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Von Knall zu Knall
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Jerry am Schiffsteg: ein idyllischer Ort für den Drogenkonsum. (Bild: dog)

Portrait einer Drogensucht Von Knall zu Knall

9 min Lesezeit 2 Kommentare 08.03.2013, 15:00 Uhr

Man kennt sie und kennt sie doch nicht. Sie kommen auf einen zu und wollen Geld. Luzern hat, so der Eindruck, besonders viele Bettler. zentral+ hat einen drogensüchtigen Obdachlosen dabei begleitet, wie er sich durch den Tag kämpft – stets auf der Suche nach dem nächsten Knall.

Ein Innenhof mitten in der Stadt Luzern: Jerry* sitzt auf einer Treppe, die zu einem Luftschutzbunker führt. Hier fühlt er sich unbeobachtet und sicher, «mein Lieblingsort fürs Frühstück», sagt er und lächelt etwas beschämt. Er hält eine Spritze ins Licht der grellen Morgensonne, kneift die Augen zusammen und begutachtet die braune Flüssigkeit. «Das ist ausgezeichneter Sugar, das sieht man an der rot-bräunlichen Farbe», erklärt Jerry.

Wenn er von «Sugar» spricht, meint er Heroin. Und wenn er sich die Droge injiziert, nennt er das «Knall». «Das wird ein guter Knall», sagt er und bindet sich den dünnen Bizeps mit einem Schnürsenkel ab. Dann setzt er die Spritze an, sticht durch die Haut in die aufgeschwollene Vene seines Unterarms und drückt den Kolben langsam nach unten.

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Seit fünf Jahren auf der Strasse zu hause

Jerry ist 27 Jahre alt. Seine fahle Gesichtsfarbe und die markanten Flecken auf Wange und Stirn lassen ihn älter aussehen als er ist. Die dicke Wollmütze, die abgetragenen Klamotten und der ungepflegte Bart lassen darauf schliessen, dass er fern der Sonnenseite des Lebens steht.

Seine Eltern sind tot, und der Kontakt zur Schwester, die nach Brasilien auswanderte, ist abgebrochen. Ein richtiges Zuhause hat Jerry seit fünf Jahren nicht mehr. Er ist obdachlos. Meistens schläft er in einer geheizten öffentlichen Toilette, manchmal aber auch im Freien, ab und zu kommt er für eine Nacht bei einem Freund unter.

Drei Mal im Monat leistet er sich eine Übernachtung für zehn Franken in der Notschlafstelle «Obdach» an der Gibraltarstrasse 29. Seinen letzten festen Wohnsitz hatte Jerry in Arth. Wäre er in Luzern gemeldet, hätte er Anspruch auf 15 Übernachtungen. Aber anmelden kann man sich nur, wenn man auch einen festen Wohnsitz vorweisen kann. Das kann Jerry nicht.

Der Weg in die Sucht

Mit Drogen in Berührung kam er, als er in die zweite Sekundarschule ging. «Damals war ich ein Punk. Da wurde gerne mal ein Joint geraucht», erzählt Jerry von seinen ersten Erfahrungen mit Marihuana.

Mit 17 Jahren sei er dann in die Goa-Szene gerutscht. An den meist im Freien durchgeführten psychedelischen Trance-Partys habe er zum ersten Mal härtere Drogen versucht: Ecstasy, Kokain, LSD, Meskalin. Nur vom Heroin konnte er damals noch die Finger lassen.

Vier Jahre später wurde ihm diese Droge zum Verhängnis. Bis dahin war seine Welt noch einigermassen in Ordnung. Er machte eine Lehre als Lastwagenfahrer und hatte eine Wohnung, die er sich mit einem Mitbewohner teilte. Durch ihn wurde seine Neugierde auf den «Sugar» geweckt. «Ich wollte mitreden können. Deshalb habe ich es einfach mal probiert», sagt er heute. Gespritzt habe er sich das Heroin aber zunächst nicht, nur geraucht – aus Rücksicht auf seine Mutter. Als Jerrys Mutter aber im Jahr 2011 an Krebs starb, verlor er seinen letzten familiären Halt. Kurze Zeit später setzte er sich den ersten Schuss.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.)

