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«Viele von uns leben nur knapp über der Armutsgrenze»
  • Regionales Leben
Ernst und Ursula sind bereits seit über zwanzig Jahren ein Paar. (Bild: pze )

In Emmen wird öffentlich Heiligabend gefeiert «Viele von uns leben nur knapp über der Armutsgrenze»

5 min Lesezeit 25.12.2017, 11:47 Uhr

Wer feiert schon gerne alleine Weihnachten? In Emmen stehen die Türen des Pfarreiheims offen für Menschen, die sich nach Gesellschaft sehnen. Viele der Besucher kommen seit Jahren her – doch die Beweggründe der einzelnen Gäste könnten kaum unterschiedlicher sein. 

«Es gibt viele Leute, die alleine Weihnachten feiern», sagt Brigitta. Sie verbringt ihren Heiligabend zusammen mit rund 60 Gästen im Pfarreiheim St. Maria in Emmenbrücke. Die beiden Emmer Kirchgemeinden – ­reformiert und katholisch – luden an Heiligabend zum Festschmaus. Eingeladen war jeder, der in einer der beiden Kirchgemeinden registriert ist. Aber auch jeglicher Anhang wurde geduldet. «Ob und welche Kirchensteuer jemand bezahlt, wird nicht erhoben. Das hätte ja auch für den in Bethlehem Geborenen keine Rolle gespielt», sagt der katholische Pfarrer Matthias Vomstein.

Um halb sechs Uhr abends treffen sich die Weihnachtsgäste zum Apéro. Man stimmt sich ein auf das offene Weihnachtsfest – und knüpft schon erste Kontakte. Im Saal gibt es trotz Voranmeldung keine Sitzordnung, man soll sich kennenlernen können. Die Reservation geschehe aus einem Grund, erklärt Vomstein: «Die Voranmeldung ist nötig, damit wir das festliche Menü per Catering bei der Küche des Betagtenzentrums Alp Emmenbrücke bestellen konnten.»

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Zehnköpfiges Team im Einsatz

Die Gäste erwartet ein Dreigänger – kostenlos, die Kirchen offerieren ihren Mitgliedern den Heiligabend. Zum Start gibt’s eine warme Suppe. Die Pfarrer begrüssen jeden Gast einzeln, es werden viele bekannte und einige unbekannte Hände geschüttelt, es wird angestossen, denn auch der Wein ist im Menü mit drin.

Der Raum war eingerichtet für insgesamt rund 60 Gäste.

Der Raum war eingerichtet für insgesamt rund 60 Gäste.

(Bild: pze)

Die Gäste werden von tüchtigen Helfern bedient. «Ausser dem reformierten Pfarrer Andreas Baumann und mir sind alle anderen Freiwillige aus der Gemeinde Emmen», sagt Matthias Vomstein. «Bereits Anfang Herbst stellen wir die ersten Überlegungen an und verteilen die Aufgaben im OK», so Vomstein. Vor allem gelte es, schon bald einmal bei den freiwilligen Helferinnen und Helfern der letzten Jahre «anzuklopfen», ob sie allenfalls wieder mitmachen würden. Im Einsatz steht schlussendlich eine zehnköpfige Crew.

Von Freunden «mitgeschleppt»

Die Stimmung ist von Beginn weg ausgelassen. Man kennt sich aus der Kirche, aus der Gemeinde, dem Quartier, aber auch von früheren Weihnachtsfesten im Pfarreiheim. Die langjährigen Besucher bringen jeweils neue Leute mit, so wächst die Gemeinschaft. Doch so erfolgreich wie in diesem Jahr sei es die letzten Male nicht gewesen, so der Tenor seitens der Stammgäste.

Das Menu des Abends.

Das Menü des Abends.

(Bild: pze)

René ist zum ersten Mal in Emmen mit dabei. Er sei von Freunden «mitgeschleppt» worden, sagt er mit Augenzwinkern. Als er erfährt, dass er mit einem Journalisten spricht, erklärt er, er lese keine Zeitungen – die seien ihm zu negativ. Er steht ein Jahr vor der Pension und ist ein lebensfroher Mensch. René geniesst offensichtlich die Gemeinschaft, in die er hier geraten ist. Er resümiert: «Ich kann mir schon vorstellen, wieder zu kommen.»

Angst vor der Obdachlosigkeit 

Der Hauptgang wird aufgetischt, Braten mit Kartoffelgratin. Die Gäste sind glücklich darüber. Es wird lebhaft diskutiert. «Wenn wir ehrlich sind, leben ganz viele von uns nur knapp über der Armutsgrenze», sagt beispielsweise Brigitta. «Orte, wo armen Menschen eine warme Mahlzeit angeboten wird, werden immer seltener», weiss sie.

