Gegen verstopfte Strassen

Autos werden zum ÖV: Luzerner hegt kühne Verkehrsideen

Hermann Spiess sieht Autos als Teil der Lösung von Verkehrsproblemen. (Bild: ewi)

Um die Verkehrsprobleme in den Schweizer Innenstädten in den Griff zu kriegen, wird allerhand versucht. Dabei sei die Lösung ganz einfach, findet der Luzerner Hermann Spiess. Die Autos müssten bloss Teil des öffentlichen Verkehrs werden.

Dieser Artikel beginnt mit einem Zahlenspiel. In der Schweiz waren 2022 rund 4,7 Millionen Autos immatrikuliert. Knapp neun Millionen Menschen leben in der Schweiz. Somit hätte die gesamte Bevölkerung der Schweiz auf den beiden Vordersitzen aller Schweizer Autos Platz. Die drei hinteren Sitzplätze aller Autos würden demnach immer noch genügend Platz bieten, um sämtliche Belgier, das sind rund zwölf Millionen Menschen, zu transportieren.

Es sind solche Gedankenspiele, die Hermann Spiess antreiben. Der gebürtige Ostschweizer wohnt mittlerweile in Zell im Kanton Luzern. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich privat leidenschaftlich mit Verkehrsfragen. Und wenn er auf unsere Strassen blickt, sieht er vor allem eines: unzählige Mitfahrmöglichkeiten in Form freier Sitze in den Autos. Das hat den gelernten Agronomen dazu veranlasst, ein mögliches Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen.

«Damit hätte man ein besseres Angebot mit viel mehr Haltestellen sowie Start- und Endpunkten einer Reise.»

Hermann Spiess

Die simple Idee dahinter: All die freien Sitzplätze in den Autos werden in den ÖV-Fahrplan integriert. Die Autos werden so ein neuer Teil des öffentlichen Verkehrs.

Niemand nutzt Taxito

Funktionieren soll das mittels einer App, in der Autofahrerinnen ihre Reise registrieren können. Potenzielle Mitfahrer können dann einen Sitzplatz für einen Teil dieser Strecke reservieren. Über ein optisches oder akustisches Signal via Handy erkennen sich Fahrerin und Passagier – und schon ist eine neue Mitfahrgelegenheit geschaffen. Spiess ist überzeugt: «Damit hätte man ein besseres Angebot mit viel mehr Haltestellen sowie Start- und Endpunkten einer Reise», sagt er im Gespräch mit zentralplus.

Aus seiner Sicht würde dieses neue Verkehrssystem die Schwachstellen bisheriger Mitfahrsysteme sowie des ÖV und auch des Autoverkehrs vermindern. Das regelmässige Problem bei Mitfahrgelegenheiten: Autofahrer wollen weder auf Passagiere warten noch für diese Umwege fahren. «Das wäre bei meiner Idee gar nicht nötig. Sie müssten, wenn sie mit etwas Glück auch einen Passagier entlang ihrer Fahrstrecke hätten, einzig zweimal zusätzlich anhalten, um diesen ein- und wieder aussteigen zu lassen. Daran stört sich kein Autofahrer.»

Die Taxito-Haltestelle in Luthern (Bild: Rob Lewis/zvg)

Als einer, der in Zell wohnt, muss es Spiess wissen. Hier gibt es seit einigen Jahren das Mitfahrsystem Taxito, das im Grundsatz eine sehr ähnliche Idee verfolgt wie das Konzept von Spiess: Autos sollen besser ausgelastet werden und so den ÖV in den Randregionen ergänzen (zentralplus berichtete). «Aber ich kenne noch niemanden, der das schon mal benutzt hätte», sagt Spiess. «Taxito hatte zwar gemäss einer Studie der Uni Luzern in den vergangenen Jahren ca. zwei Personen pro Tag befördert. Aber Taxito ist höchstens eine Ergänzung für ÖV-Fahrer, die zwischen den Fahrzeiten des Postautos unterwegs sind. Aber niemand lässt sein Auto wegen Taxito zu Hause stehen.»

