Verkehr & Mobilität
Zuger Händler sorgen sich um Umsatz

Parkplätze sind für Detailhandel nur vermeintlich wichtig

Die Zuger wollten, dass die Parkplätze auf dem unteren Postplatz erhalten bleiben. (Bild: mam)

Parkplätze sind das Lebenselixier des Detailhandels, heisst es aus Gewerbekreisen oftmals. Die Stadt Zug kann davon ein Lied singen. Doch Studien aus dem Ausland und der Stadt Zürich zeigen, dass dieses Argument überholt ist.

Werden in Städten Parkplätze aufgehoben, folgt in der Regel sogleich ein Aufschrei von bürgerlicher Seite. Sie kritisieren: Was ist mit den Menschen, die aufs Auto angewiesen sind? Wie soll man vom Land noch in die Stadt kommen? Und vor allem: Was ist mit dem Gewerbe in der Innenstadt?

Zuger Gewerbe kämpft für ausreichend Parkplätze

Exemplarisch für diese Ängste steht die Stadt Zug. Mit dem Bebauungsplan Post sollten 60 Parkplätze auf dem Postplatz und in der näheren Umgebung des Platzes aufgehoben werden. Dafür kaufte die Stadt 100 Parkplätze im Parkhaus Post. Insgesamt also ein Zuwachs von 40 Parkplätzen. Doch das Vorhaben stiess auf zähen – und letztlich erfolgreichen – Widerstand (zentralplus berichtete).

Während der Corona-Pandemie durften Autos auf dem Zuger Landsgemeindeplatz parkieren.
Während der Corona-Pandemie durften Autos auf dem Zuger Landsgemeindeplatz parkieren. (Bild: Andreas Busslinger)

Die Initiative «Ja zu Gewerbe und Läden in der Altstadt» forderte, dass bloss 16 Parkplätze auf dem oberen Parkplatz aufgehoben werden. 42 oberirdische Parkplätze sollten erhalten bleiben. Im Abstimmungsbüchlein argumentierte das Komitee: «Die 42 heute existierenden Parkplätze des unteren Postplatzes und in den nahen Gassen und Strassen bieten täglich im Stundentakt 400 wichtigen, unverzichtbaren Kunden Parkplatz. Sie müssen zur Rettung des vielfältigen Angebotes in der Altstadt erhalten bleiben.»

Ähnlich klang es zuletzt auch aus Emmenbrücke. Im Rahmen der Sanierung der Gerliswilstrasse hebt der Kanton Luzern 14 Längsparkplätze auf (zentralplus berichtete). Auf Facebook folgten die entsprechenden Kommentare sogleich: «Schauen wir mal, welche Geschäfte noch übrig bleiben», kommentierte eine Userin in der Gruppe «Du besch vo Ämmebrogg, wenn...». Ein anderer meinte: «Der Fehler, die Parkplätze noch einmal zu reduzieren, wird den weiteren Niedergang der Gerliswilstrasse noch beschleunigen.»

«Die Studien zeigen, dass für eine Stadt von der Grösse Zürichs die Autoerschliessung und das Parkplatzangebot in der Innenstadt einen untergeordneten Einfluss auf den Umsatz für den Detailhandel haben.»

Stadt Zürich

Die Sorgen sind weit verbreitet – doch sind sie auch begründet? Besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen dem Umsatz eines Geschäfts und der Zahl der verfügbaren Parkplätze in der Umgebung? Nachforschungen von zentralplus zeigen: Nein. Doch die ausführliche Antwort ist komplexer.

Parkplätze sind für den Zürcher Detailhandel unwichtig

Das Thema beschäftigt nicht nur in Zug und Luzern, sondern auch in Zürich und diversen anderen Städten dieser Welt. Zürich hat im Rahmen der Richtplan-Anpassung eine weitere Reduktion der Parkplätze in der Innenstadt vorgesehen. Als Grundlage für diese Massnahme hat die Stadt das Beratungsbüro «Swiss Economics» beauftragt, den Zusammenhang von Parkplätzen und dem Umsatz des Detailhandels zu erforschen. Dafür hat das Unternehmen zahlreiche Studien aus dem Ausland analysiert.