Jerrys Alltag in Bild und Ton in der Audioslideshow von zentral+:

«Frauen geben mir öfters etwas»

Jerry sitzt immer noch auf der Treppe im Innenhof. Das «Frühstück» zeigt Wirkung: mit einem zufriedenen Lächeln lehnt er sich zurück und bestaunt den blauen Himmel. Routiniert wischt er sich das Blut vom Unterarm und räumt ruhig und entspannt seine Utensilien zusammen. Fein säuberlich packt er die gebrauchte Spritze in eine Plastiktüte. «Für jede gebrauchte Spritze erhalte ich eine neue», sagt er, steht auf, schwingt seinen prallgefüllten Rucksack über die Schultern, rückt seine Wollmütze zurecht und zieht die ausgeleierte Jeans hoch. «Jetzt bin ich wach und konzentriert. Zeit, an die Arbeit zu gehen.»

Wenn Jerry von Arbeit spricht, dann spricht er vom Betteln, oder «Mischeln», wie es im Strassenjargon heisst. Seinen «Arbeitsplatz» hat er über die Jahre auf eine bestimmte Route abgesteckt: Von der Kantonalbank an der Pilatusstrasse, durch die Buobenmatt-Passage zum Stadttheater, über den Rathaussteg in die Altstadt und von dort zum Schwanenplatz.

Dass er überwiegend ältere Frauen anspricht, ist kein Zufall: «Bei Frauen spüre ich oft eine Art Mutterinstinkt. Sie können sich eher in meine Situation einfühlen und geben mir daher öfters etwas.» Und tatsächlich: Die erste Person, die er anbettelt – eine alte Dame – drückt ihm prompt eine 20-Franken-Note in die Hand. «Versprich mir aber, dass du das Geld für etwas zu Essen und eine Übernachtung ausgibst, gell», fordert die Frau. Jerry wird die 20 Franken nicht dafür ausgeben, auch wenn er es versprochen hat. «Es tut mir sehr leid, dass ich die Leute belügen muss», gibt er mit aufrichtig-traurigem Blick zu. «Wenn ich ehrlich sagen würde, dass ich das Geld für Drogen brauche, dann gibt mir doch niemand etwas.»

Lieber Betteln, als die Leute auszurauben oder auf den Strich zu gehen

Betteln ist im Kanton Luzern verboten und wird im Übertretungsstrafgesetz unter «Unerlaubte Sammlungen» geregelt. Dort steht: «Wer öffentlich oder von Haus zu Haus ohne Bewilligung Gaben sammelt, wird mit Busse bestraft.»

Jerry kam bisher noch glimpflich davon. Zwar gerate er immer wieder an eine Patrouille der Stadtpolizei, konnte sich aber bisher stets mit den Ordnungshütern einigen, ohne eine Busse aufgebrummt zu bekommen.

Trotz des Verbots, ist das Mischeln für Jerry immer noch die anständigste Art als drogensüchtiger Obdachloser an Geld zu kommen. «Ich könnte es mir auch einfach machen, indem ich die Leute ausraube, anstatt sie höflich um eine kleine Spende zu bitten. Ladendiebstahl oder auf den Strich gehen wären auch Möglichkeiten», sagt er und führt gleich weiter aus: «Das habe ich alles auch schon gemacht. Wenn ich daran denke, geht es mir schlecht.» Für die Leute, die er bestohlen habe, tue es ihm unendlich leid. Damals hätte er einfach keinen anderen Ausweg gesehen, ausser diesem vermeintlich einfachen Weg. «Das waren meine schlimmsten Momente auf der Gasse.»

