Verkehr & Mobilität
Drei Jahre nach Pilotprojekt in Zug

Autonome Mobilität: Auf die Euphorie folgt die Ernüchterung

Martin Neubauer will die autonome Mobilität mit Pilotprojekten vorantreiben, wie hier in Zug mit dem Projekt «MyShuttle». (Bild: SBB / SAAM)

Die Euphorie war gross, als der schweizweit erste autonome Shuttlebus durch Zug tuckerte. Seither hat sich eine gewisse Ernüchterung breitgemacht. Die Zurückhaltung ist gut begründet.

Sie gilt schon lange als die nächste technologische Revolution: Autonome Mobilität. In Zug wurde diesbezüglich bereits Pionierarbeit geleistet. So tuckerte ein Jahr lang ein autonomer Bus (das heisst vollautomatisch gesteuert, ohne Chauffeur) als Pilotprojekt durch die Stadt (zentralplus berichtete). Doch angesichts vieler Ungewissheiten wich die Euphorie einer gewissen Ernüchterung (zentralplus berichtete).

Bald drei Jahre ist es her, seit in der Stadt Zug mit «MyShuttle» eines der ersten Schweizer Pilotprojekte im Bereich der autonomen Mobilität durchgeführt wurde. «Das war damals europaweit eines der komplexesten Set-ups», sagt Martin Küchler, Leiter Entwicklung bei den Zugerland Verkehrsbetrieben (ZVB). «Wir waren auf einer öffentlichen Strasse mit bis zu 50 Stundenkilometer schnellem Misch- und Individualverkehr unterwegs.»

Doch das Projekt, das zusammen mit der SBB, Mobility, der Stadt Zug und dem Technologiecluster Zug durchgeführt wurde, war lehrreich. Zu den Haupterkenntnissen gehörte, dass die getestete Technologie damals noch lange nicht alltagstauglich war.

Projekt in Zug war lehrreich

«Einerseits brauchen wir deutlich höhere Fahrgeschwindigkeiten», erklärt Küchler. Der Shuttlebus fuhr damals mit rund 16 Stundenkilometern auf einer vordefinierten Strecke. Andererseits hätten selbst-lernende Algorithmen gefehlt, mit denen der Shuttle dieselben wiederkehrenden Hindernisse nicht jedes Mal wieder von neuem «kennenlernen» müsste.

«Die Technologie ist vor allem dort interessant, wo noch kein öffentlicher Verkehr eingesetzt wird.»

Martin Neubauer, Direktor Swiss Association for Autonomous Mobility

Zu den technischen Aspekten kommt der rechtliche Rahmen dazu, damit autonome Fahrzeuge auf Schweizer Strassen auch ohne Sicherheitspersonal im Fahrzeug unterwegs sein dürfen. Diese Voraussetzung besteht heute noch nicht.

Seit dem «MyShuttle»-Projekt habe sich die Technologie weiterentwickelt, sagt Martin Neubauer. Er ist verantwortlich für die Entwicklung bei «Postauto» und Direktor bei der 2020 gegründeten «Swiss Association for Autonomous Mobility» (SAAM). Der Verband will die Entwicklung autonomer Fahrzeuge vorantreiben. «Die Technologie ist vor allem dort interessant, wo noch kein öffentlicher Verkehr (ÖV) eingesetzt wird», sagt Neubauer.

Automatisierte Fahrzeuge würden auch Personen ohne Fahrausweis offenstehen, «womit sich die Mobilitätsmöglichkeiten für die ganz jungen und die alten Bevölkerungsgruppen und Personen mit körperlicher Einschränkung deutlich ändern», erklärt Neubauer. So soll zum Beispiel über eine App ein selbstfahrendes Taxi bestellt werden können, das die Personen von Tür zu Tür bringt – oder von Tür zu ÖV-Haltestelle und umgekehrt.

SBB und ZVB planen keine neuen Projekte

Doch nicht alle sprechen gleich euphorisch von der autonomen Mobilität wie Neubauer. Beispielsweise die SBB. Sie ist auch Mitglied bei SAAM und stand beim Zuger Pilotprojekt an vorderster Front.