Und was haben diese gezeigt? «Die Studien zeigen, dass für eine Stadt von der Grösse Zürichs die Autoerschliessung und das Parkplatzangebot in der Innenstadt einen untergeordneten Einfluss auf den Umsatz für den Detailhandel haben», schreibt die Stadt auf Anfrage von zentralplus.

Die Stadt München beispielsweise hat die Sendlingerstrasse 2016 in eine Fussgängerzone umgewandelt und dabei zahlreiche Parkplätze aufgehoben. Entgegen den befürchteten Umsatzeinbussen empfinden 63 Prozent der befragten Detailhändler die Massnahme als positiv oder sehr positiv. Die negativen Rückmeldungen waren mit 22 Prozent deutlich tiefer.

«Es reicht nicht, bloss Parkplätze aufzuheben. Sondern man muss mit der frei gewordenen Fläche auch etwas Gutes machen.»

Oliver Bachmann, Stadt- und Regionalentwickler bei Metron

Noch stärker liess sich dieser Effekt in der neuseeländischen Metropole Auckland beobachten. Teile der Innenstadt wurden von normalen Strassen in Begegnungszonen umgewandelt. Auch hier hat die Stadt zahlreiche Parkplätze gestrichen. Die anliegenden Geschäfte haben davon deutlich profitiert. Die Umsätze wuchsen um 47 Prozent, die Frequenzen gar um 54 Prozent. Vier von fünf der befragten Passanten fühlten sich sicherer als vor der Umgestaltung.

Mit aufgehobenen Parkplätzen ist es noch nicht getan

Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings sind sie mit Vorsicht zu geniessen, denn sowohl in München als auch in Auckland wurden Zonen geschaffen, in denen den Bedürfnissen der Fussgänger am meisten Beachtung geschenkt werden. Darauf weist auch der Stadt- und Regionalentwickler Oliver Bachmann vom Aargauer Planungsbüro Metron hin.

«Grundsätzlich tendiert man dazu, den Anteil der Kunden, die mit dem Auto kommen, zu überschätzen.»

Oliver Bachmann

Ein Geschäft könne von der Aufhebung von Parkplätzen durchaus profitieren, aber: «Es reicht nicht, bloss Parkplätze aufzuheben. Sondern man muss mit der frei gewordenen Fläche auch etwas Gutes machen.» Zum Beispiel die Strasse begrünen oder das Trottoir verbreitern. Kurz: Die Aufenthaltsqualität verbessern und den Verkehr beruhigen, sodass die Strasse zum Flanieren einlädt.

Bachmanns Punkt belegen Daten aus der Stadt Zürich. An verkehrsberuhigten Strassen in der Innenstadt ist die Wertschöpfung rund doppelt so gross wie an verkehrsorientierten. Und dort, wo es eine Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr hat, profitieren die Läden besonders.

Die Kundinnen kommen selten mit dem Auto

Das führt zur nächsten Frage, die für die Bedeutung von Parkplätzen relevant ist: Mit welchen Verkehrsmitteln sind die Kunden unterwegs? Und womöglich liegt hier die Antwort auf die Frage, warum das Gewerbe seine Parkplätze so stark verteidigt. Stadtentwickler Oliver Bachmann sagt: «Grundsätzlich tendiert man dazu, den Anteil der Kunden, die mit dem Auto kommen, zu überschätzen.»

Dazu gibt es interessante Zahlen von zwei Einkaufsstrassen in Berlin. 145 befragte Ladenbesitzer schätzten in einer Umfrage des Potsdamer Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung, dass rund 20 Prozent ihrer Kunden mit dem Auto unterwegs sind. Tatsächlich sind es aber lediglich 6,6 Prozent, wie eine Befragung von über 2'000 Kunden ergab. Über die Hälfte der Kundinnen kommt zu Fuss, weitere 26 Prozent waren im Berliner Beispiel mit dem ÖV unterwegs.

