Vom Sportmuffel zum Kung-Fu-Mönch
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Roger Stutz aus Littau ist der erste Shaolin-Meister der Schweiz. (Bild: zvg)

Luzerner Shaolin-Meister Vom Sportmuffel zum Kung-Fu-Mönch

7 min Lesezeit 27.01.2016, 11:55 Uhr

Als Kind wollte Roger Stutz gar kein Kung Fu lernen – heute ist er ein Meister seines Fachs. Als erster Schweizer Shaolin trägt er buddhistisches Wissen aus Fernost nach Luzern. Im Gespräch mit zentral+ erzählt er, wie aus dem Littauer Jungen ein Kung-Fu-Mönch wurde und wie er in China um sein Leben fürchten musste.

Der Shàolín-Chán-Tempel Luzern liegt eingebettet zwischen den Hängen des Littauerbergs und den Ausläufern des Pilatus mitten im Renggloch. Hinter Gebäuden diverser Garagisten, direkt neben dem fliessenden Renggbach, thront der Tempel auf einem Dach mit Blick auf die Alpenkette. Die Zufahrt ist mit buddhistischen Wimpeln dekoriert und am Eingang hängen chinesische Lampions. Dahinter wartet ein sanftmütiger Mann in traditioneller Kleidung aus Fernost. Seine Augen glitzern. Es ist Roger Stutz, der erste Shaolin-Meister der Schweiz.

Er ist der Gründer und Leiter des im Jahr 2000 eröffneten Shàolín-Chán-Tempels in Luzern. In zwei Trainingssälen wird mit Gerätschaft, Waffen und Masken Kung Fu geübt. Seit Januar 2007 gibt es in der Mitte der Schule zusätzlich einen Tempel mit grosser Buddha-Statue, in dem den ruhigeren Tätigkeiten wie der Meditation nachgegangen und verschiedene Zeremonien ausgeübt werden. 

«Am dritten Tag ging ich vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung zu Boden.»

Roger Stutz als Kämpfer mit einem Stab (Bild: esa).

Roger Stutz als Kämpfer mit einem Stab (Bild: esa).

«Ich habe mit drei Leuten angefangen. Am Anfang habe ich nebenbei normal gearbeitet und so alles selbst finanziert», erzählt Kung-Fu-Meister Stutz, der mittlerweile für rund 200 Schüler verantwortlich ist. Seit 2008 ist er vollamtlich für den Tempel engagiert und beschäftigt zwölf weitere Meister und Instruktoren. Neben Kung Fu unterrichten sie weitere energetische Übungen wie Taiji, Qi Gong, Sanda und Löwentanz.

Kung Fu erobert die Welt

Im mittleren Westen Chinas, in den Bergen von Songshan, steht ein buddhistisches Kloster – ein Tempel. Der Tempel, sowie der darin lebende Mönchsorden, tragen denselben Namen: Shaolin. Im Buddhismus wird danach gestrebt, mit Übungen und Meditation das Innere mit dem Äusseren in Einklang zu bringen – die Verschmelzung von Spiritus und Physis zu erreichen. Eine dieser traditionellen Übungen machte die Mönche weltbekannt: Kung Fu. Touristen strömten nach Shaolin und begegneten zunächst einem heruntergekommenen Tempel mit ein paar wenigen Mönchen. Trotz des aufkommenden Tourismus verblieb die Gegend in ärmlichen Verhältnissen. Die Shaolin-Mönche, deren Anzahl mit der Zeit wieder wuchs, gingen deshalb mit einer Kung-Fu-Show auf Tour durch den Westen. Dabei brachten sie nicht nur Geld mit nach Hause, sondern auch neue Schüler. Einer davon ist Roger Stutz aus Littau – der erste Schweizer Shaolin-Meister.

«Im Shàolín-Chán-Tempel Luzern werden alle Inhalte in Zusammenhang mit den spirituellen Hintergründen gelehrt», erklärt Roger Sutz. «Wer nichts damit anfangen kann, darf aber trotzdem hier trainieren. Man muss deswegen nicht zum Buddhismus konvertieren», erklärt der Familienvater, der an Kung-Fu-Wettkämpfen auch als Schiedsrichter agiert. Im Gegensatz zum akrobatischeren Wushu-Kung Fu lehrt Roger Stutz das traditionelle Shaolin Kung Fu.

