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Verschenkt, verkauft, verbrannt
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Kleiderspenden aus der Bevölkerung werden von unterschiedlichen Organisationen gesammelt – und auch ganz unterschiedlich eingesetzt. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Wohin mit all den Kleidern? Verschenkt, verkauft, verbrannt

6 min Lesezeit 17.11.2015, 09:58 Uhr

Es wird Winter, es wird kalt. Da denkt der eine oder andere in der warmen Stube an Obdachlose und Flüchtlinge, und man spendet warme Kleidung. Doch was aus den Kleiderspenden wird, hat oft nichts mit den Vorstellungen der «Wohltäter» gemein.

Die Situation an der europäischen Grenze beschäftigt derzeit viele Menschen, auch Luzerner versuchen vor Ort zu helfen (zentralplus berichtete). Andere wiederum machen jetzt auf die von Armut betroffenen und obdachlosen Menschen in der Schweiz aufmerksam und fordern mehr Solidarität mit ihnen.

So oder so. Oft werden Textilien gespendet. Davon hat der Durschnittsschweizer wohl auch mehr als genug. Das zeigt sich auch bei der gerade abgeschlossenen Sammelaktion in Luzern und Lenzburg von «Zwoi Büssli voll Chleider» für Flüchtlinge an den Grenzen.

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Sammelstelle wurde überrannt

Innert kürzester Zeit waren die mittlerweile drei Transportfahrzeuge voll. «Wir mussten heute Abend feststellen, dass die Sammelstellen in Lenzburg und auch in Luzern aus allen Nähten platzen. Die Berge von Kleider haben Topqualität und werden ganz viele Menschen auf der Flucht glücklich machen», schrieben die Verantwortlichen auf Facebook. Am 12. November begann die zweite Reise an die Grenzen. Doch die Sammelaktion wurde früher als geplant unterbrochen. Denn das kleine Team von jungen Leuten, die auf eigene Faust zu den Flüchtlingen reisen, hat keine unbeschränkten Kapazitäten.

«Ihr habt Jacken und Schuhe? Ihr seid Engel!»

«Wir bitten euch, keine Werbung mehr für unsere Sammelaktion zu betreiben», hiess es, während die Aktion eigentlich noch lief. Man versuche aber möglichst schnell Gruppen ausfindig zu machen, die ähnliche Pläne haben wie «Zwoi Büssli voll Chleider» und werde den Überschuss an Kleiderspenden an diese weitergeben. In Luzern sortierten Asylsuchende, welche selber erst vor ein paar Wochen über die Balkanroute zu uns gekommen sind, freiwillig die Kleider für die Flüchtlinge.

Man wolle nur Sachen mitnehmen, die vor Ort auch wirklich gebraucht werden und den Menschen auf der Flucht helfen, ihre Reise etwas unbeschadeter zu überstehen. Die Flüchtlinge seien teilweise mit Flipflops, nassen Pullis und Schuhen über die Grenzen gekommen. Die Helfer seien von den Organisationen vor Ort begrüsst worden mit: «Ihr habt Jacken und Schuhe? Ihr seid Engel!»

In Luzern halfen Asylbewerber mit beim Sortieren der Kleiderspenden für die Flüchtlinge an den Grenzen. (Bild: Zwoi Büssli voll Chleider)

In Luzern halfen Asylbewerber mit beim Sortieren der Kleiderspenden für die Flüchtlinge an den Grenzen. (Bild: Zwoi Büssli voll Chleider)

So weit zu einer kleinen, privaten Aktion. Aber wie halten es die Grossen? Organisationen, die Textilspenden annehmen, Säcke verteilen, Container aufstellen, gibt es genug. Aber was tun die Institutionen mit den gesammelten Kleidungsstücken?

Wir haben bei der Caritas, der Heilsarmee, der Texaid und Tell-tex nachgefragt und erfahren, dass der Grossteil der Textilspenden verkauft oder verwertet wird. Die Gelder, die dabei zusammenkommen, kommen sozialen Projekten zu Gute – zum grössten Teil sozialen Projekten im Inland.

Ergibt das Sinn?

Für viele Menschen ist es schwierig zu verstehen, weshalb Kleider, die man spendet, verkauft, zerschnitten oder verbrannt werden. Man möchte ja eigentlich, dass sie jemandem umsonst zukommen.

Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Zewo, gibt Auskunft. Die Zewo prüft und kontrolliert Organisationen darauf, wie sie ihre Spenden tatsächlich einsetzen.

«Wenn sie Kleidersammlungen und Hilfswerke mit Zewo-Gütesiegel berücksichtigen, können Sie davon ausgehen, dass Ihre Spende einem gemeinnützigen Zweck dient. Bei anderen Angeboten zur Altkleidersammlung sollten Sie jedoch vorsichtig sein. Sie könnten lediglich darauf ausgerichtet sein, Profit aus alter Kleidung zu schlagen», so Ziegerer. Sie erklärt: «Werden die Kleider im Ausland verkauft, wird darauf geachtet, dass die Preise erschwinglich sind und dass die Aktion dem dortigen lokalen Gewerbe nicht schadet. Der Erlös kommt nach Abzug der Kosten, die unter anderem für die Reinigung und den Transport entstehen, zu einem grossen Teil sozialen Projekten zugute.»

