«Viele Schweizer kennen die Realität in den USA nicht»
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Trump ist nicht der ideale Präsident, darin waren sich die Diskussionsteilnehmenden einig. (Bild: giw)

Wie Luzerner Expats das Phänomen Trump erleben «Viele Schweizer kennen die Realität in den USA nicht»

8 min Lesezeit 1 Kommentar 03.02.2017, 09:35 Uhr

Sein Name ruft wohl bei fast jedem Erdenbürger Emotionen hervor, er ist ein omnipräsentes Thema: Donald Trump. Wir diskutierten mit sechs in der Zentralschweiz lebenden US-Bürgern, was sie seit der Wahl «ihres» Präsidenten erlebt haben – und wie sie in dieser Frage ihr Heimatland, aber auch ihre Wahlheimat wahrnehmen. 

Das Reizthema Trump brennt den in der Zentralschweiz lebenden Amerikanern unter den Nägeln: Ein einziger Aufruf auf der hiesigen Expat-Facebook-Gruppe reichte aus, und innerhalb weniger Stunden meldeten sich diverse Interessenten, die am runden Tisch über das Thema sprechen wollten. Es wurde eine sehr differenzierte, intensive und zuweilen äusserst komplexe zweistündige Grundsatzdiskussion über die Probleme der Vereinigten Staaten und der politischen Realität des Landes.

Persönlichkeit von Trump sehr gefährlich

Für Nancy Huang, die im Bundesstaat Indiana im Mittleren Westen aufwuchs, ist Trump ein Narzisst mit Therapiebedarf: «Das Problem an Trumps Narzissmus ist, dass er derart hitzig und reaktiv ist. Ich frage mich, welcher Präsident beschäftigt sich am Tag seiner Wahl ernsthaft damit, wie viele Menschen an der Amtseinsetzung teilnahmen?» Und lässt dann die Frage im Raum stehen, was denn seine Reaktion sei, wenn er sich auf internationaler Ebene von einem Staatspräsidenten angegriffen fühlt. Hier bringt sich Nick Gilly ein und meint: «Meine Frau mag gar nicht mehr zuhören, weil es sie verrückt macht. Aber was man sich bewusst sein muss, ist, dass ein gewählter Präsident zu einem kleinen Teil auch mich selbst in der Welt repräsentiert.»

Einerseits, fügt Gilly an, nehme er es Trump ab, dass dieser glaube, er könne die USA verbessern und sei selbst überzeugt von seiner Fähigkeit, dieses Amt ausfüllen zu können. Andererseits gäbe es auch einen sehr narzisstischen Aspekt seiner Persönlichkeit, welche in der ganzen Trump-Familie vorkäme: «Trumps gewinnen immer, haben immer Recht, sind die Schönsten und Besten.» Deswegen sei es fraglich, ob der Präsident es überhaupt akzeptieren könne, wenn ihm jemand wiederspricht oder ihn nicht mag. «Es gibt Zeitungsartikel, die bereits in seinen 20ern belegen: Wenn jemand gegen ihn war, ging er gnadenlos gegen die Person vor, oder wenn ihm etwas nicht perfekt erschien, ging er hin und machte ein Riesentheater daraus.» Gilly sieht hier ein grosses Problem: «Dieser Aspekt seiner Persönlichkeit macht ihn als Präsidenten sehr gefährlich.»

Niemand wählte Trump

Ein Teilnehmer gibt zu bedenken, dass die umstrittene Pressekonferenz nach der Einsetzungsfeier Trump innenpolitisch eher geholfen hätte: «Konservative Freunde von mir fanden es gut, dass der Pressesprecher derart hart gegen die kritischen Medienberichte vorgegangen ist. Es ging dabei nicht um den Inhalt, sondern die harte Haltung, die Trump damit gezeigt hat.» Die Zustimmungswerte von Donald Trump seien unmittelbar nach dessen Einsetzung nach oben gegangen.