In Emmen wurde auch gesungen:

Auch sie habe zuweilen Angst vor der Obdachlosigkeit. «Es gibt auch in der Schweiz Menschen, die durch das Sozialnetz fallen. Sobald du keine Wohnung und damit keine Adresse mehr hast, bist du weg.» Das könne schnell passieren – warum nicht auch ihr? Bedürftigen Menschen ein warmes Weihnachtsessen zu ermöglichen, das finde sie nicht selbstverständlich und deshalb eine schöne Geste.

Jahrelang allein gefeiert

Nach dem Hauptgang werden Weihnachtslieder gesungen. Die Feiernden werden am Klavier begleitet. Aus den Kehlen ertönen die Klassiker: «Stille Nacht», «Oh, Tannenbaum» oder «Es ist ein Ros entsprungen». Letzteres deutlich weniger laut als die anderen. Die Stimmung ist ausgelassen. Wer sich noch nicht kannte, hat sich inzwischen kennengelernt.

«Die Helfer wissen, wo sie im Einzelfall besser etwas Zurückhaltung üben beim Nachschenken von Rotwein.»

Matthias Vomstein, katholischer Pfarrer in Emmen

Viele haben in dieser Runde Freunde gefunden. So auch das Paar André und Marie-Theres. «Wir haben jahrelang alleine gefeiert», sagt André. Doch vor einem Jahr hätten sie von dieser offenen Weihnacht erfahren. «Wir sagten uns: Warum nicht? Und dann haben wir hier Ursula und Ernst kennengelernt, jetzt sind wir mit ihnen da.» Ursula und Ernst kommen seit drei Jahren her. Das Paar, seit über zwanzig Jahren liiert, kennt inzwischen beinahe jeden am langen Festtisch.

Viele Besucher sind Stammgäste

«Wenn man älter wird, wird man oft zur Seite gedrängt», findet René. Wenn die eigenen Kinder wieder Kinder hätten, so gestalte sich ein gemeinsames Fest an Heiligabend immer komplizierter – viele Senioren seien zu zweit oder gar alleine. «Für die ist ein solches Angebot ideal», sagt er.

René, Brigitta und Ursula (von links) geniessen den Abend.

René, Brigitta und Ursula (von links) geniessen den Abend.

(Bild: pze)

Tatsächlich, viele der Anwesenden sind älter. Viele seien «Stammgäste», so Pfarrer Vomstein. Daneben seien auch «ein paar ganz wenige dabei, die psychisch angeschlagen sind und im Verhalten leicht aus dem Rahmen fallen». Doch die Helferinnen und Helfer hätten auch dafür einen Blick. «Sie spüren, wo sie im Einzelfall besser etwas Zurückhaltung üben beim Nachschenken von Rotwein», so der Seelsorger.

Feier im Familienkreis nicht möglich

Im Raum sind auch junge Familien, beispielsweise Sandra, die mit Partner und Sohn im Pfarreiheim Weihnachten feiert – zum dritten Mal im Folge. «Angefangen hat es, weil ich mich mit meinem Bruder zerstritten hatte», sagt sie. Dann sei eine Feier im grossen Familienkreis unmöglich geworden. «Da habe ich in der Kirchenzeitung von diesem Anlass gelesen und dachte: Warum nicht?»

Zum Abend gehörte auch die musikalische Unterhaltung.

Zum Abend gehörte auch die musikalische Unterhaltung.

(Bild: pze)

Die Bescherung gab es für ihren Sohn bereits am Nachmittag. «Es gibt immer erst die Geschenke, dann gehen wir ins Kino», erklärt sie. Anschliessend sei man dann am offenen Fest. Obwohl sie sich inzwischen mit ihrem Bruder versöhnt hat. «Wir feiern wieder zusammen, einfach nicht an Heiligabend», so Sandra.

Satt und glücklich

Und auch die Bescherung bleibt am offenen Heiligabend in Emmenbrücke nicht aus. Die ökumenische Gemeinde hat Präsente für jeden besorgt, für die Jungen gibt’s Kinogutscheine, für die älteren Gäste Kerzengläser in Sternform. So tröpfeln die Gäste langsam aus dem Pfarreiheim, satt und glücklich beschenkt – so wie man sich nach einem Weihnachtsfest fühlen sollte.

André und Marie-Theres geniessen die offene Weihnacht zum zweiten Mal.

André und Marie-Theres geniessen die offene Weihnacht zum zweiten Mal.

(Bild: pze)

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