Viel Rummel um 50 digitale Veloständer
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Anfang Oktober wurden die 50 digitalen Veloständer von smartmo in Betrieb genommen. (Bild: uus)

Luzern: Bis zu 470 Franken pro Jahr? Viel Rummel um 50 digitale Veloständer

4 min Lesezeit 6 Kommentare 24.09.2019, 14:05 Uhr

Das teure Velo oder E-Bike am Bahnhof an bester Lage sicher und bequem verstauen: Das Start-up Smartmo will mit einem Pilotprojekt am Luzerner Bahnhof nicht weniger, als die Veloparkierung zu revolutionieren. Die Frage ist nur: Akzeptieren die Pendler und die Politik, dass es kostet?

Viel Aufhebens um 50 Veloparkplätze. Aber es sind ja nicht irgendwelche Abstellplätze, sondern «digitale Veloständer». Man habe das «Ei des Kolumbus» gefunden, sagen die Macher von Smartmo. Aus der eigenen Kasse haben sie bereits 3 Millionen Franken in ihre Firma investiert. Ein Potenzial von schweizweit bis zu 20’000 solcher Plätze vermuten sie in ihrer Idee. Nun: Die ersten Exemplare sind seit heute am Bahnhof Luzern in Betrieb. Vor dem Brezelkönig, auf der Seeseite.

Die Medien sind zahlreich gekommen, auch weitere Interessierte wohnen der Medienkonferenz am Dienstagmorgen bei. Beim Berufsbildungszentrum stellt Gründer Daniel Hänggi mit viel Elan das Konzept vor, das eben viel mehr sein will als ein Veloständer. «Wir wollen die Velomobilität revolutionieren, indem wir das Parkierungsproblem entschärfen.»

Der Veloparkplatz vom Informatiker

Der Smartmo-Veloabstellplatz ist mit dem Internet verbunden. Für den Nutzer heisst dies, dass er bereits von zu Hause aus per App seinen Platz in der Nähe der Gleise reservieren kann. Eingecheckt wird per QR-Code, dann öffnen sich Schloss und Velohelmschublade, die zugleich auch mit einer Steckdose versehen ist. «Weil es verschiedene Standards gibt, können wir kein fixes Ladegerät installieren. Sollte das dereinst der Fall sein, wäre das problemlos nachrüstbar», sagt Hänggi.

Sowieso ist bei Smartmo alles für die Zukunft parat: Nachrüstbar, aufrüstbar, CO2-freundlich, platzsparend, für E-Bikes vorbereitet. Zudem kann das Velo via App auch mit anderen Nutzern geteilt werden. Eine Konkurrenz zu bestehenden Angeboten wie Nextbike will Smartmo nicht sein – eher sieht man gemeinsame Nutzungspotenziale.

«Ein solcher Service darf auch etwas kosten.»

Lukas Schneller, SBB-Projektleiter

Per eigener Personal-App ist auch die Bewirtschaftung total digital gemanagt: Langparkierer werden den Betreibern der Veloständer genauso angegeben wie leerstehende Plätze, unabgeschlossene Bikes oder defekte Geräte. Übrigens: Wer sein Velo zu lange parkiert, kann es für 30 Franken in der Velostation wieder abholen.

Diebe brauchen eine Trennscheibe

Des Weiteren sieht der digitale Veloständer auch ganz sicher aus: Panzerglas auf dem Display, dickes Blech rund um das Velo, das Hänggi zum Testen auch «schon mal mit Stahlkappenschuhen bearbeitet» haben will. «Es bräuchte schon eine Trennscheibe, mit der man das Tretlager schneiden müsste, um hier ein Velo zu klauen», sagt der Erfinder. Und er ist stolz darauf, dass alles «Swiss made» ist.

Erfinder Daniel Hänggi (rechts) bei der Präsentation der Smartmo-Veloparkplätze.(Bild: uus)

Auch die SBB sind überzeugt, dass Smartmo ein Teil ihrer Mobilitätsstrategie sein kann. Bis 2020 will sie die Parkplätze testen, die aktuell rund 3 Prozent aller Veloständer beim Bahnhof Luzern ausmachen. Neben Luzern sollen auch in Zürich, Uster, Solothurn und Basel Smartmo-Plätze aufgestellt werden. Insgesamt 300, wie Projektleiter Lukas Schneller ausführt. «Und: ein solcher Service darf auch etwas kosten.»

Was kostet das im Jahr?

Da liegt auch der Hund begraben: 1.80 Franken pro Tag verrechnet die App. Da ist der Strom schon inbegriffen so wie das Schliessfach, das man auch anderweitig – zum Beispiel für eine Jacke oder Veloschuhe nutzen kann. Fünf Stunden kosten 85 Rappen, oder anders gesagt: Einchecken kostet 60 Rappen, jede weitere Stunden 5 Rappen.

