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Vitznau: Ein Millionär baut sein Dorf
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Das Park Hotel in Vitznau ist Wohn- und Arbeitszentrum von Peter Pühringer. Der Investor dominiert die Zukunft der Gemeinde. (Bild: Robert Müller)

Park-Hotel-Besitzer Peter Pühringer polarisiert Vitznau: Ein Millionär baut sein Dorf

13 min Lesezeit 08.07.2017, 05:23 Uhr

Der österreichische Unternehmer Peter Pühringer will aus dem verschlafenen Vitznau ein Zentrum der Musik, der Kulinarik und der Medizin machen. Wer nicht mitjubelt, macht sich unbeliebt.

Die Zentralschweiz präsentiert sich auf Frank Schüpbachs Terrasse wie im Werbeprospekt: Der Unternehmer blickt über den Vierwaldstättersee auf Bürgenstock und Pilatus. Keine Neubauten trüben die Sicht aufs Wasser, auf dem ein Raddampfer Richtung Luzern steuert. Schüpbachs Wohnung wurde erst vor zwei Jahren im steilen Hang errichtet, hoch über Vitznau, weit weg von allem.

Von hier oben blickt Schüpbach ebenso direkt auf das grösste und teuerste Hotel des Dorfes, das mondäne Park Hotel. 1867 als Pension Pfyffer eröffnet, 1903 vergrössert und mit Türmchen versehen, gehört es heute zu den luxuriösesten Hotels der Schweiz. Mehrmals gab es Auszeichnungen: Für das Haus selbst, oder für seinen Zweisternkoch Nenad Mlinarevic, der von Vitznau allerdings diesen Herbst nach Zürich übersiedeln wird.

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Investitionen von einer halben Milliarde

Oberhalb der Hotelzimmer, im Dach des Hauses, sind seit dem letzten Umbau Büros untergebracht. «Da wird das Geld gemacht», sagt Schüpbach. Tatsächlich sind mehrere Firmen an der Hoteladresse gemeldet, so etwa die ZZ Vermögensberatung AG. Sie alle laufen auf den Namen des Hotelbesitzers: Peter Pühringer, 75 Jahre alt, Vermögensverwalter, Fondsmanager, Mäzen. Die Medien haben ihn auch «Dorfkönig» und «Feudalherr» genannt. Obwohl er hier unternehmerisch tätig ist, gewährt ihm der Kanton Luzern eine Pauschalbesteuerung.

Der in der DDR geborene Österreicher kaufte das Park Hotel 2009 und liess es für 270 Millionen Franken umbauen. Bis 2021 will er weitere 250 Millionen Franken investieren: Im Steilhang zwischen dem Hotel und jenen Terrassenhäusern, wo Schüpbach wohnt, plant Pühringer 11 Villen, 50 Wohnungen, eine Konzerthalle für über 400 Besucher, das Forschungszentrum «Research and Innovation Center Lake Lucerne», Büros, Hörsäle, Konferenzräume sowie eine Markthalle, eine Kaffeerösterei und eine Bierbrauerei für die Bevölkerung.


Der in der DDR geborene Österreicher kaufte das Park Hotel 2009 und liess es für 270 Millionen Franken umbauen. Bis 2021 will er weitere 250 Millionen Franken investieren: Im Steilhang zwischen dem Hotel und jenen Terrassenhäusern, wo Schüpbach wohnt, plant Pühringer 11 Villen, 50 Wohnungen, eine Konzerthalle für über 400 Besucher, das Forschungszentrum «Research and Innovation Center Lake Lucerne», Büros, Hörsäle, Konferenzräume sowie eine Markthalle, eine Kaffeerösterei und eine Bierbrauerei für die Bevölkerung.

