Für Autofahrer wird es teuer

Krienser Firma drängt ihre Mitarbeiter zum Velofahren

Melanie und Michael Herzog (rechts und Mitte) von der Inhaber-Familie übergeben Othmar Fankhauser (links) sein neues E-Bike. Obwohl er in Luzern wohnt, kam er bis anhin immer mit dem Auto zur Arbeit. (Bild: ewi)

Ein grösseres Unternehmen aus Kriens hat ein neues Mobilitätskonzept. Mitarbeiter, die mit dem Velo oder Bus zur Arbeit fahren, erhalten Gutscheine – Autofahrerinnen hingegen werden zur Kasse gebeten.

Es ist nebst dem Freizeitverkehr der zweite wichtige Grund unserer Mobilität: das Pendeln. Wenn nicht gerade Home-Office-Pflicht herrscht, fahren fast alle von uns am Morgen zur Arbeit und am Abend wieder zurück nach Hause.

80 Prozent der arbeitenden Schweizer Bevölkerung pendeln, wie das Bundesamt für Statistik erhoben hat. Das sind rund 3,5 Millionen Menschen. Im Durchschnitt pendeln Herr und Frau Schweizer knapp 30 Kilometer am Tag, wofür sie rund eine Stunde Zeit benötigen.

80 Parkplätze für 100 Mitarbeiterinnen

Doch viele der zurückgelegten Strecken sind kürzer. Obwohl eigentlich in Velodistanz, legt im Kanton Luzern eine grosse Mehrheit den Arbeitsweg mit dem Auto zurück. 2019 fuhren gemäss Lustat 62 Prozent mit dem Auto zur Arbeit. 32 Prozent nehmen den öffentlichen Verkehr (ÖV). Und lediglich sechs Prozent der Menschen, die in den Kanton Luzern zur Arbeit fahren, sind mit dem Velo unterwegs.

Die Angestellten des Krienser Holzbauunternehmens Herzog Elmiger bildeten da bis anhin keine Ausnahme. Rund 100 Mitarbeiter beschäftigt die Firma an der Langsägestrasse an der Stadtgrenze zu Luzern. Und stellte für sie stolze 80 kostenlose Firmenparkplätze zur Verfügung. Damit ist nun Schluss.

Ein geübter Velofahrer ist Othmar Fankhauser (Mitte) noch nicht. Nun wird er täglich mit dem E-Bike statt mit dem Auto zur Arbeit fahren.

Seit Montag hat Herzog Elmiger nämlich ein Mobilitätskonzept. Dieses hat sie in Zusammenarbeit mit der Albert-Koechlin-Stiftung (AKS) und dem Mobilitätsbüro Trafiko aus Horw entwickelt. Das Konzept schafft ein Anreiz-System, damit die Mitarbeiterinnen künftig zu Fuss, mit dem Velo oder dem Bus zur Arbeit kommen, statt ins eigene Auto sitzen.

Autofahrer werden zur Kasse gebeten

Wie soll das gelingen? In den vergangenen Wochen hat die Firma ihre Mitarbeiter befragt, wie sie fürs nächste Jahr zur Arbeit kommen wollen. Daraufhin mussten sich die 100 Mitarbeiter für ein Mobilitätsabo entscheiden. Wer weiterhin mit dem Auto zur Arbeit kommen will, erhält einen fix zugewiesenen Parkplatz – beteiligt sich aber an den Kosten dafür. Ein Parkplatz für ein Jahr kostet 600 Franken. Wer besonders früh mit der Arbeit beginnen muss, wenn noch gar keine Busse fahren, zahlt mit 300 Franken die Hälfte.

Wer hingegen mit Velo oder Bus zur Arbeit fährt, verliert das Anrecht auf einen Autoparkplatz – dafür winkt eine saftige Belohnung. Das Unternehmen verschenkt Gutscheine im Wert von 500 Franken, welche die Mitarbeiter entweder für das ÖV-Abo oder für ein Sportgeschäft verwenden können.

«Ich finde es super. Mit dem Gutschein kann ich einen grossen Teil meines ÖV-Abos zahlen.»

