Nach Sanierung der Chamerstrasse

Hünenberg ärgert sich über verschwundenen Fussgängerstreifen

Alexia Renner vor der frisch sanierten Chamerstrasse. Wo einst ein Fussgängerstreifen war, können die Passanten nun überall die Strasse überqueren. (Bild: ewi)

Die Sanierung der Chamerstrasse im Hünenberger Zentrum ist seit kurzem abgeschlossen. Doch zum Ärger vieler Einwohner fehlt plötzlich ein wichtiger Fussgängerstreifen. Der Gemeinderat rechtfertigt sich.

Es ist nicht einfach, mit Alexia Renner diese Tage ein ungestörtes Gespräch im Hünenberger Zentrum zu führen. Denn die Juristin und Co-Präsidentin des Grünen Forums Hünenberg sammelt fleissig Unterschriften für eine von ihr lancierte Petition. Deren Zweck: Der Fussgängerstreifen auf der Chamerstrasse auf der Höhe des Gemeindehauses und der neuen Überbauung «Maihölzli» soll wieder markiert werden.

«Hast du schon unterschrieben?», fragt Renner zahlreiche Passantinnen, die an diesem Morgen am Gemeindehaus vorbei in Richtung Chamerstrasse gehen. In vielen Fällen erhält sie ein Ja als Antwort. Einer dieser Passanten meint dazu: «Es ist wirklich gefährlich. Die Gemeinde muss unbedingt etwas machen.»

Nebenbei holt Alexia Renner im Dorfladen weitere volle Unterschriftenbögen ab. Auch die Verkäuferin unterstützt ihr Anliegen. «Viele unserer Kunden haben sofort unterschrieben. Sie fühlen sich nicht sicher, wenn sie beim Einkaufen hier über die Strasse gehen.»

Innerhalb von drei Wochen hat Renner über 1000 Unterschriften gesammelt. «Das ist ein klares Zeichen, dass viele hier in Hünenberg diesen Fussgängerstreifen zurückwollen», ist Renner überzeugt.

Neue Strasse, neue Markierung

Grund für ihr Engagement ist die Sanierung der Chamerstrasse im Zentrum der Gemeinde (zentralplus berichtete). Diese wurde im Juni dieses Jahres abgeschlossen. Die beiden Bushaltestellen vor dem Gemeindehaus wurden behindertengerecht saniert, und neu handelt es sich bei der Strasse um eine Tempo-30-Strecke. In der Mitte der Strasse befindet sich ein langer, rund zwei Meter breiter Mittelstreifen.

Am 3. Juni wurden die sanierte Chamerstrasse und die Überbauung «Maihölzli» feierlich eingeweiht. Der neue Mittelstreifen ist gut erkennbar. (Bild: Andreas Busslinger)

Doch viele Hünenbergerinnen haben nicht schlecht gestaunt, als sie realisierten, dass die Arbeiten jetzt abgeschlossen sind. Denn der Fussgängerstreifen vor dem Gemeindehaus war plötzlich weg. «Zuerst habe ich wie viele andere auch gedacht, dass der dann wieder markiert wird», so Renner. Doch eine Anfrage beim Gemeinderat habe gezeigt, dass der Fussgängerstreifen definitiv Geschichte ist. Stattdessen darf die Strasse nun überall überquert werden – Fussgängerinnen haben dabei aber keinen Vortritt.

Gemeinderat verteidigt die Massnahme

Gegenüber zentralplus argumentiert der Gemeinderat: «Der Umgestaltung der Chamerstrasse mit Tempo-30-Strecke und Entfernung des Fussgängerstreifens hat die Stimmbevölkerung an der Gemeinde­versammlung vom 21. Juni 2021 zugestimmt.» Es handle sich somit um einen demokratisch legitimierten Entscheid (zentralplus berichtete). «Die neue Tempo-30-Strecke beruhigt den Verkehr im Dorfzentrum», schreibt der Gemeinderat weiter. Und der lange Mittelstreifen anstelle eines Fussgängerstreifens erlaubt es den Passanten, die Strasse überall zu überqueren. Dies sei ein Bedürfnis der Anwohnerinnen und Fussgänger, so die Gemeinde.

