Verkehr & Mobilität
Grossprojekt im Untergrund Luzerns

«Stadtpassage ist mehr als ein Projekt für Car-Parkplätze»

Roger Sonderegger auf dem Luzerner Schwanenplatz, den er sich «Car-frei» wünscht. (Bild: ewi)

Die Stadtpassage soll Luzerns Car-Problem langfristig lösen. Die Zahl der ungeklärten Fragen ist gross – und die Zeit drängt. Immerhin: Ein erstes grosses Ziel haben die Initianten um Roger Sonderegger erreicht.

Nicht schlecht gestaunt hat man in der Stadt Luzern, als der Stadtrat im August dieses Jahres die neuste Idee zur Lösung des Car-Chaos präsentierte. Mit der «Stadtpassage» befürwortet der Stadtrat ein grosses Infrastruktur-Projekt, von dem bislang noch niemand je gehört hatte.

Die Cars sollen aus dem Stadtbild verschwinden, indem sie künftig in einer Tiefgarage unter dem Luzerner Kantonsspital (Luks) parkieren. Die Garage ist über zwei Tunnels erschlossen: einer in Richtung Sedel für Cars. Und ein rund 800 Meter langer Tunnel für Fussgängerinnen in Richtung Altstadt (zentralplus berichtete).

Hinter der Idee steckt die bis dahin völlig unbekannte IG Stadtpassage. Ideengeber und Kopf dieser Gruppe ist der Mitte-Grossstadtrat Roger Sonderegger. Im Gespräch mit zentralplus bestätigt er, was auf der Unternehmens-Plattform «Moneyhouse» schon seit einigen Tagen zu lesen ist. Aus der Interessengruppe ist eine Aktiengesellschaft geworden.

Aus Stadtpassage-Verein wird AG

Es wird also ernst rund um die Stadtpassage. Denn immerhin ist für die Gründung einer AG ein Startkapital von 100'000 Franken nötig. «Geld, das wir aus eigener Tasche und auf eigenes Risiko investieren», sagt Sonderegger im Gespräch. An der Organisation der Gruppe ändert das aber fast nichts. Sie arbeiten weiterhin ehrenamtlich für ihr Projekt. Immerhin haben sie vor Kurzem zusätzlich einen Geschäftsleiter eingestellt – den sie ebenfalls aus eigener Tasche bezahlen.

Die Lösung sieht einen Tunnel für Fussgängerinnen und einen für Cars vor.

Die Kombination ist ungewöhnlich. Eine Gruppe, die sich erst vor wenigen Wochen professionalisiert hat, steht am Ursprung eines Mega-Projekts, das gemäss ersten Schätzungen rund 150 Millionen Franken kosten könnte. Während das Projekt selbst aufgrund seines spektakulären Charakters im August für kurze Zeit viel Aufmerksamkeit erhielt, blieb es um die damalige IG Stadtpassage ruhig.

«Wir haben bewusst nicht offensiv kommuniziert», erzählt Roger Sonderegger heute. Dies hätten beispielsweise die Initianten hinter der Metro-Initiative gemacht – und erhielten von der Stimmbevölkerung prompt eine Abfuhr (zentralplus berichtete). Ein ähnliches Schicksal widerfuhr der Idee des Parkhauses Musegg. Gegen diese Projekt-Idee legte der Grosse Stadtrat sein Veto ein (zentralplus berichtete).

Jetzt liegt der Ball bei der Stadt

Mit der Stadtpassage hingegen gelangte ein Vorschlag in die Diskussion, der politisch nicht vorbelastet ist und es dank defensiver Kommunikation der Initianten bisher auch blieb. Der Stadtrat begrüsste die Idee, später auch das Parlament. Damit beauftragte es den Stadtrat, eine Machbarkeitsstudie zur Stadtpassage durchzuführen. 400'000 Franken stehen der Stadt dafür zur Verfügung.

«Unser erstes Ziel haben wir erreicht», hält Sonderegger fest. «Der Ball liegt jetzt bei der Stadt, was bei einem Projekt dieser Grösse sinnvoll ist. Schliesslich ist es ein Thema, das den öffentlichen Raum massgeblich betrifft.» Zudem sei die Stadt nicht an private Interessen gebunden. Ideen wie die Metro oder das Parkhaus Musegg, die von Privaten vorangetrieben wurden, hätten diese Bedingung nicht erfüllt. «Wir hatten nicht das Ziel, dem Stadtrat ein pfannenfertiges Projekt hinzulegen.»

Die Stadt Luzern führt die Machbarkeitsstudie nun unabhängig von der Stadtpassage AG durch. Das bestätigt Roger Schürmann vom Tiefbauamt der Stadt. «Der Verein hat uns seine eigenen Grundlagen zur Verfügung gestellt und wir pflegen wie immer einen transparenten Austausch miteinander», erklärt Schürmann. «Aber die Machbarkeit prüfen wir in Zusammenarbeit mit dem Kanton, dem Kantonsspital und externen Büros.»

Machbarkeitsstudie prüft drei kritische Fragen

Die Studie enthält drei Kernthemen: Das erste Kernthema dreht sich den Verkehr und die Gestaltung. Wie muss das Portal im Sedel gestaltet werden? Welche Auswirkungen hat das auf den Verkehrsfluss? Wie muss der Tunnel in Richtung Altstadt dimensioniert werden und wo könnte dieser enden? Was passiert mit den Flächen am Schwanen- und am Löwenplatz, wenn sie nicht mehr als Car-Parkplätze gebraucht werden?

