Verkehr & Mobilität
Walchwil will sich nicht beteiligen

Trotz leeren Bussen: Zug will Halbstundentakt auf Linie 5

Die Buslinie 5 zwischen Zug und Walchwil ist nicht stark ausgelastet. (Bild: ewi)

Auf der ZVB-Linie 5 zwischen Zug und Walchwil sollen die Busse künftig wieder im Halbstundentakt verkehren. Das kostet die Stadt Zug viel Geld – auch, weil sich die Gemeinde Walchwil nicht daran beteiligen will.

Das Ostufer des Zugersees ist mit dem ÖV grundsätzlich ziemlich gut erschlossen. Zwei Buslinien fahren von Zug nach Oberwil respektive Walchwil, und es gibt mehrere S-Bahn-Haltestellen. Die neueste davon ist die Haltestelle Walchwil-Hörndli, die seit Dezember 2020 in Betrieb ist.

Doch was die Walchwiler freut, ist das Leid der Bewohnerinnen des Zuger Ortsteils Räbmatt. Denn mit der Eröffnung der neuen S-Bahn-Haltestelle strich der Kanton gleichzeitig den Halbstundentakt der Buslinie 5. Doch das Quartier ist nur über die Linie 5 an den ÖV angebunden. Somit verschlechterte sich die Erreichbarkeit der Räbmatt mit dem reduzierten ÖV-Angebot deutlich.

Quartierverein verschafft sich beim Stadtrat Gehör

Das blieb im Quartier nicht ohne Konsequenzen. «Wir erhielten von einem Bewohner die Rückmeldung, dass er sich ein Auto oder einen Roller gekauft habe, weil der Bus nur noch im Stundentakt fährt», sagt Stefan Hodel. Er ist Leiter der Verkehrskommission der «Nachbarschaft Oberwil Gimenen (NOG)». Das ist ein Quartierverein, der sich für die Interessen der Südquartiere der Stadt Zug einsetzt. «Die Bewohnerinnen der Räbmatt stören sich stark am reduzierten Angebot», führt Hodel weiter aus.

Die NOG nahm das Anliegen auf und schrieb einen offenen Brief, adressiert an den Zuger Stadtrat sowie an die kantonale Regierung. Darin bat sie die beiden Regierungen, auf der Buslinie 5 den Halbstundentakt wieder aufzunehmen.

«Der Walchwiler Fokus ist und bleibt, die Personen auf die Stadtbahn S2 zu bringen.»

Stefan Hermann, Gemeindepräsident Walchwil

Beim Kanton stiess die NOG damit auf taube Ohren. Zu tief sei die Auslastung auf dieser Linie, rechtfertigt der Kanton den Stundentakt. Anders jedoch reagiert der Zuger Stadtrat. Dieser hat bei den Zugerland Verkehrsbetrieben eine Offerte eingeholt, wie viel es die Stadt kosten würde, den Halbstundentakt während Stosszeiten einzukaufen. Kostenpunkt: 155'000 Franken pro Jahr.

Walchwil will sich nicht an den Kosten beteiligen

Alles andere als ein Schnäppchen – findet auch die Stadt Zug. Zwar will sie die zusätzlichen Kurse einkaufen. Und da der neue Takt frühestens ab Mai 2023 in Betrieb genommen werden kann, würden die Kosten fürs erste Fahrplanjahr «nur» 105'000 Franken betragen. Gleichzeitig hat der Zuger Stadtrat auch die Gemeinde Walchwil gebeten, sich an den Kosten zu beteiligen. Zumal diese vom Halbstundentakt der Linie 5 ebenfalls profitieren würde.

Im Zuger Ortsteil Räbmatt hält aktuell nur einmal pro Stunde ein Bus. (Bild: Andreas Busslinger)

Doch Walchwil will sich nicht an den Kosten beteiligen. Gemeindepräsident Stefan Hermann sagt auf Anfrage: «Mit dem Ausbau Zugersee-Ost und der Doppelspur in Walchwil ist unsere Gemeinde wieder optimal ins ÖV-Netz integriert. Wir haben mit der Stadtbahn S2 einen Halbstundentakt nach Zug und einen Stundentakt nach Goldau/Erstfeld.» Darum bestünde aus Sicht der Gemeinde kein Bedarf, das ÖV-Angebot weiter auszubauen.

