Von Bergen und getriebenen Reitern
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Tobias Gerber am Sopransaxofon während Müllers «Leads & Traces»

Ensemble Werktag im Zuger Burgbachkeller Von Bergen und getriebenen Reitern

4 min Lesezeit 09.06.2017, 14:17 Uhr

Das Ensemble Werktag lud am Donnerstagabend zum Konzert in den Burgbachkeller. Sein neustes Konzertprogramm «Leads & Traces» besteht ausschliesslich aus Uraufführungen Schweizer Werke und forderte ihm – und auch dem Publikum – so einiges ab. zentralplus hat das Konzert besucht und die Ohren gespitzt.

Das Ensemble Werktag, bestehend aus Tobias Gerber, Rafael Rütti und Sebastian Hofmann, hat sich der Realisation zeitgenössischer Musik verschrieben. Während in ihrem Repertoire viele grosse Namen wie Alvin Lucier, Peter Ablinger und György Kurtág zu finden sind, haben es ihnen vor allem die Werke unbekannter, aufstrebender Komponisten angetan. Ihr neustes Konzertprogramm «Leads & Traces» besteht dann auch ausschliesslich aus Uraufführungen Schweizer Werke.

Ein Berg mit viel Rauschen

Zum Auftakt wurde die Komposition «Mont Blanc» von Radial (Mio Chareteau und Alexandre Babel) gespielt. Chareteau, die eigentlich Performance-Künstlerin ist, und Babel, Genfer Perkussionist und Komponist, wählten für ihre Komposition eine für die zeitgenössische Musik eher ungewöhnliche Form. Anstatt das immense musikalische Potenzial des Ensembles auszunutzen, «beraubten» sie die Musiker ihrer Instrumente und drückten ihnen drei Paar Tonschälchen in die Hand. In Reih und Glied am Bühnenrand positioniert, reiben die Musiker ihre neuen «Instrumente» mit kreisenden Bewegungen aneinander, sodass der Raum von einem schwach pulsierenden Rauschen erfüllt wurde.

Kaum merkliche Veränderungen der Bewegungstempi und der Handflächen hoben und senkten die Tonhöhen, als ob die Geschichte des namensgebenden Bergs, des Mont Blancs, zusammengepresst wiedergegeben wird.

Als Zweites folgte «Leads & Traces» von Christian Müller. Der Bieler Bassklarinettist und Improvisator schrieb für das Ensemble Werktag ein knapp 40-minütiges Werk, das es in sich hatte.

Vom Führen und Folgen

Zu viert, der Komponist selbst an den Electronics und das Ensemble Werktag an seinen gewohnten Instrumenten, spielten sie den Beginn des Stückes. In langsamem Tempo folgte der gleiche Ton am Klavier und der Perkussion, dann etwa 15 Sekunden Pause und der gleiche Ton nochmals. 15 Sekunden Pause und wieder der gleiche Ton. Nacheinander steigen auch das Saxofon und die Electronics mit ein, die Pausen verkürzen sich, die Töne werden verändert und werden zu homorhythmischen Dissonanzen.

«Leads & Traces» ist ein Stück, welches nicht nur den Musikern, sondern auch den Zuhörern alle Konzentration abverlangt.

Während das Stück sich weiterentwickelt – Klaviernoten werden gedämpft, aus dem Saxofon erklingen Multiphonics –, wird klar, dass der Titel des Stückes nicht etwa abstrakt zu interpretieren ist, sondern ganz direkt die musikalische Interaktion widerspiegelt. Jemand führt, in diesem Falle Sebastian Hofmann an der Perkussion, der das Ensemble mit seinen Schlägern dirigiert, und die anderen verfolgen und spüren dem eben Gespielten nach, in dem Obertöne von Instrument zu Instrument wandern.

Im Verlauf der Komposition wiederholen sich diese Muster, mal in Pianissimo, um die Hertzverschiebungen der Obertöne hörbar zu machen, mal in brachialem Fortissimo, das Tempo wird gesteigert in einen zählbaren 4/4-Takt, und zerscherbelt wieder in ein dirigiertes ad libitum und besinnt sich auf den Anfang zurück. Die Einsätze sind präzis und klar gespielt, die Töne wohlgeformt und die Pausen mit Spannung gefüllt, und doch zieht sich das Stück in die Länge. Zu viel Klanginformationen sind in diesem Stück verpackt, zu anstrengend ist das aktive Hören von Obertönen – «Leads & Traces» ist ein Stück, welches nicht nur den Musikern, sondern auch den Zuhörern alle Konzentration abverlangt.

Ein fulminanter Abschluss

Als Letztes wurde nach einer Umbaupause «Polygraphie du Cavalier» von Alexandre Babel gespielt. «Polygraphie du Cavalier», zu deutsch die mehrschichtige Darstellung eines Reiters, ist in diesem Falle bildlich zu verstehen: Der Reiter auf dem Pferd, gespielt von Hofmann, der mit Gummiballschlägern auf der Pauke einen kontinuierlichen, dumpfen Rhythmus spielt, die Hindernisse dargestellt durch die scharfen Akzente des präparierten Klaviers und des Sopransaxofons.

Je länger das Stück dauert, desto mehr Geräusche kommen hinzu – Schleifpapier, luftgefüllte Spraydosen, Schläge auf den Flügel, Metronome, man möchte fast meinen, man hört eine Live-Version von Chaplins «Modern Times». Hände fliegen nach links und rechts, hier einmal geklopft, da die Dose gedrückt und wieder zurück ans Instrument. Und dann, aus dem Nichts, ein erlösender Quart-Klang aus dem Flügel. Das erste – und auch einzige – identifizierbare Intervall, welches augenblicklich die Stimmung im Stück verändert.

Während bisher insistierende Viertel gezählt wurden, läuft das Stück nun plötzlich in Halben, als ob der Reiter vom Galopp in einen Trab gewechselt hat. Zum ersten Mal an diesem Abend kann der Zuhörer tief durchatmen und in seinem Stuhl versinken. Und auch wenn sie nicht lange anhält: Diese fast schon versöhnliche Stimmung springt auch auf die Musiker über, sodass sie mit neu gewonnenem Elan den Reiter wieder galoppieren lassen, diesmal aber ganz entspannt dem Ende entgegen.

«Chranki Sieche»

Das Ensemble Werktag macht es sich mit ihrem Konzertprogramm «Leads & Traces» nicht einfach. Nebst den technischen Herausforderungen, die durch die Kompositionen an die Musiker gestellt werden, gilt es über 90 Minuten hinweg die Spannung zu halten und nie die Konzentration zu verlieren, damit das Publikum nicht abschaltet. Und dies ist ihnen – bis auf wenige kurze Moment – überaus gelungen, was auch für gestandene Musiker wie die vom Ensemble Werktag keine Selbstverständlichkeit ist. Oder wie einer der spärlich erschienenen Zuschauer nach dem Konzert zu niemand Bestimmtem meinte: «Chranki Sieche!»

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