Privilegien für Fahrgemeinschaften: Luzerner haben Bedenken
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Der Bundesrat will Fahrgemeinschaften fördern und führt darum Privilegien für solche ein. Die Luzerner Verkehrsverbände haben Bedenken.
In der Schweiz gibt es ab dem kommenden Jahr ein neues Verkehrsschild. Es zeigt ein Auto und darin zwei Personen: eine Fahrgemeinschaft. Diesen räumt das neue Schild Privilegien im Verkehr ein. Wo das Schild steht, dürfen Fahrgemeinschaften separate Spuren oder spezielle Parkplätze benutzen. Eine Zahl auf dem Schild zeigt dabei an, wie viele Personen sich mindestens im Auto befinden müssen, damit das Privileg gilt (zentralplus berichtete).
VCS Luzern hat Bedenken
«Der Bundesrat will Fahrgemeinschaften fördern, um die Umweltbelastung und die Verkehrsüberlastung zu verringern», erklärt der Bund die neue Verkehrsregel. Man würde meinen, diese Ankündigung sei Musik in den Ohren des VCS, dem Verband, der sich gemäss Beschreibung auf seiner Website für eine «umweltgerechte» Mobilität einsetzt.
Doch ausgerechnet der VCS äussert Kritik am Entscheid des Bundes. Weshalb?
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Knackpunkt ist die Tatsache, dass die Privilegien für Fahrgemeinschaften künftig auch auf Busspuren zum Einsatz kommen sollen. Michael Töngi, Präsident des VCS Luzern, attestiert der Idee des Bundes zwar eine gute Absicht. Fahrgemeinschaften könnten auf verschiedenste Arten gefördert werden: «Dabei kann es auch helfen, auf gewissen Fahrspuren das Carpooling zu priorisieren. Falsch wäre es, Busspuren wieder für diesen Verkehr zu öffnen und am Schluss den ÖV zu behindern.»
«Busspuren sind alles andere als flächeneffizient. Eine Nutzung für weitere Mobilitätsformen macht absolut Sinn.»
Alexander Stadelmann, Geschäftsführer TCS Luzern
Der VCS befürchtet also, dass die neue Verkehrsregel am Ende auf Kosten des ÖV gehen wird. Oder gar auf jene von Velofahrern, die Busspuren an manchen Orten mitbenutzen dürfen. Diesbezüglich hat der Verband Sicherheitsbedenken, da die neue Regel zwangsläufig zu mehr Verkehr auf den Busspuren führen wird.
TCS und VCS für einmal gleicher Meinung
Wenig überraschend hält auch der TCS wenig von der Massnahme. Alexander Stadelmann, Geschäftsführer beim TCS Luzern hält zwar fest: «Busspuren sind alles andere als flächeneffizient. Eine Nutzung für weitere Mobilitätsformen macht absolut Sinn.»
«Die Idee des Bundes ist vielversprechend, und es lohnt sich, sie weiterzuverfolgen.»
Korintha Bärtsch, Kantonsrätin Grüne
Doch ausnahmsweise teilt Stadelmann Töngis Kritik, dass die Nutzung der Busspuren für Fahrgemeinschaften nicht ganz zu Ende gedacht sei: «Angenommen, es praktizieren immer mehr Leute Carpooling, dann wären die Bussspuren durch den Carpooling-Verkehr in Stosszeiten stark belastet. Das würde die Attraktivität des ÖV minimieren.» Denn 70 Prozent des öffentlichen Verkehrs fahre auf den Strassen und nicht auf den Schienen. Darum müsse der Verkehr auf der Strasse zuverlässig funktionieren.
Auch Grüne-Kantonsrätin Korintha Bärtsch bläst ins gleiche Horn. «Busse dürfen nicht behindert werden und müssen schnell vorwärtskommen. Das ist die Idee einer Busspur.» Im Gegensatz zum VCS und zum TCS überzeugt sie jedoch die Entscheidung des Bundesrats. «Die Idee des Bundes ist vielversprechend, und es lohnt sich, sie weiterzuverfolgen.»
In Luzern fahren alle allein zur Arbeit
Der Bundesrat rennt damit bei Bärtsch nämlich offene Türen ein. Im Frühling dieses Jahres hat sie ein Postulat zum Thema Carpooling eingereicht. Darin fordert sie die Regierung auf, Möglichkeiten zur Förderung von Fahrgemeinschaften zu prüfen. «Viele Autos haben einen tiefen Besetzungsgrad. Das ist eine Verschwendung von Platz und Energie», kritisiert Korintha Bärtsch.
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Tatsächlich sitzt in Autos auf Luzerner Strassen selten mehr als eine Person. Bei der letzten Messung im Jahr 2015 sassen im Durchschnitt 1,55 Personen in Luzerner Autos. Besonders tief ist der Schnitt auf dem Arbeitsweg. Bei 94 Prozent aller Fahrten sass lediglich eine Person im Auto. Das entspricht einem Besetzungsgrad von 1,06 Personen pro Auto.
Korintha Bärtsch begrüsst deshalb den Entscheid des Bundesrats und sieht die Sache pragmatisch: «Man muss nach einer Pilotphase analysieren, wie sich diese Massnahme auf den ÖV auswirkt.» Und um Velofahrerinnen macht sie sich erst recht keine Sorgen: «Ich sehe in Luzern keine möglichen Konflikte mit Velos, weil es hier sowieso keine kombinierten Spuren für Velos und Busse gibt.»
Das stimmt zwar nicht ganz, weil es zum Beispiel am Hirschengraben solche kombinierten Spuren gibt. Die grosse Mehrheit der Velofahrer umgeht diese verkehrsreiche Strasse aber sowieso lieber und weicht dort auf die Bruchstrasse aus, um Richtung Pilatusplatz zu fahren.
«Nicht der grosse Heuler»
Pragmatisch sieht es letztlich auch VCS-Präsident Michael Töngi. «Ich finde, man sollte das ausprobieren und dann auswerten.» Er und Korintha Bärtsch sind sich auch dahingehend einig, dass diese Massnahme alleine nicht «zum grossen Heuler wird», wie Töngi sagt. Er hegt nämlich Zweifel daran, dass das Fahrgemeinschaften-Privileg künftig auch auf Autobahnen zur Anwendung kommt «Und dort wäre es am wichtigsten», betont er.
Er begründet das damit, dass auf Autobahnen der nötige Platz vorhanden sei, um Fahrgemeinschaften eine separate Spur zuzuweisen. In Innenstädten sei das hingegen kaum der Fall und käme daher einem Fahrverbot für alle anderen Autos gleich. Eine Massnahme, die selbst Töngi «etwas hart» fände, wie er sagt.
- Telefonat mit Korintha Bärtsch
- Schriftlicher Austausch mit Michael Töngi
- Schriftlicher Austausch mit Alexander Stadelmann
- Informationen des Bundes
- Postulat 846 von Korintha Bärsch
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