Schüler wider Willen

Als Roger Stutz Mitte der 1980er-Jahre aufwächst, wollen seine Eltern, dass er sich sportlich betätigt – am besten in einem Verein. Damit konnte er jedoch nicht viel anfangen. «Ich war nie gerne mit vielen Leuten zusammen, war eher zurückhaltend. Mannschaftssport hat mir nie so gepasst.» Die Mutter schlägt ihm Judo oder Karate als Alternativen vor. «Das hat mir natürlich auch nicht gefallen», erzählt der heute 35-Jährige. «Da wurde man auf den Boden geknallt und angebrüllt.»

Zur selben Zeit läuft eine Serie mit Schaupieler David Carradine im Fernsehen – sie heisst: Kung Fu. «Diese Sendung schaute meine Mutter immer gerne und meinte daraufhin, dass mir das doch auch gefallen könnte. Das sei so fein und schön harmonisch.» Dass ihr Sohn Kung Fu lernt, bleibt zunächst nur ein frommer Wunsch der Mutter. Es gab weit und breit keine entsprechende Schule und da Klein-Roger das wusste, liess er seine Mutter im Glauben, dass er unbedingt Kung Fu lernen möchte – und nichts anderes.

Als dann wenig später doch eine Schule eröffnete, war Roger Stutz enttäuscht: «Eigentlich hatte ich keine Lust darauf, aber ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Dann habe ich mich halt durchgebissen.» Doch dann hat es ihn doch gepackt. Bereits im zarten Alter von acht Jahren begann sich der angehende Kung-Fu-Meister auch für den spirituellen Aspekt hinter der Kampfkunst zu interessieren. Er wollte sich über buddhistische Lehren informieren – und das zu einer Zeit ohne Internet. «Das war damals noch relativ schwierig», erinnert sich Stutz.

Mit 16 bei den Shaolin

Es ist 1996, als die Shaolin-Mönche mit der Tournee «Wheel of Life» (engl.: Rad des Lebens) in Europa halt machen. Parallel zu ihrer Kung-Fu-Show veranstalten sie Wettkampfausscheidungen. Die besten drei Kung-Fu-Kämpfer aus Europa, Süd- und Nordamerika erhalten als Preis eine Einladung zum Training in Shaolin. Der damals 16-jährige Roger Stutz war einer dieser drei Besten westlich des Urals.

Der Auserwählte, der zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre Kung-Fu-Training hinter sich hatte, sagt dazu: «Ich gehe davon aus, dass sehr vieles über Durchhaltewillen, Freude, Ambition, Enthusiasmus und Erfahrung mit einwirkte.» Es dauerte zwei Jahre, bis Roger Stutz von seiner Auswahl erfuhr und die Einladung für den Tempel in Händen hielt. In der Zwischenzeit trainierte er weiter, absolviert mit 18 die Kung-Fu-Meisterprüfung nach Schweizer Norm.

«Ich habe gar nichts geschnallt, weil ich damals sehr spärlich Chinesisch konnte.»

Es folgen der Lehrabschluss als Feinmechaniker und die RS. Zum Jahrtausendwechsel hin kommt auch für Roger Stutz ein Wendemoment. Der 20 Jahre junge Mann wird angefragt, im Renggloch, in den Räumlichkeiten einer bestehenden Kampfkunstschule, ergänzend eine Kung-Fu-Schule zu eröffnen. «Zuerst wollte ich das gar nicht», erzählt Stutz, der lieber alleine trainierte.

Die Kung-Fu-Schule beinhaltet auch einen buddhistischen Tempel.

Die Kung-Fu-Schule beinhaltet auch einen buddhistischen Tempel.

Erst ein vereinfachter Finanzierungsweg machte ihm die Sache schmackhaft. «Wir vereinbarten einen symbolischen Beitrag für die Raummiete. Die Abmachung war: Je mehr Schüler ich habe, desto mehr muss ich zahlen.» Seine Vollzeitstelle als Mechaniker bei der Emmi behält Roger Stutz, als er im Jahr 2000 seine eigene Kung-Fu-Schule eröffnet. Später folgen Engagements als Tunnelbauer in der NEAT und Asthmageräte-Entwickler in der Pharmaindustrie. Seinen Lohn investiert er zu einem grossen Teil in die Schule und in China-Reisen.

Vom Lehrer zum Schüler                                                                    

Anfang 2003 entscheidet sich Roger Stutz, der Einladung nach Shaolin zu folgen. «Als ich nach China ging, ist die Schule mit etwa zehn Schülern weitergelaufen», erzählt der Littauer. In Shaolin wurde der Lehrer wieder zum Schüler. Wegen seiner Sprungkraft und Flexibilität nennt ihn sein neuer Meister «Fei Long» – fliegender Drache. Stutz wird stark gefordert – Muskelkater und blaue Flecken werden zum Alltag. Die maroden Räume machen es mitten im Winter nicht leichter. «Am Anfang gab es weder fliessendes Wasser noch Strom noch Zeitungen oder Fernsehen», erzählt der Schweizer Shaolin, der bald schon um sein Leben bangen musste.