Diese ist sich nicht einig, ob sie den Bau der «Panorama-Residenz Vitznau» überhaupt will: Gegen den Gestaltungsplan gingen Einsprachen ein, kürzlich hat Pühringer ihn ein drittes Mal aufgelegt. Der Hotelbesitzer habe schlicht das Augenmass verloren, sagen seine Kritiker. Die Art und Weise, wie er seine Projekte vorantreibe, sei unzumutbar. Klar ist: Würde die Panorama-Residenz gebaut, wäre dies über die Region hinaus von Bedeutung. Grösser und teurer ist nur jenes Hotelprojekt, das die Katarer Ende August auf dem Bürgenstock eröffnen.

55 Meter hohe Hoteltürme

Es geht in Vitznau aber nicht nur um das Bauvolumen, sondern auch um die Frage, wie sehr ein einzelner Investor die Zukunft einer Gemeinde beeinflussen kann. Positiv oder negativ. Schon 2009 wollte Pühringer den Ortsteil Hertenstein im Nachbardorf Weggis komplett neu bebauen, mit Luxusresidenzen und einem Hotel inklusive zweier 55 Meter hoher Türme. Doch die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission beurteilte die Baupläne als «nicht landschaftsverträglich». Vorerst durch Einsprachen gestoppt ist in Vitznau Pühringers Projekt eines neuen Personalhauses mit Tiefgarage hinter dem Park Hotel. Nun muss das Gericht entscheiden.

Im Hang des «Huseboden» sollen elf Villen gebaut werden. Hinten das Park Hotel Vitznau.  (Bild: Robert Müller)

Im Hang des «Huseboden» sollen elf Villen gebaut werden. Hinten das Park Hotel Vitznau.  (Bild: Robert Müller)

Frank Schüpbach, der Vitznau bis 2004 als Gemeindepräsident vorstand, gehört nicht zu Pühringers Kritikern. Die Panorama-Residenz würde auf der Wiese direkt unterhalb seiner Wohnung errichtet werden. Dennoch lobt er die Visionen des Hotelbesitzers: «Für Vitznau ist Pühringer das Tüpfchen auf dem i. Der Sechser im Lotto.» Für Schüpbach sind Kritiker schlicht «Verhinderer». Auch andere Nachbarn zeigen sich gelassen. Ein älterer Herr findet dessen Projekte «eigentlich sehr gut»: Die Zukunft könne man ohnehin nicht aufhalten. Wenigstens profitiere das Dorf von den Investitionen – und er selber auch, über die niedrigeren Steuern.

«Besuch der alten Dame»: Ein unfairer Vergleich?

Vitznau und die Steuern, das ist eine Geschichte für sich. 2011 schenkte Pühringer der Gemeinde nämlich 5 Millionen Franken. Im Gegenzug sollte sie die Steuern senken. Bevor sich der Gemeinderat richtig versah, war das Geld bereits überwiesen. Erst danach durften die Bürgerinnen und Bürger entscheiden, ob sie die Steuersenkung tatsächlich wollten. Sie wollten: 178 stimmten dafür, 20 dagegen.

Sechs Jahre später habe die Gemeinde die Schenkung nicht mehr nötig, betonen Gemeindepräsident Noldi Küttel sowie Bauchef Alex Waldis: Die Bevölkerung wachse, es werde rege gebaut, und der «früher relativ armen Gemeinde» gehe es finanziell sehr gut. Es sei nicht nur Peter Pühringer, dem man diesen Aufschwung verdanke – aber ja, ihm natürlich auch. «Das Park Hotel ist schon ein Leuchtturm», sagt Küttel. «Es strahlt über Vitznau hinaus.»

Ein Superreicher schenkt einer verarmten Gemeinde Millionen unter der Bedingung, dass sie alle seine Wünsche erfüllt – dieses Thema kennt man doch aus der Literatur? Vitznaus Gemeinderäte finden den Vergleich mit dem «Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt «sehr unfair» – genau wie Medienberichte, in denen ihre Käuflichkeit angedeutet wurde. «Pühringer hat Geld gegeben, wir haben damit den Steuerfuss senken können und trotzdem die Infrastruktur verbessert. Aber wir haben uns nicht kaufen lassen», sagt Gemeindepräsident Küttel. «Heute steht Vitznau besser da als vor fünf Jahren. Das Resultat gibt uns recht.»

