Verkehr & Mobilität
Fahrer kennen die Regeln nicht

Immer mehr Unfälle mit E-Trottis: Zuger Polizei wird aktiv

In der Schweiz ereignen sich immer mehr Unfälle mit E-Scootern. Auch in Zug weiss man um das Problem. (Bild: Michel Grolet / Unsplash)

Das Phänomen E-Scooter breitet sich in Zug aus. Nicht alle Fahrer nehmen es mit den Verkehrsregeln so genau. Die Zuger Polizei geht jetzt in die Offensive.

«Trendfahrzeug», so lautet der etwas sperrige, offizielle Begriff für das Gefährt, das umgangssprachlich E-Scooter oder E-Trottinett genannt wird. Wie der Name erraten lässt, liegen diese Fahrzeuge im Trend. Jene, die damit unkompliziert und schnell von A nach B gelangen wollen, mag das freuen. Doch in der Stadt Zug sind die schnellen Zweiräder alles andere als rundum beliebt (zentralplus berichtete).

Nicht ohne Grund. Denn die Fahrt mit einem E-Scooter ist durchaus gefährlich – und kann im schlimmsten Fall im Spital enden. Wie beim 56-jährigen E-Scooter-Fahrer, der im Juni 2021 in alkoholisiertem Zustand einen Selbstunfall in Baar verursachte. Oder bei jenem 38-jährigen Baarer, der 2019 ebenfalls in betrunkenem Zustand stürzte und sich schwer verletzte (zentralplus berichtete).

Oder es wird für andere Verkehrsteilnehmer gefährlich wie am vergangenen Freitag in Baar. Ein E-Scooter-Fahrer rempelte auf dem Trottoir eine 42-jährige Frau um und fuhr, ohne seine Angaben zu hinterlassen, weiter. Die Frau verletzte sich beim Sturz leicht (zentralplus berichtete).

«Die Leute auf den E-Scootern fahren, wie sie wollen. Es scheint so, als wären für sie die Verkehrsregeln aufgehoben.»

Daniel Stadlin, Kantonsrat GLP

Jetzt wird die Polizei aktiv

Der erneute Unfall brachte für die Zuger Polizei das Fass zum Überlaufen. «Wir haben den Unfall vom vergangenen Freitag zum Anlass genommen, im Sinne der Prävention die Regeln rund um das E-Trottinett in Erinnerung zu rufen», sagt Polizei-Sprecherin Judith Aklin auf Anfrage. Denn die Polizei stellt fest: «Viele Nutzer sind sich oft nicht bewusst, was bezüglich der Ausrüstung des Fahrzeugs Pflicht ist und wie die gesetzlichen Bestimmungen sind.»

Deutlicher formuliert dies GLP-Kantonsrat Daniel Stadlin: «Die Leute auf den E-Scootern fahren, wie sie wollen. Es scheint so, als wären für sie die Verkehrsregeln aufgehoben.» 

Stadlin ist die zunehmende Zahl der E-Scooter auf Zuger Strassen schon seit längerer Zeit ein Dorn im Auge. Eine entsprechende Interpellation von ihm bezüglich Regulierung dieses Trends hat der Regierungsrat diesen Sommer beantwortet und dabei in erster Linie die Gemeinden in die Pflicht genommen. Sie seien dafür zuständig, für Ordnung im E-Scooter-Trend zu sorgen.

Leute kennen die Regeln für E-Scooter nicht

Wohl die Hauptursache des Problems: Viele sind sich der geltenden Verkehrsregeln für E-Scooter gar nicht erst bewusst. So begründet auch Daniel Stadlin: «Diese Leute fahren nicht aus bösem Wille falsch, sondern sie kennen die Regeln schlicht nicht.»

Er sieht darum die Gemeinden und die Polizei in der Verantwortung, diese Wissenslücke zu schliessen. «Man muss die Regeln noch stärker kommunizieren, zum Beispiel mit einer grossen Plakataktion wie jeweils beim Schulbeginn.»

«Es gibt immer wieder Unfälle, vereinzelt Kollisionen, aber auch Selbstunfälle.»

Judith Aklin, Sprecherin Zuger Polizei

Die TCS-Kampagne «Rad steht – Kind geht» kennt mittlerweile jedes Schulkind und jede Autofahrerin. Und für Velofahrer gibt es in der Primarschule einen obligatorischen Verkehrskundeunterricht, in dem den Kindern die grundlegenden Regeln beim Velofahren beigebracht werden.