Die sechs Amerikaner, die sich diesen Sonntagnachmittag im Luzerner Expat-Treffpunkt «LiLi-Centre» am Alpenquai treffen, sind in den USA weder als Demokraten noch als Republikaner eingetragen. Ihnen ist das Zweiparteien-System suspekt. Es fand sich niemand, der den frisch amtierenden Präsidenten gewählt hat und sich dazu öffentlich äussern mochte. Alle sind sie Independent Voters, unabhängige Wähler. Die New Yorker Jess und ihr Ehepartner Drew, die nicht mit ihrem Nachnamen gennant werden möchten, haben sich 2016 lediglich als Demokraten registriert, damit sie in den Vorwahlen der Demokratischen Partei für Bernie Sanders stimmen durften. Sie waren mit der Demokratin Hillary Clinton überhaupt nicht einverstanden und unterstützten bei den eigentlichen Präsidentschaftswahlen die chancenlose Kandidatin der amerikanischen Grünen, Jill Stein.

Nick Gilly lebt zusammen mit seiner Ehefrau in Luzern. Er kommt aus Pennsylvania und war dort im Bildungsbereich tätig. Derzeit arbeitet er an seinem PhD und ist Cheftrainer der Lucerne Lions, dem hiesigen American-Football-Team.

Nick Gilly lebt zusammen mit seiner Ehefrau in Luzern. Er kommt aus Pennsylvania und war dort im Bildungsbereich tätig. Derzeit arbeitet er an seinem PhD und ist Cheftrainer der Lucerne Lions, dem hiesigen American-Football-Team.

(Bild: giw)

Teilnehmer setzte sich selbst auf Wahlliste

Gilly stimmte für Clinton, wählte im Bundesstaat New York jedoch die Kandidaten der amerikanischen Grünen. Jack Vincent wählte ebenfalls Hillary Clinton, weil sie für ihn das weniger grosse Übel darstellte. Huang votierte ebenfalls für Clinton. Ein Diskussionsteilnehmer hat sich gar selbst gewählt: «Ich konnte mit keinem der offiziellen Kandidaten etwas anfangen, bin aber überzeugt, die Anforderungen für das Amt des Präsidenten zu erfüllen. Darum habe ich meinen eigenen Namen auf die Wahlliste gesetzt.»

«Die Kongressabgeordneten kämpfen hart für einen Ratssitz, der ihnen dann erlaubt, die nächsten zwei Jahre erneut als Fundraiser zu arbeiten.»

Nick Gilly

Die generelle Unzufriedenheit mit dem Kandidatenfeld leitet direkt über zum Grundton der Debatte. Huang bringt auf den Punkt, was alle Diskussionsteilnehmenden zur Wahl des umstrittenen US-Präsidenten denken: «Trump ist nicht die Krankheit, er ist ein Symptom.» Alle sind sich einig, die Gründe für die Wahl des Republikaners bedürfen einer differenzierten Diagnose.

«Eine Diskussion, wie wir sie hier haben, wäre in den USA nicht vorstellbar»

Jess

Parlament macht seine Arbeit nicht

Für die meisten am Tisch ist denn auch eines der grossen Übel das viele Geld in der amerikanischen Politik. Big Business, also die Grosskonzerne und Lobbyisten, würden die Geschicke des Landes zu stark beeinflussen. Für Vincent steckt sein Heimatland denn auch in einer tiefen politischen Krise: «Die USA ist keine Demokratie mehr, es ist eine Plutokratie.» Die Parlamentarier in Senat und Kongress und deren Mitarbeitende seien mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit damit beschäftigt, Spendengelder für den nächsten Wahlkampf zu sammeln. «Die Kongressabgeordneten kämpfen hart für einen Ratssitz, der ihnen dann erlaubt, die nächsten zwei Jahre erneut als Fundraiser zu arbeiten.» Im Gegensatz zu den europäischen Staaten sei in den USA deshalb das Parlament durchsetzt von Lobbyisten, die Parlamentarier kämen gar nicht mehr dazu, ihren Job zu machen, meint Vincent.

