Umstrittene Lösung für das Verkehrsproblem

Zug baut Strassen gegen den Autoverkehr: Ist das sinnvoll?

Autokolonnen in der Neugasse in Zug: Ein neues Verkehrskonzept braucht die Stadt. (Bild: Carlo Schuler)

In Zug herrscht ein massives Verkehrsproblem, denn der Autoverkehr wächst kontinuierlich. Die Regierung findet die Lösung im Strassenbau, doch das überzeugt lange nicht jeden.

Erst kürzlich machte zentralplus bekannt, dass sich der Verkehr um das neu geplante ZVB-Areal in der Stadt Zug bis 2035 verdoppeln wird (zentralplus berichtete). Gemäss einem Umweltverträglichkeitsbericht steigt die Anzahl von Fahrten im «Filetstück der Stadt Zug» von 670 auf über 1'300. Die Verkehrszunahme ist kantonsweit kein Einzelfall.

Gemäss dem Agglomerationsprogramm 2021 erwartet der Kanton die grössten Verkehrszunahmen auf dem Nationalstrassennetz und den wichtigen Verbindungsstrassen. Neue Strassen wie die Umfahrung Cham-Hünenberg oder die Tangente Zug/Baar können gemäss den Berechnungen zwar die Zentren entlasten, das Verkehrswachstum insgesamt aber lässt sich damit nicht unter Kontrolle bringen.

Hoher Motorisierungsgrad

Für Goran Vejnovic, Geschäftsführer des VCS Zug, liegen die Gründe für die Zunahme auf der Hand, wie er gegenüber zentralplus erklärt: das Bevölkerungswachstum und der hohe Motorisierungsgrad. Konkret besitzen 730 von 1000 Zugerinnen ein Auto – das ist schweizweit Rekord (zentralplus berichtete). Bis zum Jahr 2035 soll die Bevölkerung ausserdem um rund 25'000 Einwohner wachsen.

«Viele Lenkungsmöglichkeiten wurden aufseiten der Behörden bisher ausgelassen oder die motorisierte Verkehrszunahme mit Infrastrukturbauten gar gefördert.»

Goran Vejnovic, Geschäftsführer des VCS Zug

Das zeigt: Zug ist ein kleiner Kanton mit stark wachsender Bevölkerung, die überdurchschnittlich viele Autos besitzt. Für eine Reduzierung des individuellen Autoverkehrs ist das eine äusserst schwierige Ausgangslage.

Und auch die Regierung hat dem Thema bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, findet Goran Vejnovic: «Viele Lenkungsmöglichkeiten wurden aufseiten der Behörden bisher ausgelassen oder die motorisierte Verkehrszunahme mit Infrastrukturbauten gar gefördert.»

Ein Milliardenprojekt für den Autoverkehr in Zug

Ein solches Infrastrukturprojekt sind die zwei geplanten Autotunnel in Zug und Unterägeri. Kostenpunkt? Knapp eine Milliarde Franken (zentralplus berichtete). In Zug ist ein zwei Kilometer langer Zentrumstunnel geplant. Es handelt sich um einen zweiten Anlauf, nachdem der Stadttunnel im Jahr 2015 von den Zugern deutlich abgelehnt wurde.

Das Projekt eines Zuger Stadttunnels, hier das Nordportal. (Bild: zvg)

Beide Autotunnel sollen in den Richtplan aufgenommen werden, den der Kantonsrat im Juni diskutiert. Die Baukommission hat ihr Urteil über die beiden Umfahrungen bereits gefällt: Man könne nicht immer vom «Verkehrsstress» philosophieren und keine neuen Kapazitäten bereitstellen.

«Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben, die den Gemeinden eine Reduktion des Autoverkehrs vorschreiben würde.»

Florian Weber, Baudirektor Zug

So sieht es auch Baudirektor Florian Weber. Zwei Ziele des Richtplans seien das Brechen der Verkehrsspitzen und die «Verflüssigung des Verkehrs». Den Gemeinden könne die Verantwortung dafür nicht aufgedrückt werden. «Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben, die den Gemeinden eine Reduktion des Autoverkehrs vorschreiben würde», erklärt Weber auf Anfrage.

Führt Strassenbau zu mehr Autoverkehr in Zug?

Doch auch kritische Stimmen meldeten sich bei der Sitzung der Baukommission zu Wort. «Angesichts der Klimakrise ist der Bau von neuen Strassen falsch, es ist allgemein bekannt, dass mehr Strassen zu mehr Verkehr führen», heisst es im Bericht.

Diese Einschätzung teilt auch Luzian Franzini, Kantonsrat (ALG). «Ziel muss sein, dass das Verkehrsaufkommen in der Stadt Zug in den nächsten Jahren nicht weiter steigt, sondern sinkt.» Er kritisiert, dass zu wenig unternommen wird, um in den nächsten Jahren den Mehrverkehr zu reduzieren.

«Der geplante Stadttunnel nützt praktisch nichts, um den Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren. Denn hier handelt es sich um Zielverkehr in die Stadt und nicht um Durchgangsverkehr.»

Luzian Franzini, Kantonsrat (ALG)

Ausserdem zweifelt er am Zweck des geplanten Stadttunnels. «Der geplante Stadttunnel nützt praktisch nichts, um den Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren. Denn hier handelt es sich um Zielverkehr in die Stadt und nicht um Durchgangsverkehr.»

Gemischtes Selbstbild des Kantons

In seiner Selbstbeschreibung fällt der Kanton Zug ein gemischtes Urteil über den Zuger Verkehr. Im Agglomerationsbericht aus dem Jahr 2021 listet er die heutigen Stärken und Schwächen des Verkehrs in der Agglomeration auf. Löblich seien die gute Erreichbarkeit, das leistungsfähige Schienennetz und ein gut ausgebautes Velonetz.

Verbesserungswürdig dagegen seien das «stark belastete übergeordnete Verkehrsnetz», die «starke Verkehrsbelastung innerhalb einzelner Siedlungsgebiete» und Überlastungen des Verkehrsnetzes zu Spitzenzeiten.

Das zeigt: Die Probleme sind bekannt – aufseiten des Kantons wie auch beim Verkehrs-Club und bei der ALG. Nur bei der Lösung unterscheiden sich die drei Positionen. Ob der Bau von Strasseninfrastruktur Autoverkehr reduziert oder befördert, bleibt somit die Kernfrage Zuger Verkehrspolitik.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Baudirektor Florian Weber
  • Bericht und Antrag der Kommission zur Richtplananpassung Mobilität
  • Schriftlicher Austausch mit Luzian Franzini
  • Schriftlicher Austausch mit Goran Vejnovic, Geschäftsführer VCS
  • Nachricht zur Richtplananpassung Mobilität
  • Agglomerationsprogramm Zug
  • Daten zur Bevölkerungsentwicklung des Kantons Zug
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