Verkehr & Mobilität

Autofahren wird weniger attraktiv
So verhindert Baar trotz Wachstum den Verkehrskollaps

  • Lesezeit: 5 min
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Viel Verkehr auf der Baarer Zugerstrasse. Bauchef Jost Arnold will mit einem neuen Verkehrskonzept Abhilfe schaffen. (Bild: Andreas Busslinger)

rechnet bis 2040 mit Tausenden zusätzlichen Einwohnern und Arbeitsplätzen. Der Verkehrskollaps droht. Jetzt zeigt die Gemeinde auf, wie sie das verhindern will.

Über 5’000 neue Einwohnerinnen und bis zu 4’000 zusätzliche Arbeitsplätze: Das erwartet die Gemeinde bis ins Jahr 2040. Für die zweitgrösste Zuger Gemeinde bedeutet dies vor allem: mehr Verkehr.

Denn all diese Menschen sind mobil, fahren zur Arbeit, gehen einkaufen, unternehmen Ausflüge. Weil aber die heutige Infrastruktur in Baar schon stark ausgelastet ist, droht mit dem Mehrverkehr der endgültige Verkehrskollaps. Um das zu verhindern, hat die Gemeinde gemeinsam mit dem Planungsbüro Transitec ein kommunales Gesamtverkehrskonzept (GVK) entworfen. Dieses legt die Grundbasis für die Baarer während der nächsten 15 Jahre (zentralplus berichtete).

Baar braucht einen Paradigmenwechsel

Und das Konzept hält in aller Deutlichkeit fest: Um den Verkehrskollaps in Baar abzuwenden, braucht es nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in der Verkehrsplanung. Neu soll die Gemeinde nicht nachfrage-, sondern angebotsorientiert den Verkehr planen. Doch was bedeuten diese technischen Begriffe überhaupt?

«Wir wollen vor allem das Angebot und die Infrastruktur für den Langsamverkehr ausbauen.»

, Gemeinderat und Bauchef Baar

«Bis jetzt haben wir die Planung nach den Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichtet», erklärt der Baarer Bauchef Jost Arnold. «Neu wollen wir proaktiv planen. Wo wir das Angebot ausbauen können, machen wir das.» Das bedeutet aber nicht, dass Baar im typischen 60er-Jahre-Denken mehr Strassen baut, um den Stau zu bekämpfen. Das Hauptaugenmerk für das neue Angebot liegt vor allem auf dem Langsamverkehr.

«Bisher lag der Fokus vor allem auf dem Strassenbau, der dem motorisierten Individualverkehr () zugute kam», führt Arnold aus. So hält auch das Gesamtverkehrskonzept fest: «Die Gestaltung der Strassenräume ist sowohl im Siedlungsbereich wie auch ausserhalb meist auf die Bedürfnisse des MIV und seine Leistungsfähigkeit ausgerichtet.» Jetzt kündet Arnold an: «Wir wollen ein Miteinander und schauen die Mobilität gesamtheitlich an. Wir wollen vor allem das Angebot und die Infrastruktur für den Langsamverkehr ausbauen.»

Velo hat grosses Ausbaupotenzial

Tatsächlich attestiert das neue Konzept dem Fuss- und Veloverkehr ein grosses Potenzial in Baar, das bisher nicht ausgeschöpft wurde. Denn die Hälfte aller kurzen Wege bis zu 5 Kilometern legen die Baarer mit dem Auto oder dem Motorrad zurück. Kein Verkehrsmittel ist für diese Strecken beliebter. Dabei wären es gerade diese kurzen Wege bis 5 Kilometer, die problemlos mit dem zurückgelegt werden könnten. So steht im GVK: «Generell weist die Gemeinde Baar sehr gute Voraussetzungen für den Veloverkehr auf, da die Distanzen zwischen den Hauptzielorten im Siedlungsgebiet Baar-Zug kurz sind und die Topografie kein grosses Hindernis darstellt.»

Sind die Baarer also einfach bequem? Das Verkehrskonzept sieht den Grund im geringen Interesse am Velofahren woanders: Nämlich im wenig attraktiven Velowegnetz sowie bei der mangelnden Sicherheit der Veloinfrastruktur. Letztere zeige sich auch in den Unfallzahlen. An jedem dritten Unfall mit Personenschaden ist ein Velofahrer beteiligt. Gerade bei Leichtverletzten sei zudem mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen.

