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«Vielleicht war ich etwas zu grosszügig»
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Als Bauernopfer sieht sich der abtretende Zuger Stadtrat Andreas Bossard nicht. (Bild: mag)

Andreas Bossard zum «Fall Ivo Romer» «Vielleicht war ich etwas zu grosszügig»

6 min Lesezeit 06.08.2014, 12:18 Uhr

Es scheint, als ob im «Fall Ivo Romer» dem abtretenden Stadtrat Andreas Bossard der Schwarze Peter zugeschoben würde. Im Interview nimmt er noch einmal Stellung zu den Vorwürfen der PUK.

Der Zuger Gesamtstadtrat habe richtig gehandelt, stellt Urs Bertschi, Verfasser des Schlussberichts, an der Medienkonferenz der PUK fest. Doch an Andreas Bossard, dem Vorsteher des Vormundschaftsamtes, übt die PUK Kritik: Er habe die Brisanz der Konstellation zu wenig erkannt und es versäumt, den Gesamtstadtrat rechtzeitig einzubeziehen. Bossard selber gestand im Anschluss Fehler ein. «Ich habe den Stadtrat zu spät über das heikle Geschäft orientiert. Das Vormundschaftsamt wurde zu lange alleine gelassen», sagt der Vorsteher des Departements für Soziales, Umwelt und Sicherheit (SUS). Und er fügt an: «Ich hätte die Brisanz besser erkennen müssen.»

zentral+: Herr Bossard, Sie haben im «Fall Ivo Romer» Fehler eingestanden. Sie sehen sich also nicht als Bauernopfer?

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Andreas Bossard: Nein, als das betrachte ich mich nicht. Ich bin seit 12 Jahren im Stadtrat und zu 99 Prozent lief alles immer optimal. Das bei notabene 200 Fällen aus dem Bereich der Vormundschaft, 400 Dossiers Sozialhilfe und 700 Dossiers mit öffentlichen Bewilligungen. Dies alles zu kontrollieren übersteigt natürlich die Kapazität eines solchen Amtes. Da kann natürlich so etwas wie im vorliegenden Fall Romer passieren. Dann muss ich als politischer Vorsteher die Verantwortung übernehmen. Ich kann nicht einfach alles auf das Personal abwälzen und sagen, dass sie nicht gut gearbeitet hätten. Meine Mitarbeiter haben immer hervorragend gearbeitet. Ich habe festgestellt, dass wir einen sehr guten Ruf haben, das steht auch im Schlussbericht der PUK. In diesem Fall liegt vielleicht eine Fehleinschätzung vor,  so dass wir diesen zu spät in den Stadtrat einbrachten. Ich hätte die politische Brisanz erkennen müssen. Aus heutiger Sicht würde ich einen entsprechenden Fall schneller im Stadtrat thematisieren.

zentral+: Sie verteidigen sich gar nicht. Wären Sie gleich vorgegangen, wenn Sie wieder für den Stadtrat kandidiert hätten?

Bossard: Man muss Fehler zugeben können, wenn etwas nicht optimal lief. Dies schafft Vertrauen. Es bringt nichts, wenn ich mich in einer Position verbeisse. Das ist meine Haltung. Auch gegenüber den eigenen Kindern macht man als Vater viele Fehler, da muss man manchmal auch etwas zugeben.

zentral+: Sie stehen also nicht im Fokus der Kritik?

Bossard: Nein, das denke ich nicht. Die PUK hatte 34 Sitzungen. Sie musste ja irgendetwas herausfinden, sonst hätte es geheissen, der Berg hätte eine Maus geboren. Dennoch ist dies ja im vorliegenden Beispiel ein Stück weit der Fall.

zentral+: Dann kritisiert man doch am einfachsten Andreas Bossard, der sowieso nicht mehr antritt?

Bossard: Dieses Gefühl hatte ich zuerst auch, nachdem ich den Schlussbericht oberflächlich gelesen hatte. Ich studierte diesen aber tiefer. Man kann mir diese Sachen wirklich vorwerfen. Gerade in meinem Departement kommt nie etwas an die Öffentlichkeit, ausser es sorgt für negative Schlagzeilen. Da kann man sich keine Lorbeeren holen. Und auch jetzt möchte ich nicht beschönigen, dass immer alles optimal gelaufen ist. Aber ich habe das Gefühl, dass dies bei bei 100 Prozent der Dossiers der Fall war. Unsere Aufsichtsbehörde kritisierte uns nie dafür, dass etwas falsch gelaufen sei.

zentral+: Haben Sie den Eindruck, dass der Schlussbericht der PUK eine andere involvierte Person schützt?