SBB und Postauto sollen mitmachen

Doch unsere Strassen lassen sich zu den Stosszeiten nur vom Stau befreien, wenn weniger Autos unterwegs sind. Womit Spiess zum nächsten Problem heutiger Mitfahrsysteme gelangt. Sie funktionieren nur, wenn sie eine kritische Masse erreichen. Sonst sitzt man anstatt als ÖV-Passagier einfach als Beifahrer eines Autos im Stau. Doch würde das System im grossen Stil funktionieren, wären deutlich weniger Autos auf den Strassen unterwegs – und so hätte auch der ÖV freie Fahrt.

«Es fährt im besten Fall einmal pro halbe Stunde ein Bus übers Renggloch. Hingegen fährt wohl alle zwei Minuten ein Auto mit freien Plätzen von Kriens nach Littau oder Malters.»

Hermann Spiess

Darum sieht Spiess die SBB oder Postauto AG in der Verantwortung, solche neuen Projekte zu lancieren. «Diese zwei Unternehmen haben sowohl einen öffentlichen Auftrag als auch die nötige Reichweite, um ein neues Verkehrssystem aufzugleisen.» Und beide Firmen haben die Kundinnen, die ein neues System ausprobieren würden. «Erst wenn Autofahrer realisieren, dass ein solches System funktioniert, werden sie auch umsteigen.»

Alle zehn Sekunden von Kriens nach Littau

Spiess bezeichnet sich als «Verkehrslogiker». Er hat seine Ideen auch schon dem Bund und weiteren Verkehrsorganisationen und -unternehmen vorgeschlagen. Doch die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Spiess vermutet, dass die Verkehrsunternehmen kein Interesse daran hätten, das heutige System zu ändern, weil sie dann neue Dienstleistungen erbringen müssten, die in Konkurrenz zum herkömmlichen ÖV stünden. Dabei betont Spiess, dass es den ÖV sowieso weiterhin brauchen werde. «Doch er wäre günstiger, weil die Infrastruktur nicht weiter ausgebaut werden muss und das Angebot durch den Tag verkleinert werden kann.»

Ein solches Mitfahrsystem sei darum zeitlich als auch finanziell effizienter, als den ÖV noch mehr auszubauen. Spiess nimmt als Beispiel die Luzerner Agglomeration. Von Kriens gibt es nach Littau keine direkte Busverbindung, obwohl die beiden Gemeinden geografisch nicht weit voneinander entfernt sind. Eine neue Linie ist zwar in Planung. «Aber diese fährt im besten Fall einmal pro halbe Stunde. Hingegen fährt wohl alle zwei Minuten ein Auto mit freien Plätzen von Kriens übers Renggloch nach Littau oder Malters.» Dieses Potenzial müsse man ausschöpfen.

Frankreich will drei Millionen Fahrgemeinschaften

Die Schweiz soll sich darum ein Vorbild an Frankreich nehmen. Denn dort fördert der Staat Mitfahrsysteme aktiv, indem sowohl die Personen Geld erhalten, die Mitfahrgelegenheiten anbieten, als auch jene, die diese regelmässig nutzen. Drei Millionen Fahrgemeinschaften pro Monat sollen so bis 2027 in Frankreich entstehen. Schon heute sind es rund 900'000 geteilte Fahrten pro Monat.

Hermann Spiess bleibt zuversichtlich, dass auch die Schweiz die Zeichen der Zeit erkannt hat. Er verweist auf eine Rede der damaligen Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga im Jahr 2019. Sie schlug damals vor: «Wir können aus der Not eine Tugend machen, indem wir die Vorteile der einzelnen Verkehrsträger besser kombinieren: die Flexibilität von Auto, Roller und Velo mit der unschlagbaren Effizienz des öffentlichen Verkehrs.»

Spiess bedauert, dass diese «bemerkenswerte Rede» in der Öffentlichkeit keine Beachtung finde. Dennoch treibt er seine Verkehrsrevolution unbeirrt fort. Demnächst wird er ein weiteres Mal bei der Postauto AG vorstellig. Vielleicht stösst er ja dieses Mal auf offene Ohren.

Verwendete Quellen
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