Viele Arme, Reiche und dazwischen eine schmale Mittelschicht
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Der Zuger Mittelstand wird vor allem durch die immer höheren Krankenkassenprämien belastet. (Bild: Fotolia)

Kanton Zug: Bedrohte Spezies «Mitte»? Viele Arme, Reiche und dazwischen eine schmale Mittelschicht

6 min Lesezeit 01.12.2016, 15:49 Uhr

In keinem anderen Kanton sind die sozialen Unterschiede grösser: Das zeigt der erste Sozialbericht über den Kanton Zug. Dabei fällt auf, dass in Zug nur 41 Prozent der Bevölkerung zum «Mittelstand» gezählt werden. Wie geht es dieser wichtigen Bevölkerungsschicht? Eine Einschätzung.

Die Mittelschicht, sagt die Zuger Direktorin des Innern, Manuela Weichelt, bildet eine Art «Fundament oder Kitt» der Gesellschaft. «Es gibt kaum eine politische Partei, die nicht die Bedeutung einer starken Mittelschicht betont», so die ALG-Regierungsrätin.

Allerdings ist der Mittelstand im Kanton Zug laut einem neuen Bericht relativ schwach ausgebildet. Nur 41 Prozent der Bevölkerung zählen dazu (siehe Box unten). Und tatsächlich ist die Sorge um die schwindende Mitte laut Weichelt nicht ganz unbegründet. Das Bundesamt für Statistik, das sonst punkto Wertungen eher zurückhaltend sei, sehe eine Schwächung dieser Schicht als «Gefahr für Wohlstand und sozialen Frieden».

Rund 300 Grossverdiener im Kanton

Die Information zum Mittelstand entnimmt man dem ersten Sozialbericht über den Kanton Zug von Lustat (siehe Box unten). Die Einkommen und die Vermögen sind in Zug sehr unterschiedlich verteilt, stellt der Bericht fest. Im Mittel erzielten die 65’000 Zuger Steuerpflichtigen danach 2012 ein «steuerbares Einkommen»* von 41’700 Franken.

Hohes Durchschnittseinkommen in Zug

Die erstaunliche Zahl von 41 Prozent der Bevölkerung, die in Zug zum Mittelstand zählen, braucht eine Erklärung. Der Mittelstand wird statistisch anhand des durchschnittlichen Einkommens berechnet. Das Median-Einkommen im Kanton Zug sei im Vergleich zur Gesamtschweiz hoch, schreiben die Statistiker von Lustat Luzern. Entsprechend gebe es in der Gruppe der Einkommensschwachen im Kanton Zug Haushalte, deren Einkommen in anderen Kantonen zur Mitte zählen würden.

0,5 Prozent Grossverdiener – das sind 325 Personen – versteuern ein Einkommen von einer Million Franken oder mehr; sie erzielten stolze 21 Prozent des Gesamteinkommens des Kantons, also fast ein Viertel. Auf der anderen Seite der Skala hat ein Viertel der Zuger Steuerpflichtigen weniger als 20’000 Franken steuerbares Einkommen.

Zahlen zum Mittelstand

Dazwischen, im Sandwich, liegt also irgendwo der Mittelstand. Die Zuger Steuerhaushalte erzielten im Jahr 2012 im Mittel (Median) ein Reineinkommen von 95’900 Franken (Verheiratete) beziehungsweise von 43’700 Franken (Einzelpersonen). Zum Mittelstand wird häufig gezählt, wer zwischen 70 und 150 Prozent dieses medianen Einkommens erzielt.

Das wären also verheiratete Paare, die ein Reineinkommen zwischen 66’000 und 143’000 Franken versteuern. Oder Singles mit einem Reineinkommen zwischen 30’000 und 65’000 Franken. Von den Zuger Steuerhaushalten gehörten 2012 nach diesem Schlüssel 41 Prozent dem Mittelstand an (32 Prozent zählte man zu den Armen und 27 Prozent zu den Reichen).

Ein genauerer Blick in die Statistiken zeigt: Der Zuger Mittelstand besteht aus 26’753 sogenannten Steuerhaushalten. 15’300 sind Singlehaushalte; bloss in 847 leben Kinder. 11’452 Haushalte sind Ehegemeinschaften. In diesen Haushalten leben 5169 Kinder; 6283 sind immer laut Statistik kinderlos – oder die Kinder sind bereits ausgeflogen. Anonsten gäbe es sehr viele kinderlose Ehepaare im Kanton Zug.

 

Viele ältere Berufstätige von Arbeitslosigkeit betroffen

Wie es der Mittelschicht im Kanton Zug geht, zeigt auch ein Blick in die Arbeitsmarktstatistik. Denn diese Schicht ist zumeist berufstätig, und sie sorgt für sich selber. In diesem Bereich ist Zug wie in vielem eine Ausnahme, es herrscht Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote des Kantons Zug lag mit 2,3 Prozent im Oktober 2016 sehr tief (schweizerischer Durchschnitt: 3,2 Prozent).

«Für den Mittelstand sind intakte Chancen, eine gute Stelle zu finden, zentral.»

Manuela Weichelt, Regierungsrätin Kanton Zug

1572 Personen sind momentan als arbeitslos gemeldet. 935 sind zwischen 25 und 49 Jahre alt; mit 480 Arbeitslosen ist die Gruppe der 50- bis 65-Jährigen überproportional vertreten. Dennoch zählt der Kanton Zug bloss 230 langzeitarbeitslose Personen, die über ein Jahr keinen Job gefunden haben, und 78 Personen beziehen Arbeitslosenhilfe.