«Auf den zweiten Blick bin ich ein ganz normaler Mensch» 

Wenn Jerry bettelt, stösst er oft auf Unverständnis bei den Passanten, ab und zu wird er beschimpft. Die Parolen sind immer wieder dieselben: «Du fauler Hund, geh doch arbeiten wie normale Menschen auch», oder «Du gibst das Geld ja eh nur für Drogen aus. Hör doch auf mit dem Scheiss und werde clean». Wenn das nur so einfach wäre, sagt Jerry. «Aufhören ist das eine. Clean bleiben das andere.» Es nütze ihm daher nicht viel, wenn ihm die Leute sagen, was er machen soll. «Die meisten können sich nicht in meine Situation hineinversetzen», sagt er, «wer aber das Gespräch mit mir sucht und einen zweiten Blick riskiert, der sieht schnell, dass ich auch ein ganz normaler Mensch bin, der einfach nur versucht über die Runden zu kommen.»

Aus den anfänglichen 20 Franken sind mittlerweile 40 Franken geworden. Allmählich schwindet die Gelassenheit nach dem ersten Heroinschuss. Zwei Stunden sind seither vergangen. Jerry wird unruhig. Nervös kratzt er sich am Arm, am Nacken, am Bart. Ruhig stehen oder sitzen geht nicht mehr. Der Heroinknall lässt nach. «Jetzt brauche ich Koks.» Aus der Telefonzelle am Schwanenplatz ruft er seinen Dealer an und eine halbe Stunde später hält Jerry 0,4 Gramm Kokain in der Hand. Mit zügigen Schritten marschiert er zum Schiffsteg am Bahnhof. Hinter einer Mülltonne macht er es sich gemütlich – direkt am Wasser und mit schöner Aussicht auf das rechte Seeufer. Ein idyllischer Ort für den nächsten Knall.

Bis zu 15 Einheiten Heroin und Kokain pro Tag

Jerry ist Polytoxikomane. Das heisst, er konsumiert mehrere verschiedene Drogen gleichzeitig. Vor allem Heroin und Kokain. Bis zu 15 Einheiten à 0,2 Gramm schiesst er sich täglich in die Venen – meistens nimmt er gleich zwei bis drei Portionen auf einmal. Eine Einheit kostet etwa 20 Franken.

Das Heroin gebe ihm ein bestimmtes Gefühl, dass er sonst nirgends bekomme. «Es hemmt meinen Puls und beruhigt mich», so Jerry. «Es nimmt mir auch meine Kopf-, Rücken- und Zahnschmerzen. Zudem wirkt es wie ein Antidepressivum.» Kokain konsumiert er als Ausgleich: «Koks wirkt pulssteigernd. Dadurch fühle ich mich lebendig und anwesend. Erst dann kann ich richtig auf- und ausatmen.» Wie das Heroin, konsumiert er auch das Kokain über die Nadel. Durch die Injektion wirke es einfach schneller und stärker. Hin und wieder nimmt er auch etwas LSD oder Meskalin, manchmal raucht er einen Joint.

Essen, Trinken, Schlafen – all das wird unwichtig

Gerade als er sich die Nadel in den Arm sticht, fährt ein Schiff nur wenige Meter an Jerry vorbei. Ihm ist das egal, er bemerkt es nicht einmal. Denn jetzt kann er wirklich nur noch an den kommenden Rausch denken. So sei das immer, wenn ihn die Sucht überkommt: Jerrys Bedürfnisse reduzieren sich nur noch auf den nächsten Knall. Es wird zum einzigen Verlangen, das sein Körper fordert. Essen, Trinken, Schlafen – all das wird unwichtig.

Kurz nachdem das Kokain durch seine Venen fliesst, hat er seine Sachen bereits wieder zusammengepackt, steht in einem Ruck auf und schlendert in Richtung Bahnhof. Wie immer blickt er nochmals zurück, ob er den Platz auch so verlassen hat, wie er ihn vorgefunden hatte.

