Verkehr & Mobilität

Drei Argumente auf dem Prüfstand
Faktencheck: Hält Tempo 30 in Luzern, was es verspricht?

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Bringt Tempo 30 mehr Verkehrssicherheit? Ja, wie die Unfallzahlen in Luzern zeigen? (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Die -Welle rollt unablässig über den Kanton Luzern. Gegnerinnen der Temporeduktion zweifeln jedoch am Nutzen der Massnahme. zentralplus hat die drei gängigsten Argumente für Tempo 30 einem Faktencheck unterzogen.

Egal wo im Kanton Luzern, überall entstehen neue -Zonen. Ob in der Baselstrasse in der , der Münsterstrasse in Sursee oder der Zumhofstrasse in Kriens – die Tempo-30-Welle schwappt heftig über den Kanton (zentralplus berichtete).

Das gefällt längst nicht allen. Das haben die Proteste einiger Anwohner gegen die geplante Temporeduktion in der Zumhofstrasse gezeigt (zentralplus berichtete). Oder der Abstimmungskampf zur Testplanung in Kriens, der vor allem auf eine Streitfrage zu Tempo 30 auf der Luzernerstrasse reduziert wurde.

Die Befürworter von Tempo 30 argumentieren, dass die Temporeduktion mehr Verkehrssicherheit und weniger Lärmbelastung für die Anwohnerinnen bringt. Zudem mache Tempo 30 den Verkehr flüssiger, was dazu beiträgt, die CO₂-Emissionen der Autos zu verringern. Die Gegner wiederum zweifeln am Nutzen der Massnahme. Tempo 30 führe zu Stau und zu mehr Schleichverkehr in den Quartieren, so die Argumente.

Was stimmt nun? zentralplus hat die gängigsten Argumente unter die Lupe genommen und einem Faktencheck unterzogen.

Argument 1: Tempo 30 bringt mehr Verkehrssicherheit

Wer im Schulsport beim Völki nicht die Flinkste war, weiss aus eigener Erfahrung: Je härter man vom Ball getroffen wird, desto schmerzhafter ist der Treffer. Gleich verhält es sich im Strassenverkehr – wenn auch die Folgen eines Aufpralls hier tödlich sein können. Doch je geringer die Aufprallgeschwindigkeit, desto kleiner das Risiko eines schweren Unfalls. So zumindest die Theorie.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) rechnet vor, dass die Zahl der schweren Verkehrsunfälle mit Tempo-30-Zonen um rund ein Drittel verkleinert werden könnte (zentralplus berichtete).

In der Stadt Luzern bestätigt sich diese Annahme – zumindest bei den tödlichen Verkehrsunfällen. Gemäss dem kantonalen Statistikportal Lustat sind seit 2011 in der Stadt Luzern 15 tödliche Verkehrsunfälle passiert. 13 davon auf Strassen mit Tempo 50 oder höher. In zwei Fällen – auf der Hünenbergstrasse (2015) und auf der Werkstrasse im Littauerboden (2021) – ereignete sich ein tödlicher Unfall in einer Tempo-30-Zone.

Nun lässt sich relativieren, dass Tempo 50 vor allem auf viel befahrenen Strassen gilt – und dort, wo es mehr Verkehr hat, ist auch die Unfallwahrscheinlichkeit höher. Ein Luzerner Beispiel zeigt aber, dass Tempo 30 offensichtlich die Verkehrssicherheit erhöht. Auf der Moosstrasse ereigneten sich zwischen 2011 und 2013 gleich drei tödliche Unfälle. Bei allen drei Unfällen waren Fussgänger involviert.

Das provozierte eine politische Reaktion. Die GLP forderte mittels dringlichem Postulat eine Temporeduktion auf der Moosstrasse. Der Stadtrat leistete dem Auftrag Folge und führte im Herbst 2014 Tempo 30 ein. Seither hat sich hier kein tödlicher Unfall und kein Unfall mit Schwerverletzten mehr ereignet.

Argument 2: Tempo 30 bringt Ruhe

Nebst der erhöhten Verkehrssicherheit ist die Reduktion des Verkehrslärms das zweite Hauptargument der Tempo-30-Befürworter. Messungen aus dem Kanton Luzern zeigen diesen Zusammenhang deutlich auf.

Auf mehreren Luzerner Strassen brachte Tempo 30 eine deutliche Lärmreduktion mit sich. So sank der Lärmpegel auf der Kantonsstrasse in Horw mit der Temporeduktion um drei Dezibel. Auch auf der Spital-, der Moos- und der Würzenbachstrasse sank der mit Tempo 30 um zwei Dezibel.

Das mag zwar stimmen, räumen die Gegnerinnen von Tempo 30 ein. Allerdings führe die Temporeduktion zu mehr Stau und folglich zu mehr Schleichverkehr in den Quartieren – mit der Folge, dass dort die Lärmbelastung zunimmt.

Ein Faktenblatt der Schweizerischen Vereinigung der Verkehrsingenieure und -experten (SVI) zu Tempo 30 weist dieses Argument jedoch zurück: «Es ist kein dokumentierter Fall bekannt, bei dem aufgrund einer Reduktion von Tempo 50 auf Tempo 30 auf einer Hauptstrasse unerwünschter Ausweichverkehr in die Quartiere aufgetreten ist.»

