Visuell stark umgesetztes Porträt des Luzerner Jahrhundertkünstlers
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Hans Erni, ein ganz normaler Tag zu Hause. (Bild: zvg.)

Dok-Film: «Hans Erni: Mein zweites Jahrhundert» Visuell stark umgesetztes Porträt des Luzerner Jahrhundertkünstlers

3 min Lesezeit 13.12.2016, 14:12 Uhr

Der Westschweizer Filmemacher Philippe Nicolet hat Hans Erni in seinen zwei letzten Lebensjahren begleitet. Entstanden ist ein filmisches Porträt, welches durch die Technik überzeugt, von der Handlung her allerdings Wünsche offen lässt. 

Der Film versucht ein Leben, welches doch mehr als ein Jahrhundert misst, in etwas mehr als eine Stunde zu packen. Keine leichte Aufgabe. Dennoch hat Philippe Nicolet dies auf interessante Weise gelöst: Er lässt den zum Zeitpunkt des Interviews über hundertjährigen Hans Erni immer wieder zu Wort kommen und bannt mit dreidimensionalen Bildern die vielen Facetten des Künstlers auf die Leinwand.

Die zentralen Stationen in Ernis Werdegang werden so chronologisch abgehandelt und der Zuschauer erhält an der Filmpremiere im Verkehrshaus Filmtheater Einblick in ein Leben, welches durch den Lauf der Zeit und den politischen und sozialen Wandel vielen Änderungen unterlag. Es war jedoch nicht so sehr der Künstler, welcher sich geändert hat, es war vielmehr die Gesellschaft, die ihm mit der Zeit immer mehr Akzeptanz entgegenbrachte.

Eine weitere Dimension

Durch die angewandte 3D-Technik werden die Statuen und ihre Wirkungen im Raum wunderbar eingefangen. Das Schaffen der zusätzlichen Dimension, welches auch ein Anliegen Ernis war, passt zum Film und stellt ihn gut dar. Erni jedoch wollte mit seinen Werken weiter gehen. Er wollte uns eine weitere Dimension erfassen lassen, welche der Maler in seiner Kunst zu verwirklichen suchte, an deren Darstellung der Film jedoch ebenso wie der Künstler scheitert. 

Viele Themen werden in der kurzen Zeit aufgegriffen: Ernis Bezug zur Natur zum Beispiel, die für ihn ein Quell ewiger Inspiration ist. Da erstaunt auch nicht, dass Erni sich selbst nicht als Arbeiter, sondern zu seinem Werk berufen fühlt. So versteht der Zuschauer vielleicht, wie ein 105-Jähriger noch den Willen aufbringen kann, Projekte zu realisieren, und diese auch in die Tat umzusetzen vermag.

Das Geheimnis der Erni-Banknote

Auch der Verbleib der von Erni gestalteten Banknoten, welche vernichtet wurden, wird thematisiert: Es handelte sich hierbei um die vierte Banknotenserie der Schweizerischen Nationalbank. Die Serie wurde von Beginn weg als Reserve aufgelegt, sie war nicht für den Umlauf bestimmt. Jedoch bleibt die Fichenaffäre, welche nicht direkt mit dem Schaffen des Künstlers zu tun hat, vom Film unerwähnt.

Den Schwerpunkt legt Nicolet aber auf das Projekt der Kirchenfenster der protestantischen Kapelle in Martigny. Diese wurden von Hans Erni gestaltet. Er sollte fünf Entwürfe vorlegen und lieferte doch eine Auswahl von fünfzehn Konzepten ab. 

Klare politische Positionen

Philippe Nicolet behandelt auch die Einflüsse anderer Künstler auf Erni (Pablo Picasso hatte den grössten Einfluss) und lässt ihn Bezug auf für ihn prägende Kulturen nehmen. So sagte Erni, dass die chinesische Kultur sein Schaffen am weitesten geprägt habe. Die teilweise kontroversen Plakate, welche der Maler seinen politischen Überzeugungen nach gestaltet hat, haben im Film auch ihren Platz erhalten. Hier sei nur das Plakat zum Atomkrieg erwähnt, welches wohl auch in der heutigen Zeit seine Aktualität nicht eingebüsst haben dürfte.

Es ist faszinierend, wie der Drang seines Schaffens dem Zuschauer von der Leinwand entgegenschlägt.

Es ist faszinierend, wie der Drang seines Schaffens dem Zuschauer von der Leinwand entgegenschlägt. Erstaunlich ist, mit welch ruhiger Hand der Grafiker den Stift noch führen kann. Welchen klaren Wiedererkennungswert seine Arbeiten zeitlebens behalten.

Erwartungen nicht ganz erfüllt

Obwohl es keine typische Hollywood-Produktion mit Special Effects ist, wirkt die Dreidimensionalität sehr gelungen. Und auch die Pracht der Farben, welche Erni faszinierte, kommt sehr gut zur Geltung. Bei der Handlung allerdings bleibt der Film etwas hinter den Erwartungen.

Man kann Philippe Nicolet aber zugute halten, dass Hans Erni ein überaus langes und ereignisreiches Leben geführt hat. An der Aufgabe, sein ganzes Leben in einen Film zu packen, dürfte wohl jeder scheitern. 

In welcher Form der Streifen weiterhin gezeigt werden wird, steht jedoch heute noch nicht fest. Die Organisatoren können sich eine Vorführung im IMAX ebenso gut vorstellen wie eine Inszenierung des Films im Hans Erni Museum. 

 

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