Nach dem Abstimmungs-Nein

Warum die Neuheimer keine Tempo-30-Vorreiter sein wollen

Malerisch ist es in Neuheim. Autos werden künftig aber nicht langsamer durchs Dorf fahren, was Gemeinderat Andreas Bächtold bedauert. (Bild: Andreas Busslinger / SVP Zug)

Die Gemeinde Neuheim versenkt die Einführung einer flächendeckenden Tempo-30-Zone. Die Gründe für das Scheitern kann der Gemeinderat nur teilweise nachvollziehen. Die Diskussion ist damit aber nicht beerdigt.

Zürich denkt darüber nach. Basel und Winterthur ebenfalls. In Paris und Helsinki ist es bereits umgesetzt. Und auch die Zuger Berggemeinde Neuheim hat es erwägt: eine flächendeckende Tempo-30-Zone im Zentrum. So zumindest die Vision des Gemeinderats.

Doch die Bevölkerung konnte er von dieser Idee nicht überzeugen. Am vergangenen Sonntag haben die Einwohnerinnen an der Urne einen Kredit zur Umsetzung der Tempo-30-Zone deutlich abgelehnt. 65 Prozent stimmten Nein zum Kredit, die Stimmbeteiligung lag bei rund 54 Prozent (zentralplus berichtete).

Tempo 30 hat praktische und nicht ideologische Gründe

Im Kanton Zug, wo die Gemeinden bislang sehr zurückhaltend sind mit der Einführung von Tempo 30, wäre das Neuheimer Projekt ein Novum gewesen. Und selbst im schweizweiten Vergleich hätte Neuheim eine Vorreiterrolle bezüglich Verkehrsberuhigung übernommen. War das Vorhaben für die ländlich geprägte Berggemeinde zu radikal?

«Neuheim ist aufgrund seiner geographischen Gegebenheiten ein Auto-Dorf.»

Andreas Bächtold, Gemeinderat Neuheim

Der Gemeinderat und Sicherheitsvorsteher Andreas Bächtold (SVP) verneint. Der Vorschlag einer umfassenden Tempo-30-Zone hatte praktische, und nicht ideologische Gründe: «Neuheim ist ein Sackgass-Dorf. Die Beschilderung an den zwei Einfallstoren hätte planerische Vorteile mit sich gebracht», sagt Bächtold und fährt fort: «Die flächendeckende Einführung wäre somit den besonderen geographischen Gegebenheiten des Dorfes geschuldet gewesen, und nicht einer geplanten Leuchtturmwirkung ins Schweizerland.»

Der Gemeinderat sah in Tempo 30 vor allem eine Möglichkeit, den Verkehr im Dorf sicherer zu machen. Bächtold sagt: «Die Vorteile liegen auf der Hand und wurde mit Sicherheit von allen verstanden: kürzere Bremswege.»

«Neuheim ist ein Auto-Dorf»

Warum also kam es trotzdem zu diesem eindeutigen Ergebnis an der Urne? Die finanzielle Frage dürfte nur eine Nebenrolle gespielt haben, schliesslich war der Kreditantrag in der Höhe von 210'000 Franken verkraftbar, bei einem Gemeindebudget von rund 15 Millionen Franken.

Bächtold sieht darum andere Gründe im klaren Entscheid der Bevölkerung: «Das Problem lag wohl eher bei den – zum Teil individuellen – Massnahmen im Detail. Beispielsweise stösst das Entfernen von Fussgängerstreifen auf wenig Verständnis.» Zudem monierten die Gegner im Vorfeld der Abstimmung, dass es in Neuheim fast keine Unfälle gebe. Die Einführung von verkehrsberuhigenden Massnahmen sei darum überflüssig (zentralplus berichtete).

Und schliesslich schwingt im Abstimmungsergebnis auch eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Tempo 30 mit. So hält Andreas Bächtold klipp und klar fest: «Neuheim ist aufgrund seiner geographischen Gegebenheiten ein Auto-Dorf.»

Der Gemeinderat bleibt dran

Dass die Berggemeinde für immer ein Tempo-50-Land bleiben wird, ist aber unwahrscheinlich. Denn der Gemeinderat hat die Kompetenz, Projekte mit Kosten unter 100'000 Franken sozusagen in Eigenregie umzusetzen. Andreas Bächtold bestätigt, dass der Gemeinderat nun an einzelnen Problemstellen nach punktuellen Massnahmen sucht, um den Verkehr sicherer zu machen.

Seit Beginn dieses Jahres müssen Gemeinden beispielsweise kein Gutachten mehr erstellen, wenn sie auf wenig befahrenen Strassen eine Tempo-30-Zone realisieren wollen. Für Gegner bleibt dann nur noch die Möglichkeit der Beschwerde. Diese könne die Umsetzung zwar verzögern, aber in der Regel nicht mehr verhindern.

Verwendete Quellen
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