Was tun gegen die steigenden Unfallzahlen?

Velosegnung Knutwil: Mit Gottes Hilfe bleibe ich unfallfrei

Nach getaner Arbeit posieren die Geistlichen für ein Foto. (Bild: ewi)

Die Schattenseite des anhaltenden Velobooms ist die steigende Zahl der Velounfälle. Auch unser Autor macht sich Sorgen. Um unfallfrei zu bleiben, holt er sich deshalb Hilfe – von oben.

44 Velo- und E-Bikefahrer verloren 2020 auf Schweizer Strassen ihr Leben, weitere rund 1'500 Personen verletzten sich schwer. Allein bei den Velofahrerinnen sind das 13 Prozent mehr schwere Unfälle als noch 2010. Bei den E-Bikefahrern zeigt die Kurve der Unfallzahlen mit dem anhaltenden E-Bike-Boom sowieso exponentiell nach oben (zentralplus berichtete). Gesamthaft wurden 2020 über 5'200 Velofahrer durch einen Unfall verletzt.

Die Statistik macht mir Sorgen, schliesslich bin ich jeden Tag und bei jedem Wetter mit dem Velo unterwegs. Bei zunehmenden Unfallzahlen steigt rein statistisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit, dass es auch mich früher oder später erwischt. Zumal ich nicht gerade zimperlich durch die Strassen kurve.

Ich befürchte, dass ich auf diese Weise früher oder später in einen Unfall verwickelt werde. Nur, was tue ich dagegen? Ab jetzt immer schön brav den Helm anziehen? Klappt semi-gut. Langsamer fahren? Klappt überhaupt nicht. Zu Fuss, anstatt mit dem Velo unterwegs sein? Unvorstellbar.

Ich suche Hilfe in Knutwil

Da ich den Fehler also nicht bei mir finden will, suche ich mir Hilfe bei einem Aussenstehenden. Und zwar nicht bei irgendjemandem, sondern bei Gott: Ich entschliesse mich nämlich, an Auffahrt an der Velo- und Töfflisegnung in Knutwil teilzunehmen.

Dass es so etwas überhaupt gibt, war mir bis vor Kurzem nicht bekannt. Ich habe also keinen Schimmer, was mich erwartet. Ich weiss, dass Häuser mit den weissen Kritzeleien oberhalb des Hauseingangs gesegnet werden. Und bei Schiffen wird vor der Jungfernfahrt eine Flasche Schaumwein am Rumpf zerschlagen, um dem Schiff sichere Fahrten zu bescheren. Aber eine Velosegnung? Mit einer Mischung aus ahnungsloser Neugier und erwartungsvoller Vorfreude reise ich also nach Knutwil.

Wobei bereits die Anreise zum Irrweg wird. Eigentlich wollte ich nämlich mit dem ÖV nach Knutwil reisen. Doch die Busverbindung ab Sursee, die mir die SBB-App anzeigt, gibt es offenbar gar nicht. Also fahre ich mit dem Velo von Sursee nach Knutwil – merke aber nach fünf Minuten, dass ich in die falsche Richtung radle. Etwas göttliches Zutun könnte ich angesichts dieses misslungenen Starts gut gebrauchen.

Die Pfarrkirche St. Stephan und St. Bartholomäus zählt zu den bedeutendsten klassizistischen Sakralbauten der Schweiz.

Der göttliche Wegweiser erscheint mir tatsächlich auch nur wenig später. Nicht in der Form eines Sterns am Himmels oder eines brennenden Buschs, sondern in Form dreier «Töfflibuebe», die knatternd an mir vorbeiholpern. Ich gehe davon aus, dass sie auch nach Knutwil wollen und fahre ihnen hinterher. Tatsächlich erreiche ich fünfzehn Minuten und überraschend viele Höhenmeter später total verschwitzt die Pfarrkirche St. Stephan und St. Bartholomäus. Gemäss kantonalem Bauinventar handelt es sich dabei um einen der «bedeutendsten klassizistischen Sakralbauten der Schweiz».

