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Von einer davonrennenden Vulva und einem betrunkenen Jesus
  • Kultur
  • Rezension
Gian Rupf inszeniert mit viel Gespür für die einzelnen Figuren. (Bild: Daniela Herzog )

Burgbachkeller Zug: «Intelligent, aber Hanswurst» Von einer davonrennenden Vulva und einem betrunkenen Jesus

4 Min 22.02.2019, 11:06 Uhr

Das verloren gegangene «Flattermäuschen» und ein betrunkener Jesus: Die liebevoll obszönen und grotesk anmutenden Ein-Mann-Stücke des Komödianten Dario Fo haben ihre Wirkung nicht verloren. Gian Rupf las am Donnerstag im Zuger Burgbachkeller aus «Obszöne Fabeln/Mistero Buffo». Ein urkomischer Abend.

Wenn der Ziegenhirte Giavan das Flattermäuschen seiner Frau bei deren Mutter zu finden glaubt, der Dichter Lucius als verwandelter Zirkusesel öffentlich mit einer Sklavin schlafen muss und dem Volk bei der Auferstehung des Lazarus das Geld aus den Taschen gezogen wird, ist wohl Dario Fo im Spiel.

Der italienische Nobelpreisträger und Tausendsassa – er war Autor, Kolumnist, Schauspieler, Theaterregisseur, Satiriker und Komponist – hat mit seiner provozierenden und scharfzüngigen Art die Herrschenden verspottet und sah gerade im Humor den Schlüssel zur Machtkritik. Seine Stücke werden nach wie vor gerne von Theatergruppen aufgeführt, so beispielsweise setzte sich die Junge Bühne Zug im vergangenen Jahr mit der politisch-religiösen Satire «Der Papst und die Hexe» auseinander.

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Geschichten erzählen statt Smartphone

Nicht zum ersten Mal war der Bündner Schauspieler Gian Rupf in Zug zu Gast. Vor knapp zwei Jahren spielte er mit René Schnoz «Ein Russ im Bergell» (zentralplus berichtete). Diesmal ganz ohne Kostüme, Requisiten, Bühnenbild und Schauspielpartner betritt Rupf unter musikalischer Begleitung des Akkordeonisten Goran Kovacevic casual den Keller und führt mit tiefer Stimme und ausgeprägtem Bündner Dialekt in den Abend ein. 

Dario Fo beschäftigte sich mit Fabeln und Erzählungen aus dem Mittelalter. Da habe man sich eben noch Geschichten erzählt und nicht nur aufs Smartphone geschaut. Die wenigen älteren Leute, die sich an diesem Abend im Burgbachkeller eingefunden haben, werden ihm da wahrscheinlich nicht widersprechen.

Der Akkordeonvirtuose Goran Kovacevic lässt seine schnellen Finger über die Knöpfe tanzen.

Der Akkordeonvirtuose Goran Kovacevic lässt seine schnellen Finger über die Knöpfe tanzen.

(Bild: Daniela Herzog)

Das verloren gegangene «Flattermäuschen»

Mit einem der bekanntesten Stücke Fos, La parpàja-tòpola, eröffnet Rupf den Erzählabend. Er wechselt auf Hochdeutsch und trägt, bald erzählend, bald spielend, die lustigen Texte vor. Es geht um den Ziegenhirten Giavan, der aufgrund des Todesfalls seines Herrn zu unverhofftem Reichtum kam. Der Herr hinterliess keine Nachkommen, weil er zeitlebens Angst vor dem Flattermäuschen hatte, das die jungen Frauen unterm Rock trugen. Diese Möschen und Mäuschen könnten manchmal sogar zubeissen, warnte er Giavan.