Abrahan Blättler, Mitarbeiter bei Herzog Elmiger

Die Albert-Koechlin-Stiftung übernimmt im Rahmen ihres Projekts «Clever unterwegs» während dreier Jahre die Mehrkosten der Mobilitätsabos (zentralplus berichtete). Zumindest wenn die Ausgaben für die Gutscheine die Einnahmen der Parkplätze übersteigen. Im Gegenzug verpflichtet sich Herzog Elmiger, das Projekt für weitere drei Jahre fortzuführen.

Mit dem E-Bike auf 60 Kilometer langen Arbeitsweg

Für ein drittes Abo-Modell hat sich Tobias Henseler entschieden. Er erhält von seinem Arbeitgeber für ein Jahr lang ein neues E-Bike. Dafür hat er sich verpflichtet, von Geuensee mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. So absolviert er täglich rund 60 Kilometer auf zwei Rädern. Einer seiner Kollegen radelt ab Dienstag mit dem E-Bike von Kerns im Kanton Obwalden nach Kriens und zurück.

«Ich bin bis anhin immer mit dem Auto gekommen», erzählt Henseler. «Doch als ich von diesem Angebot hörte, wollte ich nicht lange darüber nachdenken und es einfach ausprobieren.» Ob er die beachtliche Distanz unterschätzt habe, werde sich jetzt zeigen. Er sei aber dennoch überzeugt von seiner Entscheidung und ergänzt schmunzelnd: «Es ist gut für die Gesundheit und fürs Klima. Jetzt hoffe ich einfach auf gutes Wetter.»

Neben ihm steht Abrahan Blättler. Er kommt immer mit dem Bus zur Arbeit und ist begeistert vom Konzept: «Ich finde es super. Mit dem Gutschein kann ich einen grossen Teil meines Passepartout-Abos zahlen.» Dieses kostet für die Zone 10, welche die Stadt und die Agglomeration abdeckt, 790 Franken.

Kritik von Autofahrern

Und wie finden Autofahrer das neue Konzept, die nun von einem auf den anderen Tag zur Kasse gebeten werden? «Klar gab es negative Rückmeldungen, das war auch zu erwarten», räumt Marketing-Leiter Roman Odermatt ein. Eine Mehrheit der Mitarbeiterinnen habe das Konzept aber positiv zur Kenntnis genommen.

«Wenn in der Schweiz 15 bis 20 Prozent weniger Menschen mit dem Auto zur Arbeit fahren, haben wir eine Vielzahl unserer Verkehrsprobleme gelöst.»

Andreas Merz, Projektleiter «Clever unterwegs» Albert-Koechlin-Stiftung

«Bisher haben wir das Autofahren gegenüber anderen Verkehrsmitteln wegen der Gratis-Parkplätze indirekt subventioniert», fährt Odermatt fort. «Jetzt haben wir alle Mitarbeiterinnen vor die Grundsatzfrage gestellt, ob sie für ihren Arbeitsweg auf das Auto angewiesen sind oder dieses nur aus Bequemlichkeit und Gewohnheit nehmen.»

Viele verzichten aufs Auto

Bei Herzog Elmiger scheint Letzteres auf viele zuzutreffen, wie die Zahlen zeigen. Von den ursprünglich 80 Parkplätzen wurden mit dem neuen Mobilitätskonzept nur noch 59 an Mitarbeiter verteilt. Rund 20 Personen, die bis anhin mit dem Auto zur Arbeit fuhren, haben sich jetzt also entschieden, für ein Jahr den Bus oder das Velo zu nehmen. «Einige Mitarbeiter überlegen sich nun sogar, ihr Auto zu verkaufen», ergänzt Odermatt.

Das klingt zwar fürs Erste nicht nach besonders viel. Andreas Merz von der AKS weist aber auf die Skalierbarkeit des Projekts hin: «Wenn in der ganzen Schweiz 15 bis 20 Prozent weniger Menschen mit dem Auto zur Arbeit fahren, haben wir eine Vielzahl unserer Verkehrsprobleme gelöst.»

Die Stiftung sucht darum weitere Zentralschweizer Unternehmen aus der Privatwirtschaft, die beim Projekt mitmachen wollen. Es hätten bereits Gespräche mit weiteren interessierten Firmen stattgefunden, verrät Merz.

Verwendete Quellen
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