Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Von Kriens auf Umwegen zum Fussballprofi
  • Sport
Im Starbucks Café geniesst Bujar Lika ein Café Crème. (Bild: ens)

Bujar Lika spielt heute für GC im Cup-Halbfinal Von Kriens auf Umwegen zum Fussballprofi

8 min Lesezeit 28.02.2018, 15:20 Uhr

Der Mann ist der Geheimtipp der Liga: Bujar Lika von den Grasshoppers. Vor fünf Jahren spielte der Krienser unter Gerardo Seoane in der U21 beim FC Luzern. Sein Talent erkannte auch Top-Trainer Murat Yakin und holte den kosovarischen Secondo im Winter in die Super League. Doch seine Karriere verlief nicht immer stringent.

Eisiger Wind bläst durch die Luzerner Gassen. Menschen eilen durch die Strassen und verschwinden fluchtartig im Warmen. Auch der 25-jährige Bujar Lika sitzt in einem Café an der Reuss in Luzern. Mit seiner Körpergrösse von 1,77 Meter lässt wenig darauf schliessen, dass der am Kaffee nippende Mann aus Kriens der womöglich wertvollste Einkauf der Grasshoppers ist. Er ist die Ruhe selbst – sanfte Stimme, geschmeidige Bewegungen, stets ein Lächeln. Das überrascht, weil seine Karriere erst im Sommer 2017 richtig lanciert wurde.

Aus dem Krieg nach Luzern

Bujar Likas Karriere ist geschmückt mit vielen Umwegen, die ihn letztlich zum Super-League-Spieler formten. Angefangen hat alles vor 13 Jahren im SC Kriens ­– mit einem Jahr Verspätung.

Unterstütze Zentralplus

Rückblende, 1998: Bujar Lika ist fünf Jahre alt, als im Kosovo der Krieg ausbricht. Mit seiner Mutter und seinem drei Jahre älteren Bruder Mensur flieht er nach Neudorf im Kanton Luzern. Dort arbeitet der Vater als Gärtner. Als die zwei jungen Buben älter werden, zieht die Familie nach Kriens – die Stadt ist näher und die Anbindung an den öffentlichen Verkehr besser als in Neudorf.

Früh erkennt auch Likas Vater die Leidenschaft seines Jungen für den Fussball. Noch vor dem Umzug nach Kriens meldet er sich bei den Verantwortlichen des SC Kriens. Zu diesem Zeitpunkt besitzt Kriens die grösste Nachwuchsabteilung des Landes. Der Vater möchte eine Fussball-Lizenz für seinen Sohn lösen. Die Antwort von Kriens erfolgt prompt: «Kein Platz», heisst es. Also muss Bujar warten …

Vom Strassenfussballer zum Captain der U21

Bujar Lika erinnert sich zurück: «Ich hatte nicht den Wunsch, Profi zu werden. Also tat ich, was jedes begeisterte Kind in diesem Alter nach der Schule tat ­– ich traf mich mit meinen Freunden auf Hartplätzen oder dem Rasen und spielte Fussball.» Vielleicht war es Zufall, dass just auf derselben Wiese am Abend ein Fussballtraining eines Schulkameraden stattfand und Lika mutig genug war, den Trainer zu fragen, ob er mittrainieren dürfe.

Getrieben von der Leidenschaft, Fussball zu spielen, kehrte er auch in den folgenden Tagen auf den Platz zurück und erhielt schliesslich die lang ersehnte Spielberechtigung für den SC Kriens. Plötzlich schien alles wie von Geisterhand für Bujar Lika zu funktionieren. Er durchläuft sämtliche Nachwuchsteams und landet in der U21 des FC Luzern (mehr dazu in der Box am Ende des Artikels).

Auf diesem Kunstrasen in Kriens hat Bujar Likas Karriere vor 13 Jahren begonnen.

Auf diesem Kunstrasen in Kriens hat Bujar Likas Karriere vor 13 Jahren begonnen.

(Bild: ens)

Ohne Verletzungen, ohne Starallüren, aber mit viel Ehrgeiz avanciert Lika zum Captain der U-21-Mannschaft des FC Luzern. Hier kreuzt sich der Weg Likas ein erstes Mal mit dem heutigen FCL-Cheftrainer Gerardo Seoane. Es ist auch jener Ort, an dem Likas Karriere ein erstes Mal ins Stocken gerät: Eine Entzündung am Schambein hindert ihn daran, mit 18 Jahren das Trainingslager mit der ersten Mannschaft zu bestreiten.

«Alle drei Monate kehrte die Verletzung zurück – unvorstellbar, so mit der ersten Mannschaft ein Trainingslager zu absolvieren.»

