomen, das ansonsten nur bei Plattentaufen lokaler Bands zu beobachten ist.

Familiär und verbandelt

Auf dem Programm steht das Who-is-who der Zuger Musikszene. Meinen musikalischen Auftakt am Samstag macht «Weibello». Er ist in der Rapszene bereits einschlägig bekannt, 2013 gewann er die Schweizer Meisterschaft im Freestyle-Rap. Am Samstag bewegt er sich in gewagteren Gefilden.

Mittendrin: So ist die Perspektive als Silo-Besucherin.   (Bild: Laura Livers)

Mittendrin: So ist die Perspektive als Silo-Besucherin.   (Bild: Laura Livers)

Um drei Uhr nachmittags bei prallstem Sonnenschein tritt er vor heimisch-wohlwollendem Publikum das erste Mal in Grossformation auf. Und er zeigt, dass das durch das Verschwinden von «Japrazz» entstandene Loch im Zuger Herzen zumindest ein wenig geflickt werden kann.

Mit der darauffolgenden Band «Stuck in Traffic» zeigt sich dann auch schnell, wie familiär das Open Air tatsächlich ist. Zug ist klein und die Musikszene noch viel kleiner. Dementsprechend erstaunt es niemanden, dass der Gitarrist von «Weibello» auch der Bandleader von «Stuck in Traffic» ist, der Perkussionist auch bei «Stuberein» spielt, und dass Ramon Claus neue Band die Hälfte der am Sonntag auftretenden «Murphy Left» bildet.

«Stuck in Traffic» auf der Bühne:

 

Aschenbecher und Ohrringe basteln

Was aber tun zwischen den Konzerten, wenn die Bands ihre Instrumente zusammenpacken und Tontechniker auf der Bühne herumwuseln und versuchen, das Feedback-Mikrofon zu finden?

Kein Problem: Denn neben dem vielfältigen Musikprogramm bietet das «Silo» auch Unterhaltung. Mit Sara Kemény ist auch der Kunstbereich im Festival-OK vertreten. Sie sorgt dafür, dass neben Essen und Musik auch die Bastelfreude der Besucher gestillt wird, die während den Umbauphasen in Scharen Richtung Scheune strömen.

In dieser Scheune neben der Bühne befindet sich eine kleine Werkstatt, in der ein jeder nach Herzenslust mit Farben und Materialien hantieren kann. Zum Beispiel unter der Anleitung von Sam Heller. Seit Kurzem Inhaberin einer eigenen Upcycling-Werkstatt, erklärt die junge Industrie-Designerin bis spät in die Nacht, wie die eben erst geleerte Bierdose mit wenigen Handgriffen in einen Aschenbecher verwandelt werden kann. Oder für Nichtraucher in ein Windlicht. Oder der Bierflaschendeckel in Ohrenringe.

Liebe bis ins Detail, etwa hier beim Laternenbaum.   (Bild: Laura Livers)

Liebe bis ins Detail, etwa hier beim Laternenbaum.   (Bild: Laura Livers)

Neben solchen praktischen Workshops gibt es auch die Möglichkeit, Tonfiguren zu basteln oder Siloplakate zu malen, die als Teil einer Spontanausstellung überall in der Scheune aufgehängt werden.

Auf dem Gelände finden sich an vielen Wänden Graffitis von Senz und auf dem Rasen verstreut Holzköpfe von Daniel Züsli, die auch als Sitzgelegenheiten funktionieren.

Ein kleines Hippie-Paradies

Der ganze Nachmittag ist ein Wechselbad zwischen Regen und brütender Hitze, sodass weder der Flip-Flop-Träger noch der Gummistiefelenthusiast dem jeweils anderen vorwerfen könnte, er sei falsch angezogen.

Festivalgelände by Regen:

 

Wie es sich für ein Schweizer Open Air gehört, wappnete sich jeder Besucher bereits vor dem Festival gegen alle Eventualitäten und schlurft fröhlich durch die schlammige Wiese und zieht genau so schnell die Regenpelerine an, wie er sie zwei Minuten später wieder auszieht, um in der Hitze nicht zu verschmachten.

Sobald sich der Regen wieder verzieht, riecht es auf dem Gelände nach Grillfleisch, Volleybälle fliegen umher und hinter dem Tipi-Jam-Zelt versucht sich eine Gruppe an einem Spiel, dass wie Cricket ohne Schläger aussieht.

