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Vom «Gärtlidenken» und der «Intendantitis»
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Ursula Hildebrand und Patric Gehrig setzen sich als freie Theaterschaffende für die Verbesserung der Produktionsbedingungen in der Zentralschweiz ein. (Bild: jav)

Freie Theaterschaffende in Luzern Vom «Gärtlidenken» und der «Intendantitis»

6 min Lesezeit 24.07.2015, 16:12 Uhr

Was tun alle Schauspieler und Theaterschaffenden, die nicht am Luzerner Theater angestellt sind? Die nennen sich Freie Szene und gewinnen politisch langsam an Aufmerksamkeit. Trotzdem hinkt die Zentralschweiz extrem hinterher. Es fehlt nicht nur an Geld.

Liest man über Luzerns Kulturpolitik oder die Salle Modulable heisst es in den letzten Monaten immer öfters: «Die Freie Szene sitzt mit am Tisch. Die Freie Szene wird mit eingebunden.» Alle nicken und murmeln zustimmend. Doch was sagt die Freie Szene denn? Und wer steht hinter dieser konfusen Wortkreation? Was ist das überhaupt – die Freie Szene?

Zwei Vertreter der Freien Theaterszene – offiziell im Rahmen von ACT Zentralschweiz, der Sektion des Berufsverbands der freien Theaterschaffenden, – sprechen inoffiziell über die Entwicklungen.

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zentral+: Was ist das überhaupt, die Freie Szene?

Patric Gehrig: Eigentlich kann man sagen: Alles was nicht Stadttheater ist.

Ursula Hildebrand: Es gibt die Gegensätze «Freie Szene» und «institutionalisiertes Theater». Dabei unterscheiden sich Produktionsweisen und -bedingungen, Hierarchien, Formen und Inhalte sehr. Ausserdem hat die Freie Szene keinen Auftrag. Sie arbeitet nach eigenen Wünschen und Vorstellungen. Sie gibt sich selbst den Zeitplan, den Inhalt und so weiter.

zentral+: Aber Laientheater zählt nicht zur Freien Szene?

Gehrig: Nein. Wir meinen damit die freien, professionellen Theaterschaffenden.

Hildebrand: Aber in der Zentralschweiz schliesst es das Thema auf eine Art mit ein, da viele Profis hier bei Laienproduktionen Arbeit finden. Als Regisseure zum Beispiel.

Gehrig: Die grosse Laientheaterkultur ist eine Besonderheit der Innerschweiz. In anderen Kantonen kennt man das weniger aber auch dort gibt es die Zusammenarbeit mit Profis.

Hildebrand:  Es handelt sich dabei aber auch um eine Überlebensstrategie für viele. In der Zentralschweiz gibt es weniger Möglichkeiten für Theaterschaffende. Und ganz ohne zu jammern: Die Freie Szene war in der Zentralschweiz finanziell komplett unterfördert. Aber man hat nun erkannt, dass das Giesskannenprinzip nicht funktioniert.

«Natürlich versuchen wir unsere Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.»
Patric Gehrig, Schauspieler

zentral+: War unterfördert? Heisst das, es ist nun besser?

Gehrig: Nein. Eine Verbesserung der Förderung ist angedacht, jedoch noch nicht realisiert. In Basel, Bern oder Zürich erhält man andere Beträge – dort kann man in der freien Szene ganz anders arbeiten, da man in der Stadt Zürich beispielsweise bis zu 150’000 Franken für ein Projekt erhalten kann. In der Stadt Luzern sind es im besten Fall 15’000 Franken. Daneben existiert aber natürlich auch die kantonale Förderung.

Hildebrand: Aber die chronische Unterförderung kommt jetzt zur Sprache – das ist für uns bereits ein grosser Schritt. Aber trotzdem: Monetär heisst das noch gar nichts.

zentral+: Dass sich die Wahrnehmung verändert hat, ist das ein Verdienst der Zusammenarbeit in der Freien Szene und des Berufsverbandes?

ACT – Berufsverband der Freien Theaterschaffenden

Der Berufsverband wurde 1983 gegründet. Seit 2009 nennt sich der Berufsverband neu: «ACT - Berufsverband der Freien Theaterschaffenden». Ziel von ACT ist es, das freie Theaterschaffen zu fördern und dessen Rahmenbedingungen zu verbessern.

Dazu bietet der Verband Beratungen an, will seine Mitglieder informieren und vernetzen. Auf kulturpolitischer Ebene vertritt der Verband die spezifischen Interessen von freien Theaterschaffenden und von wenig subventionierten Bühnen.

Ursula Hildebrand ist Präsidentin der Sektion Zentralschweiz und Patric Gehrig sitzt im nationalen Vorstand von ACT.

Hildebrand: Bestimmt. Der Verband macht heute vor allem Lobbyarbeit (siehe Box). Und ein Zusammenschluss ist sehr wichtig, denn je mehr Leute dahinterstehen, desto mehr Gewicht haben wir. Wichtig ist aber dafür, erstmal das vorherrschende «Gärtlidenken» aufzubrechen. Das habe ich stark gemerkt, als ich von Basel hergezogen bin. Das liegt aber auch an Förderstrategie.

