Autos als Stromspeicher

Eine Krienser Innovation will mehr als nur Autos laden

Roland Lötscher, CEO von Mobility (links), mit Markus Kramis aus Kriens vor einem E-Auto, das Strom abgeben kann. (Bild: kok)

Aus E-Autos Strom ziehen und dann ins Stromnetz einspeisen: Das erforscht das Carsharing-Unternehmen Mobility. Ohne eine Firma aus Kriens wäre das nicht möglich.

Hier kennt man sich: An den 50 Stehtischen im Foyer des Konferenzraums ist «Ach, du hier» der Satz der Stunde. Draussen, vor dem Verkehrshaus in Luzern, liegt der Schnee am Mittwochnachmittag hauchdünn auf der einzigen Ladestation. Drinnen sprechen viele Männer in Anzügen über Mobilität.

«Es ist kein Geheimnis: Wir haben einen Teilnehmerrekord», begrüsst der Luzerner Regierungspräsident Fabian Peter (FDP) die rund 350 Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Sie nehmen am siebten Mobilitätskongress des Kantons Luzern und der Hochschule Luzern teil.

Darunter: das Bundesamt für Energie, die Stromversorger CKW und Swissgrid, der grösste Schweizer Autohändler Amag, der Verkehrsverbund Luzern (VVL) und viele weitere. Stolz macht Fabian Peter, dass auch eine mittelständische Firma aus Kriens dabei ist.

Krienser KMU baut besondere Ladestationen

Es geht um die Evtec AG. Sie baut und entwickelt Schnellladestationen für E-Fahrzeuge. Die beschneite Ladestation vor dem Verkehrshaus stammt von ihr. Ebenso stellt Evtec Schnellladestationen für die Depotlader-Batteriebusse der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) her. Auch im Ausland laden E-Autos an Geräten aus Kriens.

Die Firmengeschichte beginnt im Dachstock der Eltern von Geschäftsführer Markus Kramis. Seither ging es für den Elektroingenieur und sein Unternehmen steil bergauf. Heute ist seine Firma mit 50 Mitarbeitern und 14 Jahren Firmengeschichte ein KMU mit Millionenumsatz. Im Verkehrshaus will Kramis seine Firma der Branche vorstellen.

Markus Kramis erklärt, wie Strom vom Auto durchs Haus ins Netz fliesse. (Bild: kok)

Auf der Bühne spricht der Ende 30-Jährige von einer besonderen Art Ladesäulen. Sie pumpen nicht nur Strom in E-Autos, sondern können umgekehrt auch Strom aus E-Autos ziehen. Die Evtec AG ist der einzige zugelassene Hersteller solcher «bidirektionalen» Ladestationen in der Schweiz. Eine ihrer Stationen steht vor der Hochschule Luzern.

Theoretisch gebe es drei Einsatzgebiete, erklärt Markus Kramis. Der Strom aus dem Auto kann direkt zum Laden von Geräten genutzt werden. Er kann in ein Gebäude geleitet werden. Oder über ein Gebäude ins Netz eingespeist werden. Warum? Das bringt der Geschäftsführer anschaulich auf den Punkt. «Wenn tagsüber die Sonne scheint, lädt das Auto. Nachts, wenn im Haus das Licht brennen soll, zieht man den Strom aus dem Auto.»

Mobility arbeitet mit Krienser Firma zusammen

Interesse an diesen Säulen hat auch die Carsharing-Firma Mobility. Sie nutzt aktuell die Säulen der Krienser Firma für das Pilotprojekt V2X. Seit September 2022 mache Mobility 50 Autos zu fahrenden «Powerbanks», erklärt Geschäftsführer Roland Lötscher auf der Bühne. Dafür musste Mobility besondere E-Autos von Honda kaufen, die sich entladen lassen. Noch bis Juni 2024 läuft der Test.

Die Idee: Mobility will herausfinden, wie sich ihre Autos als Stromspeicher nutzen lassen. Die in den Autobatterien gespeicherte Energie will die Firma an nationale oder regionale Stromanbieter verkaufen. Trotz technischer Herausforderungen stimmt der Pilottest den CEO optimistisch. «Wir haben noch nicht das notwendige Volumen, aber das Pilotprojekt hat das Potenzial gezeigt.»

Der Mobilitätskongress war gut besucht. (Bild: kok)

«Der Test hat gezeigt, dass es keine Beeinträchtigung des Betriebs gab», sagt Roland Lötscher. Sprich: Kein Mobility-Kunde öffnete ein nicht geladenes Auto. Stattdessen sei jetzt klar, dass ein Auto pro Jahr 400 Kilowattstunden (kWh) zurück ins Netz speisen kann. Das entspricht etwa dem Monatsverbrauch eines Einfamilienhauses.

Wenn Mobility seine gesamte Flotte mit 3000 Fahrzeugen «bidirektional» umstellen würde, stünde eine grössere Regelleistung zur Verfügung, als die des Pumpspeicherkraftwerks in Peccia (Tessin), berichtete das «Baublatt» vor Kurzem. Das gefällt auch dem Bund. Das Bundesamt für Energie hat sich finanziell am Pilotprojekt von Mobility beteiligt.

Ob sich die Vision rechnet, muss sich erst zeigen

Im Sommer verspricht der Mobility-Geschäftsführer einen offiziellen Schlussbericht zum Test. Darin enthalten sind Antworten zu Fragen der technischen Umsetzung, also wie sich der Autostrom ins Netz speisen lässt. Und auch zur Wirtschaftlichkeit. Also ob sich die neue Technik überhaupt rechnet.

Denn die «bidirektionale» Technologie ist teuer. Allein eine Station kostet zwischen 10’000 und 15’000 Franken. Zum Vergleich: Eine übliche Ladestation kostet keine 2000 Franken. Dazu kommen die Autos. Wie viel Mobility für den Pilottest insgesamt gezahlt hat, kann der CEO aus dem Stegreif nicht sagen. Nur so viel: Die 50 Testautos seien bereits wieder veraltet.

Verwendete Quellen
  • Teilnahme am Mobilitätskongress
  • Artikel im «Baublatt»
  • Artikel in der «Luzerner Zeitung»
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