Bujar Lika, Profi bei dem Grasshopper Club Zürich

Eine langwierige Geschichte: «Alle drei Monate kehrte die Verletzung zurück – unvorstellbar, so mit der ersten Mannschaft ein Trainingslager zu absolvieren.» Am Ende reichte eine halbe Saison im U21-Team nicht, sich genügend für die erste Mannschaft aufzudrängen.

Auch wenn man im FC Luzern um seine Qualitäten weiss und man Bujar Lika verschiedene Möglichkeiten unterbreitet, entschliesst sich der junge Fussballer, das angestrebte Ziel an einem anderen Ort weiterzuverfolgen – und wechselt mit einem KV-Abschluss in den Händen nach Wohlen in die Challenge League.

Pokern und verlieren

«Durch die vielen Verletzungen war es schwierig, mich für höhere Aufgaben zu empfehlen – ich musste etwas riskieren.» In Wohlen trifft Bujar Lika auf den damaligen Trainer Davide Sesa, einen ehemaligen Schweizer Fussballer, der lange der teuerste Schweizer Fussballtransfer in die Serie A war. Gute Voraussetzungen für einen Spieler wie Lika, der zu diesem Zeitpunkt nach neuem Selbstvertrauen sucht. Unter Sesa und dessen späterem Nachfolger Ciriaco Sforza entwickelt sich Lika in einem von Russen finanzierten Team zum Stammspieler. Alles läuft wieder nach Plan.

Dann kommt der Winter 2016. Obwohl der Challenge-League-Verein Bujar Lika einen weiterlaufenden Vertrag unterbreitet, lehnt er ab. Sein Ziel ist und bleibt die Super League – er pokert und bringt die Traumblase «Fussballprofi» fast zum Platzen.

«Meine Vergangenheit gab mir Kraft, an meine Fähigkeiten zu glauben, und liess mich weiterkämpfen.»

Bujar Lika, Profi bei dem Grasshopper Club Zürich

Im Winter 2016 steht Bujar Lika ohne Verein da. «Fussball ist ein knallhartes Geschäft. Was in Wohlen damals passierte, tritt kein zweites Mal ein. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt – heute bin ich reifer.» Fortan muss sich Lika auf seine Art fit halten: Er bindet seine Joggingschuhe; macht sich, mit einem Fussball eingeklemmt unter dem Arm, auf den Weg ins Krienser Kleinfeld; sprintet; leidet; trainiert sich selbst. Mit einem klaren Ziel vor den Augen: dem Aufstieg in die Super League.

Auch heute kehren Erinnerungen an frühere Zeiten zurück. An damals, als er fast kapitulierte. Was ihn letztlich am Aufhören hinderte? «Meine Vergangenheit mit dem SC Kriens, Luzern und Wohlen – sie gab mir Kraft, an meine Fähigkeiten zu glauben, und liess mich weiterkämpfen.» Ein Kampf, der sich für Lika auszahlen wird, wenn auch weit weg von seinem Zuhause in Kriens.

Bujar Lika betritt die Baustelle im Krienser Kleinfeld.

Bujar Lika betritt die Baustelle im Krienser Kleinfeld.

(Bild: ens)

Während die Wochen verstreichen und sich Lika selbst trainiert, entsteht durch einen Bekannten ein Kontakt mit dem Challenge-League-Verein Schaffhausen. Lika darf an zwei Tagen mit dem Team von Murat Yakin mittrainieren. Die Leistungen gefallen Yakin, also lädt er Lika kurzfristig zu einem Testspiel gegen den FC St. Gallen ein. «Da habe ich eine solide Leistung gezeigt und durfte zwei weitere Wochen mittrainieren.» Keine Selbstverständlichkeit, wenn man berücksichtigt, dass Lika während sieben Monaten keinen Ernstkampf mehr bestritten hatte.

Dass es im Fussball zuweilen schnell gehen kann, erfährt Lika in den folgenden Wochen am eigenen Leib. Yakin versprach, den vereinslosen Fussballer nach Schaffhausen zu holen – und hielt Wort.

Murat Yakin: Wenig Worte – viele Taten

Als die Wochen am Rhein langsam verstreichen, erklimmt Schaffhausen unter Murat Yakin die Tabellenspitze der Challenge League. Und mittendrin steht ein kleiner Krienser: Bujar Lika. Obwohl als Aussenverteidiger in Luzern ausgebildet, funktioniert ihn Yakin kurzerhand zum defensiven Mittelfeldspieler um. «Das gelang nur deshalb, weil ich mit Yakin einen Trainer hatte, bei dem ich bereits bei meinem ersten Probetraining ein gutes Gefühl verspürte. Ich realisierte schnell, dass Yakin auf mich setzt.»