Das Ehepaar Jess and Drew  wohnt seit zwei Jahren in Udligenswil, beide lebten zuvor in New York. Drew selbst hat durch seinen Vater den Schweizer Pass.

Das Ehepaar Jess and Drew  wohnt seit zwei Jahren in Udligenswil, beide lebten zuvor in New York. Drew selbst hat durch seinen Vater den Schweizer Pass.

(Bild: giw)

Neben der parlamentarischen Krise bahnt sich mit dem neuen Präsidenten auch eine staatspolitische Krise an: Vincent ist der Meinung, dass der Präsident mit seinen zahllosen Dekreten, sogenannten Executive Orders, seine Macht missbraucht. «Der Präsident ist dafür zuständig, Gesetze vorzuschlagen, über die dann im Kongress debattiert und abgestimmt wird. Im Anschluss unterschreibt er diese vom Parlament genehmigten Gesetze. Mit den Dekreten umgeht er jedoch den Kongress.» Vincent hofft, dass sich dieser Missbrauch wie ein Pendel zurückschwingen wird und die Tür für eine politische Reform des Präsidentenamtes öffnet. «So wie es ursprünglich in der Verfassung gedacht war.»

Debattenkultur fehlt

Zu nahezu jedem Aspekt der amerikanischen Innen- und Aussenpolitik haben die sechs profund informierten Diskussionsteilnehmenden eine gut begründete Meinung. Die vier Männer und zwei Frauen repräsentieren nicht die durchschnittliche Wählerschaft, das ist klar: «Bis auf Nancy Huang, die selbst vom Mittleren Westen nach New York gezogen ist, stammen wir alle von der amerikanischen Ostküste. Sässe hier jemand von South Carolina oder Oklahoma, würde diese Diskussion natürlich völlig anders aussehen», stellt Vincent fest.

Das Land sei politisch tief gespalten. Es fehle die Debattenkultur wie in der Schweiz: «Eine Diskussion, wie wir sie hier haben, wäre in den USA nicht vorstellbar», sagt Jess. Der aus dem Bundesstaat Pennsylvania stammende Nick Gilly fügt hinzu: «Die Leute denken: Der wählte einen anderen Kandidaten, was soll ich da noch mit ihm diskutieren.»

Politik ist ein Tabuthema

Huang schiebt nach: «Das Thema Politik ist in den USA ein Tabu geworden, und unterschiedliche politische Überzeugungen können eine Beziehung schwer belasten.» Die Menschen beschäftigen sich vor allem mit den eigenen Meinungen: «Nur zwischen den unabhängigen Wählern wird in den Vereinigten Staaten überhaupt noch debattiert.» Vincent pflichtet bei: «Über Politik kann ich zuhause nur noch mit sehr guten Freunden sprechen, von denen ich weiss, dass sie mit einer allfällig unterschiedlichen Meinung leben können.»

Jack Vincent kommt aus dem Bundesstaat New York. Er ist Autor und selbständiger Unternehmer und lebt seit Jahrzehnten in Europa, derzeit sowohl in Spanien als auch in Luzern.

Jack Vincent kommt aus dem Bundesstaat New York. Er ist Autor und selbständiger Unternehmer und lebt seit Jahrzehnten in Europa, derzeit sowohl in Spanien als auch in Luzern.

(Bild: giw)

Glühender Patriotismus

Für Jess ist Trump ein zutiefst amerikanischer Präsident: «Trump ist ein Ausdruck unserer kapitalistischen Kultur: Wir wollen immer das Grösste, das Höchste und das Beste sein. Ein Beispiel sind die Showeinlagen vor jedem American-Football-Spiel: Die riese Flagge auf dem Feld, die inbrünstig gesungene Nationalhymne und ein ‹Gott beschütze Amerika›.» Für Jess unterscheidet sich ihr Land damit von vielen Staaten auf der Welt, die ihren Präsidenten und den eigenen Staat viel nüchterner und zurückhaltender zelebrieren würden.