«Aus ökonomischen sowie aus ökologischen Gründen rechtfertigt die momentane Nachfrage zwischen Hörndli und Oberwil die Erschliessung durch einen Halbstundentakt kaum.»

Bericht und Antrag des Zuger Stadtrats

Walchwil musste beim Kanton schon für den Erhalt des Stundentakts der Linie 5 kämpfen, weil diese die gleiche Route fährt wie die Stadtbahn. Der Bus fährt in Walchwil nun eine neue Route und funktioniert als Zubringer für die Stadtbahn an den Haltestellen Bahnhof Walchwil und Hörndli. «Der Walchwiler Fokus ist und bleibt, die Personen auf die Stadtbahn S2 zu bringen», betont der Gemeindepräsident. «Dies ist wichtig, denn wir müssen dafür sorgen, dass der Halbstundentakt bestehen bleibt. Darum soll eine hohe Auslastung erreicht werden.»

Walchwil will also nicht, dass sich die Buslinie 5 und die S-Bahn konkurrenzieren. Hermann hält zudem fest: «Wir sind entschieden der Meinung, dass nicht die Gemeinde den ÖV selbst finanzieren sollen, sondern der Kanton. Dies wäre ansonsten eine heikle Entwicklung.»

Haltestellen haben tiefe Frequenzen

Anders sieht es offenbar der Zuger Stadtrat. Obwohl dessen Bekenntnis zum Halbstundentakt der Linie 5 zumindest aus wirtschaftlicher Sicht fraglich ist. Das räumt die Regierung in ihrem Bericht und Antrag ans Parlament auch ein. Dort heisst es: «Aus ökonomischen sowie aus ökologischen Gründen rechtfertigt die momentane Nachfrage zwischen Hörndli und Oberwil die Erschliessung durch einen Halbstundentakt kaum.»

Das zeigt ein Blick auf die Frequenzen an den drei Haltestellen Rigiblick, Räbmatt und Murpfli. Im Durchschnitt steigen pro Werktag an den beiden erstgenannten Haltestellen nur rund 20 Personen in den Bus ein und aus. Bei der Haltestelle Murpfli steigen pro Tag lediglich vier Passagiere in Fahrtrichtung Walchwil aus und in Fahrtrichtung Zug ebenso viele wieder ein.

Offen bleibt die Frage, ob die tiefen Frequenzen eine Folge des reduzierten Angebots sind. Auch der Zuger Stadtrat schreibt in seinem Bericht, dass sich die Auswirkungen des Halbstundentakts auf die Zahl der Ein- und Aussteigerinnen nicht abschätzen lassen. Klar ist aber, dass der Betrieb dieser Linie auch trotz einer möglichen Zunahme der Passagiere dank des Halbstundentakts nicht im Ansatz kostendeckend sein wird (zentralplus berichtete).

Einkauf von zusätzlichen Kursen ist in Zug üblich

Doch der Stadtrat hält fest: «Der Stadtrat möchte den öffentlichen Verkehr fördern und den Umstieg vom motorisierten Individualverkehr erleichtern.» Aus diesem Grund wolle der Stradtrat den Halbstundentakt zu Stosszeiten auf der Linie 5 einführen, «auch wenn insbesondere ökonomische Aspekte derzeit dagegensprechen.» Das letzte Wort hat nun das Parlament – wie hoch dieses die Interessen der Bewohnerinnen der Räbmatt gewichtet, wird sich zeigen.

Dass sich eine Gemeinde ein ÖV-Angebot kauft, das der Kanton nicht bestellen will, ist in Zug kein Einzelfall. Die Gemeinde Walchwil bestellt beispielsweise die ZVB-Buslinie 26 und die Gemeinde Cham verlängert die Linie 42 sonntags bis Niederwil aus eigenem Portemonnaie. Auch Ober- und Unterägeri kaufen an den Wochenenden zusätzliche Kurse auf den Linien 1, 9 und 10 bei der ZVB ein.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Stefan Hermann
  • Telefonat mit Stefan Hodel
  • Geschäft im Grossen Gemeinderat Zug
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