Passantinnen in der Zuger Bahnhofstrasse. In Berlin kommen über die Hälfte der Kunden zu Fuss zu einem Geschäft. (Bild: Andreas Busslinger)

Ein umgekehrtes Bild präsentiert sich, wenn man untersucht, wie die Detailhändlerinnen selbst unterwegs sind. 42 Prozent der Befragten fahren mit dem Auto zur Arbeit, nur sieben Prozent hingegen mit dem Velo. Das wirft die Frage auf, ob die Detailhändler den Anteil der Kunden mit Auto darum überschätzen, weil sie selbst sehr häufig mit dem Auto unterwegs sind. Zu dieser Hypothese macht die Studie keine Aussage.

Und auch die Stadt Zürich hat Daten zur Erreichbarkeit ihrer Geschäfte. So zeigt eine Studie, dass drei Viertel der Umsätze in der Innenstadt mit dem Fuss-, Velo- und öffentlichen Verkehr verknüpft sind und nur knapp 20 Prozent mit dem Auto.

Werden Parkplätze aufgehoben, kommt's zur Verdrängung

Fasst man diese verschiedenen Erkenntnisse zusammen, zeigt sich eigentlich ein klares Bild. In Innenstädten spielt das Auto für den Detailhandel nur eine untergeordnete Rolle. Doch Oliver Bachmann weist darauf hin, dass das auch von der Art des Geschäfts abhängt. «Wenn man aus einer normalen Strasse eine Flaniermeile macht, dann ist das für manche Geschäfte sehr attraktiv, insbesondere auch für die Gastronomie.» Das führe aber gleichzeitig zu einer Verdrängung von bestehenden Geschäften, die nicht auf die Parkplätze verzichten wollten.

«Diese Resultate stützen uns in unserem Handeln, die Anzahl der Parkplätze in der Innenstadt zu reduzieren.»

Stadt Zürich

Bachmann erwähnt das Beispiel der Innenstadt Aarau, das er als Vorstandsmitglied der IG Aargauer Altstädte gut kennt. Vor rund 20 Jahren hat man Autos zu grossen Teilen aus der Innenstadt verbannt. «Man hat dann neue Begegnungszonen geschaffen und die Altstadt wurde sehr attraktiv für Restaurants», erzählt Bachmann. «Gleichzeitig haben andere Geschäfte die Altstadt verlassen, weil sie weiterhin Parkiermöglichkeiten brauchten.»

Aus dieser Erfahrung mit der Aufhebung von Parkplätzen fasst Oliver Bachmann zusammen: «Die Befürchtungen des Detailhandels sind teilweise berechtigt. Aber aufgehobene Parkplätze bieten auch viele neue Chancen für Geschäfte.»

Zürich fühlt sich in seiner Parkplatz-Politik bestärkt

Welche Konsequenzen haben diese Erkenntnisse für die Stadt Zürich? Dort heisst es: «Diese Resultate stützen uns in unserem Handeln, die Anzahl der Parkplätze in der Innenstadt zu reduzieren, um mehr Platz für Fussgängerflächen, Veloinfrastruktur und Bäume zu schaffen und die Aufenthaltsqualität zu erhöhen.» Sinnbildlich dafür steht, dass die Stadt Zürich den historischen Parkplatzkompromiss aufgehoben hat. Dieser besagte, dass wegfallende oberirdische Parkplätze in gleicher Zahl in Parkhäusern kompensiert werden müssen.

In Zug besteht der gleiche Parkplatz-Kompromiss bis heute. Wer von den durch die Initiative geretteten 42 Parkplätzen in der Innenstadt wirklich profitiert, ist auf Basis oben genannter Erkenntnisse unklar.

Verwendete Quellen
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.