Und bei E-Scootern: Per Handy das Trotti entsperren, aufsteigen und los geht die wilde Fahrt. Verkehrsregeln? Die gehen mit diesem schnellen System leicht unter.

Es gibt immer mehr Unfälle

Belegen lässt sich das nicht, denn spezifische Zahlen zu Bussen und Unfällen mit E-Scootern werden in Zug nicht erfasst. Dafür ist der Trend noch zu jung. Polizei-Sprecherin Judith Aklin führt aus: «Im Moment werden die Trendfahrzeuge noch nicht als Kategorie in der Verkehrsstatistik ausgewiesen. Es gibt aber immer wieder Unfälle, vereinzelt Kollisionen, aber auch Selbstunfälle.» Auch werde immer mal wieder zu zweit mit E-Trottinetts gefahren, was nicht erlaubt ist.

In der Schweiz lässt sich aber eine klare Zunahme von Unfällen mit E-Trottis feststellen. Das zeigen Zahlen der Suva. Die neusten Daten stammen aus dem Jahr 2020. Damals registrierte die Suva 1’500 und somit fast doppelt so viele Unfälle mit E-Scootern wie noch 2019 (800). Vor 2019 waren es jährlich nur rund 100 Unfälle. Zudem ist die Dunkelziffer sehr hoch, weil bei vielen Unfällen nicht zwischen elektrisch und nicht-elektrisch betriebenen Scooter unterschieden wird.

«Am Hafenbecken, wo ein Fahrverbot für Fahrräder besteht, haben wir eine geschwindigkeitsreduzierte Zone.»

Emre Argön, Managing-Direktor von Tier

Auch in Zug dürfte die Zahl der Unfälle also zunehmen. Die Zuger Polizei verstärkt darum ihre Präventionsmassnahmen. So hat sie diese Woche öffentlich auf die korrekte Fahrweise mit einem E-Scooter aufmerksam gemacht. Und im kommenden Jahr seien weitere Kampagnen zum Thema «Trendfahrzeuge» wie Elektro-Trottis, E-Bikes oder Hoverboards geplant, kündet Judith Aklin an.

Geofencing: Vielversprechend, aber ...

Daniel Stadlin, der sich ebenfalls mehr Prävention wünscht, wird das freuen. Gleichzeitig betont er, dass mehr Kommunikation alleine nicht reichen wird, um das Problem in den Griff zu kriegen. Es brauche strengere Regeln: «Die Gemeinden hätten die Möglichkeit, striktere Auflagen für die Benutzung der E-Scooter zu machen. Zum Beispiel, indem das Tempo vor Schulhäusern oder in Fussgängerzonen automatisch gedrosselt wird. Technisch ist das mittlerweile möglich.»

Stadlin spricht damit ein vielversprechendes Konzept, das sogenannte Geofencing, an. Die E-Scooter werden dabei so programmiert, dass sie in vordefinierten Zonen automatisch das Tempo drosseln oder ganz anhalten. Auch kann das Gerät so eingestellt werden, dass es an gewissen Orten nicht parkiert werden darf. Die Städte Paris und Frankfurt wenden dies bereits an.

Und auch in der Stadt Zug gibt es das: «Wir arbeiten seit dem Start in Zug mit Geofencing», sagt Emre Argön, Managing Direktor beim E-Scooter-Verleiher Tier auf Anfrage. «Am Hafenbecken, wo ein Fahrverbot für Fahrräder besteht, haben wir eine geschwindigkeitsreduzierte Zone in Kombination mit einem Abstellverbot.» Weitere Parkverbote gibt es beispielsweise an der Ägeri- oder der Stolzenbergstrasse.

Allerdings beschränkt sich Geofencing auf die E-Scooter der zwei Verleiher in Zug, Tier und Lime. Private Fahrzeuge können so nicht eingeschränkt werden. Und mit der wachsenden Popularität der elektrischen Flitzer werden immer mehr Zuger auf ein privates Modell setzen. Hier stösst Geofencing an seine Grenzen.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Daniel Stadlin
  • Schriftlicher Austausch mit Judith Aklin
  • Verhaltensempfehlungen der Zuger Polizei
  • Schriftlicher Austausch mit Emre Argön
  • Artikel zu Geofencing auf heise online
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