Im Frühling 2003 begann die chinesische Regierung nämlich, die bäuerlichen Siedlungen im Dorf um Shaolin platt zu machen, um darauf eine moderne Touristenstadt zu bauen. Roger Stutz wurde von seinem Meister angewiesen, die Flucht zu ergreifen. «Ich habe gar nichts geschnallt, weil ich damals sehr spärlich Chinesisch konnte. Ich wusste nicht, wieso ich gehen sollte, weshalb sie den Tempel abreissen und was passiert.»

Flucht durch China

Drei Tage und Nächte lang wanderte er querfeldein durch die chinesische Landschaft. Dabei stiess er an seine Grenzen. «Am dritten Tag ging ich vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung zu Boden und habe zum Himmel geschaut. Da habe ich mir vorgestellt, was meine Familie im Moment macht, und mir gedacht: Es ist derselbe Himmel und trotzdem sehen wir einander nicht.» Stutz rappelt sich auf, läuft ein Stück, pausiert wieder und so weiter, bis er nach 90 Kilometern Marsch die Stadt Zhengzhou und damit den Anschluss zur Hauptstadt Peking erreicht.

Völlig verwirrt kommt er am Flughafen an. «Alle Menschen sind mit Masken herumgelaufen. Das war zu der Zeit, als SARS ausbrach. Im Fernsehen waren Bilder zu sehen von Bombardierungen und Panzern. Dort ging es um den Golfkrieg. Aber zu diesem Zeitpunkt habe ich alles miteinander verbunden – für mich war Weltkrieg!» Erst in der Schweiz kann er die Ereignisse einordnen.

«In der Kampfkunst geht es mehr als nur darum, sich zu bewegen, um zu schwitzen.»

Roger Stutz reist noch im selben Jahr seiner Flucht wieder nach China zurück – um seinen Meister zu suchen. Dieser adoptiert Stutz in seinen Ausbildungs-Stammbaum und unterrichtet ihn in einem neuen Tempel. Im Jahr 2006 wird Roger Stutz zum Shaolin-Mönch ordiniert. Seither trägt er den Titel «Shi Xing Long» – Drache der 32. Generation.

Mönchsleben ist modern geworden

Das Mönchsleben praktiziert Stutz nur noch phasenweise bei seinen China-Aufenthalten. Das Klosterleben in China habe sich mittlerweile gewandelt, erzählt der praktizierende Buddhist. «Heute hat jeder Mönch ein Handy und Strom gibt es zur Genüge. Es wurde sehr modern.» In der Schweiz fragen ihn die Leute, was das Leben als Shaolin beinhalte, besipielsweise: «Darfst du denn kein schönes Auto fahren oder Wohlstand haben?» Das dürfe er schon, sagt der Shaolin, «aber ich darf nicht daran festhalten. Man lernt, Gegenstände gerne zu haben, aber wenn ich das nicht mehr hätte, dann wäre ich nicht zu Tode betrübt. Es würde mich gar nicht belasten.»

Der Eingang zum Tempel beim Renggloch in Littau.

Der Eingang zum Tempel beim Renggloch in Littau.

Für den kommenden Herbst plant Roger Stutz die Veröffentlichung eines Buches, das in Kooperation mit Claudio Brentini entsteht. Dabei begeben sie sich auf die literarische Suche nach dem echten Shaolin. Es ist nämlich ein Unterschied, ob jemand Kung Fu als Kampfsport betreibt oder als Kampfkunst. «Kampfkunst ist vielseitiger», erklärt Stutz. «In der Kampfkunst geht es mehr als nur darum, sich zu bewegen, um zu schwitzen.»

Es gehe auch um eine spirituelle Ausbildung. «Wenn ich mich im Kung Fu wirklich in eine meisterliche Gegend bewegen will, muss ich mich zwingend auch mit dem Buddhismus auseinandersetzen wollen. Ich muss mich auch dementsprechend mit meinem Ego, meinen Präsent-Gedanken auseinandersetzen.» Selbst für den Schweizer Shaolin ist die Ausbildung nie wirklich zu Ende. «Wenn mein Meister an meiner Seite ist, dann kontrolliert er mich eigentlich die ganze Zeit. Es ist nicht irgendwann einfach einmal fertig, es ist eine Ausbildung, die ein Leben lang anhält.»

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