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Von süssen Winkeln und falschen Schwarzmurern
  • Kultur
In der Goldgasse hatten früher die Goldschmiede ihre Ateliers. (Bild: wia )

Mit der Zuger Stadtführung zurück in der Zeit Von süssen Winkeln und falschen Schwarzmurern

4 Min 30.08.2014, 05:55 Uhr

Vom Süesswinkel vorbei am Gärbiplatz, via Kaibenturm zur Ankenwaage. Wer beim Sonntagsspaziergang aufmerksam ist, erfährt einiges über Zugs Geschichte. Noch besser ist es jedoch, man lässt sich führen. Denn die Namen der Zuger Plätze und Häuser bergen so manches Geheimnis. 

Wer mit Peter Ott durch Zugs Altstadt spaziert, erlebt eine Reise in die Vergangenheit. In eine Zeit, als Halunken noch in Türmen untergebracht wurden, als am See noch Leder gegerbt wurde und Baumaterial per Schiff in die Stadt gelangte. Nicht selten lägen grosse Teile der Geschichte in den Namen der Plätze und Strassen, erklärt Peter Ott, seines Zeichens Germanist und Historiker. Und das, «obwohl die meisten Strassen bis im 19.Jahrhundert keine Namen trugen».

Der Platz, wo heute die Kursschiffe beim Landsgemeindeplatz anlegen, wurde früher «Platzweeri» genannt. Hier seien früher, laut Ott, Baumaterialien und Kies in die Stadt transportiert worden. Dies insbesondere, weil die Strassen noch zu wenig ausgebaut waren und der Transport über Land länger gedauert hätte. Doch nicht nur bei der Platzweeri legten Schiffe an.

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Zuzüger waren «Angeschwemmte»

In der Unteraltstadt nahe der Schwanengasse liegt das Haus «Zur Sust». Säumer, die früher beispielsweise von Zürich nach Luzern wollten, legten so viel der Strecke wie möglich auf dem Wasser zurück. Waren, die zuerst per Zürichsee nach Horgen und dann über den Hirzel nach Zug transportiert worden waren, wurden in der Zuger Sust zwischengelagert, damit sie später auf Segel-, Lastschiffe oder Barken umgeladen werden konnten. Weiter ging es per Immensee über den Landweg nach Küssnacht und von dort aus erneut via Schiff bis nach Luzern. Nicht zuletzt deshalb nannte man Zuger Neuzuzüger bis vor ein paar Jahrzehnten «Angeschwemmte», erklärt Ott.

«Ursprünglich bedeutet «Chaib» ein totes Stück Fleisch. Ebenfalls als Chaiben wurden damals jedoch Verbrecher bezeichnet.» 

Peter Ott, Historiker

Ebenfalls am Ufer, neben der Volière, liegt der ehemalige «Gärbiplatz», wo früher Leder verarbeitet wurde. Auch die Platzmühle hat ihren Namen nicht von ungefähr. Beim Restaurant, wo heute mit Vorliebe Pizza gegessen wird, stand bereits 1331 eine Mühle mit Mühlebach. Wer von dort aus aufmerksam in Richtung «Fischmärt» geht, kann linkerhand den «Kaibenturm» sehen. «Früher wurde der Begriff Chaib nicht so leichtfertig verwendet wie heute. Ursprünglich bedeutet das Wort ‹Kadaver›.

Alte Zuger Namen erkunden

Wie haben sich die Namen der Zuger Stadtteile, Strassen und Plätze über die Jahrhunderte verändert? Und was sagen sie über Zugs Geschichte aus? In der thematischen Stadtführung von Dr. Peter Ott wird Geschichte mittels alter Zuger Namen wieder lebendig gemacht. Die nächste Führung findet am Montag, dem 22. September, um 20 Uhr statt.