Fast doppelt so viele Pendler am Bahnhof Baar

Doch nicht nur im Langsamverkehr steht Baar vor grossen Veränderungen. Auch im öffentlichen Verkehr () stehen Umwälzungen an. Bis 2040 werden 85 Prozent mehr Passagiere am Bahnhof Baar ein- und aussteigen. Grund für diese massive Zunahme ist der Bau eines dritten Gleises zwischen Zug und Baar sowie der Bau des Zimmerberg-Basistunnels 2, der voraussichtlich 2037 abgeschlossen sein wird (zentralplus berichtete). Die Achse Zug–Baar–Zürich rückt dadurch deutlich stärker zusammen – und macht Baar sowohl als Wohn- als auch als Arbeitsort attraktiver.

«Es kann schon sein, dass das Autofahren an gewissen Orten weniger attraktiv wird.»

Jost Arnold, Gemeinderat und Bauchef Baar

«Nach Angaben der SBB erhält Baar 85 Prozent mehr Umsteiger. Diese müssen transportiert werden», gibt Jost Arnold zu bedenken. «Darum bauen wir unseren Bushof aus.» Stand heute ist klar, dass Baar die Idee eines unterirdischen Bushofs verworfen hat (zentralplus berichtete). Stattdessen verfolgt der Gemeinderat die Idee, auf beiden Seiten der Gleise Haltekanten zu bauen. Aus dem Bahnhof Baar soll damit ein moderner Umsteigeknoten mit erhöhter Kapazität, neuen Möglichkeiten für die Velo-Parkierung, verbesserten Zugängen zum Zug und zum Bus sowie höherer Aufenthaltsqualität auf dem Bahnhofplatz werden.

Genügt den künftigen Ansprüchen nicht mehr: der Bushof in Baar.

Autofahren im Zentrum wird unattraktiver

Baar will also eine bessere Infrastruktur für Velo und Bus. Doch was droht dem Auto? «Wir wollen den Verkehr sinnvoll lenken. Unsere Einwohner sollen vermehrt das Velo und den Bus nehmen», sagt der Baarer Bauchef Arnold. «Es kann schon sein, dass darum das Autofahren an gewissen Orten weniger attraktiv wird», kündet Arnold an. Zur Debatte stehen weitere -Zonen in den Quartieren, aber auch im Dorfzentrum.

Die Gemeinde hat sich dazu ein Ziel gesetzt, das im ersten Moment wenig ambitioniert klingt. Im Dorf soll es in Zukunft nicht mehr Autoverkehr geben als heute. Der Gemeinderat will also sozusagen den heutigen Stand zementieren. Allerdings in absoluten und nicht in relativen Zahlen. Berücksichtigt man die Prognosen zum Wachstum der Bevölkerung und der Arbeitsplätze, soll der Anteil des MIV am Gesamtverkehr abnehmen.

Auf der Neu- und Marktgasse sowie der Rathausstrasse im Zentrum von Baar braucht es eine Verkehrsentlastung.

Das Verkehrskonzept hält aber fest, dass die Verkehrsbelastung im Dorfzentrum reduziert werden muss. Dies betrifft insbesondere die Lang- und die Marktgasse durchs Baarer Zentrum sowie die zentrumsnahen Abschnitte der Zuger-, Rigi- und Ägeristrasse und die Neugasse nördlich des Zentrums. Auf der Tangente sowie auf der Nordstrasse in Richtung Zug sei hingegen eine Verkehrszunahme möglich und anzustreben.

So geht es weiter

Und wie geht es nun weiter? Das GVK listet über 100 verschiedene Massnahmen auf, wie die Verkehrsziele erreicht werden können. Über 70 davon liegen in der Kompetenz der Gemeinde Baar. «Wir prüfen nun jede einzelne dieser Massnahmen und lassen diese – wo es Sinn macht – in unsere Nutzungsplanung einfliessen», sagt Arnold. Die Nutzungsplanung ist im Gegensatz zum Verkehrskonzept behördenverbindlich – und gibt ganz konkret vor, wie Baar den Verkehrskollaps verhindert.

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