Umfunktionierte Pannenstreifen oder Tempolimits?

Stau-Eskalation auf Autobahnen: VCS Luzern und Bund zanken

Grüne-Nationalrat Michael Töngi sieht den Ausbau des Nationalstrassennetzes kritisch. (Bild: Grüne/Webcam Gotthard)

Autofahrer standen 2023 auf Nationalstrassen sehr viel länger im Stau als im Jahr zuvor. Laut dem Verkehrsclub Schweiz (VCS) Luzern ist das auch in Luzern spürbar. Doch zur Lösung gehen die Meinungen auseinander.

Der Schweiss perlt auf der Stirn. Die Luft flimmert. Die Finger trommeln nervös auf dem Lenkrad. Meter um Meter muss erkämpft werden, bis die freie Fahrt endlich wieder möglich wird. Im Stau stehen ist eine nervenaufreibende Sache – und etwas, das wir gemäss dem Bundesamt für Strassen (Astra) letztes Jahr erheblich mehr machen mussten.

Wie das Astra am Montag mitteilte, standen Autofahrer 2023 auf den Schweizer Nationalstrassen mehr als 20 Prozent länger in Staus als noch 2022. Insgesamt verzeichnete das Astra fast 50’000 Staustunden. Das sind ganze fünfeinhalb Jahre. Und rund ein Jahr mehr als noch 2022.

VCS Luzern sieht Ausflügler in der Schuld

Mehr Staus gab es auch in Luzern, ist sich der Präsident des VCS Luzern, Grüne-Nationalrat Michael Töngi, sicher. Von einer umfassenden und flächendeckenden Zunahme an Stossstangenparaden in der Region spricht er indes nicht. Die Situation sei unterschiedlich, wie er meint.

Von Hergiswil her staut es sich auf der A2 bis nach Kriens.
Stau auf der A2 von Hergiswil her – im Sommer kein seltener Anblick. (Bild: Vif Webcam Luzern)

Mehr Verkehrsüberlastungen sieht Töngi vor allem im Sommer. Dann gebe es viele Ausflügler, die regelmässig Blechkolonnen verursachten. Insbesondere auf der A2 zwischen Hergiswil und Luzern gebe es bei schönem Wetter häufiger Stau, ist sich der Grüne-Nationalrat sicher.

Macht Astra Werbung in eigener Sache?

Das Astra verzeichnete nebst der starken Zunahme an Staustunden eine vergleichsweise geringe Zunahme der Gesamtzahl an zurückgelegten Kilometern auf den Nationalstrassen. Es waren letztes Jahr fast 30 Milliarden Kilometer – 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

«Es ist klar, dass das Astra diese These bringt, um Werbung für den Autobahnausbau zu machen.»

Michael Töngi, Nationalrat und Präsident des VCS Luzern

Diese Zahlen zeigen aus Sicht des Bundesamtes, dass das Nationalstrassennetz an seiner Belastungsgrenze ist. Das Astra will deshalb zwar in erster Linie auf regulierende Massnahmen wie tiefere Tempo-Limiten setzen, sieht aber auch die Notwendigkeit, an Knotenpunkten die Infrastruktur auszubauen.

Es könnten auch die Baustellen sein

Davon, dass die Strassen an ihre Grenzen gelangen, will Töngi nichts wissen. «Es ist klar, dass das Astra diese These bringt, um Werbung für den Autobahnausbau zu machen», schreibt er gegenüber zentralplus.

Die Zunahme an Staustunden könnte, so Töngi, auch auf mehr Baustellen zurückführbar sein. In Luzern zeige sich zudem, dass der Freizeitverkehr immer mehr Kapazitäten beanspruche. Sein Verdikt: Bevor zwischen den Staustunden und einem überlasteten Strassennetz eine Verbindung gezogen werden könne, brauche es mehr Forschung dazu.

Für Töngi wird das Problem nur in die Zukunft geschoben

Auf den Vorwurf von Töngi angesprochen, erwidert das Astra, dass es die Ursachen für die Verkehrsstörungen im veröffentlichten Bericht «genaustens» analysiert habe. Mehr als 85 Prozent aller Staus hätten kein explizites Ereignis als Auslöser gehabt. Nur bei 4,5 Prozent seien Baustellen die Ursache gewesen.

«Solche Ausbauprojekte bringen Linderung für Jahrzehnte.»

Bundesamt für Strassen Astra

Im Übrigen ist für Töngi klar: Selbst wenn die Autobahnen im roten Bereich ihrer Kapazität funktionierten, wären punktuelle Ausbauten nicht die Lösung des Problems. «Wenn wir jetzt, wie in Luzern geplant, die Kapazitäten erhöhen, werden wir in einigen Jahren die gleichen Diskussionen um ‹Belastungsgrenzen› führen», schreibt Töngi.

Nicht wenige Jahre, sondern Jahrzehnte

Diese Auffassung teilt das Astra nicht. «Solche Ausbauprojekte bringen Linderung für Jahrzehnte», entgegnet das Bundesamt zu Töngis Aussage. Als Beispiel führt das Astra den Bau der dritten Röhre des Bareggtunnels in Baden vor 20 Jahren an. Dieser wirke sich noch heute positiv aus, trotz des Verkehrswachstums seit 2004.

Das Bundesamt wolle aber flächendeckend vor allem regulierende Massnahmen gegen das Problem der ewigen Nummernschilder-Polonaisen einführen. Es spricht dabei insbesondere von tieferen Tempolimits wie auch von der Umnutzung von Pannenstreifen bei Staus.

Langsamer fahren hui, auf Pannenstreifen ausweichen pfui

Diese tieferen Tempolimits begrüsse der VCS Luzern, so Töngi. Das helfe auch der Verkehrssicherheit. Zudem würden weniger Schadstoffe ausgestossen. Die Pannenstreifen-Massnahme lehnt Töngi hingegen ab. «Das ist einfach eine Kapazitätserweiterung.»

Das Astra erwidert auf diesen Einwand zum einen, dass dies natürlich stimme. Zum anderen führt es Zahlen an, welche ein Monitoring dieser Massnahme auf einem Streckenabschnitt in der Westschweiz ergab. Gemäss Astra gab es auf der Strecke nach Einführung der Massnahme keinen Stau mehr.

Zudem sei die Unfallrate um ein Viertel zurückgegangen, der Lärm habe um über zwei Dezibel abgenommen und die Luftbelastung rund um die Autobahn habe sich um 20 Prozent verbessert.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Michael Töngi, Nationalrat der Grünen und Präsident des VCS Luzern
  • Schriftlicher Austausch mit Jérôme Jacky, Bereichsleiter Information und Kommunikation des Astra
  • Medienmitteilung des Astra
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