Gute Qualifikationen im Beruf wichtig

«Für den Mittelstand sind intakte Chancen, eine gute Stelle zu finden, zentral», so Manuela Weichelt. Dabei gelte für den Kanton Zug, was in den anderen entwickelten Volkswirtschaften auch gilt: Je besser die Erwerbstätigen qualifiziert seien, desto grösser ihre Chancen am Arbeitsmarkt. «Eine schwindende Mittelschicht respektive deren Ausfransung an den Rändern heisst auch, dass jene Schicht schwindet, die über viele Jahrzehnte mit einer gewissen Zuversicht auf Entwicklung und Wohlstand in die Zukunft blicken konnte», sagt die Vorsteherin der Direktion des Innern.

Regierung sieht keinen Handlungsbedarf

Was meint der Auftraggeber, also der Gesamtregierungsrat, zum Sozialbericht? Laut Weichelt hat der Regierungsrat den Bericht lediglich zur Kenntnis genommen. «Die Regierung zieht keine Schlussfolgerungen aus dem Lustat-Bericht und sieht unmittelbar keinen Handlungsbedarf», sagt die ALG-Regierungsrätin. Weichelt: «Damit hohe Mietpreise den Mittelstand nicht aus dem Kanton Zug verdrängen, hat die Zuger Regierung aber bereits in ihrer Strategie 2010 bis 2018 die Förderung der Qualität des Wohn- und Lebensraumes für Personen aus unterschiedlichen Kaufkraftverhältnissen und Altersgruppen zum Ziel erklärt.» Die Verantwortung für die Umsetzung liege bei der Zuger Volkswirtschaftsdirektion.

Zur These einer Abwanderung der Mittelschicht – im Nachbarkanton Aargau leben bekanntlich sehr viel Zuger – wollte sich die Regierungsrätin nicht äussern. Für eine Aussage fehlten statistische Daten. Weichelt sagt bloss, dass nicht erwiesen sei, ob es der Mittelstand sei, der aus Zug wegziehe, oder eher die Schicht der als einkommensschwach definierten Personen.

Einkommensmillionäre zahlen wenig Steuern

Aus dem Sozialbericht geht weiter hervor, dass der Mittelstand – ganz zu schweigen von der Oberschicht – wenig von Steuern belastet wird. Danach musste ein Stadtzuger 2014 für ein Bruttoarbeitseinkommen von weniger als 70’000 Franken höchsten fünf Prozent beiseite legen. Also rund 2100 Franken im Jahr. Allerdings hält der Bericht fest, dass die Steuern bis zu einem Einkommen von 150’000 Franken stark progressiv sind. Bis zu diesem Betrag wird also jeder zusätzlich verdiente Franken zusätzlich besteuert. Vor allem der Mittelstand wird also zur Kasse gebeten.

Die Zuger Bevölkerung hat sich seit 1970 verdoppelt. Schaut man 1960 an, hat sie sich sogar verdreifacht.

Die Zuger Bevölkerung hat sich seit 1970 verdoppelt. Schaut man 1960 an, hat sie sich sogar verdreifacht.

(Bild: Lustat)

Über 150’000 Franken flache die Progression stark ab. Beim Bund hingegen greife die Progression bis zu einem steuerbaren Einkommen von gut einer Million Franken, hält der Bericht fest. Belastet wird der Mittelstand auch durch die immer weiter ansteigenden Krankenkassenprämien, die ja in der Schweiz nicht einkommensabhängig sind.

* Das «steuerbare Einkommen» ist das in einem Steuerjahr zu versteuernde Einkommen. Man erhält es, wenn man vom Reineinkommen die Sozialabzüge (Kinder-, Fremdbetreuungs- und Unterstützungsbeiträge) abzieht. Das Reineinkommen wiederum entspricht der Differenz zwischen Gesamteinkünften (Einkünfte aus unselbständiger und selbständiger Erwerbstätigkeit, Sozialversicherungsleistungen usw.) und den Gesamtabzügen (ohne Sozialabzüge) gemäss Steuererklärung.

Erster Sozialbericht über den Kanton Zug

Der im November erschienene erste Sozialbericht trägt den Titel «Berichterstattung zur sozialen Lage der Bevölkerung im Kanton Zug». Er gibt einen Überblick über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensumstände der Zuger Bevölkerung und ist vom Regierungsrat extern in Auftrag gegeben worden. Damit reagiert die Zuger Regierung auf einen politischen Vorstoss und geht auf eine Empfehlung der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) ein. Der Bericht liefert auch Zahlen und Fakten als Grundlagen für politische Debatten.

Im Sozialbericht trägt Lustat erstmals Zahlen aus verschiedensten Kantons- und Bundesstatistiken zusammen und verdichtet diese zu einem erhellenden Bild des Kantons Zug. Der Sozialbericht hält zum Beispiel fest, dass der Kanton Zug nach Basel-Stadt das zweithöchste Bruttoinlandprodukt pro Kopf ausweist. Das BIP hat sich seit 1981 fast verdoppelt. Die Wirtschaftsstruktur fokussiert sich in Zug auf Dienstleistungen. Entsprechend hoch seien die Anforderungen an die Arbeitnehmer. Die hohe Qualifikation der Bevölkerung spiegle sich im vergleichsweise hohen Lohnniveau. Zunehmend mehr Mühe haben aber deshalb Personen mit geringeren Jobqualifikationen im Kanton Zug.

Einige Ergebnisse überraschen auf den ersten Blick. Beim genaueren Hinschauen wird klar, dass die statistischen Ergebnisse immer auch die privilegierte Situation des Kantons widerspiegeln. So hatten zwar 58 Prozent der Zuger 2012 kein steuerbares Vermögen vorzuweisen; doch die Steuerfreigrenze liegt in Zug mit 202’000 Franken für Ehepaare und 101’000 Franken für andere Personen vergleichsweise hoch. Dazu kommt für jedes minderjährige Kind ein weitere Abzug von 51’000 Franken.

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