Auf Basis von Umfragen, Experten, Komitees

zentralplus-Prognose: Beide Zuger Tunnel werden gebaut

Baudirektor Florian Weber bei der Eröffnung der Tangente Zug. Wenn die Tunnel in Zug und Unterägeri eröffnet werden, ist er wohl nicht mehr im Amt. (Bild: Andreas Busslinger)

Die Zuger werden beide Tunnelvorlagen annehmen. In Unterägeri wird die Mehrheit deutlicher sein, in der Stadt Zug wird es knapp. zentralplus wagt den Blick in die Glaskugel.

Vor der kantonalen Abstimmung zu den Umfahrungen am 3. März hat sich zentralplus umgehört. Auf der Strasse, in der Leserschaft, bei den Komitees, beim Kanton und bei Experten. Und wagt eine Prognose. Doch beginnen wir beim Metalli. «Sind Sie Zuger Stimmbürger? Falls ja, stimmen Sie für die Tunnel?», fragte zentralplus auf der Strasse rund 30 Passanten.

Das Ergebnis: Zwei Drittel leben in Zug, dürfen aber nicht im Kanton abstimmen. Das Drittel, das abstimmen darf, ist wohlwollend. «Der Tunnel ist besser als der Stadttunnel 2015», lobte eine Seniorin die aktuelle Vorlage. «Ich hoffe, dieses Mal klappt es», sagte eine 50-Jährige im Eilschritt. Doch über die Vorlagen wird nicht nur in der Stadt abgestimmt.

Über 500 zentralplus-Leserinnen haben abgestimmt

Also hat sich zentralplus nach kantonalen Umfragen umgehört. Vom Kanton, von gfs Bern, gff Swiss Research Services und von den nahen Hochschulen und Unis gibt es Absagen: Niemand weiss, wie die Zuger zu den Umfahrungen stehen. Dafür zeigt eine eigene Umfrage eine erste Tendenz.

530 Leser und Leserinnen haben im Februar an der zentralplus-Umfrage zu den Tunneln teilgenommen. Das Ergebnis: 50 Prozent lehnen beide Tunnel ab, 36 Prozent befürworten beide. Rund 14 Prozent wollen entweder den Tunnel in Unterägeri oder den Stadtzuger. Die Umfahrung im Ägerital ist dabei beliebter.

Das zeigt: Mindestens die zentralplus-Leserschaft ist hälftig gespalten bei der Frage, ob mindestens ein Tunnel gebaut werden soll. Doch hundertprozentig verlässlich ist die nicht repräsentative Umfragen nicht.

«Die Frage ist: Wer artikuliert die eigene Stimme? Aus welchen sozioökonomischen Milieus stammen die Lesenden? Wurde die Frage suggestiv gestellt?», erklärt Axel Schubert von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), was solche Umfragen beeinflusst. Also hat zentralplus Experten gesucht, um die Chancen der Tunnel einzuschätzen – und ist nach einem Dutzend Absagen fündig geworden.

Expertin: Wahrscheinlichkeit für Annahme ist hoch

Zora Föhn arbeitet als Politologin beim Luzerner Forschungsinstitut Interface. Sie hat sich für zentralplus die Situation genauer angeschaut und sagt: «Bei beiden Abstimmungen schätze ich die Chancen für eine Annahme durch die Stimmbevölkerung des Kantons Zug als eher wahrscheinlich ein.»

Ihre Indizien: die grossen bürgerlichen Parteien (SVP, FDP, die Mitte, GLP) haben die Ja-Parole beschlossen. ALG und SP lehnen die Tunnel zwar ab, haben im Kanton aber keine Mehrheit. Ausserdem hat der Kantonsrat die Kreditvorlagen «mit klarer Mehrheit» angenommen. Und der Regierungsrat empfiehlt die Kreditvorlagen zur Annahme.

Die Politologin Zora Föhn arbeitet bei Interface in Luzern. (Bild: zvg)

Die Forscherin sagt: «Es kann durchaus vorkommen, dass das Volk gegen die Empfehlungen des Regierungsrates und des Kantonsrates stimmt.» Dies sei aber wahrscheinlicher, wenn die Lager ausgeglichener seien oder die Meinungen innerhalb der Parteien weniger eindeutig als aktuell in Zug.

Womit wir bei der letzten Tunnelabstimmung im Kanton Zug sind. Im Jahr 2015 scheiterte der Stadttunnel an der Urne, mit einem klaren Nein in allen Zuger Gemeinden (zentralplus berichtete). Interessant: Auch damals hatten lediglich die ALG und die SP die Nein-Parole gefasst, trotzdem obsiegten sie an der Urne.

Unterschiede zu 2015: Die Finanzlage des Kantons Zug

Der Unterschied zu heute: Der Tunnel damals war mit 890 Millionen Franken nicht nur teurer, sondern sollte zum Hauptteil durch Autofahrer finanziert werden. Das missfiel den Zugern. Zudem war die Finanzlage des Kantons deutlich schlechter. Heute dagegen sprudeln die Überschüsse Jahr für Jahr (zentralplus berichtete).

Mit über zwei Milliarden Franken Eigenkapital kann Zug die aktuellen Tunnel ohne Fremdkapital finanzieren. Das könnte bei der Abstimmung entscheidend sein. «Wenn der Kanton in der Lage ist, die Kosten aus eigenen Mitteln zu decken, dürfte die Wahrscheinlichkeit einer Zustimmung durch die Bevölkerung höher sein», erklärt Zora Föhn.