Gleichzeitig gab es da die Trullerin, deren wunderschöne Tochter Alessia ein Verhältnis mit dem Pfarrer hatte. Das wurde der Mutter langsam zu bunt und sie verpflichtete den Pfarrer dazu, ihre Tochter zu verheiraten. Der neureiche, naive und dümmliche, aber liebevolle Giavan kam dem Pfarrer also gerade gelegen. Mit Hilfe eines Gauklertricks gelingt es dem Pfarrer, die beiden zu vermählen. Als Giavan in der Hochzeitsnacht endlich das Flattermäuschen sehen will, entgegnet ihm Alessia, sie habe es zu Hause bei ihrer Mutter vergessen.

Heulen mit den Wölfen

Hier dreht Rupf zum ersten Mal richtig auf und spielt den hektisch zur Trullerin eilenden Giavan, der sich durch den dunklen Wald kämpft, dabei auf heulende Wölfe trifft, durch tiefe Flüsse tauchen muss, um schliesslich bei der schnarchenden Schwiegermutter anzuklopfen und nach dem Flattermäuschen zu fragen: «Ich will nur das Flattermäuschen holen…» «Was für ein Flattermäuschen?» «Das, was du hast!» «Du willst meine…?! Hast du nicht genug an der von meiner Tochter?!»

Die Dialoge Fos bringen das Publikum immer wieder zum Schmunzeln. Mit viel Feingefühl gelingt es Rupf zudem hervorragend, die szenischen Klänge nachzuspielen. Er heult mit den Wölfen, blubbt im Wasser und schnarcht, was das Zeug hält. Dabei setzt er gekonnt seinen ganzen Körper ein und verschwindet beim Tauchgang beispielsweise allmählich hinter seinem Notenständer. Immer wieder setzt auch Kovacevic mit ein und betont akustisch die Geschichten. Fast schon als Running-Gag der zweiten Geschichte ertönt bei jedem Tritt in die Eier des Esels Lucius ein schriller, hoher Warnton.

Rollenwechsel im Eiltempo

Gleich eine ganze Menge von Leuten spielt Rupf in der nächsten Geschichte. Das Volk versammelt sich am Grab des Lazarus, um seiner Auferweckung von den Toten beizuwohnen. Nach langem Warten im Gedränge kommt endlich Jesus:

  • Welcher ist es?
  • Der Schwarze da! Uffa! Was für stechende Augen der hat!
  • Aber nein! Das ist doch der Markus!
  • Der da hinten?
  • Welcher ist es denn nun? Der Grosse, Schöne?
  • Nein, der Kleine da!
  • Das Jüngelchen?
  • Ja, der mit dem Bärtchen!
  • Euh! Der sieht ja noch aus wie ein Junge!
  • Da, schau nur, die ganze Mannschaft ist bei ihm!
  • Ojeh! Der Johannes! Den Johannes kenn ich persönlich! Huhu, Johannes! Jesus! Och, ist der süss, der Jesus!
  • Da schau mal! Sogar die Madonna ist dabei! Die ganze Verwandtschaft hat er mit! Aber die hat er ja immer dabei allesamt… Olalala!
  • Ich glaube, sie haben Angst, ihn alleine auf die Strasse zu schicken. Er ist nicht ganz richtig im Kopf…
  • Jesus! Hast du gesehen? Er hat mir zugezwinkert!
  • Jesus! Jesus! Mach nochmal das Wunder mit den Fischen und den Broten, wie neulich, die waren wirklich hervorragend!
  • Still! Du Ketzer! Benimm dich!

Natürlich gibt bereits der Text Fos unglaublich viel her, erinnert manchmal auch an Monty Python. Rupf inszeniert das Hin und Her urkomisch mit viel Körpereinsatz, unterschiedlichen Stimmlagen und einer betonten Mimik, so dass immer klar ist, wann ein Rollenwechsel stattgefunden hat. Zwischen den Stücken spielt Kovacevic wunderschön melancholische und lebensfreudige Stücke und spinnt damit die Weben zur nächsten Geschichte. Wir hätten gerne noch eine weitere gehört.

Nüchterne Bühne ohne Firlefanz.

Nüchterne Bühne ohne Firlefanz.

(Bild: Daniela Herzog)

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