Vincent meint lakonisch: «Die USA ist ihre eigene Reality-Show.» Auf beiden Seiten des politischen Spektrums sei dieser Nationalismus ein Problem: «Die Amerikaner können mit dem Fakt nicht umgehen, dass die Vereinigten Staaten nicht das grossartigste Land auf der Welt sind.» Obwohl es in verschiedensten Bereichen offensichtlich sei, dass es bei ihnen zuhause nicht grossartig laufe. Vincent sieht darin einen möglichen Faktor, von dem der Präsident profitiert: «Trump ist sich diesem Vormachtsanspruch der Amerikaner bewusst und scheint diesen zu seinem Vorteil zu nutzen.»

Nancy Huang, geboren im US-Bundesstat Indiana im Mittleren Westen, lebte später in New York und L.A. Sie arbeitet seit 2012 in Zürich in der Marketing-Branche und ist verheiratet mit einem Schweizer.

Nancy Huang, geboren im US-Bundesstat Indiana im Mittleren Westen, lebte später in New York und L.A. Sie ist 2015 in die Schweiz gezogen und arbeitet von zu Hause aus für eine Firma in New York.

(Bild: giw)

«Viele Schweizer kennen die Realität in den USA nicht»

Von Freunden, Bekannten und Kollegen werden die sechs Amerikaner derzeit ständig angesprochen. Viele würden aber die Realität in ihrem Heimatland nicht verstehen, meint etwa Jess: «Ich bin frustriert über das Unwissen vieler Schweizer und anderer Europäer. Viele machen sich lächerlich über die Wahl Trumps, haben aber keine Ahnung wie prekär die wirtschaftliche Realität vieler US-Bürger ist.» Eine grosse Anzahl ihrer Mitbürger hätten keine Krankenversicherung, kaum Arbeitnehmerschutz, wenige bis keine bezahlten Ferientage und die Mütter kein Anrecht auf bezahlten Mutterschaftsurlaub. «Die wirtschaftliche Notlage gibt den extremen Kräften Auftrieb.»

Ein anderer Diskussionsteilnehmer pflichtet dem bei und sieht einen Grund für die Wahl Trumps im wirtschaftlichen Aufschwung, den sich viele Menschen durch seine Wahl erhoffen. «It’s the economy, stupid», schiebt Vincent nach. Für eine andere Person ist klar: «Wenn Trump der amerikanischen Wirtschaft zum Aufschwung verhilft, dann wird er in vier Jahren einen Erdrutschsieg einfahren.» Insbesondere in der grössten Industrieregion des Landes, dem Rust Belt, erhofften sich die Menschen Besserung. Aber überlebt der mächtigste Präsident der Welt seine vier Jahre daurende Amtszeit überhaupt? Die meisten Diskussionsteilnehmenden denken, dass er kaum ein Amtsenthebungsverfahren zu befürchten habe. Jess kann sich einen erzwungenen Rücktritt jedoch vorstellen: «Es kann sein, dass Trump die vier Jahre seiner Amtszeit politisch nicht überlebt, aber ich denke nicht aufgrund seiner Innenpolitik, eher weil er aussenpolitisch zur Gefahr für das Land wird.»

Nach zwei Stunden des intensiven Dialogs löst sich die Gruppe in wenigen Minuten auf. Es fällt auf, wie stark sich alle sechs mit der Wahl Trumps, der amerikanischen Politik und den Problemen des Heimatlandes beschäftigen, obwohl sie selbst weit weg davon leben.

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1 Kommentare
  1. Anton Saxer, 03.02.2017, 15:26 Uhr

    Na ja, Trump ist ein Psychopat, klar. Aber ich bin zuversichtlich. Mit 70 ist er ja in einem kritischen Alter und gut möglich, dass er bald unverhofft eine Herzatacke erleidet und sich das Problem so
    von selbst erledigt.
    Wenn nicht, dann sehe ich tiefschwarz. Immerhin hat dieser Hitzkopf die Macht einen Atomkrieg auszulösen. Und wenn er das täte, wäre definitiv fatal für den Erdkreis.

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