Gelegentlich sieht man auch eine Gruppe mit Jasskarten und die Mutigen baden im kleinen Swimmingpool, untermalt von der Country-Musik von «Ramon Clau und Band». Auf dem Dach von «Michel’s Launsch», einem umgebauten Bus mit Dachterasse, flätzen sich Besucher auf Liegestühlen und hie und da erwischt man eine Nase voll Rauch. Ein kleines Hippie-Paradies im Nirgendwo, wo Wanderschuhe und nackte Füsse nebeneinander im Kies tanzen.

Erstaunliche Vielfalt an Zuger Musik

Beim Eindunkeln wird das Publikum von «NLB Electronics», der Band des Zuger Sängers Aurel Hassler, aus seinem Woodstock-Feeling rausgeschüttelt und durch fast schon bestialische Bässe und Live-Club-Musik zurück in die Gegenwart katapultiert. Ein nicht ganz üblicher Stilbruch, der dem Enthusiasmus des Publikums aber nichts abtut.

Für einmal steht nicht der passive Konsum von Kultur oder der eigene Musikgeschmack im Vordergrund, sondern das aktive Unterstützen derjenigen, die in diesem oft als kulturarm verspotteten Kanton Zug tatsächlich etwas anreissen und beweisen, dass trotz der eher drögen Atmosphäre, die in diesem Kanton herrschen kann, eine Vielfalt von Musik auf hohem Niveau existiert.

Und wie war das nun mit dem Handyverbot?

Beim Eintreten in das Festivalgelände fragt der Security geflissentlich, ob man ein Handy dabei hat und weist darauf hin, dass es gratis am Eingang abgegeben werden kann. Gezwungen dazu wird aber niemand. Mein Handy blieb in meinem Rucksack und das Bedürfnis draufzuschauen (nur um zu wissen, wie spät es ist, ich schwör!) ebbt auch schon bald ab.

In der Rapszene bereits einschlägig bekannt: Weibello.    (Bild: Laura Livers)

In der Rapszene bereits einschlägig bekannt: Weibello.    (Bild: Laura Livers)

Viele Besucher haben zur Vermeidung dieses Problems ihre alten Armband- und Taschenuhren hervorgegraben. Aber auch diese werden schon bald unwichtig. Es gibt schliesslich keinen Zug zu erwischen, und treffen tut man sich, wenn die nächste Band zu spielen beginnt. Ob das nun Punkt 20 Uhr ist oder nicht, spielt ja keine Rolle. Und der Freund, der sagt, dass er um 17.30 Uhr ans Festival kommt, der kommt dann halt. Man findet sich sowieso auf dem überschaubaren Gelände.

Ein Blick aufs Handy vor dem WC

Es ist erstaunlich, wie selten das Handy überhaupt zum Thema gemacht wird. Vereinzelte verstohlene Blicke auf einen Handybildschirm waren durchaus zu beobachten, gerade in der Schlange zum WC-Wagen, aber da sich die Besucher auch selbst kontrollieren, hält sich selbst dies in Grenzen.

Oder mit den Worten von «Rival Kings»-Sänger Étienne Hilfiker: «Ich habe aus Versehen kurz auf mein Handy geschaut, und die bösen Blicke, die ich kassierte, hab ich zum letzten Mal mit 16 Jahren erlebt, als ich besoffen früh morgens nach Hause kam und meine Mutter noch wach war.» Die einzige offizielle Ausnahme des Handyverbots bekam ein Musiker, der jeden Moment Vater werden konnte.

Nichts verpasst

Irgendwann ist es dann spät, mit den «Rival Kings» steht die letzte Band des Abends auf der Bühne und ich mache mich langsam auf den Heimweg. Wie spät genau, weiss ich immer noch nicht. Aber der liebe Ernst wird mich mit dem Shuttle wieder nach Cham fahren und irgendwie komme ich dann nach Zug.

Als ich dann im Bus tatsächlich das erste Mal seit 13 Uhr auf mein Handy schaue, fällt mir auf, dass sich meine Smartphone-Batterie gerade mal um einen Prozentpunkt entladen hat. Wie lange ein solcher Akku halten kann, wenn man nicht ständig draufschaut. Wichtiges verpasst habe ich auf jeden Fall nicht.

Das Silo-Festival dauert noch bis Sonntagabend 20 Uhr (Familientag, Eintritt frei).

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