Schlechtere Zeiten – aber auch bessere

Vitznau hat wirklich schon schlechtere Zeiten erlebt. Aber auch viel bessere. Die guten Zeiten begannen mit dem Alpentourismus im 19. Jahrhundert. Damals trugen die Vitznauer ihre ausländischen Gäste in Sänften auf die Rigi. 1871 wurde Europas erste Zahnradbahn eröffnet, von der Schiffstation auf die Rigi. Zwar verloren die Sänftenträger ihre Arbeit, aber am Fusse der «Königin der Berge» entstand eine «Riviera am Vierwaldstättersee», mit neuen Hotels und Restaurants. Auf diesen Ruf ist Gemeindepräsident Küttel auch heute stolz. Er beschreibt seine Gemeinde mit seinen heute 1430 Einwohnern als das «Ascona der Zentralschweiz». Und Ascona als «Vitznau des Tessins».

Anders als in Ascona legt man hier auf den Erhalt des historischen Ortskerns nicht so viel Wert. Direkt neben der Schiffsanlegestelle werden die alten Bauten von der voluminösen Überbauung des Bahndepots erdrückt. Der Seeblick von den Terrassen der neuen Luxuswohnungen mag phänomenal sein. Der Blick auf die Betonbauten ist es nicht. Die Chinesen, die nebenan aus dem Car steigen, stört das jedoch nicht. Sie fahren mit der Bahn sofort auf den Berg. Ein Selfie vor der Schiffstation, ein Foto vom Kirchturm – das ist alles, was sie vom Dorf mitnehmen.

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«Mit dem Dorf nichts zu tun»

Rund eine halbe Million Menschen bringt die Zahnradbahn jährlich auf die Rigi. 2016 war das erfolgreichste Jahr ihrer Geschichte. Von Vitznau sehen die Passagiere nur wenig, und Vitznau sieht wenig von ihnen. Über Jahrzehnte ging es mit dem Ort deshalb bergab. Erst schlossen Hotels, dann Restaurants und Läden. Heute gibt es noch einen Volg, der immerhin täglich offen hat, sowie einen Wollladen, der auch Unterwäsche und Geschenke verkauft. Drogerie und Post gibt es schon länger nicht mehr. Der letzte Fischer geht demnächst in Pension.

2012 übersiedelte die Hotelfachschule mit 150 Studierenden von Vitznau nach Luzern. «Das war ein herber Verlust», sagt Noldi Küttel. Damals sei es wirklich abwärtsgegangen, aber nun «ist die Talsohle erreicht». Seit Pühringer vor acht Jahren der Backpulver-Familie Oetker das Park Hotel abkaufte, entdecken auch andere Immobilieninvestoren den Ort. Im Steilhang oberhalb des Park Hotel wurden die erwähnten Terrassenwohnungen aus dem Berg gehauen und für mehrere Millionen Franken pro Wohnung verkauft. Das Ortszentrum ist nur über eine schmale, steile Strasse erreichbar. «Zum Einkaufen kommen die aus der Siedlung nie», sagt Ursula Balmer-Bättig, die Verkäuferin im Wollladen: «Sie fahren am Morgen zur Arbeit in die Stadt und kommen am Abend zurück. Mit dem Dorf haben sie gar nichts zu tun.»

Visionen und Mut

Das bedauert die 54-Jährige, die in Vitznau aufgewachsen ist. Noch mehr bedauert sie, dass der Hang, wo sie als Kind schlittelte, nun überbaut werden soll. Für Pühringer findet Balmer-Bättig trotzdem lobende Worte: «Er hat Visionen und Mut. Was er macht, macht er gut und richtig.»