Stadtzuger können sich einen «Stadttunnel light» vorstellen

Ein weiterer Unterschied: Vor der Abstimmung 2015 zweifelte selbst der damalige Baudirektor Heinz Tännler am Erfolg (zentralplus berichtete). Anders heute: Auf Anfrage schreibt der amtierende Baudirektor Florian Weber: «Dass der Kantonsrat und der Regierungsrat überzeugt sind, mehrheitsfähige Projekte vorgeschlagen und beschlossen zu haben, versteht sich von selbst.»

Er hat mehr als einen Grund für seine Zuversicht. Nicht nur im Parlament, bei den meisten Parteien, den Gewerbeverbänden und den Gemeinden Zug und Unterägeri gab es Rückhalt, sondern auch bei der Stadtzuger Bevölkerung. Bei einer Bevölkerungsumfrage im Jahr 2021 sagte eine Mehrheit, sich einen «Stadttunnel light» vorstellen zu können (zentralplus berichtete).

Komitees sind sich einig: Unterägeri steht hinter dem Tunnel

Anders sieht das die Gemeinderätin Julia Küng (ALG) vom Gegenkomitee in der Stadt Zug. Mehrverkehr in Zug West, Grossbaustellen und die Unklarheit, ob der Tunnel wirkt: Das kritisiere die Stadtbevölkerung, die sie trifft – teils auch Bürgerliche. Ausserhalb der Stadt gehe zudem die Frage um, warum man den Stadtzugerinnen ein 750 Millionen teures Geschenk machen soll, dass diese gar nicht wollen.

Ihr Gegenspieler, der Kantonsrat Adrian Risi (SVP), Vorsitzender des Pro-Komitees, schreibt: «In 10 Gemeinden, neben der Stadtgemeinde sind wir sehr zuversichtlich, dass das Volk deutlich Ja zu den Jahrhundertwerken sagt. In der Stadt Zug ist die Stimmung kritischer, wir werden aber mit einem weniger deutlichen Ja trotzdem obsiegen.»

Sein Kantonsratskollege Arnold Jost (FDP) bestätigt, im Ägerital sei die Unterstützung gross: Neun von zehn hiesigen Kantonsräten seien für die Umfahrung, ebenso die Gemeinderäte von Oberägeri und Unterägeri und der Gewerbeverein. Weiter setzt der Leiter des Pro-Komitees in Unterägeri auf Solidarität: «Nach Steinhausen, Baar, bald auch Cham und Hünenberg sind nun das Ägerital und Zug an der Reihe, eine Umfahrung zu erhalten.»

Selbst im gegnerischen Komitee gibt man die Übermacht im Ägerital teils zu. «In Unterägeri wird der Tunnel wahrscheinlich angenommen, da die Versprechungen bezüglich der Aufwertung des Dorfkerns bei vielen Leuten verfangen», schreibt Philipp Röllin für das Gegenkomitee im Ägerital. In Oberägeri sei die Lage aber unklar, gibt der Oberägerer zu bedenken.

Zuger Tunnel haben mit Schatten zu kämpfen

zentralplus kommt zum Schluss: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Umfahrung in Unterägeri angenommen wird, ist hoch. In der Stadt Zug ist der Umfahrungstunnel umstrittener – trotzdem stehen die Zeichen auf Annahme. Dafür sprechen die Parolen, die gute finanzielle Lage des Kantons und die letzte Bevölkerungsumfrage.

Sollten die Vorlagen am 3. März dennoch abgelehnt werden, könnte dies mit der komplizierten Projektgeschichte zusammenhängen, bemerkt die Politologin Zora Föhn. Denn der Tunnel in der Stadt Zug kommt bereits zum vierten Mal zur Abstimmung – dieser Schatten ist schwer loszuwerden.

Wer sich nochmals einlesen will, worüber am 3. März genau abgestimmt wird, kann das hier. Die aktuellsten Entwicklungen gibt es in der untenstehenden Box.

Verwendete Quellen
  • Website des Kanton Zug zu der Umfahrung Unterägeri und der Umfahrung Zug
  • Diverse Hintergrundgespräche mit Mobilitätsexperten
  • Schriftlicher Austausch mit der Fachstelle für Statistik Zug, mit gfs Bern, gff Swiss Research Services, der Hochschule Luzern und der Fachhochschule Nordwestschweiz, mit den Universitäten Bern, Luzern, Zürich und der ETH
  • Schriftlicher Austausch mit Axel Schubert von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)
  • Schriftlicher Austausch Zora Föhn, Politologin beim Luzerner Forschungsinstitut Interface
  • Website umfahrungen.ch
  • zentralplus Medienarchiv
  • Schriftlicher Austausch mit dem Zuger Baudirektor Florian Weber
  • Schriftlicher Austausch mit Adrian Risi, Kantonsrat SVP
  • Schriftlicher Austausch mit Arnold Jost, Kantonsrat FDP
  • Ergebnisse der Tunnelabstimmung 2015 in Zug
  • Bevölkerungsumfrage in der Stadt Zug im Jahr 2021
  • Schriftlicher Austausch mit Philipp Röllin, Präsident Forum Oberägeri
  • Schriftlicher Austausch mit Julia Küng, Gemeinderätin Stadt Zug (ALG)
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