Bossard: Sicher nicht. Die PUK hat den Fall sehr genau analysiert. Ob Ivo Romer die Finanzen abgezweigt hat, ist Teil des Strafverfahrens. Das geht uns eigentlich nichts an. Dass er diese Vollmacht hatte, war für mich eine Bestätigung, dass diese Frau es so wollte. Und sie machte dies in einem Alter, in dem sie ganz sicher noch gut zurechnungsfähig war. Sie schreibt darin, dass die Vollmacht über eine allfällige Demenz hinausgeht. Diese Vollmacht haben wir überprüft. Ivo Romer war eine Vertrauensperson. Er wäre auch im Falle einer Demenz der Frau noch Mandatsträger geblieben.

zentral+: Trotzdem: Will die PUK mit dem Schlussbericht nicht den Stadtpräsidenten Dolfi Müller schützen? Urs Bertschi, Verfasser des Berichts, sagte anlässlich der Medienkonferenz, Müller habe auch Fehler gemacht im Bereich der Kommunikation. Seine Fehler werden im Gegensatz zu Ihren aber sehr wenig gewichtet.

Bossard: Dieses Gefühl habe ich nicht. Es betrifft ja wirklich mein Amt, das die ganzen Prozesse ausgelöst hat. Ich glaube, dass die anderen Teilbereiche Kommunikation oder das Landis & Gyr-Gebäude dann einfach zusätzlich in diesen Abklärungsstrudel hineingerieten. Zuerst ging es wirklich um die Frage, ob das Verfahren richtig ablief und ob wir allenfalls noch geholfen haben, Geld abzuzweigen.

«Im Nachhinein muss ich wirklich sagen, ich hätte den Fall früher im Stadtrat thematisieren müssen.»

Andreas Bossard, Zuger Stadtrat

zentral+: Sie sagten, Ivo Romer sei nicht ihr grösster Freund gewesen. Auch vor seiner Wahl in den Stadtrat nicht. Wieso haben sie dann seine Informationen trotzdem für sich behalten?

Bossard: Wir hatten in der vorhergehenden Legislatur vier nicht so gute Jahre mit Spannungen im Stadtrat. Ivo Romer rückte für Ulrich Straub nach. In der darauffolgenden Legislatur hatten wir dann ein sehr gutes Team. Der Stadtrat erarbeitete sich wieder einen guten Ruf. Wegen einem solchen Ereignis («Fall Ivo Romer», Anm. d. Red.) dies nun zu gefährden, wäre nicht optimal gewesen. Aber im Nachhinein muss ich wirklich sagen, ich hätte den Fall früher im Stadtrat thematisieren müssen. Dann hätten alle den Fall gemeinsam beurteilen können. Vielleicht war ich bei Ivo Romer etwas zu grosszügig. Ich wollte aber keine Altlasten aus der Schublade hervorholen.

zentral+: Zur Lohnfortzahlung der sechs Monatsgehälter: Hat Ivo Romer diese als Bedingung für seinen Rücktritt gestellt?

Bossard: Das wurde so nie explizit gesagt. Er hat ja zwei Kinder und eine Frau. Hier bestanden Verpflichtungen, ausserdem war das Scheidungsverfahren in Gang. Da hatten wir das Gefühl, dass wir ihn nicht einfach ohne Abfindung auf die Strasse stellen können. Wenn jemand aus dem aktuellen Stadtrat bei den Wahlen im Oktober abgewählt wird, dann hat er im Januar ebenfalls keinen Lohn mehr. Da sind die Zuger sehr schlecht gestellt. Wir wollten hier eine Lösung finden, die juristisch bestehen kann. Bei einem Treffen legten wir ihm den Rücktritt nahe und boten ihm die Lohnfortzahlung über sechs Monate an.

zentral+: Ist es bedauerlich, dass sich Ivo Romer nie zu den Vorfällen geäussert hat?

Bossard: Ich habe das immer bedauert, ja. Wir arbeiteten mit ihm dreieinhalb Jahre zusammen und hatten nicht einmal einen gemeinsamen Abschied. Nichts. Er war plötzlich weg. Vielleicht konnte und wollte er uns nicht mehr in die Augen schauen, das kann natürlich auch ein Grund dafür sein.

zentral+: Weil er aufgebracht war oder weil er sich geschämt hat?

Bossard: Das müssten Sie ihn fragen. Das sind reine Mutmassungen. Er hatte immer das Gefühl, dass er im Recht sei. Auch als er Stadtpräsident Dolfi Müller im Vertrauen informierte. Er war überzeugt davon, dass er vor Gericht Recht bekommen würde. Das könnte sogar auch der Fall sein, das steht ja noch aus. Da war wohl eine gewisse Frustration vorhanden.

zentral+: Welche politischen Folgen könnte dieser Bericht im Hinblick auf die Wahlen haben?

Bossard: Wenn ich noch einmal kandidiert hätte, dann hätte der Schlussbericht der PUK sicher einen Einfluss gehabt. Dann würden die Ergebnisse ausgeschlachtet. Ich wäre aber genau gleich vorgegangen, wenn ich noch einmal angetreten wäre. Auch während meiner Tätigkeit als Stadtrat war ich immer offen. In dreissig Jahren Politik ging das immer gut.

zentral+: Wird jetzt die Diskussion um das Vollamt wieder neu geführt werden?

Bossard: Das ist möglich. Ich finde es Blödsinn, dass das Zuger Gewerbe immer noch das Gefühl hat, dass man im Nebenjob noch Stadtrat sein könne.

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