«Im Dorf herrscht die Haltung: ‹Wenn Pühringer das Geld bringt, kann er bestimmen›»

Autor und Foodscout Dominik Flammer

Ein Mann mit Visionen, ein Macher, ein Umsetzer: Wer sich in Vitznau über Peter Pühringer erkundigt, bekommt solche Antworten. Kämen erst einmal die Markthalle, die Brauerei und ein neues Restaurant, müssten die Vitznauer nicht mehr in Weggis Arbeit suchen, hofft der Präsident des Kirchenrats: «Es geht aufwärts, das Projekt ist eine super Sache.» Veränderungen gehörten nun mal zum Leben dazu, sagen andere: Man solle ihnen «nicht im Weg stehen», man müsse «das Beste aus ihnen machen». Es klingt, als betrachteten die Vitznauer den Multimillionär als ihr Schicksal. Nur wenige äussern sich ­irritiert, wie uneingeschränkt seine Wünsche abgesegnet werden. «Im Dorf herrscht die Haltung: ‹Wenn Pühringer das Geld bringt, kann er bestimmen›», sagt der Autor und Foodscout Dominik Flammer, der seit zehn Jahren in Vitznau lebt.

Einsprachen als lästiges Problem

Eröffnen will Pühringer die Panorama-Residenz spätestens 2021 – zum 150. Geburtstag der Zahnradbahn. Die Zusammenarbeit mit der Pühringer-Gruppe sei hervorragend, sagt Stefan Otz, CEO der Rigi-Bahnen: Gemeinsam erarbeite man Ideen für die Jubiläumsfeiern, «von Events bis zu Gastronomie im Zug ist da vieles möglich». Die Panorama-Residenz sieht Otz als «Schub für die Gemeinde und die Rigi-Bahn».

Das Baugelände für das Personal- und Appartementhaus. In der Mitte das denkmalgeschützte Bauernhaus, hinten rechts das bestehende Personalhaus.

Das Baugelände für das Personal- und Appartementhaus. In der Mitte das denkmalgeschützte Bauernhaus, hinten rechts das bestehende Personalhaus.

(Bild: Archivild rmü)

Pühringer selbst will nicht mit uns reden. Eine Begründung gibt es nicht. Dass er die Einwände gegen sein Projekt als lästiges Problem sieht, machte er bei einer öffentlichen Präsentation vor zwei Jahren deutlich (zentralplus berichtete). Er habe doch «alle Wünsche erfüllt». Auch die Gemeinderäte Küttel und Waldis äussern sich nicht zum geplanten Projekt. 2014 stellte das Bundesgericht fest, die beiden seien zu stark mit dem Bauherrn verbandelt: Sie müssten bei der Beurteilung des Bauvorhabens in den Ausstand treten.

«Ein Wohltäter, kein Investor»

Für Bauchef Waldis ist Pühringer «ganz klar ein Wohltäter, kein Investor». Er rede und denke sehr schnell, man müsse wirklich wach sein, um ihm folgen zu können. Das möge auf manche überfahrend wirken. Die Vitznauer FDP-Kantonsrätin, frühere Gemeinderätin und Hotelbesitzerin Irene Keller hat Pühringer als «sehr freundlichen und zuvorkommenden Menschen» kennen gelernt. Er sprudle nur so vor Ideen, sei «manchmal ein Verrückter». Wenn man nicht seiner Meinung sei, könne er zwar wütend werden. «Wuff! Dann explodiert er», so Keller. Aber dann beruhige er sich schnell, wie das bei solchen Menschen üblich sei, und höre zu: «Man muss und kann mit ihm diskutieren. Er ist ein Visionär.»

Wer Einsprachen einlegt, wird zu den «Verhinderern» gezählt.