Lieber Weihrauch als Abgase

Die Segnung findet aber nicht in der Kirche, sondern auf dem Vorplatz des anliegenden Pfarreizentrums statt. Als ich ankomme, stehen bereits knapp 25 Velos auf dem Platz, schön in Reih und Glied aufgereiht. Mein Velo ist das einzige, das keinen Elektromotor hat. «E-Bike-Fahrer brauchen gemäss Statistik schliesslich auch mehr Schutz», denke ich mir in einem zynischen Moment. Anderseits wäre ich bei den Anstiegen zuvor froh um etwas elektrische Unterstützung gewesen.

Kurz nach meiner Ankunft gehen die Pforten der Pfarrkirche auf. Der Gottesdienst ist beendet und rund 20 Personen treten auf den Vorplatz hinaus. Ihnen folgen vier kirchlich gekleidete Menschen: Andreas Baumeister, Pfarreiseelsorger, und Josef Mahnig, Leitender Priester im Pastoralraum Region Sursee, sowie zwei Ministranten.

Baumeister begrüsst die Anwesenden und betont, dass sich dieser Segen vor allem an die Kinder richtet, die täglich mit dem Velo oder Töffli von Knutwil und St. Erhard nach Sursee in die Schule fahren. Dass gar keine Kinder anwesend sind, ist eine Randnotiz. Anschliessend spricht Josef Mahnig den Segen und ruft den Schutzheiligen der Reisenden an, den heiligen Christophorus, er möge die Anwesenden im Strassenverkehr behüten.

Danach hüllt Mahnig die Velos in eine Weihrauch-Wolke ein und scherzt: «Das riecht sicher besser als ein Töff-Auspuff.»

Der Wunsch nach einem Schutzengel

Die Teilnehmerinnen, die ich treffe, sind alle zum ersten Mal an einer Velosegnung. Die meisten sind aus ähnlichen Gründen anwesend. «Einen Schutzengel kann man heutzutage immer gut brauchen», sagt eine ältere Frau. Ihr Mann nebenan fügt an, dass er vor allem aus Neugier hier sei. «In Mauensee findet jedes Jahr eine grosse Töffsegnung statt. Aber an einer Velosegnung war ich noch nie.»

Ein Ehepaar nebenan erzählt, dass sie mit ihren E-Bikes oft auf Velotouren gehen. «Jetzt sind wir hier, damit uns und den Velos weiterhin nichts passiert», sagt der Mann.

Daneben steht eine jüngere Frau mit zwei Kindern und einem Veloanhänger. Sie sei eigentlich nur hier, weil ihre Mutter das Pfarreisekretariat leite und den Anlass organisiert habe. Sie fügt dann aber an: «Ich bin nicht gläubig. Aber ein zusätzliches Schutzschild kann nie schaden.» Zudem habe sie den Veloanhänger neu gekauft. Die Gelegenheit sei darum ideal, diesen auch gleich segnen zu lassen.

Der Praxistest: Knutwil – Willisau auf zwei Rädern

Schon nach rund zehn Minuten löst sich die Runde auf, die Teilnehmer setzen ihre Helme auf, schwingen sich wieder in den Sattel und fahren in alle Himmelsrichtungen davon. Irgendwie habe ich mir das Ganze etwas spektakulärer vorgestellt. Aber es bleibt ja noch der Praxistest.

Zufälligerweise bin ich später am Tag noch in Willisau verabredet. Also teste ich mein frisch gesegnetes Velo auf einer sommerlichen Überlandfahrt aus. Und siehe da – die Fahrt verläuft ohne jeglichen Zwischenfall. Auf den Strassen ist zwar wegen des Feiertags mächtig viel los, doch die Velowege sind fast überall von der Autospur abgetrennt. Als einer, der sich das gefährliche Velonetz der Stadt Luzern gewohnt ist, sind diese Velowege hier auf dem Land – wie könnte ich es anders formulieren – ein wahrer Segen.

Ob es jetzt wirklich am Segen des heiligen Christophorus lag, dass ich mein Ziel unbeschadet erreichte, sei dahingestellt. Solange ich unfallfrei bleibe, ist mir das auch ziemlich egal. Allerdings bemerke ich, dass mein Velo nicht mehr so rund läuft. Doch dagegen hilft kein Segen und kein Weihrauch – sondern nur eine zünftige Portion Schmieröl.

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