Virginia Köpfli: «Ich muss sicher an meinem Pokerface arbeiten»
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Will die Energie der Strasse ins Parlament bringen: Virginia Köpfli, künftige SP-Kantonsrätin. (Bild: zvg)

Junge Zugerin rückt in Kantonsrat nach Virginia Köpfli: «Ich muss sicher an meinem Pokerface arbeiten»

6 min Lesezeit 18.01.2021, 05:00 Uhr

Virginia Köpfli ist erst 26-jährig und hat gleichwohl schon einen langen politischen Weg hinter sich. Von Rückschlägen hat sie sich nie entmutigen lassen. Bald rückt die junge SP-Politikerin in den Zuger Kantonsrat nach. Und hat auch da schon Pläne.

«Mit 16 Jahren wollte ich die Welt verändern und zwar möglichst schnell», sagt Virginia Köpfli. Doch dann habe sie realisiert, dass die Schweiz nicht so funktioniere, sondern viel auf Gemeinde- und Kantonsebene entschieden wird. «Da muss man mit am Tisch sitzen, um sich einzubringen.»

Wenn Virginia Köpfli über ihren Werdegang spricht, wird klar, dass ihre politische Karriere bereits an einigen Stationen Halt gemacht hat. Am 28. Januar wird die junge Zugerin genau dort mitwirken können, wo wichtige Weichen gestellt werden: Sie rückt für Hubert Schuler in den Kantonsrat nach.

Seit zehn Jahren dabei

Obwohl sie erst 26-jährig ist, war der Weg dahin bereits lang. Die Hünenbergerin ist bereits seit 10 Jahren politisch aktiv. Als 16-Jährige hat sie die Juso Zug gegründet, später wurde sie in die Geschäftsleitung der nationalen Jungpartei gewählt, heute präsidiert sie die SP Hünenberg.

Einen Namen gemacht hat sie sich insbesondere als Feministin. Sie organisierte 2017 den Frauenmarsch in Zürich mit, an dem 10’000 Personen teilnahmen, 2019 war sie beim nationalen Frauenstreik ganz vorne mit dabei.

Für Schlagzeilen sorgte sie mit vier andere Frauen 2017, die mit nacktem Oberkörper ihre BHs verbrannten, um für den Women’s March zu werben. Auf diese Aktion werde sie hie und da angesprochen, sagt Virginia Köpfli vier Jahre später und ergänzt schmunzelnd. «Es ist für mich immer ein guter Einstieg in eine Diskussion.» 

«Das Thema Gleichstellung hat nirgends richtig einen Platz und wird immer wieder vergessen. Das macht viele Frauen – mich eingeschlossen – wütend.»

In den zehn Jahren ihres politischen Engagements hat sie mehrmals die Erfahrung gemacht, dass politische Erfolge nur im Schritttempo erfolgen. «Ich habe insbesondere bei der Frauenbewegung gemerkt, dass ich mich ärgere, wenn die Mühlen der Politik so langsam mahlen.»

Gleichstellung wird auch im Kantonsrat ihr Steckenpferd bleiben. «Das motiviert mich am meisten und macht mein Engagement aus», sagt die Zugerin. Denn ein einschneidendes persönliches Erlebnis als junge Erwachsene hat sie nachhaltig geprägt: ein sexueller Übergriff. «Als ich das verarbeitete, realisierte ich, dass viele frauenfeindliche Mechanismen dazu beitragen, dass solche Sachen passieren und totgeschwiegen werden. Das hat mich letztlich politisiert.» 

Frauenblick auf die Ortsplanung

Die Anliegen der Frauen haben in den vergangenen zwei Jahren, auch dank dem Frauenstreik 2019, grössere Aufmerksamkeit erhalten. Gerade im Kanton sieht Köpfli aber noch viel Luft nach oben, was die Gleichstellung angeht. «Das Thema schwebt zwischen vielen Departementen, hat nirgends richtig einen Platz und wird immer wieder vergessen. Das macht viele Frauen – mich eingeschlossen – wütend.» 

Sie, die an der Spitze des Zuger Frauenstreiks stand, musste hautnah miterleben, wie es nach dem grossen Aufschrei in ihrem Kanton ruhig blieb. Der Elan verpuffte, immer weniger Frauen kamen an die Treffen, es folgte die Ernüchterung (zentralplus berichtete). Doch statt den Kopf hängen zu lassen, macht Virginia Köpfli weiter und sucht neue Wege. 