Pius Meyer, Grundstückeigentümer in der Nachbarschaft des Park Hotel, kann das nicht bestätigen: Es werde informiert, aber eine «offene Diskussion findet nicht statt – das ist sehr schade». Er sei nicht prinzipiell dagegen, dass gebaut werde, sagt Meyer. An der geplanten Panorama-Residenz störe ihn die Grösse: «Das ist fast ein Bollwerk, für Vitznau viel zu gross. Der Ortskern wird Probleme bekommen, die Gemeinde riskiert, ihr Gesicht zu verlieren.»

Der Bauplatz für das Personal- und Appartementhaus. Rechts das geschützte Bauernhaus.

Der Bauplatz für das Personal- und Appartementhaus. Rechts das geschützte Bauernhaus.

(Bild: Archivbild rmü)

Auch andere Projektgegner erleben den Unternehmer nicht als Gesprächspartner. Er höre nicht zu – es sei denn, man sei auf seiner Seite. Ihre Namen wollen sie aber nicht in der Zeitung lesen, Einwilligungen für Zitate werden kurz vor Erscheinen dieses Artikels zurückgezogen. Wer Einsprachen eingelegt hat, wird im Dorf zu den «Verhinderern» gezählt. Man mag sie nicht, will im Gespräch ebenfalls nicht ihre Namen nennen. Einzig Frank Schüpbach griff eine Einsprecherin in einem Leserbrief frontal an. Auch er nannte keinen Namen, doch alle wussten, wer gemeint war. «Meiner Überzeugung nach gibt es gar nicht viele Kritiker», schiebt Schüpbach nach: «Der absolute Grossteil der Bevölkerung steht positiv oder zumindest neutral hinter diesem Projekt und sieht die Wichtigkeit der Dorfentwicklung, etwa die Arbeitsplätze.» Er verlange, dass das so geschrieben werde.

«Pühringer hält sich nicht an die Spielregeln, wie wir sie hierzulande kennen.»

Michael Stalder, Anwalt aus Zug

Die Gegner wiederum sagen, sie bekämen sehr wohl Zuspruch aus dem Dorf – nur meldeten sich diese Leute aus Angst nicht zu Wort. Pühringer mache alles, «um sie als Blockierer zu brandmarken», sagt der Zuger Anwalt Michael Stalder, der Nachbarn des Park Hotel vertritt. Dass der Hotelbesitzer nicht ordentlich kommuniziere, ist für Stalder besonders störend: «Pühringer hält sich nicht an die Spielregeln, wie wir sie hierzulande kennen. Er findet, dass ihm alle zujubeln sollen, weil er so viel für sie tut.»

Seine Klienten hätten erst bei einer öffentlichen Versammlung von den Bauplänen erfahren. Einspruch dagegen erheben sie nun einerseits wegen des Volumens: Da werde in schützenswerter Landschaft gebaut, sagt Stalder. Es brauche das Urteil unabhängiger Experten, ob der Ort das überhaupt vertrage.

Hochwasserschutz als Privatengagement

Und dann ist da andererseits das Problem mit dem Widibach. Starke Regenfälle können das Bächlein zum reissenden Fluss machen, weshalb der Kanton die Umgebung unlängst zur «Gefahrenzone» erklärt hat. Pühringer bot dem Kanton an, auf eigene Kosten einen Entlastungskanal als Hochwasserschutz zu errichten. Der 8 Meter breite und 5 Meter hohe Betontrog wäre für die Nachbarn aber nicht nur ein ästhetisches Problem. «Es besteht die Gefahr, dass er vor allem Pühringers Besitzungen schützt, nicht die Liegenschaften der Nachbarn», sagt Anwalt Stalder: «Hochwasserschutz sollte Aufgabe der Gemeinde und des Kantons bleiben.»

