Über 20 Autos auf dem Trottoir

Zuger Detailhändler werden von Handwerkerinnen zuparkiert

Auf dem Trottoir parkierte Autos gehören in der Bahnhofstrasse zum Stadtbild. (Bild: ewi)

Die Zuger Innenstadt lädt dank kurzer Wege zum Flanieren ein. Doch Passanten müssen sich den Platz regelmässig mit Geschäftsautos von Baustellenfirmen teilen. Ein Umstand, der bei Detaillisten für Unzufriedenheit sorgt.

Mit dem Renommee der Zürcher Bahnhofstrasse kann die gleichnamige Strasse in Zug zwar nicht ganz mithalten. Nichtsdestotrotz ist es eine repräsentative Strasse, die insbesondere für Fussgängerinnen sehr attraktiv ist: Breite Trottoirs und zahlreiche Läden auf beiden Strassenseiten laden zum Flanieren ein.

Doch wer dann eben der Bahnhofstrasse entlang flanieren will, dem stellen sich regelmässig vierrädrige Hindernisse in den Weg. Denn das Trottoir auf beiden Strassenseiten ist gesäumt mit Lieferwagen von Baustellenfirmen. Das zeigte sich vor Kurzem eindrücklich an einem Montagmorgen. Rekordverdächtige 26 Autos stehen auf dem Trottoir. Ein anderes Mal sind es sieben, dann wieder zwölf. Immer mit dabei: Die Gewerbeparkkarte, gut sichtbar hinter der Windschutzscheibe platziert, die den Gewerblern zahlreiche Parkprivilegien einräumt (zentralplus berichtete).

Ein alltägliches Bild an der Bahnhofstrasse. Auf dem Trottoir reiht sich ein Lieferwagen an den anderen. (Bild: zvg)

Detailhändler stört sich am Stadtbild

Unabhängig von Tag und Uhrzeit gehören die vielen Autos auf dem Trottoir fast schon zum Stadtbild. Ein Umstand, der verschiedenen Zuger Detailhändlern ein Dorn im Auge ist. So auch Christoph Utesch, der an der Vorstadt ein Optikergeschäft betreibt. «Die grossen Lieferwagen auf dem Trottoir schaden dem Stadtbild», meint er und ergänzt: «Dasselbe gilt für jene Autos, die einen ganzen Tag lang auf einem Kurzzeitparkplatz parkieren.»

Ein Anschauungsbeispiel bietet sich uns direkt vor unserer Nase. Von Uteschs Geschäft hätte man eigentlich einen schönen Ausblick direkt auf den Zugersee (zentralplus berichtete). Doch an diesem Tag blickt man statt auf den See an die weisse Seitenwand eines Lieferwagens, der gemäss Utesch seit mehreren Stunden auf dem dortigen Kurzzeitparkplatz stehe.

«Es ist wirklich unmöglich, wie die Handwerker ihre Autos parkieren.»

Simone Spillmann, Apothekerin

Nun gut, Sinn eines Parkplatzes ist es, dass darauf für längere Zeit ein Auto stehen kann. Fürchtet der Ladeninhaber also wohl eher um die Erreichbarkeit seines Geschäfts als um seine Aussicht? Utesch dementiert: «Von mir aus müssten alle diese Parkplätze bei der Vorstadt aufgehoben werden.» Er ist überzeugt, dass dies die Häuserzeile aufwerten würde. «Ich investiere viel Zeit in die Dekoration meines Schaufensters. Aber wenn ständig Autos davor stehen, kommt das kaum zur Geltung.»

Apothekerin wird zuparkiert

Zahlreiche Geschäftsinhaberinnen in der Zuger Innenstadt würden sich über die beschriebene Situation nerven, so Utesch. Eine davon ist Simone Spillmann, die eine Apotheke an der Bahnhofstrasse führt. «Es ist wirklich unmöglich, wie die Handwerker ihre Autos parkieren» beschwert sie sich. «Zusätzlich stören mich die Mulden bei der Schmidgasse. Die stehen monatelang voll mit Dreck auf den Trottoirs.» Dabei sei die Strasse eine Begegnungszone, in der Tempo 20 gelte.