Das passiert alles per App, ist mit dem Swisspass kompatibel und dank neuester Technologie sehr sicher. Die Zukunft ist jetzt. Aber in dieser gibt es auch Ungewissheiten. Ein Radioreporter rechnet vor, dass ein Jahr Veloparkieren mit Smartmo so teuer wird wie die Dauerkarte fürs Auto in der blauen Zone. 600 bis 800 Franken kostet eine solche im Jahr. Berechnet man – wie für Pendler üblich – nur fünf Werktage die Woche, zahlt man für das Parkieren des Velos an exklusiver Lage also immer noch rund 470 Franken.

Noch keine Preismodelle für Langzeitparkierer

Fix wolle man keine Parkplätze vermieten, sagt Hänggi. Auch hat er noch keine Langzeitpreismodelle parat, kann sich aber vorstellen, dass etwa durch Sponsoring das Parkieren günstiger wird. Der Pilot solls zeigen. Fakt ist aber auch: Bei der Velostation wurde die Gebührenpflicht bereits wieder aufgehoben – der ursprüngliche Preis betrug dort 1 Franken pro Tag, ohne Box für den Velohelm und Ladestation.

Inzwischen haben die Jungen Grünen am Nachmittag eine Protestaktion angekündigt, gegen kostenpflichtige Veloparkierung. Die Mutterpartei reichte bei der Stadt eine dringliche Interpellation ein. Sie will wissen, wie es weitergehen soll mit gebührenpflichtigen Veloparkplätzen in der Stadt Luzern. Für Diskussionsstoff ist also gesorgt. Eben: Selten gab es so viel Rummel um 50 Veloständer.

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6 Kommentare
  1. stefan, 14.10.2019, 15:18 Uhr

    Was heisst hier immer kostenlose Veloparkplätze????
    Nichts ist kostenlos!

    Ein «kostenloser» Parkplatz kostet wohl mehr im Tag als es bei smartmo je der Fall sein wird. Beispiel geplante Velostation Luzern. (Beachte es gibt bereits eine Velostation welche nur zu 50% benutzt ist und dies sogar «kostenlos». Als ein meinen Augen ein Unsinn so viel Steuergelder zu verprassen.)

    Rechne:
    Die neue geplante Velostation (1000 Parkplätze), noch weiter weg als die Halbvolle existierende Velostation näher am Bahnhof, wird sicherlich zwischen 15-20 Mio. CHF kosten.
    Plus Amortisation und Substanzwerterhalt auf 10 Jahre plus 5 Mio. CHF. Plus jährliche Betriebskosten von sicherlich 400’000.-/pro Jahr für die Mitarbeiter/Versicherungen, etc.. Das wäre. in 10 Jahren 18 Mio +5 Mio + (10×400’000) 4 Mio = 27 Mio. CHF

    a) Luzern hat ca. 85’000 Einwohner = 27 Mio./85’000 = ca. Chf 320.- bezahlt dann jeder Einwohner auch wenn er nicht Velo fährt.
    b) 27 Mio / 1000 Parkplätze = CHF 27’000.- pro Parkplatz….
    «Gratisfreunde»….rechnet mal nach. Ist das immer noch kostenlos?
    Guten Abend

    1. Kasimir Pfyffer, 15.10.2019, 07:51 Uhr

      Fein, dann achten wir doch ein bisschen besser auf die kostbaren Steuergelder und verzichten auf den bescheuerten Bypass. Der kostet ungefähr 1,5 Milliarden … ohne Unterhalt.

  2. Rosa, 24.09.2019, 20:54 Uhr

    Ob Smartmo darüber orientiert ist dass die Öffnung mit dem Swisspass ein Sicherheitsrisiko für die Anwender darstellt?
    Stichwort; Swiss Pass cloning. Da hilft auch kein Panzerglas.
    https://www.youtube.com/watch?v=D3Noo-I7SQQ

  3. Philipp, 24.09.2019, 17:18 Uhr

    Die Rechnung ist falsch. Das Jahr hat gem. Steuerverwaltung 220 Arbeitstage. Wenn man davon ausgeht, dass das Fahrrad 12h pro Tag dort, steht kostet das 1.20 pro Tag oder 264.- im Jahr.
    Das geht absolut in Ordnung. Auch Velos abstellen darf etwas kosten. Es sieht nicht nur ordentlicher aus sonder bietet auch zusätzlichen Komfort für die Nutzer. Und es geht ja lediglich um 3% der Plätze.

  4. Alex Planet, 24.09.2019, 16:38 Uhr

    Der Platz in Städten ist begrenzt, dies gilt insbesondere für die Stadt Luzern. Wo öffentlicher Platz beansprucht wird, ist dafür zu zahlen. Das gilt für Gastronomiebetriebe mit Aussenbereich, Marktfahrer mit Ständen, Autoparklätze, usw. und ist absolut richtig.

  5. Kasimir Pfyffer, 24.09.2019, 14:17 Uhr

    Ja klar, als Velofahrer möchte ich unbedingt die sekundengenaue Abrechnung meiner Parkgebühren. Genau darum fahre ich Velo. Ich brauche das einfach. Wenn ich dann auch noch eine App nutzen muss, um den Göppel zu parkieren und obendrein jedes Mal den Swisspass zücken darf (Datenspuren!), ist das Glück perfekt.

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