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Schwimmende «Seerose» aus Stahl

Verhindert haben Pühringers Nachbarn und der Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee die fixe Verankerung der sogenannten Seerose – einer 38 Meter breiten und 12 Meter hohen schwimmenden Bühne aus rosa Stahl. Gebaut wurde sie vor zwei Jahren für ein Tourismusfestival, dann wurde sie für Konzerte mit bis zu 700 Besuchern von Hafen zu Hafen gezogen und schliesslich von Pühringer gekauft. In Vitznau sollte sie neben seinem Hotel fix von Frühjahr bis Herbst bespielt werden. Für das musikalische Programm hätte der Verein Muth gesorgt. Geschäftsführer Fabio Küttel (ein Neffe des Gemeindepräsidenten) hat zwar Verträge mit Künstlern, aber nun doch keine Anlegestelle, weil die Bühne den Nachbarn zu gross und zu nahe war. «Wir arbeiten an einem Plan B», sagt Küttel.

Ein «musikalisches Leuchtturmprojekt» auf der Seerose

Muth steht für «Musik und Theater». Ein Verein desselben Namens betreibt in Wien einen Konzertsaal der Wiener Sängerknaben. Als Sponsor bringt Pühringer den Chor jeden Sommer in die Schweiz. Vorerst sind die Jungs in seinem Hotel in Weggis untergebracht, bald schon sollen sie in Vitznau auf der «Seerose» oder im noch zu bauenden Konzertsaal auftreten. Ein «musikalisches Leuchtturmprojekt» kündigt Muth-Geschäftsführer Küttel an. Als Übergangslösung lässt Pühringer das ehemalige Hotel Schiff direkt neben dem Park Hotel zum Musikcampus umbauen. Sein Tatendrang scheint ungebrochen, trotz seines Alters. Oder gerade deswegen. Vermögen alleine reiche dem Multimillionär nicht, vermuten seine Kritiker: Mit aller Macht wolle er sich Denkmäler aus Glas und Beton errichten.

Auch bezüglich des definitiven Standorts der Seerose gibt’s Ärger. (Quelle: Folie aus Vortrag Peter Pühringer}

Auch bezüglich des definitiven Standorts der Seerose gibt’s Ärger. (Quelle: Folie aus Vortrag Peter Pühringer}

Am späten Nachmittag bringt die Rigi-Bahn Touristen und Ausflügler zurück ins Tal. Die Chinesen steigen wieder in ihren Car, andere Passagiere warten auf das Dampfschiff nach Luzern. Für einen Rundgang im Dorf bleibt keine Zeit. Die Vitznauer selbst orientieren sich heute eher Richtung Zug und Zürich. Der Gemeinderat machte sich für eine Verbesserung des öffentlichen Verkehrs stark, heute habe Vitznau im Vergleich zu 2010 «30 Prozent mehr Busfahrten», sagt Christoph Zurflüh, Sprecher des Verkehrsverbunds Luzern.

Ein Reichenghetto mit gesichtslosen Betonquadern

Der Gemeinderat will nun die Finanzierung einer Kinderkrippe sicherstellen. Dabei ist der Bedarf gar nicht sicher. Die Zahl der Schulkinder geht laufend zurück. Nach Vitznau ziehen heute Paare, die im Englischen «Dinks» genannt werden – Double income, no kids. Werden sie künftig in Pühringers Markthalle einkaufen? Die Konzerthalle besuchen? Oder bleiben sie in ihren Wohnungen mit Seeblick und geben ihr Geld in der Stadt aus?

Anwohner Dominik Flammer glaubt, dass Vitznau mit der Panorama-Residenz letztendlich zum Reichenghetto werde, «mit Steuerprivilegien und gesichtslosen Betonquadern zum Wohnen». Auch die Verkäuferin Ursula Balmer-Bättig befürchtet, dass das Dorf in zwei Teile zerfalle. Hier die Einheimischen wie sie, da die «Reichen, die oben am Hang wohnen und sich bei uns am Stammtisch nie ­blicken lassen».

Die Reportage erschien zuerst im «Tages-Anzeiger» vom 1. Juli 2017.

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