Verkehr & Mobilität
Lachen hilft nicht immer

Velos in Luzern: Smileys sind weg, die Probleme bleiben

Aus der Luft wurde das Farbenspektakel auf der Reussbrücke in vollem Ausmass ersichtlich. (Bild: Stadt Luzern)

Mit einer aussergewöhnlichen Guerilla-Aktion hat die Stadt Luzern für mehr Toleranz zwischen Fussgängern und Velofahrerinnen geworben. Doch was bleibt davon?

Die Aktion war aussergewöhnlich und entsprechend medienwirksam. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat die Stadt Luzern die Reussbrücke in ein grosses Kunstwerk verwandelt (zentralplus berichtete). Am darauffolgenden Tag herrschte einige Stunden lang noch Unklarheit über das plötzlich so farbenfrohe Gewand der Brücke. Doch eine Medienmitteilung und einige tolle Luftaufnahmen später waren Sinn und Zweck der Aktion bekannt: mehr Toleranz füreinander im Fuss- und Veloverkehr in Luzern.

Riesige, mit Kreide aufgemalte Smileys zierten die Brücke zwischen Alt- und Kleinstadt. «Lachen hilft» schrieb die Stadt dazu in ihrer Mitteilung und warb damit für gute Stimmung und mehr Rücksichtnahme auf jenen Flächen, die sich Velofahrer und Fussgängerinnen teilen.

Die Aktion stiess auf Anklang. In den sozialen Medien kommentierten zahlreiche User die Aktion mit viel Begeisterung.

Durchzogenes Fazit zur Smiley-Aktion auf der Reussbrücke

Seither sind einige Wochen vergangen. Die Reussbrücke präsentiert sich wieder in den altbekannten Grautönen. Hier und da kommen sich ein Fussgänger und eine Velofahrerin in die Quere. Alles so wie früher also. Der erste Regen hat die Smileys und die Kunst wieder hinfortgewaschen. Zurück bleibt die Frage: Was haben die Smileys gebracht?

Zumindest bei der Stadt zieht man ein positives Fazit. Der zuständige Projektleiter Markus Birrer vom Tiefbauamt der Stadt sagt auf Anfrage: «In der Tat konnten wir mit dieser Sensibilisierungskampagne viele Leute erreichen und der Grundtenor war bis auf wenige sehr positiv.»

Schon etwas kritischer sieht es Silvio Bonzanigo, Präsident des Vereins Fussverkehr Region Luzern: «Die Aktion trug eine heitere Note, ohne aber eine klare Zielsetzung erkennen zu lassen. Dass die Aktion das Verständnis für Fuss- und Veloverkehr auf derselben Fläche fördern wollte, konnte nur erahnt werden.»

Noch deutlichere Worte fand Bruno Ruegge, Geschäftsleiter von Pro Velo Luzern. Kurz nach Bekanntmachung der Aktion auf der Reussbrücke hielt er in einem Kommentar fest: «Weglachen lassen sich die Schwierigkeiten des Miteinanders leider nicht.» Mit seinem Kommentar kritisierte er die Verkehrsplanung früherer Jahre in der Stadt, deren Resultat sich nun in den schwierigen Platzverhältnissen rund um die Reussbrücke zeigt (zentralplus berichtete).

Gutes Velonetz ist wichtiger als Schritttempo

Doch die Stadt wiederum verstand Ruegges Kommentar als Kritik an ihrer Arbeit und fühlte sich vor den Kopf gestossen. Darum rudert Ruegge nun zurück: «Bei der Stadt Luzern arbeitet eine Crew Velo-affiner Menschen, welche die Probleme für den Veloverkehr sieht und sich sehr engagiert. Zudem hat die Stadt mit dem Gegenvorschlag zur Velonetz-Initiative wirklich gute Arbeit geleistet. Dieses Engagement wollte ich keinesfalls frustrieren.» Gleichzeitig betont Ruegge: «An der Aussage meines Kommentars halte ich zu 100 Prozent fest.»

«Mit der Annahme der Klimastrategie muss das Velo als Verkehrsmittel massiv gefördert werden. Dann ist Schritttempo keine Lösung mehr.»

Bruno Ruegge, Geschäftsleiter Pro Velo Luzern

Denn die eigentliche Problematik von Mischzonen sei mit der Smiley-Aktion nicht behoben. Ruegge unterteilt in Plan A und B. Der Fokus auf Mischzonen könne lediglich Plan B sein. Dem Aufruf zu mehr Rücksichtnahme schliesst sich der Pro-Velo-Vertreter an. Die eigentliche Pflicht für Velos, im Schrittempo über die Brücke zu fahren, hält er für eine gute Lösung.

Doch viel wichtiger als das sei Plan A. Und der heisst: «Wir brauchen ein Velonetz, wo das Velo als Verkehrsmittel ernstgenommen wird. Wo alle durchkommen, egal ob sie 8 oder 80 Jahre alt sind. Egal ob sie mit einem E-Bike oder einem Cargovelo unterwegs sind.» Und was bedeutet das hinsichtlich der Situation auf der Reussbrücke? «Wenn mit der St. Karli-Brücke und der Seebrücke zwei weitere Verbindungen über die Reuss an dieses Velonetz angeschlossen sind, wird der Nutzungsdruck auf der Reussbrücke automatisch abnehmen.»

«Es entspricht einem allgemeinen Empfinden der zu Fuss Gehenden, dass dieser Strassenraum im Herzen der City frei vom Veloverkehr sein müsste.»

Silvio Bonzanigo, Präsident Fussverkehr Region Luzern

Für die Erschliessung des Quartiers und touristische Fahrten werde die Reussbrücke sicherlich eine attraktive Verbindung bleiben. Aber nicht für jene Velofahrerinnen, die schnell von A nach B wollen. «Mit der Annahme der Klimastrategie muss das Velo als Verkehrsmittel massiv gefördert werden. Dann ist Schritttempo keine Lösung mehr.»

Wer kennt überhaupt die Regeln auf der Reussbrücke?

Bis Ruegges Plan A in die Realität umgesetzt wird, dauert es aber noch viele Jahre. Die schwierige Verkehrssituation rund um die Reussbrücke bleibt bis dahin bestehen. Mit der in wachsender Zahl nach Luzern zurückkehrenden Touristen und der ebenso wachsenden Zahl Velos und Elektro-Velos dürfte sich die Situation gar verschärfen.

«Es benötigt mehr als bloss etwas Kreide, um auf dieses ‹Miteinander› aufmerksam zu machen.»

Markus Birrer, Projektleiter Tiefbauamt Stadt Luzern

Eines der Kernprobleme rund um die Reussbrücke ist, dass sich viele Fussgängerinnen wohl gar nicht bewusst sind, dass sie diesen Raum mit Velos teilen müssen. So bestätigt Silvio Bonzanigo: «Es entspricht einem allgemeinen Empfinden der zu Fuss Gehenden, dass dieser Strassenraum im Herzen der City frei vom Veloverkehr sein müsste.»

Und vielen Velofahrern wiederum ist nicht bewusst, dass hier eigentlich Schritttempo gelten würde. Und auf diese Missverständnisse wollte die Smiley-Kampagne aufmerksam machen. Doch braucht es da nicht nachhaltigere Massnahmen, als Kreide-Smileys, die nach dem ersten Regen wieder verschwunden sind?

Ein Signal am Boden der Bahnhofstrasse fordert Rücksicht zwischen Fuss- und Veloverkehr. Weit und breit ist es die einzige Markierung, die auf das Miteinander aufmerksam macht. (Bild: ewi)

Zumindest in diesem Punkt stimmen die drei Parteien überein. «Es benötigt mehr als bloss etwas Kreide, um auf dieses ‹Miteinander› aufmerksam zu machen», sagt Markus Birrer vom Tiefbauamt der Stadt. «Es benötigt in den Mischzonen Rücksicht und Respekt von allen Verkehrsteilnehmern.»

Kaum Signale, die auf Mischzone hinweisen

Doch die Massnahmen, die darauf hinweisen, sind bescheiden. Am Brückenkopf auf der linken Flussseite steht ein kaum sichtbares Schild, das auf die Fussgängerzone hinweist. Weiter vorne auf der Bahnhofstrasse ist ein blaues Herz mit einer Fussgängerin und einem Velo darin auf den Boden gemalt, das für mehr Toleranz plädiert. Vor den Türen der Jesuitenkirche stehen seit einiger Zeit Pflanzenkisten, um Besucher der Kirche einigermassen von den durchfahrenden Velos zu schützen.

Doch auffällige Symbole, die auf die Mischzone aufmerksam machen, sucht man vergeblich. Oder auch den Versuch einer räumlichen Trennung von Fuss- und Veloverkehr. Eine schöne Lösung beispielsweise präsentiert sich vor dem Naturmuseum. Subtil hat die Stadt dort mit Pflastersteinen die Veloverbindung zwischen Pfistergasse und Militärstrasse auf dem Trottoir gekennzeichnet. So gibt es eine Entflechtung von Velo- und Fussverkehr.

Subtil und klar: Der Veloweg vor dem Naturmuseum auf dem Trottoir. (Bild: ewi)

Für die betroffenen Gebiete in der Kleinstadt kommen solche Massnahmen aus Sicht der Stadt jedoch nicht infrage: «Wir sehen keine Möglichkeiten für eine bauliche/signalisierte Trennung der Flächen in diesen Bereichen», sagt Markus Birrer. Und auch von zusätzlichen Signalen zur Markierung der Mischzone sieht die Stadt ab. Es handle sich um einen sehr sensiblen Raum, der verschiedensten Ansprüchen der Eigentümer über die Denkmalpflege bis hin zum Tourismus genügen müsse. Darum können neue Elemente im Strassenraum nur sehr vorsichtig aufgestellt werden.

Das Ende des Lachens – ein Sinnbild

Letztlich ist das Ende der Smiley-Aktion irgendwie sinnbildlich für die schwierige Verkehrssituation rund um die Reussbrücke. Mit grossem Aufwand hat die Stadt eine Kampagne lanciert – und musste sie kaum 24 Stunden später wieder wegkärchern. Denn der Regen liess die Farbe nur etwas zerlaufen. Daraufhin entfernte die Stadt die Smileys proaktiv, bevor das Kunstwerk völlig verschmiert war.

Und was war der Grund, warum die Farbe so schnell zerlief? Genau: Autos, die zur Belieferung der Geschäfte über die Brücke fuhren und dem Lachen somit ein Ende setzten.

Verwendete Quellen
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