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Von der Mühsal, Zuger zu sein

3 min Lesezeit 25.02.2016, 12:23 Uhr

Der Druck, sich für den Kanton Zug rechtfertigen zu müssen, ist hoch. Seit Jahren. Diese Woche war es wieder besonders schlimm. Und Besserung ist nicht in Sicht, wohl auch nicht nach der Kantonsratsatsdebatte vom Donnerstag.

Diese Woche ist wieder anstrengend. Gestern erreichen mich zwei Mails: Ob es mir eigentlich als Zuger nicht peinlich sei, wenn wir reiche Ausländer bei Niederlassungsbewilligungen bevorzugen, fragt eine Kollegin. Ein ehemaliger Arbeitskollege sieht bei Gerhard Pfisters gleichentags geäusserten Vorschlag, für Asylverfahren Christen zu bevorzugen, einen Bruch des humanitären Völkerrechts.

Liegt’s am Wetter, dass sich alle bei mir auslassen? Nein. Der «Kassensturz» berichtet tags zuvor über eine Zuger Firma, die ahnungslose Mieter über den Tisch ziehen soll. Und über fehlerhafte Produkte der Baarer Firma Sika. Überhaupt Sika, seit einem Jahr wegen einer Zuger Familie, die den grossen Reibach machen will, in den Schlagzeilen. Transocean und Glencore, zwei andere «Zuger», ebenfalls ein Dauerbrenner. Fast schon vergessen all die Fragen, was ich denn zu Thomas Aeschi als Bundesrat meinen würde. Immerhin hat sich dies nun erledigt. Jolanda Spiess-Hegglin hingegen ist weiterhin präsent. Auch bei meinen Bekannten.

Ewig dieselbe Leier

Das geht nun schon seit rund 15 Jahren so. Seit es mich für eine Arbeit nach Bern zog. Wann immer ich seither Bekannten oder Freunden aus der West- oder Ostschweiz begegne, werde ich auf den Kanton Zug und seine illustren Exponenten angesprochen. Am heiligen Abend beim Essen, tags darauf auf der Skipiste. Auch der Deutsche im Hotel weiss, dass wir Zuger ja «so wenige Steuern» bezahlen. Auf Kosten von Dritten.

Mir sagt seine Heimatregion nichts, ich kann nicht mal kontern. Schade. Dauer-Rechtfertigungsdruck. Die Entgegnung, ich hätte mit all diesen Firmen und Personen nichts am Hut, weckt zweifelnde Blicke. Klar, man kenne meine Einstellung. Aber dennoch, Zug sei doch… ich meinte eigentlich, Sippenhaftung sei abgeschafft. Vergessen sind die positiven Aspekte wie Bürgernähe oder Dienstleistungsqualität der Verwaltung. Und auch die Steuerrechnung ist zwar etwas tiefer als andernorts, aber sie ist und bleibt eine Rechnung.

Nationale Spitzenposition – in Sachen Rechtfertigungsdruck

Warum muss ich mich ständig für meine Heimat rechtfertigen? Auch in grösseren Runden ist es nicht der Berner, der auf ein Finanzloch seines Wohnkantons angesprochen wird. Oder der Luzerner, der sich für die tiefsten Unternehmenssteuern rechtfertigen soll. Nein, diese Rolle fällt mir zu. Ich kenne keinen anderen Kanton, der seine Einwohner dermassen fordert. So wie sich früher Cablecom-Mitarbeiter in ihrem Bekanntenkreis für den schlechten Kundendienst entschuldigen mussten. Oder Swisscom-Mitarbeiter von ihren Kollegen bei Internet- oder Handy-Problemen um Rat gefragt wurden.

Eine grosse Identifikation mit dem Arbeitgeber mag ja noch angehen. Aber macht mich ein föderalistisches Staatsgebilde zwingend zu einem Lokalpatrioten? Klar, man könnte wegziehen. Wohnungen wären andernorts günstiger, und vielleicht könnte man dann das Bier in der Beiz wieder auf schweizerdeutsch bestellen, statt auf englisch. Und an den Liebfrauenhof erinnern mich heute eh nur noch Geburtsschein und eine Mandeloperation. Doch da sind auch all die schönen Momente. Schlitteln im Guggiwäldli, der Sonnenuntergang auf dem damals noch kiesigen Landsgemeindeplatz. Oder das Gefühl von Heimat, das am Freitag Abend alleine schon das Zuger Schild beim Überfahren der Reuss auf der A4 auslöste.

Ist man sich der Folgen bewusst?

Ich bezweifle, ob den Zuger Politikern überhaupt klar ist, dass sich ihre Bürger für ihre Entscheide und deren Folgen regelmässig rechtfertigen müssen. Dies dürfte auch nach der heutigen Kantonsratsdebatte nicht anders sein. Die Fronten sind klar, die bürgerliche Mehrheit wird reiche Ausländer bevorzugt behandeln, alles andere wäre mehr als erstaunlich. Und ich beginne schon mit einem Erklärungsmail für mein Umfeld.

Update: Ich muss mein Erklärungsmail umschreiben. Der Kantonsrat befreit reiche Ausländer tatsächlich von der Pflicht, Deutschkenntnisse erwerben zu müssen. Aber nicht nur sie: Auch normale Ausländer sollen in Zug nicht mehr deutsch lernen müssen. Damit ist der Vorwurf der Diskriminierung vom Tisch. Vorerst. Vielleicht beschliesst man in der nächsten Sitzung ja, dass Zuger nun Englisch lernen müssen. Irgendwie muss sich Otto Normalbürger ja mit all den Niedergelassenen unterhalten können.

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