Vor der Sanierung führte auf der Höhe des Gemeindehauses (links) ein Fussgängerstreifen über die Chamerstrasse. (Bild: Google Maps)

Eine externe Wirkungskontrolle habe gezeigt, dass die angestrebte Verkehrssicherheit mit der neuen Strassengestaltung erreicht wird. «Die Beobachtungen vor Ort bestätigten zudem, dass Fussgänger keine langen Wartezeiten zum Queren der Strasse dulden müssen.» Der Gemeinderat bilanziert deshalb, dass ein Fussgängerstreifen dem Wunsch der Bevölkerung widerspricht, die Strasse überall überqueren zu dürfen. Denn das Gesetz schreibt vor, dass Fussgängerstreifen auch benutzt werden müssen, sofern sie denn weniger als 50 Meter vom gewünschten Querungsort entfernt sind.

Tempo 30 und Fussgängerstreifen: Geht das?

Für Alexia Renner ist die Massnahme hingegen unverständlich. «Die Vortrittsituation ist sowohl für Autofahrer als auch für Fussgängerinnen unklar.» Das Überqueren der Strasse via Mittelinsel sei verwirrend, im Gegensatz zu einem klar markierten Fussgängerstreifen. Insbesondere für Kinder, die auf ihrem Schulweg hier die Strasse überqueren, sei das gefährlich.

«Von Anfang an fehlte im Planungsprozess die Variante Tempo 30 bei Belassung des Fussgängerstreifens.»

Alexia Renner, Petitionärin

Auch das Argument des Gemeinderats, dass der Fussgängerstreifen wegen der neuen Tempo-30-Strecke entfernt wurde, lässt sie nicht durchgehen. Die Juristin verweist auf die Tempo-30-Verordnung des Bundes. Dort wird zwischen Tempo-30-Zonen und -Strecken unterschieden. Erstere finden vor allem auf Quartierstrassen Anwendung. Fussgängerstreifen werden dort grundsätzlich keine markiert. Tempo-30-Strecken hingegen gelten auf verkehrsorientierten Strassen, wie beispielsweise der Chamerstrasse in Hünenberg. Und dort attestiert auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) Fussgängerstreifen eine grosse Bedeutung, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.

Alexia Renner kommt darum zum Schluss: «Von Anfang an fehlte im Planungsprozess die Variante Tempo 30 bei Belassung des Fussgängerstreifens.» Man habe damals versehentlich gemeint, dass der Fussgängerstreifen zwingend wegmüsse, falls auf der Chamerstrasse Tempo 30 eingeführt wird.

Dem widerspricht der Gemeinderat und verweist auf die Genehmigung durch die Zuger Sicherheits­direktion und die Gemeindeversammlung. Renner hält entgegen: «Auch die Gemeindeversammlung mit 99 Ja-Stimmen damals fand unter dieser falschen Prämisse statt. Die anschliessende Genehmigung durch die Sicherheitsdirektion war lediglich eine oberflächliche, da die Planung der Strasse der Gemeinde überlassen worden war.»

Gemeinderat reagiert mit Merkblatt

Alexia Renner liess deshalb nichts unversucht und trug ihre Argumente gemeinsam mit den Präsidenten der SVP-, der FDP- und der Mitte-Ortspartei dem Gemeinderat vor. Passiert ist jedoch nichts. Also entschloss sie sich, die Petition zu lancieren – mit Erfolg, wie die vielen Unterschriften belegen.

Vor der Sommerpause will sie diese dem Gemeinderat übergeben. Dieser meint dazu: «Der Gemeinderat nimmt die Anliegen der Bevölkerung ernst und wird die Petition bei Einreichung prüfen, bearbeiten und beantworten.» Anfang Juli hat der Gemeinderat zudem ein Merkblatt auf der Gemeindewebsite veröffentlicht, in dem er Fragen zum Fussgängerstreifen und zur Verkehrssicherheit auf der Chamerstrasse beantwortet.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Alexia Renner
  • Schriftlicher Austausch mit dem Hünenberger Gemeinderat
  • Empfehlungen der BFU zu Tempo 30
  • Informationen der Gemeinde Hünenberg zur sanierten Chamerstrasse
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