Sie stört sich aber nicht nur an den ästhetischen Folgen dieses «Wildparkierens». Für sie und ihre Mitarbeiter hat das auch praktische Konsequenzen. Dann nämlich, wenn die Einfahrt zu den Mitarbeiterparkplätzen im Hinterhof zuparkiert wird.

«Entlang der Poststrasse würden die Autos das Stadtbild viel weniger beeinträchtigen als an der Bahnhofstrasse.»

Christoph Utesch, Optiker

Die Apothekerin weiss sich aber zu helfen. Sie hat improvisiert und mit gelbem Klebeband ein inoffizielles «Parkverbot» aufs Trottoir vor der Einfahrt markiert. «Die selber markierte Fläche ist ein Provisorium, sie wird aber mehrheitlich respektiert», bilanziert sie.

Alternative in der Poststrasse?

Christoph Utesch will nicht auf dem Baugewerbe herumhacken. Er versteht es, dass die Handwerker ihre Autos in der Nähe der Baustelle parkieren wollen. Allerdings würden im Zuger Zentrum zahlreiche Parkhäuser als Alternative existieren, so Utesch.

Wobei dort die Einfahrt für Lieferwagen teilweise zu niedrig ist, wie er einräumt. Der Optiker schlägt darum eine nahegelegene Alternative vor: Die Handwerker sollten ihre Autos entlang der parallel zur Bahnhofstrasse verlaufenden Poststrasse parkieren. «Entlang der Poststrasse würden die Autos das Stadtbild viel weniger beeinträchtigen als an der Bahnhofstrasse», findet Utesch.

Das sagt die Stadt Zug zur Situation

Und was sagt die Stadt Zug zu den «Wildparkierern»? Dort heisst es auf Anfrage: «Die Situation ist bekannt. Sie ist auf die vielen Umbauprojekte zurückzuführen, die in dieser Umgebung derzeit stattfinden.» Handlungsbedarf sehe man jedoch keinen: «Jeder Umbau benötigt Handwerker, welche die Arbeiten ausführen», antwortet die Stadt Zug lapidar. Diese müssen jederzeit auf Werkzeuge und Geräte im Auto zurückgreifen können. Und weiter: «Es braucht keine weiteren Vorschriften. Die bestehenden Regelungen sind klar formuliert und genügen.»

Eine Gewerbeparkkarte hinter der Windschutzscheibe eines Lieferwagens. (Bild: ewi)

Die Gewerbeparkkarte sei keinesfalls ein Freifahrtschein, das Auto praktisch überall hinstellen zu dürfen. So ist es Handwerkerinnen beispielsweise trotz Gewerbeparkkarte untersagt, auf einem Güterumschlagplatz oder länger als 30 Minuten auf einem Kurzzeitparkplatz zu parkieren. Trotzdem kommt das immer wieder vor, wie Christoph Utesch berichtet und wie es auch ein Augenschein vor Ort bestätigt.

Andere Städte haben strengere Regeln

Letztlich ist es für die Stadt Zug ein Abwägen zwischen den Interessen des Detaillhandels, des Baugewerbes und des Stadtbilds. Oberirdische Parkplätze ja – aber wie viele und für wen? «Die Stadt Zug handelt hier liberal und gewerbefreundlich», schreibt die Stadt.

Ein Blick in andere Schweizer Städte illustriert die gewerbefreundliche Einstellung der Stadt Zug deutlich. Zwar kennen auch Städte wie Zürich, Basel, Bern oder Luzern eine Gewerbeparkkarte. Doch in Luzern und Zürich gilt diese nur für öffentliche Parkplätze, nicht aber fürs Trottoir oder im Parkverbot. In Basel dürfen Handwerker mit der Gewerbeparkkarte zwar im Parkverbot parkieren, aber nur für maximal vier Stunden. In Zug ist die Gültigkeit zeitlich nicht beschränkt.

Dafür ist die Gewerbeparkkarte hier deutlich teurer. 600 Franken im Jahr kostet die Karte in Zug, gilt dafür für den gesamten Kanton. In Zürich ist die Karte mit 480 Franken, in Luzern mit 400 Franken und in Basel gar nur mit 200 Franken deutlich günstiger.

Verwendete Quellen
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