Zudem hat das Parlament der Stadt drei zusätzliche Aufträge erteilt: Lassen sich die knapp 400 wegfallenden Parkplätze vom Bahnhofparking P1 ebenfalls im Untergrund des Luks realisieren? Wie kann der Fussgängertunnel auch von Velos genutzt werden? Und die Stadt soll prüfen, ob im Tunnel auch eine Mini-Metro realisiert werden kann, wie es sie beispielsweise in Lugano zwischen Zentrum und Bahnhof gibt.

Das zweite Kernthema behandelt bauliche Fragen: Von der Linienführung der Tunnels bis hin zur Vereinbarkeit mit den Bauplänen des Kantonsspitals. Dieses Kapitel soll letztlich auch eine der wichtigsten Fragen klären, die bislang noch ungeklärt ist: Was wird das Ganze kosten? Die Stadtpassage AG rechnet mit Kosten zwischen 100 und 150 Millionen Franken. Es war aber auch schon von 200 Millionen Franken die Rede. Klar ist diesbezüglich also nur: Die Stadtpassage wird teuer.

Sie sind schon heute immer seltenber in Luzenr zu sehen: Pauschaltouristen am Schwanenplatz.
Was passiert mit dem Schwanenplatz, wenn er mal nicht mehr als Car-Parkplatz gebraucht wird? (Bild: Archiv)

Womit wir beim dritten Kernthema der Machbarkeitsstudie angelangt sind: Wer soll das alles bezahlen? «Wir entwerfen und prüfen verschiedene Szenarien zur Finanzierung und Trägerschaft der Stadtpassage», sagt Roger Schürmann. Es gehe darum, verschiedene «Business Cases» zu erstellen. Dort wird aufgezeigt, wie der Bau und der Betrieb der Stadtpassage finanziert werden können und welche Rolle die öffentliche Hand respektive private Investoren dabei übernehmen.

Die schwierige Suche nach Investoren

Das führt uns zurück zu Roger Sonderegger und der Stadtpassage AG. Denn obwohl mittlerweile die Stadt die Verantwortung für das Projekt übernommen hat, bleiben Sonderegger und Co. nicht untätig. Auch sie beschäftigen sich derzeit mit der Frage der künftigen Trägerschaft und entwerfen verschiedene Geschäftsszenarien. Schliesslich ist dies für die Gruppe selbst eine sehr relevante Frage: Welche Rolle kommt ihr in diesem Projekt in Zukunft zu?

Die Gründung einer Aktiengesellschaft ist vor diesem Hintergrund kein Zufall. Der Verein wollte sich professioneller organisieren, um in künftigen geschäftlichen Verhandlungen auch ein Wörtchen mitreden zu können. «Früher waren wir bloss ein Verein mit ein paar guten Ideen», erzählt Roger Sonderegger. «Aber wir wollen das Projekt auch in Zukunft begleiten und Investoren finden. Und ab einem gewissen Punkt funktioniert es einfach nicht mehr, wenn man als Verein einen Investor um ein paar Millionen Franken bittet.»

Erste Vorgespräche mit möglichen Investoren hat die Stadtpassage AG bereits geführt. Und Interesse von dieser Seite sei spürbar. Aber die wollen natürlich wissen, mit viel Rendite ungefähr zu rechnen ist. «Im Rahmen der laufenden Machbarkeitsstudie wird nun konkretes Zahlenmaterial zur Finanzierung erarbeitet. Das ist für alle am Projekt beteiligten Partner entscheidend», sagt Sonderegger.

Wie interessant das Projekt aus wirtschaftlicher Sicht ist, hängt massgeblich davon ab, wie viel Geld die öffentliche Hand beisteuert – und wie gross die Nachfrage im Car-Tourismus in Zukunft überhaupt sein wird. Eine Goldgrube ist der Betrieb eines Parkhauses zweifellos nicht – anderseits lässt sich mit Car-Parkplätzen aufgrund der hohen Gebühren in keiner Stadt der Schweiz so viel Geld verdienen wie in Luzern (zentralplus berichtete).

In welche Richtung entwickelt sich der Car-Tourismus in Luzern?

Doch insbesondere die Frage nach dem künftigen Bedarf ist heikel. Denn es ist unklar, in welchem Umfang und Zeithorizont sich dieses Tourismus-Segment von der Pandemie erholen wird. «Es rechnet niemand damit, dass sich der Car-Tourismus vollständig von der Pandemie erholt», räumt Sonderegger ein. «Aber ganz verschwinden wird er auch nicht. Darum ist das Projekt bewusst klein dimensioniert und bei Bedarf nach oben skalierbar.»

Und wenn die Cars überhaupt nicht mehr nach Luzern zurückkehren? «Dann besteht dank der Stadtpassage immer noch eine direkte Verbindung zwischen Altstadt und Kantonsspital, die Spitalstrasse bleibt vom Verkehr entlastet und der vorhandene Raum kann als Busdepot für den öffentlichen Verkehr oder anders genutzt werden», argumentiert Sonderegger und ergänzt: «Zudem kann die Infrastruktur für den Ausbau des Fernwärme-Netzes genutzt werden, um so die Gebäude der Altstadt nachhaltig zu heizen.» Für ihn ist darum klar: «Die Stadtpassage ist deutlich mehr als ein Projekt für die Carparkierung.»

Ob dieser Nutzen Kosten in der Höhe von 150 Millionen Franken rechtfertigt? Etwas mehr Klarheit schafft die Stadt wohl erst in rund einem Jahr. Bis zu diesem Zeitpunkt sollen die Resultate der Machbarkeitsstudie vorliegen. Der Stadtrat wird dann beim Parlament – je nach Ergebnis der Studie – einen Planungskredit beantragen. Und die Stadtpassage AG auf Investorensuche gehen.

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