Trotzdem gibt Ziegerer zu bedenken: «Der Transport von Kleidern in andere Länder ist nicht unbedingt die nachhaltigste Art von Hilfe.» Deshalb werde ein grosser Teil der Kleider in der Schweiz behalten. «Er kommt entweder direkt bedürftigen Menschen zugute oder wird auf dem Secondhand-Markt zu Geld gemacht. Defekte oder stark verschmutzte Stücke werden für die Weiterverwertung des Materials fürs Recycling verkauft. Ein grosser Teil des Erlöses kann dann dort eingesetzt werden, wo die Hilfe am dringendsten nötig ist.»

Kleider für Asylbewerber in der Schweiz

Dominique Schärer, von der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit der Caritas, erklärt das Vorgehen: «Ein Teil der Textilien wird für den Verkauf sortiert. Der andere Teil wird als unsortierte Ware direkt ins Ausland verkauft. Ein kleiner Teil wird an Privatkunden – wie beispielweise Schulen – gespendet, für Fastnachtskostüme.» Ein Teil werde an die «Texaid» abgegeben, welche die untragbare Kleidung zu Putzlappen verarbeitet.

«Bereits am Anfang der Flüchtlingskrise haben wir damit begonnen, warme Kleider zu sortieren.»
Dominique Schärer, Caritas

Eine der Hauptaufgaben sei die Einkleidung von Asylsuchenden in der Schweiz. «Bereits am Anfang der Flüchtlingskrise haben wir damit begonnen, warme Kleider zu sortieren. Diese Ware ist in Kartons bereitgestellt, falls mehr Flüchtlinge als erwartet in die Schweiz kommen und die lokalen Organisationen in einen Engpass geraten. Dann können wir gezielt Kleider beispielsweise nach Buchs liefern», so Schärer.

Was die Lieferung von Kleidern ins Ausland betreffe, da sei man zurückhaltend. «Wir machen keine Kleidertransporte nach Europa im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Unsere Partner vor Ort sind gut aufgestellt, sie beschaffen das nötige Material vor Ort», sagt Schärer. Einerseits seien Transporte ins Ausland teuer, und es sei auch sinnvoller, wenn die Partner vor Ort Kleider besorgen würden.

95 Prozent bleibt in der Schweiz

Die Heilsarmee hingegen schickt einige Container voller Kleiderspenden ins Ausland. Geschäftsleiter Jakob Amstutz führt aus: «Die Heilsarmee beliefert dieses Jahr die Heilsarmee Ungarn mit zwei Containern, um die Not der Flüchtlinge dort zu lindern. Und sie exportierten drei Container über die Heilsarmee international.»

Trotzdem: 95 Prozent der Kleiderspenden an die Heilsarmee werde in der Schweiz verwertet oder verkauft. Bei den eingehenden Textilien handle es sich circa um 5 Prozent Abfall, 20 Prozent Putzfadenqualität, 25 Prozent nicht verkaufbare Ware und 50 Prozent verkaufbare Textilien.  

Auch hier wird die Texaid als Partner genannt. Diese arbeitet neben der Caritas und der Heilsarmee unter anderen auch mit dem Roten Kreuz und der Winterhilfe zusammen. Bei der Texaid wird 65 Prozent der Kleidung als Secondhand-Ware verkauft – über Ricardo zum Beispiel. 30 Prozent der Ware wird zu Putzlappen oder anderen Produkten rezykliert, und 5 Prozent werden verbrannt.

«Der Transport von Kleidern in andere Länder ist nicht unbedingt die nachhaltigste Art von Hilfe.»
Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Zewo

Die Texaid vergütet schliesslich jährlich mehrere Millionen an die angeschlossenen Hilfswerke, Samaritervereine sowie viele regionale gemeinnützige Organisationen. Gelder, die für soziale Projekte im In- und Ausland eingesetzt werden.

Kleiderpakete für Berggebiete

Bei Tell-tex bleiben hingegen nur ungefähr 5 Prozent in der Schweiz. Ganze 95 Prozent der Textilien gehen nach Italien, in die Ostblockländer und ein kleiner Teil nach Nordafrika. In der Schweiz werden die Kleider nicht verkauft, sondern verschenkt. «Hilfe in der Schweiz für die Schweiz», nennt Roland Tegtmeyer von Tell-tex die Idee. Bergbauern oder bedürftige Personen aus Berggebieten werden dabei vor allem berücksichtigt. «Diesen Familien werden die fast neuwertigen Kleider und Schuhe gratis und portofrei nach Hause gesandt», erklärt Tegtmeyer.

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