Mit den positiven Leistungen von Schaffhausen steigt auch das Interesse des Zürcher Super-League-Vereins an Murat Yakin. Im September 2017 verpflichten die Grasshoppers den Schweizer mit türkischen Wurzeln als Cheftrainer. Bujar Lika ist begeistert, da will er auch hin. Denn so schätzt er Murat Yakin: wenig Worte – viele Taten.

Gerade erst zu Schaffhausen gestossen, muss sich Lika nach nur zwei Monaten von seinem Ziehvater verabschieden. Ein Weggang, der ihn schmerzt, weil er unter Yakin lediglich drei Partien bestritt – drei Spiele, die Yakin am Ende aber von Likas Potenzial überzeugen sollten.

Im Krienser Kleinfeld war vor allem die Saison mit der U17 unvergesslich - das Team wurde Schweizer Meister.

Im Krienser Kleinfeld war vor allem die Saison mit der U17 unvergesslich – das Team wurde Schweizer Meister.

(Bild: ens)

Dank Yakin in die Super League

Im Januar 2018 zahlt sich das lange Warten für Lika endlich aus – er unterschreibt seinen ersten Profi-Vertrag als Fussballer bei GC. Seither hat sich der schweizerisch-kosovarische Doppelbürger aus Kriens als Stammkraft im Team von Murat Yakin etabliert.

«Kriens ist der Startpunkt meiner Karriere, ein Stück Heimat. Hier hat alles begonnen.»

Bujar Lika, Profi bei dem Grasshopper Club Zürich

Jetzt steht Bujar Lika wieder auf dem Kleinfeld in Kriens. Der Boden ist überzogen mit Eis und Schnee. Lika verlangsamt seine Schritte. Sein Blick folgt den Baugerüsten des Krienser Kleinfeld-Stadions. Bei der Frage, welche Erinnerungen er an diesen Ort hege, versagt ihm für einen kurzen Moment die Stimme. Man merkt ihm an, dass das Fleckchen Erinnerungen in ihm hervorruft. «Kriens ist der Startpunkt meiner Karriere, ein Stück Heimat. Hier hat alles begonnen – ich war lange ein Teil davon. Nun darf ich einen Schritt weitergehen.»

Und geht der Weg weiter wie bisher, stehen die Chancen gut, dass der auslaufende Vertrag im Sommer 2018 verlängert wird. Heute Abend erhält Bujar Lika eine Möglichkeit, sich für weitere Aufgaben zu empfehlen. Dann trifft GC im Cup-Halbfinal auf den Stadtkonkurrenten FC Zürich.

Und was würde passieren, wenn der Vertrag nicht verlängert wird? «Für mich gibt es keinen Plan B – nur einen Plan A. Wenn ich es nicht schaffen sollte, setze ich mich hin und seniere über die Zukunft. Denn was ist im Fussball schon berechenbar?» 90 Minuten habe er Zeit, die Verantwortlichen zu überzeugen. Das sei seine Philosophie, den Rest könne er nicht beeinflussen. Lika weiss, wovon er spricht.

Die zahlreichen Stationen von Bujar Lika

Knapp zwei Jahre spielt Bujar Lika in einem der Juniorenteams im Breitensport bei Kriens. Dann wird der damalige Trainer der U15, Elvin Bektesevic, während eines Meisterschaftsspiels auf Bujar Lika aufmerksam. Von 2005 bis 2007 durchläuft er sämtliche Spitzenteams bis zur U17. Er übernimmt Verantwortung auf dem Platz und trägt in der U17 die Captainbinde. 2008 wechselt Lika in die U18 des FC Luzern. Ein Jahr später steigt er in das Team von Gerardo Seoane in die U21 des FC Luzern auf. Auch hier trägt Lika die Captainbinde.

2013 wechselt Lika nach Wohlen in die Challenge League. In Wohlen spielt Lika bis im Winter 2016 und wird vereinslos. Der FC Schaffhausen verpflichtet Lika im August 2017. Bereits nach einem halben Jahr wechselt Lika zum Grasshopper Club Zürich. In Zürich unterschreibt Lika im Januar 2018 seinen ersten Profivertrag.

In Luzern ist Bujar Lika aufgewachsen. Hier fühlt er sich zu Hause. Er sagt selber: «Ich kenne jeden Winkel der Stadt.»

In Luzern ist Bujar Lika aufgewachsen. Hier fühlt er sich zu Hause. Er sagt selber: «Ich kenne jeden Winkel der Stadt.»

(Bild: ens)

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare