Kleiner Ort fühlt sich übergangen

Tunnel entlastet Unterägeri, doch Neuägeri bleibt laut und schmutzig

Direkt nach dem Westportal des geplanten Umfahrungstunnels beginnt Neuägeri. (Bild: Visualisierung zvg)

Wegen 13'000 Durchfahrten täglich soll Unterägeri einen Umfahrungstunnel erhalten. Die kleine Ortschaft Neuägeri gehört zur Gemeinde, wird von der Entlastung aber nichts spüren. Wurden die Einwohner übergangen?

Der Weiler Neuägeri, den viele nur durchs Autofenster kennen, gehört nirgends so richtig dazu. Teils liegen die Häuser des Ortes in Baar, Menzingen und Zug, der grösste Teil gehört zu Unterägeri. Rechts erhebt sich der Zugerberg, zu anderen Seite der Gubel. Wegen seiner Tallage scheint die Sonne hier seltener als an den Ufern der Zuger Seen.

Mitten im Tal, nahe der stark befahrenen Zugerstrasse, leben Menschen in Altbauten mit Holzschindeln und farbigen Fensterläden. Die meisten der Häuser sind in die Jahre gekommen und doch recht ansehnlich. Eines von ihnen hat Christoph Hirschburger gekauft. Er sagt, beim Kauf wäre nicht klar gewesen, dass bald ein Tunnelportal vor seiner Haustür entsteht.

Kanton Zug will einen Umfahrungstunnel bauen

Denn der Kanton Zug will kurz vor Neuägeri das Westportal eines 1,8 Kilometer langen Umfahrungstunnels bauen. Grund: Die Gemeinde Unterägeri ächzt heute unter rund 13'000 Durchfahrten täglich. Mit der Röhre vom Sagenmattli bis zum Ufer des Ägerisees soll sich die Belastung künftig um 75 Prozent reduzieren.

Der geplante Tunnel (rot markiert) soll Unterägeri vom Verkehr entlasten. Neuägeri (orange markiert) wird nicht entlastet. Wenn der Tunnel bis zum Schmittli beim Beginn der Allenwindenstrasse führen würde (grün markiert), würde auch Neuägeri profitieren. (Bild: Google Maps)

Davor muss das 310 Millionen Franken teure Projekt aber vors Volk. Wenn die Stimmberechtigten am 3. März 2024 zustimmen, wird das Projekt ausgearbeitet. Im Jahr 2033 können die Bauarbeiten dann starten. Drei Jahre später soll der Tunnel fertig sein.

Anwohner vom Tunnel überrascht

«Ich wurde überrascht vom geplanten Tunnel», erzählt Christoph Hirschburger. Erst, als er sein Haus an der Zugerstrasse in Neuägeri gekauft hatte, sei klar geworden, dass der Umfahrungstunnel gebaut werden soll. Hirschburger versteht, dass seine Nachbarn und er in einer Sondersituation stecken. «So nah an der Kantonsstrasse würde man heute wohl nicht mehr bauen. So viel ich weiss, sind die meisten Gebäude hier im Bestandsschutz.»

«Viele in Neuägeri hier hätten sich gewünscht, bei der Tunnelplanung stärker berücksichtigt zu werden.»

Christoph Hirschburger, Anwohner

Dennoch verstehe er nicht, warum keine Variante zur Abstimmung kommt, die auch Neuägeri vom Verkehr entlastet. «Wieso man den Tunnel nicht bis zur Allenwindenstrasse geplant hat, ist mir nicht klar», sagt der Mittvierziger. Würde der Tunnel bis zum Schmittli führen, wäre er nicht nur eine Umfahrung für Unterägeri, sondern auch für Neuägeri. Christoph Hirschburger ist überzeugt: «Viele hier hätten sich gewünscht, bei der Tunnelplanung stärker berücksichtigt zu werden. Denn auch wir sind vom Verkehr durch Unterägeri betroffen.»

Neuägeri ächzt unter dem Verkehr

Klar ist, dass Neuägeri mehr Durchfahrtsort als Dorf ist. Einen Laden vermisst man schmerzlich und eines der beiden Wirtshäuser wurde 2019 zur unbewirteten Pension (zentralplus berichtete). In Neuägeri lebt, wer günstigeren Wohnraum braucht als in Zug oder Unterägeri. In der kleinen Ortschaft wohnen viele Ausländer und ein harter Kern Neuägerer, die für ihren geliebten Weiler eine inoffizielle Republik gegründet haben (zentralplus berichtete).

Das «Rössli» in Neuägeri ist heute eine Pension. (Bild: ewy)

Und dann wäre da noch der Verkehr, der stetig an den alten Häusern vorbeirauscht. Wer nach Unterägeri will, muss durch Neuägeri. Unter den Onlinebewertungen der besagten Pension «Rössli» sind sich die Gäste einig: Es sei ganz ansehnlich in Neuägeri, nur sehr laut und zu nah an der Hauptstrasse. Der viele Verkehr bringt auch Schmutz in die kleine Ortschaft.

Darum gibt es keinen Tunnel bis zum Schmittli

Auch dem Zuger Baudirektor Florian Weber ist die Situation von Neuägeri bekannt. «Es gab seit der ersten Festsetzung der nun geplanten Variante einzelne Stimmen, die auch eine Umfahrung von Neuägeri in den Raum stellten», schreibt der Baudirektor auf Anfrage von zentralplus. Sie hätten sich einen deutlich längeren Tunnel gewünscht, der vom Ostportal am Ägerisee bis zum Beginn der Allenwindenstrasse führt.

Durchsetzen konnte sich der Vorschlag nicht. «Hauptgründe gegen einen sehr langen Tunnel waren sicherlich die zusätzlichen Kosten und das Problem, ein landschaftsverträgliches Portal im Schmittli zu finden», erklärt Weber. Das geplante Westportal beim Sagenmattli dagegen werde von der eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) akzeptiert. Ausserdem bemüht sich der Baudirektor, die Bewohnenden von Neuägeri zu beruhigen.

Der Tunnel in Unterägeri soll vom Westportal beim Sagenmattli bis zum Theresiaparkplatz am See führen. (Bild: Kanton Zug)

«Das Verkehrsmodell zeigt, dass sich das Verkehrsaufkommen in Neuägeri infolge Umfahrung nur marginal verändert und mit gezielten Massnahmen zusätzlich aufgefangen werden kann», sagt Florian Weber. Weil es keine grossen Einzugsgebiete gäbe, entstünde durch den Tunnel kein zusätzlicher Verkehr. Der Verkehr vom Talkessel Schwyz werde weiterhin via Autobahn oder Walchwil nach Zug und Zürich verkehren.

Einige fürchten Mehrverkehr durch den Tunnel

Anders sieht es das Komitee «Schutz vor Mehrverkehr» aus Oberägeri, das von der GLP Oberägeri unterstützt wird (zentralplus berichtete). «Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass der Tunnel Mehrverkehr anziehen wird. Dementsprechend werden die Zubringerstrassen in Richtung Morgarten, Alosen und Neuägeri stärker belastet», schreibt der Präsident des Komitees, Kantonsrat Andreas Iten (ALG), auf Anfrage.

«Es ist für mich nachvollziehbar, dass sich die Bewohner von Neuägeri übergangen fühlen.»

Mariann Hess, ehemalige ALG-Kantonsrätin aus Unterägeri

Denn: «Die Strassen, die nicht vom Tunnel entlastet werden, werden aufgrund der Attraktivität des Tunnels stärker frequentiert werden», ergänzt Andreas Iten. Das bestätigt auch Mariann Hess aus Unterägeri. Sie sass für die ALG bis letztes Jahr im Kantonsrat: «Es ist für mich nachvollziehbar, dass sich die Bewohner von Neuägeri übergangen fühlen, denn es wird durch den geplanten Tunnel zu Mehrverkehr kommen.»

Der Tunnel verkürze die Fahrzeit von Zug nach Oberägeri und Schwyz und mache diese Strecke attraktiver, meint Hess. Doch nicht nur das: Mit dem kommenden Fahrplanwechsel werde sich auch das ÖV-Angebot für Neuägeri und Allenwinden verschlechtern.

Auch im Pro-Komitee gibt es Verständnis für Neuägeri

Auch die SVP-Kantonsrätin Esther Mooney, die sich im Pro-Tunnel-Komitee engagiert, kann die Sorgen der Neuägerer verstehen. «Es ist sehr wichtig, dass Neuägeri bei der Umfahrung Unterägeri nicht vergessen, sondern mit einbezogen wird.» Neuägeri und Unterägeri in einen Topf schmeissen will sie aber nicht. «Das grosse Problem im Dorf Unterägeri ist das Stop-and-Go. Dieses Stop-and-Go und der daraus resultierende Stau verursachen mehr Lärm und Emissionen als fliessender Verkehr», erklärt sie.

In Neuägeri sei das anders, denn dort staue es sich weniger. Auch glaubt sie nicht, dass es durch den Tunnel zu Mehrverkehr kommen wird. Sie schlägt daher eine Reihe von Massnahmen vor, um Neuägeri beim Bau des Umfahrungstunnels zu berücksichtigen. Dabei denkt sie an einen Velostreifen, sichere Trottoirs und Strassenüberquerungen sowie Busbuchten, damit der Verkehr durch Neuägeri fliessen kann.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Mariann Hess, ehemalige ALG-Kantonsrätin aus Unterägeri
  • Schriftlicher Austausch mit Esther Monney, amtierende SVP-Kantonsrätin aus Unterägeri
  • Website des Komitees Pro Umfahrung Unterägeri
  • Schriftlicher Austausch mit Andreas Iten, ALG-Kantonsrat aus Oberägeri
  • Telefonat mit Christoph Hirschburger, Bewohner Neuägeri
  • Zentralplus Medienarchiv
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