Argument 3: Tempo 30 bringt flüssigen Verkehr

Hier führen die Befürworterinnen ins Feld, dass der Verkehr wegen der langsameren Fahrgeschwindigkeit übersichtlicher wird. Darum müssen die Autofahrer weniger oft halten und wieder beschleunigen. Das macht nicht nur den Verkehr flüssiger, sondern spart auch Treibstoff ein. Die Gegnerinnen wiederum behaupten genau das Gegenteil und sagen, dass die Schadstoffbelastung für die Anwohner wegen Tempo 30 erhöht wird.

Die SVI bestätigt dieses Argument, betont aber gleichzeitig, dass Tempo 30 nicht zwingend zu flüssigerem Verkehr führt. Die tatsächliche Reduktion der Emissionen wegen der Temporeduktion ist somit fallspezifisch. Ein fliessender Verkehr habe einen grösseren Einfluss auf die CO₂-Emissionen als eine reduzierte Geschwindigkeit.

Die Berner Gemeinde Köniz zeigt vor, dass Tempo 30 den Verkehr flüssiger macht. Auf der Kantonsstrasse fahren täglich rund 20’000 Autos mitten durchs Zentrum der Gemeinde. Das sind etwa so viele Autos wie auf der Baselstrasse in Luzern. 2004 hat Köniz sein Zentrum umgestaltet, seither gilt auf der Kantonsstrasse Tempo 30. Die Fussgängerstreifen wurden aufgehoben, dafür gibt es einen breiten Streifen für Fussgängerinnen in der Mitte der Strasse.

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) schreibt dazu: «Unter herkömmlicher Tempo-50-Signalisation mit Fussgängerstreifen kam es regelmässig zu massiven Staus. Seither hat sich der Verkehrsfluss sichtlich verbessert, und es kommt zu deutlich weniger Staus.» Köniz gilt darum als Vorzeigebeispiel für andere Gemeinden, die ihr Zentrum aufwerten wollen.

Verkehrsgeplagte Städte wie Kriens oder Zug träumen von einem Zentrum wie in Köniz. Dazu schreibt die SVI: «Es gibt keine Hinweise dafür, dass Tempo 30 auf Strecken mit höheren Verkehrsbelastungen als im Beispiel Köniz nicht möglich oder im Einzelfall nicht angebracht ist.» Wird eine Tempo-30-Zone gut umgesetzt, kann sie den Verkehr also tatsächlich flüssiger machen – egal ob auf einer kleinen Quartier- oder einer viel befahrenen Hauptstrasse.

Fazit

Tempo 30 macht den Verkehr in Luzern sicherer und leiser – und womöglich auch flüssiger. In Innenstädten wird Tempo 30 darum längerfristig zur neuen Normalität. Auch wenn dieser Paradigmenwechsel noch so manchen Streit über Sinn und Unsinn einer Temporeduktion auslösen wird.

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5 Kommentare
  1. Corry Gunz, 23.06.2022, 07:52 Uhr

    Leider kein Faktencheck, sondern eine einseitige Auflistung eines wohl voreingenommenen Journalisten. Natürlich ist ein tieferes Tempo leiser. Das wären Flüsterbeläge aber auch. Diese gehen aber einfach «vergessen».

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  2. Daniel Keller, 22.06.2022, 22:37 Uhr

    Einseitige Ideologien als Faktencheck zu verkaufen, das kann doch kaum objektiver Journalismus sein. Argumente gegen Langsam-Tempo 30 für den MIV inkl.,Busse auf Hauptstraßen
    werden erst gar keine genannt. Warum wohl?

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    1. Redaktion Elio Wildisen, 24.06.2022, 10:06 Uhr

      Danke für die kritische Rückmeldung. In Bezug auf den ÖV lassen sich bisher weder in Zug noch in Luzern negative Auswirkungen durch Tempo 30 feststellen: https://www.zentralplus.ch/verkehr-mobilitaet/verspaetung-so-wirkt-sich-tempo-30-auf-den-zuger-oev-aus-2322777/
      Im verlinkten Artikel wird auch auf die Stadt Zürich hingewiesen. Dort rechnen die Zürcher Verkehrsbetriebe mit massiven Folgekosten wegen Tempo 30. Dabei handelt es sich um hypothetische Berechnungen, ohne Einbezug möglicher Massnahmen zur Bevorzugung des ÖV.

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  3. mvonrotz, 22.06.2022, 11:25 Uhr

    Mit dem Wechsel auf E-Autos hätten wir es in der Hand gehabt auch beim Langsam Verkehr, sprich Tempo 30, den Lärm zu verringern. Mit der Vorschrift das E-Fahrzeuge bis Tempo 30 ein künstliches Geräusch von sich geben müssen um die Umgebung zu warnen wird dies ad absurdum geführt!

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  4. Trömpeterli, 22.06.2022, 06:55 Uhr

    Die Daten sprechen für sich selbst. Wer schneller fahren möchte darf ja problemlos auf die Autobahn.

    Man muss aber die Blitzkästen nicht vergessen, ansonsten halten sich die Rowdies nicht daran.

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