Gehrig: Aber es ist auch Schweizer Tradition – das ist meins, das ist deins. Man muss den Leuten beibringen, dass man, wenn man alle Gärtli zusammenlegt, viel mehr davon hat.

zentral+: Sie sitzen als Verband und als Freie Szene beim TheaterWerkLuzern und der NeuenTheaterInfrastruktur (TWL/NTI) mit am Tisch. Wie geht die Zusammenarbeit zum Thema Salle Modulable voran?

Gehrig: Wichtig ist als Erstes, dass man bei diesem Thema zwischen Hülle und Inhalt unterscheidet. Die Hülle ist für uns momentan nicht relevant. Das wird sie vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Denn wie die Hülle, also das Gebäude für die Freie Szene nutzbar sein wird, ist völlig offen. Primär wird das Gebäude für das Lucerne Festival und das Luzerner Theater gebaut. Für die beiden muss es funktionieren. Für uns zählt das TheaterWerkLuzern (TWL), der inhaltliche und finanzielle, kulturpolitische Diskurs. Das ist ein politischer Prozess und wir versuchen als Vertreter der Freien Szene so viel wie möglich für diese rauszuholen – finanziell und bei der Mitsprache. Und natürlich versuchen wir, unsere Haut dabei so teuer wie möglich zu verkaufen. So wie es alle machen.

Hildebrand: Wir finden es erstmal toll, dass wir überhaupt an diesen Tisch gebeten wurden. Und mittlerweile auf Augenhöhe mit den Herren sprechen können – Annette Windlin hat dafür an vorderster Front gekämpft. Trotzdem bleiben wir der kleinste Player, sitzen am kürzesten Hebel. Nun geht es erstmal darum, dass die finanzielle Situation optimiert wird und wir räumlich das nutzen können, was bereits existent ist.

«An den freien Häusern wird deshalb immer mehr gefiltert und intendantisch ausgewählt.»
Patric Gehrig, Schauspieler

zentral+: Den Südpol.

Hildebrand: Den haben wir und darauf wollen wir uns fokussieren.

Gehrig: Da besteht aber noch ein Generationenproblem. Es gibt eine Freie Szene, die im Südpol stattfindet, aber es gibt auch eine, die da wenig Gehör findet, weniger beachtet wird.

Hildebrand: Der Südpol steht aber mittlerweile besser da. Doch er wurde grundfalsch gestartet – mit viel zu wenig Geld. Das eigentliche Programmgeld musste am Anfang in die Infrastruktur investiert werden. Kooperationen mit der Freien Szene waren finanziell gar nicht möglich. Das war aber eigentlich das Ziel – der Südpol als Produktionsräumlichkeiten – als sicherer Ort für die Entwicklung von spannenden Projekten über längere Zeit hinweg. Das ist momentan noch nicht möglich. Aber die haben es auch schwer. Mit dem Wenigen die ganze Szene abzudecken, ist gar nicht möglich. Und das führt zu einem intendantischen Vorgehen.

Gehrig: Ein Zeitzeichen.

zentral+: Intendantisches Vorgehen als Zeitzeichen?

Gehrig: Ja. Die Freie Theaterszene wird immer grösser. Es gibt immer mehr Schauspielabgänger, die teilweise auch speziell für das Produzieren und das «Überleben» in der Freien Szene ausgebildet werden. Derweil werden die Mittel eher weniger. An den freien Häusern wird deshalb immer mehr gefiltert und intendantisch ausgewählt.

Hildebrand: Damit kann nur ganz kleiner Teil der freien Theaterschaffenden in diesen freien Häusern produzieren.

Gehrig:Deshalb bildet sich momentan neben dem institutionalisierten Stadttheater eine kuratierte freie Szene – mit guten Produktionsbedingungen für wenige. Dadurch laufen wir aber Gefahr, dass die Häuser der freien Szene zu «kleinen Stadttheatern» verkommen und sich eine Off-Off-Szene bildet, die dann wiederum Bedürfnisse finanzieller und infrastruktureller Art anmeldet.

«Es geht vor allem darum, dass in Luzern künstlerische Freiräume fehlen.»
Ursula Hildebrand, Regisseurin

zentral+: Gäbe es eine Lösung für dieses Problem?

Hildebrand: Eigentlich geht es vor allem darum, dass in Luzern künstlerische Freiräume fehlen. Konkret Räume. Man darf das nicht vergessen: Es gibt nichts. Es gibt hier keine Schauspielschule mit Räumen zum Ausprobieren. Keine Rote Fabrik, kein besetztes Kochareal, keine leerstehende Kaserne zur Nutzung. Keine Orte, in welchen man einige Woche experimentieren kann, etwas für wenige Leute aufführen und auch scheitern darf. Wir haben kaum Möglichkeiten, auch bei Proberäumen. Das Produktionsgeld geht oft zu grossen Teilen dafür drauf.

Gehrig: Im Moment baut man von der Mitte her auf. Wunderbare Hüllen sind da, aber nicht fürs Ausprobieren, fürs Wurzeln bilden und Experimentieren. Es müsste eine Art Freihafen geben, wo man risikoarm Formen und Ideen testen und entwickeln kann. Nur so kann unsere Freie Szene starke Wurzeln bilden, die uns dereinst auch in der Salle Modulable einen guten Stand geben werden.

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