Mittagessen in der «Gassechuchi»

Inzwischen ist es Mittag und der Kokainrausch macht Jerry hungrig. Wie fast immer um diese Zeit, zieht es ihn auch heute in die «Gassechuchi». Er ist einer von etwa 1200 Menschen, die dort registriert sind. Nur wer auch gemeldet ist und kein Hausverbot hat, kommt am Sicherheitsmann vorbei. Der sitzt in typischer Securitas-Uniform hinter einer Glasscheibe am Eingang und prüft, wer rein darf und wer nicht. Jerry darf.

Für fünf Franken bekommt er ein ordentliches Menü: eine Tomatensuppe, einen Salat und zwei panierte Randenplätzli mit Risotto. Sirup gibts umsonst. Zubereitet wird das Essen hauptsächlich von Bedürftigen, die sich so etwas dazu verdienen können.

An diesem Mittag befinden sich etwa 50 Personen im schmucken Holzhaus am Geissensteinring 24. Es geht laut und hektisch zu und her. Ein Mann hämmert an die Türe der Toilette und brüllt so laut, dass ihn auch ja alle hören: «Komm endlich da raus. Ich muss auch mal.» Zwei weitere Männer streiten miteinander und schreien sich über den Tisch hinweg an, bis einer genug hat und samt seinem Teller im Schneidersitz auf dem Fussboden Platz nimmt. Trotz aller Hektik und Unruhe sorgen die Mitarbeiter der Gassechuchi dafür, dass es dennoch friedlich bleibt.

Die sozialen und christlichen Einrichtungen sind enorm wichtig

Das Angebot an sozialen und christlichen Einrichtungen in Luzern schätzt Jerry sehr: «Wenn es diese Institutionen nicht gäbe, dann wäre mein Leben auf der Gasse erheblich schwerer.» Ob eine warme Mahlzeit in der Gassechuchi, frische Kleider und Schuhe im «Murbi» (Medizinisches Ambulatorium an der Murbacherstrasse 20) oder ein Bett in der Notschlafstelle – all das erleichtert sein Leben enorm.

An diesen Orten bekommt er zudem noch etwas, das für ihn lebensnotwendig ist: «Dort erhalte ich frisches Besteck, sprich Spritzen und Nadeln. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich saubere Utensilien für meinen Konsum habe.» So paradox es auch klingt: «Trotz allem liegt mir meine Gesundheit am Herzen», betont Jerry.

Noch während des Mittagessens beginnt er unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. Auch das nervöse Kratzen ist wieder da. Normal zu essen fällt ihm immer schwerer. Die Sucht macht sich wieder bemerkbar und Jerry kann nur noch an eines denken: den nächsten Knall.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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2 Kommentare
  1. Maria Graf, 10.03.2013, 09:41 Uhr

    Drogensucht in ein Tabu. Kein Wunder, das Thema macht uns Angst und das zurecht. Jerry zeigt uns Einblicke in seinen Alltag, ehrlich und ungeschminkt. Die Bilder machen betroffen. Mir läuft eine Gänsehaut den Rücken runter. Dennoch: Ich finde es wichtig, dass wir, die Gesellschaft, nicht einfach wegschauen und so tun, als ginge uns Jerrys Sucht nichts an. Er ist ein Mitglied unserer Gesellschaft und er ist krank. Trotzdem ist er nicht weniger wert wie jede und jeder Einzelne von uns. Wenn ich mir vorstelle, dass Jerry keine Familie und keine Zuhause hat, ganz allein auf sich gestellt ist, dann macht mich das sehr traurig. Wie er sein Leben auf der Strasse meistert, dafür hat er Respekt verdient.

  2. Tonino Bucherinsky, 08.03.2013, 19:11 Uhr

    Wenn jeder ein garantiertes Grundeinkommen hätte, würden ca. 98% eine Arbeit suchen. Denn, wer möchte nicht sich Ferien, Kino, Theater o.ä. sich leisten können? Als Preis gäbe es keine Sozialleistungen, Prämienbefreiung vom Staat! Weiter DENKEN….