Ihr Mediensprecher Martin Meier sagt zwar, dass «selbstfahrende Shuttles eine sinnvolle Ergänzung zum bestehenden ÖV-Netz sein» könnten. Dennoch seien bei der SBB derzeit keine weiteren Pilotprojekte geplant. Aus technologischer und rechtlicher Sicht würden sich selbstfahrende oder ferngesteuerte Züge anbieten. Aber laut Meier seien führerlose Züge bei der SBB, «wenn überhaupt technisch jemals machbar, aktuell kein Ziel».

Für die autonome Mobilität gibt es verschiedene Automatisierungsgrade. Das Projekt «MyShuttle» entsprach der Stufe 2. Heute forscht man an Fahrzeugen der Stufe 3. (Bild: zvg)

Und auch Martin Küchler von den ZVB erklärt, dass die ZVB im Raum Zug in der nächsten Zeit kein weiteres Projekt mit autonomen Fahrzeugen plant.

Auch Luzern ist skeptisch

Ähnlich klingt es auch in Luzern. Im Luzerner Kantonsrat wurde kürzlich diskutiert, ob und wie die Region als Entwicklungs-Pionier für das Thema funktionieren könnte. In ihrer Antwort auf die Anfrage von Markus Bucher schrieb die Regierung, dass eine Förderung, insbesondere unter dem Aspekt der Verkehrssicherheit, nicht ausgeschlossen wird und man für die Entwicklung offen sei.

Dennoch seien diesbezüglich in Luzern keine Aktivitäten geplant. Der Kanton verweist auch auf diverse Ungewissheiten und die Tücken der Technologie. Beispielsweise rechnet der Kanton damit, dass es mit der Förderung der autonomen Mobilität auch zu Mehrverkehr auf den Strassen kommen wird.

«Ein weiterer Ausbau von Strassenkapazitäten sollte zwingend vermieden werden», sagt Martin Neubauer von der SAAM. Für ihn bräuchte es «regulatorische Massnahmen, um beispielsweise Fahrgemeinschaften attraktiver zu machen».

«Die Stadt Zug ist offen für weitere Pilotprojekte in diesem Bereich, wenn interessierte Projektpartner auf uns zukommen.»

Dieter Müller, Sprecher Stadt Zug

Ein weiteres Problem ist die Einführung der Fahrzeuge in den normalen Verkehr. Denn wenn mehrere Fahrzeuge mit unterschiedlichem Automatisierungsgrad aufeinandertreffen, wird es herausfordernd. Darum sagt Martin Neubauer: «Es würde Sinn machen, diesen Fahrzeugen eine eigene Spur zu geben, um die Einführung zu vereinfachen». Doch das wiederum würde zum befürchteten Ausbau der Strassenkapazitäten führen. Die Zielsetzung müsse darum sein, «dass diese Systeme sich im regulären Verkehr problemlos zurechtfinden». Diesen Punkt hat man aber noch lange nicht erreicht, wie der Versuch in Zug gezeigt hat.

Stadt Zug will Pionierin sein

Anders als die ZVB, die SBB oder der Kanton Luzern, hält die Stadt Zug an der autonomen Mobilität fest. Sie ist nach dem «MyShuttle»-Projekt weiterhin daran interessiert, eine Pionierrolle bei der autonomen Mobilität einzunehmen.

Gemäss Mediensprecher Dieter Müller sei die Stadt «offen für weitere Pilotprojekte in diesem Bereich, wenn interessierte Projektpartner auf uns zukommen». Erst wenn sich solche Projekte konkretisieren sollten, könne abgeschätzt werden, «ob es allenfalls Anpassungen beim Stadtbild, der Strassengestaltung und deren Nutzungsbestimmungen brauche, die innerhalb des gesetzlichen Rahmens umgesetzt werden könnten».

Mit dieser Haltung steht die Stadt Zug ziemlich isoliert da. Statt der Technologie-Revolution gibt es einen schleichenden Prozess bei der Entwicklung der Mobilität. Und statt wie ursprünglich gedacht bis 2025 wird es noch einiges länger dauern, bis autonom fahrende Automobile durch Zuger und Luzerner Orte kurven.

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