Ebenfalls als Chaiben wurden damals jedoch Verbrecher bezeichnet», erklärt Ott. Den Turm, in denen die Verbrecher gefangen gehalten wurden, nannte man deshalb «Kaibenturm». «Wer leichtere Verbrechen beging und beispielsweise in der Beiz zu laut über die Obrigkeit lästerte, landete hingegen im sogenannten «Timpis», einem engen Kerker im Keller des Rathauses», erklärt Ott. Diese «Timpis» kann man heute im «Zytturm» sehen und sogar betreten.

Aber eine gewisse Skepsis schadet in Anbetracht der vielen Namen nicht, denn nicht alle Bezeichnungen sind historisch akkurat.

Beim Hirschenplatz an der Zeughausgasse steht ein alter Brunnen, über dem stolz ein Soldat wacht. «Nach verschiedenen Namensänderungen – früher lösten sich die Namen Neugass-, Kronen- und Hirschbrunnen ab – wurde er im 19. Jahrhundert umgetauft in Schwarzmurerbrunnen», sagt Peter Ott. Dass auf dem Brunnen jedoch tatsächlich ein Soldat der Familie Schwarzmurer steht, sei unwahrscheinlich. «Vielmehr ist der Name im Zuge der Historisierung aufgekommen. Im 19. Jahrhundert ist bei vielen Bürgern ein historisches Bewusstsein aufgekommen, Traditionen wurden immer wichtiger.»

Dem Kolinbrunnen sei es ähnlich ergangen. Wer die Person mit den weiss-blauen Strümpfen tatsächlich ist, bleibt bis heute unklar.

Wer im «Negerdörfli» wohnte

Offene Fragen zur historischen Bedeutung gibt es einige. So auch beim «Süesswinkel», der nur Gutes zu versprechen scheint. Wurde der Hof hinter dem Restaurant «Gotthärdli» so genannt, weil sich hier verliebte Paare heimlich trafen, um zu turteln? Oder heisst die Ecke so, da es wegen nahegelegenen Bäckereien stets nach süssem Gebäck durftete? Die Lösung des Rätsels sei bis heute unbekannt, erklärt Ott. Bekannt ist nur, dass der «Süesswinkel» kein einmaliges Plätzchen ist, sondern auch andernorts, so beispielsweise in Schaffhausen existiert.

Mit einem politisch unkorrekten Namen wurde das Quartier zwischen Zeughausgasse und Kapuzinerkloster belegt. Es wurde als «Negerdörfli» bezeichnet. Peter Ott klärt auf: «In diesem Gebiet der Stadt, in dem eng gebaut wurde und die Häuser oft auch baufällig waren, wohnten oft bestimmte soziale Gruppen wie Gastarbeiter oder Kleinhandwerker.» 

Die ersten im Regierungsgebäude sind Franzosen

Peter Ott schüttelt alle paar Meter einen besonderen Örtlichkeitsnamen aus dem Ärmel, weiss zu fast jeder Ecke eine spannende Geschichte zu erzählen, stellt leicht Verknüpfungen auf zwischen Zeiten und Städten. 

Der Rundgang ist schon fast zu Ende, da fällt Ott eine weitere Geschichte ein. 1869 wohnten etwa 2’000 Menschen in der Stadt Zug. Gleichzeitig herrschte der deutsch-französische Krieg. «So kam es, dass plötzlich 70’000 französische Soldaten in die Schweiz abgedrängt und in der Schweiz interniert wurden, davon wurden Zug 700 zugeteilt», sagt Ott. Sogleich stellte sich die Frage, wo diese Männer untergebracht werden sollten. Da zu der Zeit gerade das Regierungsgebäude gebaut wurde, beschloss die Stadt, einen grossen Teil der Soldaten für mehrere Monate im noch nicht ganz fertiggestellten Regierungsgebäude unterzubringen. Eine einfache, doch zweckmässige Lösung. «So waren es im Prinzip französische Soldaten, die als erste in unseren Regierungsgebäude sassen. Die eigene Regierung kam erst später», lacht Peter Ott – nicht ohne eine gewisse Genugtuung.

 

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