Gleichstellung sei oft auch dort ein Thema, wo man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde, sagt sie. Beispielsweise bei der Ortsplanung. «Wie gestaltet man die Wege sicher oder wie ist der Bahnhof beleuchtet: Das sind konkrete Fragen, bei denen der Blick von und auf die Frauen relevant ist», sagt Köpfli, die im Master an der Universität Bern Islamwissenschaften studiert.

Ziele bleiben, Mittel werden anders

Mit der Juso griff die Zugerin früher oft zu provokativen Mitteln, um die Menschen zu erreichen. Mit ihrem Engagement bei der SP veränderte sich das. «Meine Themen und Visionen sind immer noch dieselben, aber die Mittel und meine Rolle sind sicher andere. Gerade als Parlamentarierin stehen mir neue Wege offen.»

Dass sie ohne Scheuklappen auskommt, hat sie in ihrer Wohngemeinde bereits unter Beweis gestellt. Zusammen mit anderen Jungpolitikern hat sie eine neue Allianz für das Zythus-Areal ins Leben gerufen (zentralplus berichtete). «Uns ist es gelungen, die festgefahrene Situation aufzulockern», freut sich die Präsidentin der lokalen SP, die daraufhin viele positive Reaktionen erhalten hat. «Ich würde mir wünschen, dass dies auch im Kantonsrat möglich ist. Und hoffe, dass gerade bei den Jungen die Affinität dafür etwas höher ist.» 

Corona-Politik: Note ungenügend

Politisch steht indes zuerst die Bewältigung der alles dominierenden Corona-Krise im Mittelpunkt. Der bisherigen Corona-Politik der Zuger Regierung verteilt sie die Note ungenügend. «Ich höre von zu vielen Menschen, beispielsweise Kulturschaffenden, die nach wie vor auf finanzielle Unterstützung warten.» Daran sei aber nicht allein Zug schuld, sondern auch das Hin und Her mit dem Bund.

«Es braucht nicht eine Steuersenkung, die den Reichen überproportional hilft, und vielen, die existenzielle Sorgen haben, überhaupt nicht zugutekommt.»

Es braucht laut Köpfli sozial gerechte Massnahmen – «und nicht eine Steuersenkung, die den Reichen überproportional hilft, und dem Mittelstand und damit vielen, die in der jetzigen Situation existenzielle Sorgen haben, überhaupt nicht zugutekommt». SP und die Alternative – die Grünen bekämpfen die temporäre Reduktion des Steuerfusses, die der Regierungsrat als Teil des Corona-Hilfspakets aufgegleist hat und die am 7. März an die Urne kommt. Die Menschen im bürgerlichen Kanton Zug davon zu überzeugen, dass sie gleich viel statt weniger Steuern zahlen sollen: Das dürfte keine einfache Aufgabe werden.

Selber war Virginia Köpfli auch von der Pandemie betroffen. Anfang Jahr reiste die Studentin der Islamwissenschaften für ein Sprachjahr nach Marokko. Doch bereits im März musste sie den Aufenthalt vorzeitig abbrechen und zurückreisen. Und so blieb – für einmal – etwas mehr Zeit für anderes. In ihrer Freizeit kocht sie gerne («am liebsten iranisch»), verbringt Zeit mit Freunden («wenn Corona das zulässt»), lernt arabisch und persisch, geht laufen oder liest ein gutes Buch.

Neues lernen – und Frust ertragen

Und bald nun kommen also stapelweise Berichte und Dokumente für ihre Tätigkeit im Kantonsrat hinzu. Ihre politischen Erfahrungen hätten sie sicher gut auf ihr neues Amt vorbereitet. Auf die leichte Schulter nimmt sie es aber keinesfalls. «Mir ist bewusst, dass ich zu Beginn lernen muss. Ich freue mich darauf, auch wenn es sicher nicht nur einfach wird.»

Dass die Ratspolitik als Linke im bürgerlichen Kanton Zug kein Zuckerschlecken ist, weiss Virginia Köpfli. «Ich muss sicher an meinem Pokerface arbeiten, damit die Frustration nicht immer gleich zu sehen ist», sagt sie und lacht. «Die Maske hilft wohl dabei.» 

Die Energie und die Stimme der Strasse will sie in die institutionelle Politik tragen. Mit ihrem Amtsantritt wird die Aktivistin, die sich stark in Bewegungen engagierte, zur Parlamentarierin, die mit Knochenarbeit und Kommissionssitzungen die Welt in kleinen Schritten verändert.

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